| I'm a loser, baby ...
Ein ganzes Buch nur über die Verlierer der Gesellschaft. Solche, die sich selbst abgeschossen haben, und solche, die nichts für ihre Situation können, oder nur ein bisschen. Solche, die versuchen, da rauszukommen, egal wie, und solche, die die Flucht in die andere Richtung antreten. Ein paar könnten es sogar schaffen, sich an den eigenen Haaren aus diesem Sumpf zu ziehen, aber sicher ist es nie … Ist es nicht furchtbar, 260 Seiten lang nur über solche Menschen lesen zu müssen, ist es nicht völlig deprimierend? Ich jedenfalls verließ das Buch nicht deprimiert, eher auf eine gewisse Weise berührt. Nicht mitleidig, aber in vielen Fällen mitfühlend lässt einen Clemens Meyer mit seinen Geschichten in dem Band Die Nacht, die Lichter zurück; Geschichten, die zwar nicht alle gleich gut sind, aber es finden sich doch ein paar Perlen darin. Der Arbeitslose, der alles versucht, um seinem geliebten Hund eine dringend notwendige Operation finanzieren zu können. Der Boxer, dessen ganzes Leben ein Kampf ist und der dennoch nie aufgibt. Der alte Mann, der sein aussterbendes Dorf auf seine Weise verlässt, ruhig und nach Plan. Das alles in einer schnörkellosen, unprätentiösen Sprache, mit der er Bilder malt, die immer wieder auch das schaffen, was der Titel andeutet: Sie bringen die Dunkelheit auf eine ganz eigene Weise zum Leuchten. Und vieles wird klar, ohne dass es ausgesprochen werden müsste. „Er läuft um sein Haus herum. Er hört Kurt bellen. Die Pistole schlägt gegen sein Bein, und er bleibt stehen und hält sich am Gartenzaun fest. So steht er eine Weile und wartet, bis Kurt aufgehört hat zu bellen. Eine Biene sitzt auf seinem Hemd, und er streift sie ab und geht zum Tor.“ So endet das Buch. Und nach der Lektüre fühlt man sich wie nach einer langen Nacht mit Billard, Gin Tonic und Tom Waits in einer verrauchten Kneipe, auf dem Heimweg durch ein neblig-kaltes Morgengrauen.
Clemens Meyer - Die Nacht, die Lichter | |