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Exklusiv-Interview: Peter Stamm


Doppelleben im Dreiecksverhältnis


Peter Stamms meisterliche Studie über Liebe und Glück

 

Peter Stamm (Jahrgang 1963) gilt zu Recht als einer der bedeutendsten Schweizer Gegenwartsautoren der jüngeren Generation. Mit allen literarischen Wassern gewaschen, verfasst er neben Romanen, wie seinem preisgekrönten Debüt "Agnes", und Kurzgeschichten auch Hörspiele und Theaterstücke. Und immer gelingt ihm das Kunststück, selbst komplizierte Situationen und Stimmungslagen seiner Figuren in einfachen und klaren Worte zu schildern. Obwohl er für jedes Werk eine angemessene eigene Sprache findet, ist sein Stil unverwechselbar: lakonisch und leidenschaftlich zugleich.

 

Was wäre, wenn ich mich in dieser oder jener Situation anders entschieden hätte? Oder dieses oder jenes getan oder unterlassen hätte? Über solche Fragen grübeln Ihre Figuren immer wieder, auch in Ihrem neuen Roman. Würden Sie dieses Gedankenspiel als eine Art Grundprinzip ihres literarischen Konzepts bezeichnen?

 

Peter Stamm: Der Ort, an dem jeder von uns sich befindet, ergibt sich aus einer unendlichen Reihe von eigenen und fremden Entscheidungen, von Zufällen auch. Wäre ein bestimmter Brief vor fünfzig Jahren nicht abgeschickt worden, hätte ein ganzer Zweig meiner Familie – inklusive mir selbst – nie gelebt. Rückwärts betrachtet scheinen unsere Leben unabänderlich, schicksalhaft. Aber jeder Moment enthält tausend mögliche Welten, von denen sich nur eine realisiert. Manche meiner Texte sind entstanden, indem ich mich fragte, was wäre auch möglich gewesen, was wäre geschehen, wenn ich mich damals anders entschieden hätte. Ich hadere nicht mit meinem Leben, aber der Gedanke fasziniert mich, dass ich auch ein ganz anderer hätte werden können.

"Sieben Jahre" könnte man als literarisches Experiment deuten: Was wäre, wenn ein Mann einer alles andere als attraktiven Frau verfällt, von der ihn Welten trennen – die ihn aber dennoch magisch anzieht. Warum mussten Sie Alexander, Ihrer männlichen Hauptfigur, so etwas antun?

Peter Stamm: Die Frage hat mich interessiert, also habe ich das Experiment gewagt. Man darf nie vergessen, dass es sich um fiktive Personen handelt. Sie leiden nur auf dem Papier. In dieser Hinsicht ist Literatur wesentlich humaner als beispielsweise die Pharmaforschung, die am lebenden Wesen experimentiert. Aber das wirkliche Kriterium, ob ich einer Figur etwas zumuten darf der nicht, ist, ob ich mitfühle und mitleide. Der Autor soll nicht nur der Schöpfer seiner Figuren sein, sondern auch ihr Freund. Dass sich die Arbeit gelohnt hat, weiss ich, wenn Leserinnen und Leser mir sagen oder schreiben, dass sie sich in meinen Figuren wiedererkannt haben, dass meine Texte ihnen geholfen haben, ihre eigene Situation besser zu verstehen oder sogar zu ändern. Offenbar haben meine Texte schon zum Entstehen und zum Zerbrechen von Beziehungen geführt.

Was macht Alexander so anfällig für seine eigenartige Geliebte Iwona, von der er nicht lassen kann?

Peter Stamm: Ich kann die Frage nicht abschliessend beantworten – ich habe es auch auf den dreihundert Seiten des Romans nicht geschafft. Der wichtigste Grund ist wohl Iwonas Hingabe, die Tatsache, dass sie ihm und nur ihm gehört. Diese Hingabe ist zugleich ein großes Geschenk und eine große Belastung für Alex. Er ist nicht bereit, die Verantwortung für Iwona zu übernehmen und stösst sie immer wieder zurück. Dabei leidet er vermutlich mehr als sie. Im Grunde sehnt er sich wohl doch nach ihrer bedingungslosen Liebe.

Nach herkömmlichen Vorstellungen ist Iwona eine tragische Figur, ja fast eine Art Märtyrerin der Liebe, denn trotz ihrer absoluten Hingabe verliert sie alles. Oder täuscht dieser Eindruck?

Peter Stamm: Ich habe sie – obwohl ich selbst nicht religiös bin – oft als eine Art Heilige gedacht. Heilige sind viel interessantere Figuren, als man gemeinhin annimmt. Das Gute und das Böse kommen sich in ihrem Leben sehr nah. Auch Iwona hat ja eine grausame, unheimliche Seite. Aus unserer Sicht verliert sie vielleicht wirklich alles, aber aus ihrer nicht. Ich denke, sie ist am Ende glücklich.

Iwona und Sonja, erst Alexanders Freundin, dann seine Ehefrau, sind in jeder Hinsicht so unterschiedlich, wie man nur sein kann – auch, was ihre Vorstellungen von Liebe anbelangt. Wie würden Sie dieses Phänomen beschreiben?

Peter Stamm: Liebe ist ein Gemisch von ganz vielen verschiedenen Gefühlen. Freundschaft spielt eine Rolle, Erotik, aber auch Macht, Abhängigkeit, Vertrauen, Geborgenheit, Angst, Stolz. Was sie wollen. Ich habe keine bestimmte Haltung zur Liebe. Sie entsteht zwischen zwei Menschen und ist jedes Mal anders. Das macht sie ja so fruchtbar für die Literatur. Ich denke, Alex bekommt von jeder seiner zwei Frauen etwas, was ihm die andere nicht geben kann.

Bei einer Reihe Ihrer Romanfiguren scheitern große Liebeshoffnungen. Inwieweit ist Ihr Buch ein Anti-Liebesroman oder ein Abgesang auf die Liebe?

Peter Stamm: Dass Liebe scheitert, bedeutet ja nicht, dass es sie nicht gibt. Im Gegenteil. Sie muss immer wieder neu gewagt werden und ob sie gelungen ist, lässt sich nicht nur am Ende einer Geschichte ablesen. Das Glück kann auch am Anfang oder in der Mitte einer Geschichte liegen. Das entspricht vielleicht nicht der gängigen literarischen Technik, aber es entspricht dem Leben.

Sonja, Alexander und einige weitere Romanfiguren arbeiten als Architekten. Was macht diesen Beruf literarisch interessant
für Sie?

Peter Stamm: Architekten sind Weltenbauer – und darin Autoren nicht unähnlich. Ich kann die Arbeit der Architekten nachvollziehen. Und eigentlich geht es wieder um den Gegensatz von Fiktion und Realität oder besser von Kultur und Natur. Iwona steht gewissermassen für die Natur, Sonja für die Kultur. Sie vergleicht einmal eine Beziehung mit einem Haus. Die Beziehung von Alex zu Iwona wäre dann eher eine Höhle. Und so sieht es in Iwonas verschiedenen Behausungen auch aus.

"Auch wenn du am Ende verlierst, dann ist es doch besser, wenn du gekämpft hast", sagt Ihre Romanfigur Sonja. Würden Sie das so unterschreiben?

Peter Stamm: Absolut. Im Grunde verliert man am Ende ja immer, da jedes Leben mit dem Tod endet. Nicht zu kämpfen würde heißen, nicht zu leben.

"Es war eine Mischung aus Glück und Unglück" heißt es in einer Geschichte aus Ihrem Buch "Wir fliegen". Das liest sich fast wie ein Schlüsselsatz, der die Quintessenz Ihres literarischen Werks zum Ausdruck bringt.

Peter Stamm:
Glück ist eben – wie Liebe – eine komplexe Mischung aus verschiedenen Gefühlen. Und das tiefste Glück war für mich nie das einfachste, äußerliche. Es waren immer Momente großer Klarheit, in denen eigentlich gar nichts geschah, aber in denen alles zu stimmen schien. Manche Autoren, etwa James Joyce, nennen solche Momente Epiphanien, Gotteserscheinungen. Und in diesen Momenten steckt dann immer auch das Unglück, dass sie vergehen werden, dass man sie alleine durchlebt und nicht teilen kann, sie nicht mitteilen kann. Vermutlich ist mein ganzes Schreiben der Versuch, dies trotzdem zu tun: das Glück festzuhalten.

 

Peter Stamm im Hugendubel-Exklusivinterview, Quelle: Büchermenschen 4/2009

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