Die Herren des Nordens von Bernard Cornwell
LESEPROBE
EINS
Thorkild
ließ das Schiff hundert Schritt stromabwärts treiben und dann in der Nähe
einer Weide mit dem Bug aufs Ufer laufen. Er sprang hinunter, schlang zur
Sicherung des Schiffes ein Tau aus gedrehtem Robbenfell um den Stamm der Weide
und kletterte nach einem angstvollen Blick auf die bewaffneten Männer, die uns
aus der Entfernung beobachteten,
...
Autoren-Porträt von Bernard Cornwell
Von einer geradlinigen Biografie kann man wohl kaum
sprechen, will man die Stationen auf Bernard Cornwells Lebensweg beschreiben -
an dessen Anfang ein uneheliches Kind steht und am Ende der internationale
Bestsellerautor mit 20 Millionen verkauften historischen Romanen weltweit.
1944 kam er in London zur Welt als "war-baby", wie er selber
sagt - sein Vater war ein Jagdflieger
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aus Kanada, die Mutter arbeitete bei der
Women's Auxiliary Air Force. Er wurde dann von einer Familie in Essex
adoptiert, die einer christlichen Sekte angehörte. Das Studium in London gab
ihm die Möglichkeit, sich aus dem engen familiären Umfeld zu befreien. Nach
einem kurzen Zwischenspiel als Lehrer arbeitete er zehn Jahre lang als
TV-Journalist bei der BBC, zuletzt in Nordirland. Dort lernte er seine spätere
Frau, die Amerikanerin Judy, kennen. Ihr folgte er in die USA, wo er aber
zunächst keine Arbeitserlaubnis erhielt. Da das Schreiben von Romanen jedoch
nicht als feste Arbeit galt, verfasste er seine ersten historischen Romane.
Alles begann mit der Geschichte eines britischen Soldaten in den napoleonischen
Kriegen; damit war die Sharpe-Reihe geboren - der nach wie vor erfolgreichste
Roman-Zyklus von Bernard Cornwell, der noch immer nicht abgeschlossen ist.
Inzwischen wurden dessen Abenteuer auch verfilmt (in der Hauptrolle: Sean
Bean).
Neben dem Sharpe-Zyklus arbeitet Cornwell laufend an den
Starbuck-Chroniken, den Artus-Chroniken, Grail Quest oder einem neuen Thriller.
In der Reihe der Saxon Stories ist zuletzt "Die Herren des Nordens" erschienen.
Diese Reihe führt die Leser zurück in das 9. Jahrhundert n. Chr. Es war die
Zeit Alfred des Großen und die Zeit der Besetzung Northumbriens durch Dänen und
Wikinger; eine faszinierende Ritter-Saga, die Bernard Cornwell noch lange nicht
zu Ende erzählt hat.
Kurzansicht
Interview mit Bernard Cornwell
Uhtred, der
Erzähler in "Die Herren des Nordens", und König Alfred sind fast gegensätzliche
Charaktere. Wer ist Ihnen persönlich näher?
Uhtred ist, obwohl fiktiv, ein Vorfahre von mir Es gab einen Uhtred während
der Regentschaft von Alfred, aber wir wissen fast nichts über ihn, außer, dass
er der Lord of Bebbanburg war (wie auch in meinem Roman). Alfred ist ein
Puritaner,
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und eigentlich hasse ich Puritaner. Aber bei ihm akzeptiere ich
diese Haltung, weil er sie aus gutem Grund hatte: Schließlich waren es seine
Vorstellungen von harter Arbeit, Ehrgeiz und Schläue, die verhinderten, dass
die Dänen ganz England eroberten. Er ist in vielerlei Hinsicht der Vater
Englands.
Wenn Sie kurz beschreiben sollten, was Ihre Romane
auszeichnet, welche "Zutaten" Sie verwenden - was würden Sie sagen?
Die Bücher sind historische Militärromane,
Abenteuergeschichten vor der Kulisse des Kampfes. Sie gehören zu einem Genre,
das von C.S. Forester in Großbritannien begründet wurde, und zwar mit den
Geschichten über Hornblower, der gegen die napoleonische Marine kämpft. Meine
Sharpe-Romane sind eine Variante dieser Abenteuer, die eher auf dem Land
spielt. Fast alle meine Bücher haben mit der britischen Geschichte zu tun -
einfach deshalb, weil ich mich dort am besten auskenne.
Mit Ihren Sharpe-Romanen haben Sie 1980 angefangen. Was ist
das für eine Beziehung zwischen Ihnen und Sharpe, der Sie inzwischen fast 30
Jahre begleitet?
Wenn ich das nur wüsste! Ich habe ihn eigentlich ganz gerne,
obwohl er ziemlich kauzig ist. Ich vermute aber, dass er mich nicht besonders
mag.
Stimmt
es tatsächlich oder ist es eine Legende, dass Sie deshalb Autor wurden, weil
Ihnen in den USA die Greencard verweigert wurde, man aber zum Schreiben keine
solche Arbeitserlaubnis brauchte? Haben Sie inzwischen eine Arbeitserlaubnis
bekommen?
Das ist wirklich wahr! Ich habe mich in eine Amerikanerin
verliebt und bekam keine Arbeitsgenehmigung in den USA. Ich habe ihr dann
leichtfertig versprochen, unseren Lebensunterhalt mit dem Schreiben von Büchern
zu verdienen. Das war reiner Wahnsinn, aber es hat funktioniert. Das ist jetzt
30 Jahre her. Wir sind noch immer verheiratet, ich schreibe noch immer, aber
inzwischen habe ich die US-amerikanische Staatsbürgerschaft.
Sie haben
Geschichte studiert und wurden später Lehrer und dann TV-Journalist. Hatten Sie
irgendwann einmal überlegt, als Historiker zu arbeiten?
Großer Gott, nein! Wissenschaftler
müssen immer so korrekt und präzise sein. Ich bewege mich im Bereich der
Imagination.
Auf Ihrer
Website warnen Sie Ihre Leser davor, Ihnen eigene Manuskripte zu schicken -
einfach, weil Sie nicht in den Verdacht geraten wollen, Handlungen oder
Charaktere kopiert zu haben. Woher bekommen Sie die Ideen für Ihre Bücher?
Ich habe keine Ahnung! Ich beginne
mit einem Buch und schaue, was dann passiert. Die Geschichte führt ihr
Eigenleben. Ich wünschte, ich wüsste, wo die Ideen herkommen.
Dichtung und Wahrheit: Wie nah wollen Sie mit Ihren Romanen
an der "historischen Wahrheit" sein?
Ich finde, man muss der Geschichte treu bleiben. Ich bin allerdings in erster
Linie Geschichtenerzähler und dann erst Historiker. Die von mir erzählte
Geschichte hat also immer Vorrang. Das heißt, dass ich Dinge verändere, dabei
aber die Verantwortung habe, den Leser darüber zu informieren, was ich geändert
habe. Das mache ich immer in den Anmerkungen am Ende des Buches. Geschichte ist
nicht immer der beste Erzähler! Nehmen wir die Belagerung von Badajoz 1812. Die
Briten schickten eine kleine Einheit, um die Burgmauer anzugreifen und die
Verteidiger zu binden. Es war ein Täuschungsmanöver, eine Finte. Der
eigentliche Angriff wurde an einer anderen, beschädigten Stelle der Stadtmauer
geführt. Er verlief furchtbar. Hunderte starben an dieser Bresche, und nicht
ein Mann kam hindurch. Dafür führte der eigentlich als Täuschungsmanöver
gedachte Angriff zum Ziel: Durch ihn gelangten die Angreifer in die Stadt, die
dann schließlich fiel. Ich habe diese authentische Geschichte aufgenommen, aber
natürlich gelingt es meinem Helden Sharp, die Verteidigungslinie der Stadt zu
durchbrechen - und zwar dort, wo die Angreifer in Wirklichkeit scheiterten. An
diesem Punkt änderte ich also das, was historisch belegt ist - einfach um meine
Geschichte spannender zu machen. Diese Sünde habe ich dann aber am Ende des
Buches gebeichtet.
Die Fragen
stellte Henrik Flor, Literaturtest.
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Kommentar zu: Die Herren des Nordens