| Karges Vergnügen
Alle Krimis um Kommissar Martin Beck von dem Autorenpaar Maj Sjöwall und Per Wahlöö
Die Krimis um den Stockholmer Kommissar Martin Beck , angefangen bei „Die Tote im Götakanal“ und endend mit „Die Terroristen“, 10 an der Zahl, sind in den 1960ger Jahren entstanden und gelten unter Krimiliebhabern als ein absolutes Muss, als Standardwerk, als Pflichtlektüre. Da fühlte ich mich berufen zu derselben zu schreiten:
Als ich die Krimireihe von Sjöwall/ Wahlöö das erste Mal wahrnahm war ich noch ein Kind und sie erschienen in der rororo Thriller Reihe, die es so heute nicht mehr gibt – der Zufall spielte mir eine „Gesamtausgabe“ aus genau dieser Zeit in die Hände und ich möchte noch einmal eine Lanze brechen für diese Krimi-Ausgaben, 1961 ins Leben gerufen, ich denke bis ungefähr in die 80ger Jahre reichend: Folgendes hat mich bei jedem Band immer wieder aufs Neue entzückt: Die konsequent gleiche und schlichte Einbandgestaltung, deren Anmutung mir schon seit meiner Kindheit, als ich solche Krimis noch nicht lesen durfte, vertraut ist. Schwarz mit einem dramatischen Fotoausschnitt in schwarz/weiß – zurückgehalten und dramatisch zugleich, ein bißchen Trash. Weiter auf einer der ersten Seiten, auch konsequent in dieser Reihe, die Vorstellung der wichtigsten handelnden Personen in spöttischem, sich selbst als Krimi nicht zu ernst nehmenden Tonfall, sehr schön. Meine formale Zeitreise.
Die einzelnen Kriminalfälle sind klassisch aufgebaut, wenn es denn so etwas gibt, der Täter bleibt dem Leser zum Schluss unbekannt, viel Raum wird der Studie der Lokalitäten (im Wesentlichen spielen sie in Stockholm) in wechselnden Jahreszeiten und den – zugegebenerweise etwas plakativen – Charaktären der ermittelnden Personen gegeben. Kommissar Martin Beck , der hagere, mürrische, aber auch verhalten genialische Dreh- und Angelpunkt des Ermittlungsteams – sein übergewichtiger etwas rauhbeiniger Freund und Kollege Lennart Kollberg, der ewig unfreundliche aber hervorragende Polizeiarbeit leistende Gunvald Larsson, Melander, der so ein gutes Gedächtnis hat, Pfeife raucht, und immer auf der Toilette ist wenn man ihn sucht und diverse Andere, z. T. immer dabei, z. T. wechselnd. Die Stimmung ist immer etwas freudlos, das Wetter oft schlecht und die Verhältnisse in Schweden werden mit zunehmendem Band kritischer beschrieben. Eine karge Athmosphäre, selten geht es blutrünstig zu, der Verlauf der Ermittlungen und die Milieustudie stehen im Vordergrund. Das Zurückgenommene, scheinbar Unspektakuläre, das ist gerade das, was an diesen Krimis Spaß macht. Aus jetziger Sicht entstehen beim Lesen noch einmal die 60ger Jahre vor dem geistigen Auge, ein Gesellschaftsbild und auch eine Stimmung, noch keine Mobiltelefone, keine Emails, eine übersichtliche Welt, viel Raum, überall darf noch ungefragt geraucht werden – und in diesen Geschichten wird viel geraucht - die Ermittlungen ziehen sich oft über Wochen und Monate, es geht langsam zu, das ist schön. Frauen kommen nicht allzu häufig vor, oft sind sie das Opfer und dem gewaltsamen Ende vorausgegangen ist ein sittlich zweifelhafter Lebenswandel… Fast lustig auch aus heutiger Sicht, wie die sexuellen Freizügigkeiten des Jahrzehnts immer wieder anklingen. (Eine bis dato unbekannte Zeugin fragt den Polizisten, der sie gerade verhört zwischen zwei Fragen: „Wollen Sie vielleicht mit mir schlafen?“ „Gern“ sagt der Polizist…)
Mit Vergnügen habe ich das Wort „dufte“ in der natürlich ebenfalls aus den 60gern oder 70gern stammenden Übersetzung wieder gelesen und in meiner alten Ausgabe ein weiteres Formelement entdeckt, dass sich überlebt hat: die zwei Seiten Werbung in schwarzweiß ungefähr in der Mitte jeden Bandes meistens für irgendwelche Wertpapiere oder sonstige Banksachen. Ach…
Grundsätzlich liebe ich das Formspiel im Krimi, es geht immer darum, das feststehende Gerüst von Tat, Tätersuche, ermittelnde Person(en), Milieu- und Lokalstudie des Ortes der Handlung und der Gesellschaft, in der die Handlung sich abspielt, mit neuem Inhalt, neuem Leben zu füllen. Darüber hinaus gefällt mir gerade das Unbedeutende, das rein Unterhaltende, die (scheinbare) Abwesenheit von Sinn und kulturellem Anspruch im Kriminalroman, in diesem Rahmen höchste Qualität zu erzeugen, das ist ein Kunstprinzip, das ich von allen am meisten schätze. Die Höchstform im Unwichtigen, Raffinesse im Bedeutungslosen, Sprache, Genauigkeit, Differenziertheit im Nutzlosen, das ist schön.
Maj Sjöwall, Per Wahlöö - Die Tote im Götakanal | |