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Exklusiv-Interview: Frank Schätzing


Kapitale Mächte und eine riskante Mond-Mission

 

Bestsellerautor Frank Schätzing über seinen neuen Wissenschaftsthriller "Limit"

 

Frank Schätzing ist die Nummer 1 des deutschsprachigen Wissenschaftsthrillers und hat sogar Hollywood auf sich aufmerksam gemacht: Nahezu eine Million Mal verkaufte sich sein Weltbestseller Der Schwarm, der ihm Auszeichnungen vom internationalen Buchpreis "Corine" bis zum "Deutschen Science-Fiction-Preis" einbrachte. Ein solcher Erfolg ist nicht leicht zu toppen, aber Schätzing schreckt vor keiner Herausforderung zurück. Während der Autor noch an der Überwindung seiner Flugangst arbeitet, schickt er in seinem neuen Mammutwerk Limit schon mal die Romanfiguren in den Weltraum – in kühner Mission zur Lösung eines der brisantesten Menschheitsprobleme.

 

Fundament aus Fakten, tragende dramaturgische Säulen und ein Dach aus Logik

Hugendubel: Sie berichteten, dass "Der Schwarm" seinen Ursprung in einem Traumbild hat, in dem Sie Unmengen von Fischen und anderen Meeresbewohnern in Richtung Küste schwimmen sahen. Ist Ihnen die Idee zu Ihrem neuen Roman "Limit" auch einfach so zugeflogen?
frank schätzing Frank Schätzing: Schön wär's, wenn man nur die Augen zuklappen müsste und schon stellt sich der Plot ein. Nein, "Limit" lag ein kurzer Artikel aus "Bild der Wissenschaft" zugrunde, den ich Ende der 90er Jahre gelesen habe. Eine Randnotiz über Helium-3: dass dieses Zeug unsere Energieprobleme lösen könnte, wenn es uns nur gelänge, es in großem Stil abzubauen und vom Mond zur Erde zu schaffen. Ich war sicher, darin steckt Potenzial, aber "Der Schwarm" war damals ausgereifter, also habe ich ihn vorgezogen.

Hugendubel
: Mit welchen Grundgedanken haben Sie sich ans Werk gemacht?
 
Frank Schätzing
: Mit denen eines Architekten, der ein Haus konzipiert. Die Statik muss stimmen. So eine verschachtelte Geschichte kann man nicht schreiben, ohne sie im Vorfeld auf dem Reißbrett durchzuplanen: mit einem starken Fundament aus Fakten, tragenden dramaturgischen Säulen und einem Dach aus Logik, in das es nicht reinregnet.

Hugendubel: "Limit" spielt in gar nicht so ferner Zukunft. Aus welchem Grund haben Sie das Geschehen in der Mitte der 2020er Jahre angesiedelt?

Frank Schätzing: Aus Gründen der Nachvollziehbarkeit. Realistischer für Technologien wie den
Weltraumfahrstuhl wäre sicherlich 2050 gewesen, aber ich fand es wichtiger, dass die überwiegende Anzahl meiner Leser sich in einer Zeit wiederfindet, die sie noch erleben wird. Das macht es spannender – übrigens auch für mich.


"Ich glaube nicht an das Gute und das ultimativ Schlechte"

Hugendubel: In Ihrer Romanwelt des Jahres 2025 haben sich die Machtverhältnisse verschoben. Statt Politikern haben multinationale Konzerne das Sagen – und bringen sogar einiges voran. Eine Entwicklung, die Fortschritt verspricht? Oder eher skeptisch stimmt?
Frank Schätzing: Ich glaube nicht an das eine Gute und das ultimativ Schlechte. In der Politik wie
in der Privatwirtschaft gibt es besonnene, verantwortungsvolle Leute ebenso wie Abzocker und Machtmenschen. Grundsätzlich ist die Privatwirtschaft ein Garant für Innovationen, sie hat die besseren Leute als der Staat, zahlt die besseren Gehälter, und man findet weniger Bürokraten und Bedenkenträger dort. Sie agiert global, was den Anforderungen einer globalisierten Welt entspricht. Wiederum repräsentiert die Politik in weit stärkerem Maße die Bedürfnisse der Bürger eines Landes. Ich denke, wir müssen die Fähigkeiten beider Seiten optimal nutzen – partnerschaftlich mit dem gegenseitigen Willen zur Transparenz, aber ohne den anderen gängeln zu wollen. Fatal wäre, wenn sich die Wirtschaft völlig von der Politik abkoppelt, ebenso fatal ist es, wenn der Staat sich überall einmischt.

frank schätzing limit Hugendubel: Zunächst herrscht Aufbruchstimmung in Ihrem Roman, aber beim Lesen wird bald klar, dass der Titel "Limit" seine Berechtigung hat. Warum verweisen Sie Ihre Romanfiguren immer wieder in ihre Grenzen?

Frank Schätzing: Weil sie diese Grenzen immer wieder überschreiten. Im Guten wie im Schlechten. Sie müssen sich ständig an ungewöhnlichen Herausforderungen messen, an denen sie wachsen oder scheitern.

Hugendubel: Ein gewagter Plan lässt die Lösung eines der größten Menschheitsprobleme zum Greifen nahe erscheinen: durch die Erschließung sauberer Energie auf dem Mond. So einfach machen Sie die Sache aber nicht. Was spricht für Sie dagegen?

Frank Schätzing: Erst mal nichts, solange Energie vom Mond eine Option unter vielen ist. Zurzeit scheint mir ein Mix aus alternativen Energieträgern die besten Chancen zu haben, uns nachhaltig und umweltfreundlich mit Energie zu versorgen. Jede Ausbeutung einer Ressource im Übermaß ist hingegen ein Problem. Für den Mond gilt dasselbe wie für die Antarktis und überhaupt für jedes wirtschaftlich attraktive Terrain: Nutzen ja. Plündern nein.

Hugendubel: Einigen Ihrer Romanfiguren schwebt vor, den Weltraumtourismus in Schwung zu bringen. Ein Abenteuer, das Sie locken könnte?

Frank Schätzing: Durchaus. Ein paar Tage in Schwerelosigkeit, mal auf dem Rand des Kraters Kopernikus stehen und die ferne Erde betrachten – eine großartige Vorstellung. Wenn ich bloß keine Flugangst hätte. Vielleicht ist mir der Weltraumfahrstuhl darum so sympathisch. Angst vor Aufzügen hab ich nämlich keine.

Hugendubel: Sie sind dafür bekannt, dass Sie es mit Ihren Recherchen sehr genau nehmen. Wie aufwändig waren die Recherchen zu "Limit"?

Frank Schätzing: Ich habe ein Jahr lang nur recherchiert und dann zwei Jahre geschrieben, währenddessen aber weiter Recherchen betrieben: hauptsächlich Raumfahrttechnologie, aber auch geopolitische Zusammenhänge, Energiewirtschaft, die Historie und Entwicklung Chinas und so spaßige Sachen wie Sex in der Schwerelosigkeit.

"Ich denke in Filmbildern"

Hugendubel: "Limit" würde sich wunderbar als Drehbuch für einen Hollywood-Film eignen. War das Ihre Absicht beim Schreiben?

Frank Schätzing: Ich habe nie Absichten beim Schreiben außer der einen, mir selber eine Geschichte
zu erzählen, die mich fasziniert. Dass "Limit" ein gutes Drehbuch abgeben würde, verdankt sich einem anderen Umstand: Ich denke in Filmbildern. Ich bin weit mehr vom Kino beeinfl usst als von Literatur, ich habe alles immer gleich als Film im Kopf, und diese Filme schreibe ich auf.

Hugendubel: Sie haben "Limit" ein Zitat aus einem Song von David Bowie vorangestellt. Warum?

Frank Schätzing: Weil Bowie einer der wenigen Menschen ist, die ich bewundere: Für seine Vielseitigkeit, seine Fähigkeit, sich immer wieder neu zu erfinden, sich weiter zu entwickeln, nicht stillzustehen. Bowie hat die Science-Fiction durchweg als Metapher betrachtet, als Reise ins eigene, unbekannte Ich, und das ist auch exakt meine Einstellung. Und natürlich, weil "Space Oddity" der ultimative Soundtrack für Raumfahrer ist.

"Mein ganzes Leben ist von Musik bestimmt"

Hugendubel: Überhaupt kommen Sie in "Limit" immer wieder auf Musik zu sprechen. Gleich im ersten Kapitel kommt auf ziemlich geniale Weise Frank Sinatra mit seinem berühmten "New York, New York" zum Einsatz. Welche Rolle kommt der Musik in Ihrem Romankonzept zu?

Frank Schätzing: Mein ganzes Leben ist von Musik bestimmt. Ich höre Musik beim Schreiben, beim Joggen, beim Kochen, und wenn ich keine höre, mache ich selber welche. Ganz klar, dass Musik in meine Bücher einfließt. Ein Leben ohne Musik ist – fast – unvorstellbar.

Hugendubel: Seit der Antike bringen Philosophen und Poeten Utopien zu Papier. Was würden Sie den Menschen für die Zukunft wünschen?

Frank Schätzing: Toleranz und mehr Verständnis für Nachhaltigkeit. Und dass sie nicht über die Zukunft jammern, die es noch gar nicht gibt, sondern die Ärmel hochkrempeln und sich die Zukunft bauen, die sie haben wollen.
 
Frank Schätzing im Hugendubel-Exklusivinterview, Quelle: Büchermenschen 5/2009  
 
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Exklusiv-Interview: Frank Schätzing 2006

Mordspektakel à la Hollywood


Bestsellerautor Frank Schätzing über "Tod und Teufel"


Der künstlerische Tausendsassa Frank Schätzing hat ein neues Meisterstück geschaffen: Nach der Hörspiel-Version seines Welterfolges "Der Schwarm" überrascht er nun mit einem Klang-Kunstwerk, in dem er ein mörderisches Kapitel mittelalterlicher Geschichte beschwört. Tod und Teufel führt tief in die Abgründe der menschlichen Seele.

 

Frank Schätzing Tod und TeufelHugendubel: Ausgangspunkt von "Tod und Teufel" ist eine wahre Begebenheit. Wie sind Sie auf dieses geheimnisumwitterte Kapitel der Kölner Lokalgeschichte aufmerksam geworden?

Frank Schätzing: Per Zufall. Ich las in einer Abhandlung über den Dombau, der Architekt und erste Dombaumeister Gerhard sei nachzwölf Jahren Bauzeit vom Gerüst gefallen. Pragmatiker sprechen von einem Unfall, Romantiker bemühen den Teufel, ich dachte sofort: Was, wenn ihn einer gestoßen hätte? Wer könnte ein Interesse daran gehabt haben, den Mann zu ermorden, dessen Genie wir die vielleicht bemerkenswerteste Kathedrale der Welt verdanken?

 

"Eine Momentaufnahme des 13. Jahrhunderts"


Hugendubel: Sie sind bekannt für Ihre intensive Recherchearbeit – besonders für Ihren Megaseller "Der Schwarm". Wie und wo haben Sie für "Tod und Teufel" Nachforschungen angestellt?

Frank Schätzing: Viel ist im Stadtbild von Köln aus der Zeit nicht mehr zu finden. Das Buch spielt ja 1260, der erste bekannte Stadtplan Kölns ist aber 1531 datiert. Jedoch lagern im "Historischen Archiv" viele Detailinformationen. So also konnte ich einen ziemlich genauen Plan der Stadt rekonstruieren. Mindestens ebenso wichtig war es, eine genaue Kenntnis der Machtverhältnisse im Mittelalter und in den Jahrhunderten davor zu erlangen, um die politischen und religiösen Hintergründe zu verstehen. "Tod und Teufel" ist nur vordergründig ein Buch über Köln, tatsächlich aber eine Momentaufnahme des 13. Jahrhunderts. Ich habe viel mit Historikern gesprochen und alles gelesen, was mir in die Finger kam. Und natürlich habe ich den Dom bestiegen und bin – mit freundlicher Unterstützung desDombaumeisters, der Anfang der 90er Jahre amtierte – in jeden Winkel gekrochen.

Hugendubel: Glaubt man Lektoren, dann kämpfen Autoren um jede Formulierung. Sie aber mussten bei der Bearbeitung Ihres Romans für das Hörspiel jede Menge streichen. War das nicht eine schwere Aufgabe?

Frank Schätzing: Überhaupt nicht. Man muss sich generell von dem Gedanken verabschieden, dass man kürzt. Und sich stattdessen vorstellen, man schreibe dieselbe Geschichte noch einmal, nur eben anders, dichter. Als Film gewissermaßen. Das ist keine Qual, sondern eine Herausforderung. Es macht Spaß, man kommt seinen Figuren viel näher.

 

"Was immer im Rahmen meiner Fähigkeiten liegt, mache ich selber"

Hugendubel: Ihrem Renommee als Multitalent machen Sie auch mit der Produktion des Hörspiels "Tod und Teufel" alle Ehre. Von der Regie bis zum Sounddesign haben Sie viele Aufgaben übernommen. Was spornt Sie an?


Frank Schätzing: Bücher sind wie Kinder, die überlässt man ungern anderen. Etliche Autoren beschweren sich im Nachhinein über misslungene Verfilmungen und Hörspielumsetzungen. Ich bevorzuge es, die Kontrolle zu behalten. Was immer im Rahmen meiner Fähigkeiten liegt, mache ich selber, mit allem anderen beauftrage ich Spezialisten oder arbeite mit engen Freunden und Vertrauten zusammen. Sounddesign etwa ist Loy Wesselburgs Domäne. Regie und Musik haben wir beim "Schwarm" zu gleichen Teilen übernommen, diesmal war es etwas anders: Loy fand zunehmend Geschmack am Regiestuhl, ich schrieb den größten Teil des Soundtracks.

Hugendubel: In welche Klangwelten entführen Sie die Hörer von "Tod und Teufel"?

Frank Schätzing: Die Musik ist eine Art zweiter Erzähler, ein Soundtrack, wie man ihn aus großen Hollywood-Produktionen kennt. Lange Passagen werden dramaturgisch von Musik untermalt, exakt so, wie Filmmusik auf Filmbilder geschrieben wird. Dialoge, Kämpfe, Schilderungen gewinnen so eine zusätzliche Dimension, sie werden filmisch. Die Protagonisten haben eigene musikalische Themen bekommen. Stilistisch ist „Tod und Teufel“ sehr eigenständig. Opulente Orchesterklänge, mittelalterliche Elemente, Pop und Folk: Alles zusammen ergibt eine märchenhafte Grundstimmung. Mal funkelnd, mal
romantisch, mal düster und bedrohlich.

Hugendubel: Früher agierten die Mitwirkenden von Hörspielaufnahmen ganz so, als spielten sie auf einer Bühne vor Publikum. Wie versetzen Sie Ihre Crew heute in die richtige Stimmung?

Frank Schätzing: Wir ermuntern sie, ihr ganzes Sprachtraining zu vergessen, die Künstlichkeit rauszunehmen, auch mal zu nuscheln, Sätze zu verschleifen oder einfach Knurr- und Brummgeräusche von sich zu geben. Wie Seufzer, die vielen kleinen Laute, die man so von sich gibt im wahren Leben. Tatsächlich haben wir viele der Sprecher einzeln aufgenommen und erst später zusammengemischt, so dass wir Dialoge so flott schneiden konnten, wie wir es wollten. Aber das eigentliche Geheimnis, denke ich, besteht darin, im Studio so viel Spaß wie möglich zu haben. Spaß entkrampft.

 

"Gut gemacht, kommt das Hörspiel dem Spielfilm wohl am nächsten"

Hugendubel: "Tod und Teufel" wurde mit prominenter Besetzung eingespielt, darunter Mario Adorf und Anke Engelke. Wie war die Zusammenarbeit?

Frank Schätzing: Fantastisch. Anke Engelke war umwerfend, charmant, überaus relaxed, wir hatten eine tolle Zeit zusammen. Mario Adorf ist eine Legende, großartig in der Zusammenarbeit, dabei äußerst zuvorkommend, ein wirklicher Gentleman.

Hugendubel: Was macht für Sie als Kreativen den besonderen Reiz des Hörspiels aus?

Frank Schätzing: Es ist durchaus ein eigenes Medium, sozusagen Kino für die Ohren. Mit vorgelesenen
Büchern hat das nichts mehr zu tun, übrigens auch nicht mit dem klassischen Theater – die Dramaturgie der Bühne ist eine andere. Gut gemacht, kommt das Hörspiel dem Spielfilm wohl am nächsten.

Frank Schätzing im Exlusiv-Interview für Hugendubel, Quelle: Büchermenschen 5/2006
 
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