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Kai Meyer beantwortet Leserfragen

 

Kai Meyer, geb. 1969 studierte Film und Theater, arbeitete einige Jahre als Journalist und widmet sich seit 1995 ganz dem Schreiben von Büchern. Viele seiner Romane wurden zu Bestsellern. Seine Bücher erscheinen in mehr als 40 Ländern, unter anderem in den USA, Frankreich, England, Italien, Russland und in Japan. Der neue Roman von Kai Meyer "Arkadien erwacht" spielt auf Sizilien.

"Eines der großen deutschen Erzähltalente." (Der SPIEGEL über Kai Meyer)

 

Alle Bücher und Hörbücher von Kai Meyer finden Sie hier...

 

kai meyerLeserinterview

 

Marny Leifers, Wolfsburg: Haben Sie ein Lieblingsbuch oder eine Lieblingsfigur unter Ihren Werken?

Kai Meyer:
Autoren weisen bei dieser Frage immer gern auf ihr aktuelles Buch hin – ich habe das bislang eigentlich nie oder nur sehr selten getan. Im Fall von "Arkadien erwacht" trifft es aber hundertprozentig zu: Ich mag das Buch wahnsinnig gern, und Rosa Alcantara ist vermutlich die interessanteste Figur, die ich überhaupt je für einen Roman entwickelt habe. Sie hat eine etwas verquere Sicht der Welt, und es wird mir nie langweilig, in ihre Haut zu schlüpfen und aus dieser Sicht heraus zu beschreiben, was ihr widerfährt. Derzeit arbeite ich an der Fortsetzung, und ich finde Rosa noch immer so faszinierend wie in den ersten Sätzen von "Arkadien erwacht".

 

Schreibblockaden: "Die romantisierte Version von Faulheit"

 

Nicole Kurylonek, Dortmund: Haben Sie manchmal Phasen in denen Sie am liebsten die ganze Schreiberei hinschmeißen würden (zum Beispiel wegen einer Schreibblockade)?

Kai Meyer: Ich glaube nicht so recht an die klassische Schreibblockade im Sinne von morgens aufzustehen und nicht mehr schreiben zu können. Kontinuierliches Schreiben hat sehr viel mit Überwindung zu tun – in der Regel hat man ja niemandem im Nacken sitzen, der Druck ausübt. Der Druck muss also aus einem selbst kommen. Und entweder, man akzeptiert für sich, dass man auch an Tagen schreibt, an denen man lieber etwas anderes tun würde, oder man lässt es bleiben. Manche Schreibblockaden sind nah an der Grenze zu Bequemlichkeit und Heute-keine-Lust. Wobei ich natürlich solche Blockaden ausschließe, die äußere Gründe haben: Trauerfälle, Krankheiten etc. Was mir auf die Nerven geht, ist das Gejammer sogenannter "literarischer" Autoren, bei denen es zum guten Ton gehört, mindestens einmal im Leben ausgiebig blockiert zu sein. Oft ist das die Angst vor dem zweiten Buch nach dem ersten Überraschungserfolg oder auch eine romantisierte Version von Faulheit.

Miriam Funk, Gechingen
: Sind Sie selbst auf die Idee gekommen "Arkadien erwacht" über Rosas Blog zu promoten? Ist übrigens ein tolles Rätsel!

Kai Meyer: Danke! Die Idee kam nicht von mir. Wobei ich die bloggende und twitternde Rosa mittlerweile persönlich kenne und das Gefühl habe, dass sie sehr in ihrer Rolle aufgeht. Was sie da macht ist nicht nur Schauspielerei – der Kontakt zu all denjenigen, die intensiv mitgemacht haben, ist schon sehr eng geworden. Ich finde das faszinierend, weil es, glaube ich, weit über eine einfache Werbeaktion hinausgeht. Die menschliche und emotionale Komponente ist viel stärker geworden, als das irgendwer vorausgesehen hat. Und mittlerweile steht auch fest, dass Rosa im Internet auch zwischen den Büchern weiterleben wird.

 

"Ich selbst habe mit 12 Stephen King gelesen"

 

Horst Sauer, Kiel: Wenn Sie eine Idee für ein Buch haben, wissen Sie dann schon, ob es eher ein Jugendbuch oder ein Erwachsenenbuch wird?

Kai Meyer: Stilistisch mache ich schon lange keinen Unterschied mehr, inhaltlich eigentlich auch nicht. Früher war das Alter der Hauptfiguren ein Hinweis, aber auch das ist mittlerweile hinfällig: Rosa, die Heldin von "Arkadien erwacht", ist siebzehn. Die Hauptfiguren einiger meiner so genannten Erwachsenenbücher wie "Das Buch von Eden" waren sechzehn, also jünger. Und ich selbst habe mit zwölf Stephen King gelesen. Die Grenzen zwischen den Kategorien werden eigentlich nur noch künstlich aufrechterhalten, durch die Platzierung im Verlagsprogramm und in der Buchhandlung.


arkadien erwacht Sandra Hein, Göttingen
: Mich würde interessieren, wie ein Arbeitstag eines Bestseller- Autors aussieht.

Kai Meyer: Vermutlich würden Sie von zehn Autoren zehn unterschiedliche Antworten bekommen. Bei mir sieht es so aus: Aufstehen um sechs, Frühstücken, mit dem Hund draußen auf den Feldern spazieren gehen, gegen acht, halb neun am Schreibtisch sitzen und die ersten E-Mails beantworten. Dann überarbeite ich meine Seiten vom Vortag und versuche, zehn neue zu schreiben. Oft klappt das, aber nicht immer, weil ich mich genau wie alle anderen von Anrufen, Mails und dem Internet im Allgemeinen ablenken lasse. Es ist in den letzten Jahren auch ein ziemlich hoher organisatorischer Aufwand hinzugekommen, trotz meiner Agentur: Ich schreibe oder überarbeite Rückseitentexte, diskutiere über Coverentwürfe, korrigiere Manuskripte meiner Hörspieladaptionen usw. 

 

Susanne Roch, Berlin: Mich würde mal interessieren was Sie als Autor so im Alltäglichen lesen, oder lesen Sie gar nicht? Holen Sie sich manchmal dadurch Anregungen für Ihre Romane?

Kai Meyer: Ich kaufe sehr viele Bücher, lese aber nur noch wenige bis zum Ende. Ich habe immer mehr Schwierigkeiten, mich auf Romane einzulassen, weil ich die dramaturgischen Kniffe zu schnell durchschaue. Das ist ein wenig wie bei Bühnenzauberern: Wenn man die Tricks kennt, ist es nicht mehr wirklich spannend zuzusehen, wie die Assistentin zersägt wird. Nach wie vor lese ich – ganz oder teilweise – viele Sachbücher, oft zur Recherche meiner eigenen Bücher, aber durchaus auch aus Interesse. Biografien von Schriftstellern, Filmemachern, aber auch ganz andere Dinge: Vor einiger Zeit habe ich die Erinnerungen des Mannes gelesen, der in den Achtzigerjahren die "Masters of the Universe"-Figuren erfunden hat ...

 

Phantastik als "Geschmacksverstärker"

 

Melanie Schmidlehner, Ingolstadt: Ich lese seit Jahren Ihre Bücher und finde, dass Sie heute viel mehr Fantasy Elemente verwenden als früher. Werden Sie diese Entwicklung so weiterverfolgen oder schreiben Sie auch einmal wieder einen Historischen Roman?


Kai Meyer: Meine historischen Romane waren ja auch immer phantastische Romane. Das heißt, Romane wie Das Buch von Eden oder Herrin der Lüge hatten immer auch Elemente, die sich nicht rational erklären ließen. Wer meine Bücher mag, sollte sie nicht wegen der Zugehörigkeit zu einem bestimmten Genre lesen. Charaktere, Emotion und Spannung haben nichts mit Fantasy, Historie oder, meinetwegen, Kriminalroman zu tun. Die Phantastik gibt mir einfach nur mehr Werkzeuge an die Hand, um Gefühle zu unterstreichen, indem ich sie in andere Bilder verpacke. Ein wenig ist das wie bei Geschmacksverstärkern.

Ina Ostwald, Mainz
: Wie lange schreiben Sie im Schnitt an einem Buch? Haben Sie auch eine Konzeptionsphase, bevor Sie mit dem eigentlichen Schreiben anfangen?

Kai Meyer: An "Arkadien erwacht" habe ich ungefähr fünf Monate geschrieben – im Anschluss an eine etwa eben so lange Phase der Konzeption. Ich erarbeite über mehrere Monate ein sehr genaues Exposé der Handlung, Szene für Szene, das im Fall von "Arkadien erwacht" etwa vierzig Seiten dick war. Daran hangele ich mich beim Schreiben entlang.

Heidi Heckhausen, Bergisch Gladbach
: Mich interessiert, ob es einen Knackpunkt gibt, ehe Sie loslegen können? Und was war die längste Zeit, die Sie hintereinander, ohne Pause, geschrieben haben.

Kai Meyer: Wenn Sie mit Knackpunkt eine Art Initialzündung meinen: Das variiert von Buch zu Buch, meist fügen sich die Elemente eher organisch über einen längeren Zeitraum zusammen, während der Recherche und dem Erarbeiten des Exposés, das dem Roman zugrunde liegt. Was es manchmal gibt, ist der eine essenzielle Einfall, der das Buch plötzlich zu etwas Neuem oder Anderem macht. Oft sind das Charaktere: Bei Die fließende Königin war es die Königin selbst, bei "Arkadien erwacht" ganz eindeutig Rosa Alcantara, die Heldin. Wären diese beiden Figuren andere gewesen, hätten sich auch die Bücher sehr von denen unterschieden, die schließlich daraus geworden sind.
Zu Ihrer zweiten Frage: Ich habe einmal, bei meinem zweiten Buch vor rund 15 Jahren, 25 Seiten am Stück geschrieben. Das habe ich aber danach nie wieder geschafft oder angestrebt. Zehn Seiten, zwischen fünf und neun Stunden, reichen mir.

 

Kai Meyer: "Nie wieder einen Tatsachenroman"

 

Robert Stahl, Ulm: Erinnern Sie sich noch an Ihre Anfänge als Autor? Mussten Sie lange nach einem Verlag suchen?

Kai Meyer: Bei mir ist das etwas ungewöhnlich gelaufen: Ich hatte meinen ersten Buchvertrag in der Tasche, bevor überhaupt eine einzige Seite geschrieben war. 1993 suchte der Bastei-Lübbe-Verlag einen deutschen Kriminalfall für seine "True Crime"-Reihe, in der bis dahin nur Übersetzungen aus dem Englischen erschienen waren. Einige deutsche Autoren, teilweise recht prominente, hatten es versucht, waren aber nicht weit gekommen. Ich war damals 23, gerade Volontär bei einer Tageszeitung, hörte davon und habe ein zweiseitiges Exposé eines Falls verfasst, von dem mir eine befreundete Gerichtsreporterin erzählt hatte. Offenbar habe ich dem Verlag glaubwürdig genug verkaufen können, dass ich in der Lage bin, ein Buch daraus zu machen. Jedenfalls bekam ich meinen Vertrag, sogar mit einem ganz passablen Vorschuss, recherchierte ein halbes Jahr lang und schrieb dann das Buch. Anschließend habe ich mir geschworen: Nie wieder ein Tatsachenroman. Ich wollte immer phantastische Literatur schreiben, aber dieses erste Buch war mein Fuß in der Tür. Danach habe ich machen können, woran ich Spaß hatte.

 

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