Bei manchen Büchern genügen die ersten beiden Absätze und man weiß als Leser, das man sich für diesen Abend nichts vornehmen braucht – “Eine dunkle und grimmige Geschichte” von Adam Gidwitz ist so ein Buch:
Es war einmal ein Königreich namens Grimm. Der König dieses Landes lag auf dem Sterbebett. Er war der Großvater von Hänsel und Gretel – aber das wusste er nicht, weil Hänsel und Gretel noch nicht auf der Welt waren.
Moment mal. Ich weiß, was ihr jetzt denkt. Natürlich will keiner eine Geschichte hören, die passiert, bevor die Hauptfiguren auftauchen. Aber keine Sorge. Diese Geschichte ist anders als jede Geschichte, die ihr zuvor gehört habt. Denn als Hänsel und Gretel auftauchen, geschieht etwas völlig Unerwartetes: Ihnen werden die Köpfe abgehackt. Ich dachte, das interessiert euch vielleicht.
Adam Gidwitz erzählt die wahre Geschichte von Hänsel und Gretel, die auch die Geschichte vom treuen Johannes ist und die von den Sieben Raben, die eigentlich Sieben Schwalben sind. Dabei unterbricht er seine Erzählung immer wieder mit Kommentaren, die den Spannungsbogen steigern und gleichzeitig, so ganz nebenbei, eine Anleitung zum Umgang mit Märchen sind. Das ist großartig, gruselig, witzig, schaurig und gelungen!
Und wie das bei Büchern so ist, kam auch dieses genau im passenden Moment zu mir. Ich hatte eine 1. Klasse zu Gast und durfte ein Märchen vorlesen – natürlich nicht aus dieser dunklen & grimmigen Geschichte, denn die ist erst ab 11 Jahren. Ich entschied mich für die Bremer Stadtmusikanten – Geschichten mit Tieren sind immer gut und beim Auftritt der Räuber hören die Jungs bestimmt zu. Beim Vorlesen ertappte ich mich dabei, die Geschichte zu verändern. Die Katze sollte in meiner Version nicht ertränkt, sondern verjagt werden. Also genau das, was Adam Gidwitz beschreibt:
Und schließlich erzählt sie jemand seinen Kind und lässt die gruseligen, gefährlichen Teile – mit anderen Worten, die richtig, richtig tollen Stellen – einfach weg. Und am Ende handelt die Geschichte nur noch von einem kleinen Mädchen, das durch den Wald hüpft und seiner Großmutter Plätzchen bringt. Und man schläft beim Lesen vor Langeweile ein.
Zum Glück lässt Adam Gidwitz die richtig, richtig tollen Stellen nicht weg!
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