Geldschwemme, Geldschwemme und nochmals Geldschwemme. Es gibt seit vier Jahren, wenn es um wirtschaftliche Diskussionen geht kein anderes Thema. Die Medien bombardieren die verunsicherte Öffentlichkeit mit drastischen Zukunftsprognosen. Mit größter Inbrunst verkünden die apokalyptischen Trompeter das Jüngste Inflations-Gerichts, das aufgrund der Todsünde des Gelddruckens über uns kommen wird. Der Verweis auf die angebliche Geldschwemme ist schon zu einem Ritus ausgeartet. Es wird nichts mehr hinterfragt, Selbstkritik ist schon lange nicht mehr vorhanden. Die Wirtschaftsnachrichten sind längst zu einer mythisch-religiösen Show verkommen und gerade deswegen muss so einiges in Frage gestellt werden.
„Die Inflationslüge“ von Mark Schieritz ist eine kleine und hervorragende Aufklärungs-Perle in diesen apokalyptisch-alarmistischen Tagen. „Die Wirtschaftsgeschichte kennt viele Perioden, in denen die Menschen nicht mehr ihrem Verstand gehorchen, sondern sich von Stimmungen anstecken lassen, die mit der Realität nichts zu tun haben.“ Gleich am Anfang steckt Schieritz das Areal für sein Buch ab: „Dieses Buch soll Sie in der Lage versetzen, zwischen echter und vermeintlicher Inflationsgefahr zu unterscheiden, um so die richtigen Entscheidungen treffen zu können – an der Wahlurne und bei der Geldanlage.“ Sein Buch bietet für den Laien eine ausgewogene Mischung, die so gut wie alle relevanten Themen abdeckt, um die momentane Geldpolitik der Europäischen Zentralbank in groben Zügen zu verstehen.
Der niederländische Kunsthistoriker Rudi Fuchs lässt in seinem Buch Rembrandt spricht den Leser die Werkstatt des alten Meisters betreten und dessen Fachsimpeleien mit dem einen oder anderen Zeitgenossen beiwohnen.
Es geht natürlich um bedeutende Rembrandt-Gemälde, von denen jedes auf etlichen Seiten diskutiert wird, übrigens ohne dass die Leserschaft das Bild aus den Augen verliert. Man muss dazu nicht zurückblättern; denn das besprochene Werk ist einfach wiederholt abgedruckt. Ich zumindest finde das komfortabel. Gar so viele Bildwiederholungen wären bei einem größerformatigen Buch allerdings nicht nötig gewesen. Trotzdem: keine schlechte Idee.
Die gut 300 Seiten enthalten keine Zwischenüberschriften; nur die Nummerierung von I bis V unterteilt den Redefluss, der insofern etwas von einer zwanglosen Unterhaltung hat, wobei das Ganze gleichwohl strukturiert wirkt. Man erfährt mehr und mehr, wie Rembrandt sich zu einem höchst eigenständigen Maler entwickelt hat und schon früh entwickeln wollte. Auf eine Italienreise, wie im 17. Jahrhundert für die meisten seiner ambitionierten Zunftgesellen ein Muss, glaubte er verzichten zu können. An Kenntnissen über italienische wie niederländische Vorgänger fehlte es ihm dennoch nicht. Aber die Hauptsache war für ihn, ein eigenes Problem und seine Lösung ins Werk zu setzen: die außerordentliche Belebung der Malerei durch Licht und Schatten. Das wird von seinem nachgeborenen Landsmann Fuchs auf originelle Weise ausgebreitet und dürfte für viele an bildender Kunst und überhaupt gestalterischer Arbeit Interessierte sehr anregend sein.
Die mythologisierenden Physiker sind außer Rand und Band geraten, unser Universum ist schon lange nicht mehr genug, mehrere, wenn nicht sogar unendlich (!) viele Paralleluniversen sollen angeblich existieren. Was die naturwissenschaftlichen Mythologen können, kann die gute alte Literatur erst recht. Mit „Der Komet“ veröffentlicht Hannes Stein ein literarisches Paralleluniversum, das ich wärmstens empfehlen kann.
Wir schreiben in irgendeinem Paralleluniversum des Multiversums das Jahr 1914 und der Thronfolger Franz Ferdinand ist in Sarajevo zu Besuch. So weit, so gut und die Geschichte bekannt, doch nachdem er das erste Attentat überlebt, stellt er fest: „I bin doch ned deppat, i fohr wieder z’haus.“ Der Attentäter erhält keine zweite Chance und der Verlauf der Geschichte nimmt eine skurrile Wende, denn kein toter Thronfolger führt zu keinem Ersten Weltkrieg, dies wiederum lässt den Zweiten Weltkrieg ausfallen und so findet der Kalte Krieg nur in unserem Universum und vielleicht in anderen statt, aber nicht in Steins Literatur-Paralleluniversum.
Es gibt viele Bücher, die man mit einer gesunden Distanz lesen kann – man weiß: okay, das hier ist fiktiv, das könnte zwar so oder so ähnlich passieren, aber es ist zu weit weg, um intensive Gefühle zu hinterlassen. Bei diesem Buch “Die Schüler von Winnenden”, geschrieben von sechs Schülern und einer Lehrerin, ist es jedoch nahezu unmöglich distanziert zu bleiben, denn das hier, das ist WIRKLICH passiert. Der Roman basiert auf den wahren Ereignissen des 11. März 2009, dem Tag des Amoklaufs, durch welchen die kleine Stadt Winnenden eine leidvolle Bekanntheit erlangte, die man keiner Stadt und seinen Bewohner je wünschen möchte.
Das Buch ist in der Reihe “Unser Leben” im Arena Verlag erschienen (in Zusammenarbeit mit Daniel Oliver Bachmann) und umfasst die Erlebnisse und Erinnerungen vor, während und nach dem Amoklauf an der Albertville-Realschule. Es wird aus sich abwechselnden Perspektiven erzählt, wobei stets der Name der betroffenen Person mit einem Zitat am Anfang steht. Die Schüler das sind: Jennifer Schreiber (15), Steffen Sailer (15), Marie Bader (16), Annabell Schober (11), Pia Sellmaier (8) und die Lehrerin Marie-Luise Braun, wobei die Namen teilweise geändert wurden und die Altersangabe sich auf das damalige Alter bezieht. Die geschilderten Ereignisse wirken dadurch noch umso heftiger, da die Erzähler auch den Tag vor dem Amoklauf schildern. Was sie in ihrer Familie unternommen haben, wie sie abends beispielsweise noch ein Fußballspiel im Fernsehen sehen oder für eine bevorstehende Klausur lernen müssen. Wie sie zur Schule gingen, was im Unterricht behandelt wurde. Wie sie die ersten Schüsse…
William J. Dobson hat für „Diktator 2.0“ keine Distanzen gescheut. Zwei Jahre und 150.000 Kilometer hat er investiert. Am Ende kann man sagen, dass die Mühen sich gelohnt haben, denn das Buch bietet einen hervorragenden Überblick über die gegenwärtigen autoritären Staaten und die Helden, die es sich zur Lebensaufgaben gemacht haben, diese Diktaturen zu bekämpfen.
Egal ob Venezuela, Ägypten, China, oder Russland, William J. Dobson war dort und hat sich tief in die Machtstrukturen reingewagt. Er liefert nicht nur Interviews mit den Vertretern der Machthaber vor Ort. Mit seinem Buch liefert er auch die Gesichter und Namen, die sich gegen Gewalt, Unterdrückung und Korruption engagieren. Es sind mutige Verfechter des Liberalismus und der Demokratie, die ihr Leben riskieren, um für eine bessere Gesellschaft zu kämpfen.
Mythos Überfremdung von Doug Saunders ist mein Winter-Sachbuch-Tipp!
Hetzer, Manipulateure und Demagogen aller Länder, vereinigt euch!
Seit dem 11. September 2001 ist die Anzahl derjenigen, die gegen den Islam und gegen Muslime wettern ungemein gestiegen. „Wir stehen kurz davor, von einer muslimischen Flut hinweggespült zu werden.“ Es ist prädestiniert, dass in nicht allzu ferner Zukunft ein Islam-Tsunami unser Abendland gnadenlos dem Erdboden gleichmachen wird. Nun ja, es gibt nichts einfacheres als sich ins Lager der Irrationalisten zu schlagen. Einfach nur den Verstand ausknipsen und schon kann es losgehen: Das Wunderland des Hasses ist riesengroß, fast unendlich groß. Doch Doug Saunders ist ein großartiger Entzauberer! Mit seinem fabelhaften Buch „Mythos Überfremdung“ rechnet er mit den Vertretern der intellektuellen Nulldimensionalität gnadenlos ab. Nach dem Motto „Keine Macht den Doofen!“ zelebriert Saunders nicht nur ein Fest der Aufklärung, sondern zerpflückt die Wahnkonstrukte Kapitel für Kapitel mit einer beeindruckenden Souveränität.
Ursula Krechel – Shanghai fern von wo
„Nichts wussten sie von der offenen Stadt, offen für jedes Gewerbe, offen für jede Schande, offen für den, der Geld scheffeln wollte, und offen für den, der verhungern mußte.“ Diese offene Stadt ist Shanghai. Shanghai ist die Stadt am anderen Ende der Welt, ein Ende, welches für einen Neuanfang steht. Shanghai steht für eine mögliche Rettung, denn die Heimat wird von Wahn-Menschen und Psychopathen beherrscht, die aus Menschenhaut Lampenschirme herstellen und vergaste Kinder kremieren.
Shanghai also. Aber warum gerade Shanghai? Warum mussten Juden bis in den Fernen Osten reisen, um den grausamen aber immerhin kultivierten Mördern zu entfliehen? Nun, die Antwort ist mehr als bedrückend. Die meisten Länder hatten strenge Einwanderungsgesetze, die die Aufnahme von Zigtausenden Flüchtlingen erschwerten. In Shanghai jedoch, waren die Einwanderungskriterien nicht sehr streng, eine Visumspflicht gab es nicht und so brachen die verzweifelten Juden Richtung China auf.
die brüder mojtaba sadinam, masoud sadinam, milad sadinam erzählen in unerwünscht von einer flucht aus der heimat iran und einem neubeginn.es dauerte neun jahre bis sie eine aufenthaltsgenehmigung bekommen haben. wie sie es geschafft haben, erzählen die brüder in diesem buch.
alles begann 1996 mit der flucht aus teheran. die mutter hatte flugblätter verteilt. sie mussten untertauchen bis eine schlepperbande sie dann nach deutschland brachte. der asylantrag wurde vorerst abgelehnt. sie lebten in verschiedenen asylbewerberunterkünften. eisern setzte sich die mutter durch, die söhne zum lernen zu animieren. sie selber versuchte eine ausbildung zu machen. für alle ist es nicht leicht. denn die widerstände sind gross. aber mit der hilfe einiger menschen schaffen sie es doch. machen ihr abitur mit eins und studieren an elite-universitäten.
diese buch zeigt wie die brüder ihren weg gemacht haben und jeder erzählt aus seiner sicht:
Milad:“ Wir sind den Menschen dankbar, die uns geholfen haben. Als wir im Januar, nach fast 16 Jahren in Deutschland, die Staatsbürgerschaft erhielten, haben wir 20 Karten verschickt, um uns zu bedanken; an Freunde, Sozialarbeiter, Lehrer.”
Helmut Schmidt/Giovanni di Lorenzo – Verstehen Sie das, Herr Schmidt?
Es gibt in Deutschland nicht viele Menschen, an deren Lippen Millionen Bürger hängen. Aktive Politiker sind nicht unabhängig und deshalb nicht sehr glaubwürdig, weil sie ja doch nur irgendeine bestimmte Klientel vertreten. Bedeutende Politiker „außer Dienst“, die wichtige und wegweisende Entscheidungen getroffen haben, sind leider auch Mangelware, wenn es darum geht genau diese Entscheidungen jüngeren Generationen zu erklären und zu aktuellen Themen eine klare Position zu beziehen.
Helmut Schmidt ist die große Ausnahme. Seine Bücher werden nachgefragt wie warme Semmeln und jedes mal, wenn er im Fernsehen auftritt, hat man das Gefühl, dass ein großer Staatsmann endlich mal seine persönliche, unverfälschte Meinung äußert. Er ist zu recht mit Abstand der beliebteste Politiker, sein a.D. spielt keine Rolle.
„Verstehen Sie das, Herr Schmidt?“ ist wieder so eine kleine politische Buch-Perle. Die Atmosphäre von „Auf eine Zigarette mit Helmut Schmidt“ konnte abermals hervorragend eingefangen werden. Es ist eine unterhaltsame und dennoch lehrreiche Mischung aus (politischer) Geschichte, Zeitgeschichte, persönliche Erfahrungen und vieles mehr.
Heinrich Zankl – Kampfhähne der Wissenschaft
In den Wissenschaften zählt ein klarer, unvoreingenommener und rational abwägender Verstand. Erst wenn Ergebnisoffenheit garantiert ist, kann von einer objektiven Wissenschaft gesprochen werden, denn jede Dogmatik sorgt für ein Erstarren und mündet in eine mentale Sackgasse. Diese Sackgassenmentalität ist der Feind jeder konstruktiven Weiterentwicklung, denn, wenn die Wissenschaftsgeschichte eines beweist, dann, dass verkrustete Positionen immer wieder von Pionieren aufgebrochen werden müssen. Außenseiter müssen sich immer wieder opfern, um festgefahrene Denkstrukturen zu überwinden.
Heinrich Zankl zeigt in seiner unterhaltsamen Gesamtschau „Kampfhähne der Wissenschaft“ auf, wie stur und engstirnig selbst die berühmtesten Wissenschaftler sein können. Kontroversen und gegenseitige Theorien mündeten und münden nicht selten in irrationale Feindschaften. Das Buch zeigt die negativen Eigenschaften weltberühmter Persönlichkeiten auf, die irgendwann die Bahnen des wissenschaftlichen Argumentierens und Arbeitens verlassen und sich in den Irrgärten der subjektiv-voreingenommenen Überzeugung verloren haben.
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