Tod vor dem Brennofen. Ist ein Familienzwist zwischen dem Fabrikbesitzer und seinem Schwiegersohn schuld? Oder musste der Nachtwächter der Glasmanufaktur dafür büßen, dass er ein fanatischer Umweltschützer und Leser ist? In einer Ausgabe von Dantes Inferno entdeckt Brunetti die entscheidende Spur.
Wie durch ein dunkles Glas von Donna Leon
LESEPROBE
1. Kapitel
Brunetti stand am Fenster und flirtete mit dem Frühling. Er war da! Gleich drüben, am anderen Ufer des Kanals, zeigte er sich in den frischen, jungen Trieben, die dort aus der Erde spitzten. In all den Jahren hatte Brunetti nie jemanden in dem Garten arbeiten sehen, und doch mußte während der letzten Tage irgendwer den Boden aufgelockert
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Autoren-Porträt von Donna Leon
Die Erfinderin des berühmten Commissario Brunetti wurde 1942 in New Jersey geboren. Schon früh machte sich ihr Fernweh bemerkbar. Als sie 1965 eine Freundin auf einer Italienreise begleitete, beschloss sie, Amerika den Rücken zu kehren und in Perugia und Siena zu studieren. Donna Leon lebt seit dieser Zeit ständig im Ausland. Sie arbeitete unter anderem als Reiseleiterin
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in Rom und als Werbetexterin in London. Später unterrichtete sie an amerikanischen Schulen in der Schweiz, im Iran, in China und in Saudi-Arabien. 1981 gab sie ihr Nomadenleben auf und ließ sich in Venedig nieder. Zur Zeit hat sie eine Professur für englische und amerikanische Literatur in Vicenza inne.
Leons erster Kriminalroman mit der Figur des Commissario Brunetti erschien 1993 und wurde mit dem japanischen Suntory-Preis ausgezeichnet. Inspiriert wurde Leon dazu in der Oper. Als sie mit einem Bekannten eine Probe im venezianischen Opernhaus besuchte, meinte dieser: „Ich könnte den Dirigenten umbringen!“ „Ich mach’s für dich“, antwortete Leon, „aber in einem Roman.“ So entstand „Venezianisches Finale“. Seitdem hat Leon jedes Jahr einen Brunetti-Krimi geschrieben und den sympathischen Kommissar zu einer der bekanntesten Kriminalfiguren in der Literatur gemacht. Für die ARD wurden bereits mehrere Folgen mit Joachim Król in der Rolle des Brunetti sehr erfolgreich verfilmt. „Sanft entschlafen“, hatte beispielsweise über sieben Millionen Zuschauer. Fortsetzung folgt, garantiert!
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Interview mit Donna Leon
Ihre Fangemeinde konnte es kaum erwarten - endlich gibt es den 13. Fall für Commissario Brunetti. Woher kommen die Ideen zu Ihren Krimis?
Die meisten Ideen bekomme ich, wenn ich Zeitung lese. Beim neuen Buch allerdings gibt es eine Parallele zu meinem eigenen Leben. Denn ich litt unter einem LAUTEN Fernseher - jede Nacht, den ganzen Sommer, vier Jahre
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lang. Der Lärm kam aus der Wohnung einer alten Dame, die mir genau gegenüber wohnte. Weil ich wenig dagegen tun konnte, entschloss ich mich, ihr in meinem Buch den Kopf einzuschlagen. Allerdings habe ich das Motiv letztlich doch aus der Zeitung. Schon vor Jahren las ich einen Artikel, in dem ein ähnlicher Fall geschildert wurde.
Wie entsteht ein Donna Leon-Krimi. Können Sie uns ein bisschen aus Ihrer "Werkstatt" erzählen?
Meine Schreibmethode ist ziemlich einfach. Ich beginne mit einem Verbrechen, und dann verwende ich 300 Seiten darauf, zu schildern, wer es begangen haben könnte und warum.
In der Zeichnung Ihrer Charaktere sind Sie immer nah an einer plausiblen Realität. Dies bezieht sich durchaus auch auf die negativen Eigenschaften der Protagonisten. Ist Commissario Brunetti eine Ausnahme? Wofür steht der gute, kluge Kommissar?
Gott im Himmel, wofür steht eine Person denn schon? Ich glaube, für sehr wenig. Wir gehen einfach durch unser Leben und bemühen uns darum, es angenehm und anständig zu verbringen. Und ein paar negative Eigenschaften hat Brunetti doch auch: Er mag zum Beispiel die Süditaliener nicht sehr, oder?
Ist man eigentlich als Autorin weniger mitleidig, wenn, wie im Falle der Signora Battestini, dem Mordopfer in "Beweise, daß es böse ist", eine besonders unsympathische literarische Gestalt gewaltsam zu Tode kommt?
Es ist eigentlich ziemlich einfach, Leute umzubringen - wenigstens in Büchern. Aber hier trenne ich klar zwischen der Welt der Bücher und der Realität. Im wahren Leben bin ich eine gewaltlose Person. Das reicht bis zu meinem Sprachgebrauch. Ich bringe Ihnen ein Beispiel: Nachdem ich vier Jahre lang den Lärmterror dieser alten Dame ertragen hatte, sah ich sie eines Morgens auf dem Boden ihrer Küche liegen - und habe die Polizei gerufen! Im Buch schlug ich ihr den Kopf ein, im wahren Leben rief ich die Polizei. Für mich ist diese Unterscheidung vielleicht deshalb so klar, weil ich beinahe nie mit Gewalt konfrontiert wurde, nie einen Fernseher hatte und niemals ins Kino gehe.
Sie weben in Ihre Kriminalgeschichten immer auch Zeitkritik ein. Ist es ein Zufall, dass die rumänische Haushaltshilfe zur Hauptverdächtigen wurde und alle sich einig zu sein scheinen, dass sie es war?
Hier findet sich eigentlich nur das wieder, was ich von vielen Italienern gehört habe: Sie trauen den Leuten nicht, die aus dem Osten kommen. Nach meinen Beobachtungen sind dabei die Vorurteile gegenüber Albanern und Rumänen besonders groß.
Eine unvermeidliche Frage zum Schluss: Wie lange müssen Ihre Leser warten, bis Commissario Brunetti wieder ermittelt? Können Sie schon verraten, worum es im nächsten Plot geht?
Blood from a Stone ist in England bereits im März erschienen. Es geht darin um die Vu Cumpra, die senegalesischen Straßenhändler, die man oft in Venedig sieht und die Portemonnaies verkaufen. In dem Buch wird einer von ihnen ermordet. Und Brunetti hat den Verdacht, dass jemand anderes der Täter ist als zunächst angenommen.
Die Fragen stellte Mathias Voigt, Literaturtest.
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Kommentar zu: Wie durch ein dunkles Glas