Die mythologisierenden Physiker sind außer Rand und Band geraten, unser Universum ist schon lange nicht mehr genug, mehrere, wenn nicht sogar unendlich (!) viele Paralleluniversen sollen angeblich existieren. Was die naturwissenschaftlichen Mythologen können, kann die gute alte Literatur erst recht. Mit „Der Komet“ veröffentlicht Hannes Stein ein literarisches Paralleluniversum, das ich wärmstens empfehlen kann.
Wir schreiben in irgendeinem Paralleluniversum des Multiversums das Jahr 1914 und der Thronfolger Franz Ferdinand ist in Sarajevo zu Besuch. So weit, so gut und die Geschichte bekannt, doch nachdem er das erste Attentat überlebt, stellt er fest: „I bin doch ned deppat, i fohr wieder z’haus.“ Der Attentäter erhält keine zweite Chance und der Verlauf der Geschichte nimmt eine skurrile Wende, denn kein toter Thronfolger führt zu keinem Ersten Weltkrieg, dies wiederum lässt den Zweiten Weltkrieg ausfallen und so findet der Kalte Krieg nur in unserem Universum und vielleicht in anderen statt, aber nicht in Steins Literatur-Paralleluniversum.
William J. Dobson hat für „Diktator 2.0“ keine Distanzen gescheut. Zwei Jahre und 150.000 Kilometer hat er investiert. Am Ende kann man sagen, dass die Mühen sich gelohnt haben, denn das Buch bietet einen hervorragenden Überblick über die gegenwärtigen autoritären Staaten und die Helden, die es sich zur Lebensaufgaben gemacht haben, diese Diktaturen zu bekämpfen.
Egal ob Venezuela, Ägypten, China, oder Russland, William J. Dobson war dort und hat sich tief in die Machtstrukturen reingewagt. Er liefert nicht nur Interviews mit den Vertretern der Machthaber vor Ort. Mit seinem Buch liefert er auch die Gesichter und Namen, die sich gegen Gewalt, Unterdrückung und Korruption engagieren. Es sind mutige Verfechter des Liberalismus und der Demokratie, die ihr Leben riskieren, um für eine bessere Gesellschaft zu kämpfen.
Thomas Frank – Arme Milliardäre
Was haben China, Nordkorea, Kuba, Vietnam und die U.S.A. gemeinsam? Genau! Sie werden alle sozialistisch regiert. Wäre hätte das jemals gedacht, dass das einstige Bollwerk des Kapitalismus nun von einem „freiheitsfeindlichen Diktator“ tyrannisiert wird. „Die säkular-sozialistische Maschinerie (Barack Obamas Regierung) ist für Amerika eine ebenso große Bedrohung wie einst Nazi-Deutschland oder die Sowjetunion.“ Diese „weisen“ Worte stammen nicht von irgendeinem Kauz, der hinterm Deich lebt, sondern wurden von Newt Gingrich geäußert, einem führenden Politiker der Republikaner.
„Dieses Buch ist die Chronik einer Zeit voller Verwirrungen, in der sich die Amerikaner gegen eingebildete Gefahren erheben und Wirtschaftstheorien unterstützen, die ihren Horizont übersteigen. Es handelt von einem Land, in dem die Angst vor der Machtübernahme einer radikalen Linken umgeht, die dort schon längst keine Rolle mehr spielt, ein Land, in dem Fernsehmoderatoren ideologische Albträume schüren, die vielen Menschen realer und überzeugender scheinen als alles, was die Zeitungen zu berichten haben.“
Mythos Überfremdung von Doug Saunders ist mein Winter-Sachbuch-Tipp!
Hetzer, Manipulateure und Demagogen aller Länder, vereinigt euch!
Seit dem 11. September 2001 ist die Anzahl derjenigen, die gegen den Islam und gegen Muslime wettern ungemein gestiegen. „Wir stehen kurz davor, von einer muslimischen Flut hinweggespült zu werden.“ Es ist prädestiniert, dass in nicht allzu ferner Zukunft ein Islam-Tsunami unser Abendland gnadenlos dem Erdboden gleichmachen wird. Nun ja, es gibt nichts einfacheres als sich ins Lager der Irrationalisten zu schlagen. Einfach nur den Verstand ausknipsen und schon kann es losgehen: Das Wunderland des Hasses ist riesengroß, fast unendlich groß. Doch Doug Saunders ist ein großartiger Entzauberer! Mit seinem fabelhaften Buch „Mythos Überfremdung“ rechnet er mit den Vertretern der intellektuellen Nulldimensionalität gnadenlos ab. Nach dem Motto „Keine Macht den Doofen!“ zelebriert Saunders nicht nur ein Fest der Aufklärung, sondern zerpflückt die Wahnkonstrukte Kapitel für Kapitel mit einer beeindruckenden Souveränität.
Ursula Krechel – Shanghai fern von wo
„Nichts wussten sie von der offenen Stadt, offen für jedes Gewerbe, offen für jede Schande, offen für den, der Geld scheffeln wollte, und offen für den, der verhungern mußte.“ Diese offene Stadt ist Shanghai. Shanghai ist die Stadt am anderen Ende der Welt, ein Ende, welches für einen Neuanfang steht. Shanghai steht für eine mögliche Rettung, denn die Heimat wird von Wahn-Menschen und Psychopathen beherrscht, die aus Menschenhaut Lampenschirme herstellen und vergaste Kinder kremieren.
Shanghai also. Aber warum gerade Shanghai? Warum mussten Juden bis in den Fernen Osten reisen, um den grausamen aber immerhin kultivierten Mördern zu entfliehen? Nun, die Antwort ist mehr als bedrückend. Die meisten Länder hatten strenge Einwanderungsgesetze, die die Aufnahme von Zigtausenden Flüchtlingen erschwerten. In Shanghai jedoch, waren die Einwanderungskriterien nicht sehr streng, eine Visumspflicht gab es nicht und so brachen die verzweifelten Juden Richtung China auf.
Die Anzahl der Themen in „Der Hals der Giraffe“ von Judith Schalansky ist trotz des geringen Umfangs beachtlich: Das kaputte und zerrüttete Verhältnis zwischen Schüler und Lehrerin, wobei die negative Energie von der Lehrerin ausgeht, der Verfall der ostdeutschen Provinz und dessen Tristesse, Biologismus, Botanik, Evolutionstheorie, Sozialdarwinismus, Zoologie und der gute alte Materialismus. Für jeden ist was dabei. Greift nur zu!
In ihrem zweiten Buch hat sich Judith Schalansky auf etliche Spezialgebiete gewagt und die Gefahr der Seichtheit und Oberflächlichkeit bravourös umschifft. Es ist ein köstliches Lesevergnügen, wenn sie über mehrere Seiten die Eroberung der von Menschen aufgegebenen Plätze durch die Pflanzen beschreibt und zum Schluss den Vergleich zu den bekannten „blühenden Landschaften“ zieht. Blühende Landschaften durch Zerfall, Verfall und Kapitulation. Die Kohl´sche Metapher wird virtuos an die Realität angepasst. Genial!
Helmut Schmidt/Giovanni di Lorenzo – Verstehen Sie das, Herr Schmidt?
Es gibt in Deutschland nicht viele Menschen, an deren Lippen Millionen Bürger hängen. Aktive Politiker sind nicht unabhängig und deshalb nicht sehr glaubwürdig, weil sie ja doch nur irgendeine bestimmte Klientel vertreten. Bedeutende Politiker „außer Dienst“, die wichtige und wegweisende Entscheidungen getroffen haben, sind leider auch Mangelware, wenn es darum geht genau diese Entscheidungen jüngeren Generationen zu erklären und zu aktuellen Themen eine klare Position zu beziehen.
Helmut Schmidt ist die große Ausnahme. Seine Bücher werden nachgefragt wie warme Semmeln und jedes mal, wenn er im Fernsehen auftritt, hat man das Gefühl, dass ein großer Staatsmann endlich mal seine persönliche, unverfälschte Meinung äußert. Er ist zu recht mit Abstand der beliebteste Politiker, sein a.D. spielt keine Rolle.
„Verstehen Sie das, Herr Schmidt?“ ist wieder so eine kleine politische Buch-Perle. Die Atmosphäre von „Auf eine Zigarette mit Helmut Schmidt“ konnte abermals hervorragend eingefangen werden. Es ist eine unterhaltsame und dennoch lehrreiche Mischung aus (politischer) Geschichte, Zeitgeschichte, persönliche Erfahrungen und vieles mehr.
Heinrich Zankl – Kampfhähne der Wissenschaft
In den Wissenschaften zählt ein klarer, unvoreingenommener und rational abwägender Verstand. Erst wenn Ergebnisoffenheit garantiert ist, kann von einer objektiven Wissenschaft gesprochen werden, denn jede Dogmatik sorgt für ein Erstarren und mündet in eine mentale Sackgasse. Diese Sackgassenmentalität ist der Feind jeder konstruktiven Weiterentwicklung, denn, wenn die Wissenschaftsgeschichte eines beweist, dann, dass verkrustete Positionen immer wieder von Pionieren aufgebrochen werden müssen. Außenseiter müssen sich immer wieder opfern, um festgefahrene Denkstrukturen zu überwinden.
Heinrich Zankl zeigt in seiner unterhaltsamen Gesamtschau „Kampfhähne der Wissenschaft“ auf, wie stur und engstirnig selbst die berühmtesten Wissenschaftler sein können. Kontroversen und gegenseitige Theorien mündeten und münden nicht selten in irrationale Feindschaften. Das Buch zeigt die negativen Eigenschaften weltberühmter Persönlichkeiten auf, die irgendwann die Bahnen des wissenschaftlichen Argumentierens und Arbeitens verlassen und sich in den Irrgärten der subjektiv-voreingenommenen Überzeugung verloren haben.
Holger Balodis/Dagmar Hühne – Die Vorsorgelüge
War früher alles besser? Nicht alles, aber ein paar Sachen sicherer. Was waren das nur für Zeiten, als sich der ehemalige Bundesminister für Arbeit und Sozialordnung Norbert „Nobby“ Blüm sich noch hinstellen konnte und mit bestem Gewissen dem Volke eine frohe Botschaft verkünden durfte: Die Rente ist sicher! Verrückt geradezu.
Wie schade nur, dass sich manche Aussagen ins Gegenteil drehen, denn, wenn heutzutage eines sicher ist (für wie lange?), dann dies, dass in absehbarer Zeit selbst die Menschen, die heutzutage Durchschnittsverdiener sind und das ist in einem der weitentwickeltsten Industrieländer in diesem Sonnensystem immerhin ein nettes Sümmchen Geld – 32.000€ – als Rentner sich in der prekären Situation der Altersarmut wiederfinden werden. Wie gut, dass es aber einen Ausweg aus dieser misslichen Lage gibt: Die private Altersvorsorge. Jeder ist sein eigener Herr, wenn es darum geht, sich aus dieser hoffnungslosen Lage zu befreien. Galt früher das Umverteilungssystem der gesetzlichen Rentenversicherung jahrzehntelang als ein zuverlässiges System, so sollen nun Aktien und Anleihen den Lebensabend versüßen. Doch macht das Sinn bzw. können wir auf die private Altersvorsorge tatsächlich bauen?
„Ich wurde am, in, als einziges. Mein Vater war, meine Mutter. Bei Kriegsausbruch kam ich, wo ich bis zum. Nach Ende des blieb mein Vater mit mir, was ich bis heute nicht. Er hätte jedoch auch. Jedenfalls ging ich zur und wurde ein halbwegs normales. Das änderte sich, als ich den Beruf eines. Wenn ich auf mein bisheriges zurückblicke, dann muß ich leider sagen.“
Dieser erstaunliche Lebensrückblick könnte nicht präziser sein. Er ist dermaßen genau, dass es schon schmerzt. Hier steht alles geschrieben, das Leben eines Menschen, der das 20. Jahrhundert nicht nur erlebt, sondern auch erlitten hat. Im wahrsten Sinne des Wortes.
Am 30. September feiert der Literaturbetrieb Jurek Beckers 75. Geburtstag, doch leider ohne den Schriftsteller. Becker verstarb am 14. März 1997. Der allbekannte Krebs nahm uns den Mann weg, der ein gewaltiges Buch hinterlassen hat, das als ein unvergessliches Stück Literatur an ein Vergehen an den Menschen durch den Wahn-Menschen erinnert. Jurek Beckers Jakob der Lügner wurde zweimal verfilmt und selbstverständlich erreichen die Filme nicht einmal im Ansatz die Genialität des Buches.
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