Siri Hustvedts eindrucksvollster Roman. (Frankfurter Rundschau)
Zwei befreundete Künstlerfamilien im New Yorker Stadtteil Soho. Siri Hustvedt erzählt vom Aufbrechen und Ankommen, von Idealen und Lebensentwürfen, von Eltern und Kindern und davon, wie ein tragischer Unfall ein sorgsam geplantes Glück jäh zerstört.
Was ich liebte von Siri Hustvedt
LESEPROBE
Am folgenden Sonntag tauchte Mark in
der Wohnung seiner Mutter auf. Bill und Violet sagten, er habe darauf beharrt,
das Haus vorher nie verlassen zu haben. Die Geschichte mit Rafael deklarierte
er zu "totalem Mist". Er erklärte, er sei abgehauen, um ein paar
Freunde zu treffen, weil er sich "gelangweilt" habe. Eine Woche
später war er wieder in der
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Autoren-Porträt von
Siri Hustvedt
Siri Hustvedt wurde am 19.02.1955 in Northfield, Minnesota, als älteste von vier Töchtern eines
norwegisch-amerikanischen Professors für Skandinavistik und einer norwegischen
Einwanderin geboren. Nach dem Besuch des St. Olaf College in Northfield, das sie 1977 mit B.A. in Geschichte abschloss,
arbeitete sie zunächst als Kellnerin. 1978 ging sie zum Studium nach New York.
1979 erwarb sie an der
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Columbia University den M.A. in Anglistik. 1986 wurde
sie mit einer Arbeit über Charles Dickens («Figures
of Dust. A Reading of 'Our mutual friend'»)
zum PhD promoviert. Im Februar 1981 lernte sie den
Schriftsteller Paul Auster kennen, den sie 1983 heiratete und mit dem sie einen
Stiefsohn und eine Tochter hat. Heute arbeitet Siri Hustvedt
als Schriftstellerin, Essayistin und Übersetzerin aus dem Norwegischen.
Kurzansicht
Was ich liebte von Siri Hustvedt
LESEPROBE
Am folgenden Sonntag tauchte Mark in
der Wohnung seiner Mutter auf. Bill und Violet sagten, er habe darauf beharrt,
das Haus vorher nie verlassen zu haben. Die Geschichte mit Rafael deklarierte
er zu "totalem Mist". Er erklärte, er sei abgehauen, um ein paar
Freunde zu treffen, weil er sich "gelangweilt" habe. Eine Woche
später war er wieder in der
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Wohnung seiner Mutter und ging zur Schule. Jeden
Freitag holten Bill oder Violet ihn von der Bahn ab, fuhren mit ihm mit der
U-Bahn zur Therapie zu Dr. Monk, warteten auf ihn und brachten ihn zurück in
die Greene Street. Sein Hausarrest wurde fortgesetzt.
In den folgenden Monaten nahm Marks
Verhalten ein erkennbares Muster an, für das ich die Bezeichnung "Kreislauf
des Schreckens" erfand. Wochenlang schien alles gut zu gehen. Er bekam
hervorragende Noten in der Schule, war kooperativ, hilfsbereit und nett und
zahlte mir seine wöchentliche Rate von seinem Taschengeld. Bill und Violet
berichteten, dass ihre langen Gespräche mit ihm über Vertrauen, Ehrlichkeit
und das Einhalten des Vertrages Wirkung zu zeigen schienen, ihm halfen, "bei
der Stange" zu bleiben. Er erleichterte sich bei Dr. Monk, die mit seinem
"Fortschritt" zufrieden war. Und dann, gerade als die Leute um ihn
herum so weit eingelullt waren, dass sie sich einen vorsichtigen Optimismus
erlaubten, machte Mark alles zunichte. Im Oktober fand Violet sein Bett mitten
in der Nacht leer vor, und in ihrem Portemonnaie fehlte das gesamte Bargeld. Am
Sonntagvormittag tauchte er wieder auf. Im November bemerkte sein Stiefvater
Philip, als er zur Arbeit fahren wollte, eine große Delle in seinem Auto. Im
Dezember lud Bill Mark zum Mittagessen ein. Nachdem sie Hamburger bestellt
hatten, entschuldigte sich Mark, um zur Toilette zu gehen, und tauchte drei
Tage später bei Lucille wieder auf. Im Februar fand ihn sein Geschichtslehrer
in der Jungentoilette, als er sich übergab; in seinem Rucksack fand sich ein
Liter Wodka, und in seiner Hosentasche hatte er Valium.
Jeder Zwischenfall spielte sich nach
derselben Vorlage ab. Erstens: das Entdecken der Tat; zweitens: der Wutausbruch
der geschädigten Person; drittens: Marks Wiederauftauchen und
leidenschaftliches Leugnen. Ja, er sei durchgebrannt, aber er habe nichts
wirklich Schlimmes getan. Er habe in der Stadt herumgelungert. Sonst nichts. Er
habe allein sein müssen. Er habe Philips Auto nicht mitten in der Nacht
genommen. Wenn die Tür eingedrückt sei, dann müsse jemand anders den Kombi
gestohlen haben. Ja, er sei in jener Nacht von zu Hause abgehauen, aber er
habe kein Geld gestohlen. Violet müsse sich irren. Sie habe es vielleicht
selbst ausgegeben oder sich verrechnet. Marks empörte Unschuldsbeteuerungen
waren erstaunlich irrational. Erst wenn er mit eindeutigen Beweisen konfrontiert
wurde, gab er seine Schuld zu. Rückblickend waren Marks Handlungen zum
Erbrechen vorhersehbar, aber keiner von uns blickte damals zurück, und obwohl
sein Verhalten zyklisch verlief, merkten wir nichts. Der Tag des nächsten
Ausbruchs konnte nicht vorhergesagt werden.
Mark wurde zu einem schwer deutbaren
Rätsel. Es gab nach meinem Empfinden zwei Möglichkeiten, sein Verhalten zu erklären,
beide dualistisch geprägt. Die erste war manichäisch. Marks Doppelleben ähnelte
einem Pendel, das zwischen Hell und Dunkel hin- und herschwang. Ein Teil von
ihm hatte die ehrliche Absicht, gut zu sein. Er liebte seine Eltern und seine
Freunde, doch in regelmäßigen Abständen wurde er von einem plötzlichen Drang
überwältigt und handelte danach. Bill glaubte fest an diese Version der
Geschichte. Das andere Modell für Marks Verhalten könnte mit geologischen
Schichten verglichen werden. Die so genannten guten Impulse bildeten eine hoch
entwickelte Oberfläche, die das, was darunter lag, größtenteils verbarg. Von
Zeit zu Zeit drängten die darunter liegenden ruhelosen Kräfte vulkanartig
hervor und brachen aus. Ich gewann den Eindruck, dass das Violets Theorie war,
oder vielmehr die Theorie, die sie ängstigte.
© Rowohlt Verlag
Übersetzung: Uli Aumüller, Erica
Fischer, Grete Osterwald u.a.
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