Hans Well erzählt 35 Jahre Biermösl Blosn, aber nicht nur, auch ein bisschen vom Davor und Danach..
Eine Familie mit 15 Kindern, dass es da leicht ist glauben eh nur Romantiker, das Behaupten in der Familienhierarchie ist nicht einfach. Reich ist so eine Familie auch nicht.
Musik gab es viel, der Vater als Lehrer hat die Kinder mitgenommen ins musikalische Leben, die Begabungen unterschiedlich natürlich, und in den unterschiedlichsten Formenationen.
Hans Well schont niemand, nicht sich selbst und nicht seine Umgebung, er war ja der Haupttexter der Biermösl Blosn und er hat auch da niemand geschont, er schaut genau hin, ob es um politische Ereignisse geht oder familiäre.
Die Münchner Kleinkunstszene, vor allem das MUH (Musikalisches Unterholz), daher kenne ich schon die Biermösl Blosn, da habe ich auch … ich nenne es mal so: viel Zeit verbracht, war einer der Wichtigsten Orte für den Karrierestart. Die Zusammenarbeit mit Helmut Eckl, Gerhard Polt, Dieter Hildebrandt um nur ein paar zu nennen, der hilfreiche Boykott durch den Bayerischen Rundfunk, der natürlich eine gewaltige Werbewirkung hatte und andere Sender animiert hat die Biermösls zu zeigen, vor allen aber war es die Form, bayerische Volksmusik, ausgezeichnet gespielt, verbunden mit bissigen, satirischen und treffenden Texten, die Aufmerksamkeit erzeugt hat.
Hans Well erzählt genau und spart auch nicht seine Enttäuschung aus über das Auseinanderwachsen der Vorstellungen, das Auseinandergehen als letzte Konsequenz, allerdings spürt man immer, dass er sich zügelt, bemüht, nicht Bitterkeit und Zorn gewinnen zu lassen.
Vor mir auf dem Tisch liegt die neue Biografie von Bruce Springsteen: “Bruce” von Peter Ames Carlin und während eines Telefonats mit einem Kollegen in Wismar ergibt es sich, dass wir auf „BRUUUCE“ (das hört man, wenn er live spielt, im Stadion, mit dreissig- oder vierzigtausend, oder mehr, Zuschauern, die ihn rufen, ihm zurufen, anrufen, ein eigenartiges Geräusch und richtig laut, aber niemals lauter als der Meister selbst!) zu sprechen kommen. Er hat das Buch schon gelesen und schon ist auch seine Empfehlung da.
Heute also als Gast: Volker Stein, Hugendubel Wismar:
Gerade hat Bruce Springsteen seine Welttournee, die im letzten Jahr anlässlich seines aktuellen Albums „Wrecking Ball“ begann, mit etlichen Terminen 2013 verlängert. Wer sich aktuelle Konzertanschnitte anschaut, glaubt kaum, dass der Mann über 60 ist, alle paar Tage ein 3-4 stündiges Konzert der Superlative abliefert und dabei jedes Mal die Songlisten nach Publikumswünschen verändert.
Der niederländische Kunsthistoriker Rudi Fuchs lässt in seinem Buch Rembrandt spricht den Leser die Werkstatt des alten Meisters betreten und dessen Fachsimpeleien mit dem einen oder anderen Zeitgenossen beiwohnen.
Es geht natürlich um bedeutende Rembrandt-Gemälde, von denen jedes auf etlichen Seiten diskutiert wird, übrigens ohne dass die Leserschaft das Bild aus den Augen verliert. Man muss dazu nicht zurückblättern; denn das besprochene Werk ist einfach wiederholt abgedruckt. Ich zumindest finde das komfortabel. Gar so viele Bildwiederholungen wären bei einem größerformatigen Buch allerdings nicht nötig gewesen. Trotzdem: keine schlechte Idee.
Die gut 300 Seiten enthalten keine Zwischenüberschriften; nur die Nummerierung von I bis V unterteilt den Redefluss, der insofern etwas von einer zwanglosen Unterhaltung hat, wobei das Ganze gleichwohl strukturiert wirkt. Man erfährt mehr und mehr, wie Rembrandt sich zu einem höchst eigenständigen Maler entwickelt hat und schon früh entwickeln wollte. Auf eine Italienreise, wie im 17. Jahrhundert für die meisten seiner ambitionierten Zunftgesellen ein Muss, glaubte er verzichten zu können. An Kenntnissen über italienische wie niederländische Vorgänger fehlte es ihm dennoch nicht. Aber die Hauptsache war für ihn, ein eigenes Problem und seine Lösung ins Werk zu setzen: die außerordentliche Belebung der Malerei durch Licht und Schatten. Das wird von seinem nachgeborenen Landsmann Fuchs auf originelle Weise ausgebreitet und dürfte für viele an bildender Kunst und überhaupt gestalterischer Arbeit Interessierte sehr anregend sein.
5 Dinge, die Sterbende am meisten bereuen, zum Inhalt eines Buchs zu machen, klingt so vielversprechend, dass Bronnie Ware auf die darin enthaltenen “Einsichten, die Ihr Leben verändern werden“, sicher noch viele andere Leser außer mir neugierig macht.
Zum Hineinlesen kam mir der eigene Geburtstag gerade recht. Bronnie Ware arbeitet als Sterbebegleiterin. Hier die von ihr auf den Punkt gebrachten fünf Dinge: Die Sterbenden bereuen erstens, nur nach den Erwartungen anderer gelebt zu haben; zweitens, zu viel gearbeitet zu haben; drittens, ihren Gefühlen nicht Ausdruck verliehen zu haben; viertens, den Kontakt zu ihren Freunden nicht gehalten zu haben; fünftens, sich nicht mehr Freude gegönnt zu haben. Diese Quintessenz ist dem Buch leicht zu entnehmen; denn es handelt sich dankenswerterweise um Zwischenüberschriften.
Den Rest der 300 Seiten mag lesen, wer glaubt, in derselben Zeit nichts Lohnenderes zu versäumen. Mir genügten die ersten zwanzig, dann erschien mir mein Geburtstag zu kostbar. Nach diesem Lesepensum ist nämlich die Autorin noch nicht einmal ansatzweise auf den Punkt gekommen. Wer ihren autobiographischen Abschweifungen mehr Sinn abgewinnt, dem mag es freilich anders als mir ergehen, weil er den vielleicht besonderen Draht gefunden hat, den es hier für die Lektüre braucht.
Eckhard Henscheid nennt sein Buch Denkwürdigkeiten. Aus meinem Leben. 1941-2011.
Eine Autobiographie also wohl nicht, es kann ja nur um die besonderen Ereignisse gehen, nicht die unendlichen, den Leser plagenden, Kindheitserinnerungen die die meisten Autoren von Autobiographien so gern haben, man sieht förmlich wie die 70jährigen sich ganz genau ans Kind erinnern und daran wie klug es schon war, wie deutlich hier schon der Grundstein gelegt wurde für das spätere Genie-Dasein, Henscheid verspricht mit dem Titel: Denkwürdigkeiten, Ereignisse die wert genug sind, dass man darüber nachdenkt.
Henscheid ist einmal ein sehr wichtiger Autor gewesen in meiner Lesegeschichte, obwohl ich nur knapp am völligen ignorieren vorbeigeschrammt bin: Ich hatte Geht in Ordnung – sowieso – - genau – - - gelesen, entdeckt, Henscheid als großen realistischen Erzähler eingeordnet der die Peinlichkeit des Lebens in der Kleinstadt aufs genaueste beschrieben hatte, der exakte Bilder von Menschen geschaffen hatte wie man sie so und ähnlich leicht finden konnte, auch in meiner Umgebung, ich war also schon ein überzeugter Henscheid-Leser als ich herausgefunden habe, dass es eine Trilogie war, noch zwei Bände dazu gehörten und dass diese Trilogie unter dem zusammenfassenden Titel „Trilogie des laufenden Schwachsinns“ angeboten wurde.
Ich glaube ich hätte die Bücher nicht angefasst, wär mit der Titel untergekommen, nein, glaub ich auch jetzt noch, das hat er nicht verdient, der Henscheid.
Wander Woman von Jana Thiele kann man am besten zu den humorvollen aber auch tiefgründigen Reiseberichten stellen, also neben Harpe Kerkeling: Ich bin dann mal weg, ist genau der richtige Platz.
Jana Thiele ist übergewichtig, total unsportlich und hockt am liebsten auf dem Sofa, bis sie irgendwann einen Bandscheibenvorfall hat. Von da an ist in ihrem Leben nichts mehr wie es vorher war. Als Kassenpatient erlebt sie eine Odyssee durch das deutsche Gesundheitswesen, bis sie endlich aus eigener Tasche einen Professor zahlt, der ihr eine brauchbare Diagnose gibt und ihr rät, wandern zu gehen. Wie soll sie wandern gehen, wenn sie es nur unter großen Schmerzen bis zur nächsten U-Bahn schafft? Aber Jana Thiele sieht ein, daß ihr nur Bewegung hilft, also beißt sie die Zähne zusammen und fängt an. Erst nur im Berliner Umland, dann im Harz, in der Sächsischen Schweiz und schließlich im Bayerischen Alpenvorland.
Yoko Ono hatte kürzlich Geburtstag, eine ganz unfassbare Anzahl von Jahren soll sie schon gelebt haben, da kümmere ich mich nicht weiter drum aber nehm dennoch den Anlass, ein wenig in Büchern und Filmen zu lesen und zu schauen.
Die DVD – LennonNYC, in dem Yoko eine große Rolle spielt; weil ichs schon immer mochte, so chaotisch das auch war – Live in Toronto ’69 (DVD und die CD); immer wieder einladend natürlich The John Lennon Letters. Erinnerungen in Briefen, und, obwohl erst letztes Jahr gelesen, lese ich mich wieder fest in diesem Buch: Yoko Ono – Die Biografie von Nicola Bardola.
Bardola ist ein Verehrer, ein Bewunderer – was mit sehr gut gefällt, böses gabs genug über Yoko Ono, etwas so zugeneigtes und liebenswürdiges zu lesen gefällt mir jetzt sehr. Aber er ist kein ganz unkritisch alles-ist-großartig Verehrer, er kann schon sagen, wenn etwas (und das ist bei Yoko Ono nicht wenig) allzu sonderbar ist, zu unverständlich, vielleicht jetzt nicht zugänglich, vielleicht nie. Es ist ja einfach so, dass ein Künstler ein Angebot macht, sein Werk, und man mag es, nicht, teilweise, da hat der Künstler keinen Einfluss mehr, das Werk ist draußen in der Welt und muss sich selbst behaupten, und natürlich, wenn es so liebenswürdige Fürsprecher wie Nicola Bardola hat, können Werk und Künstler sich freun.
Am Ende meiner Yoko Ono – Geburtstagsforschungsreise tue ich noch etwas das mir nie leicht gefallen ist – ich höre das, was wohl die erste gemeinsame Arbeit von Yoko und John Lennon war: Unfinished Music Vol. 1 (Two Virgins)
Es gibt viele Bücher, die man mit einer gesunden Distanz lesen kann – man weiß: okay, das hier ist fiktiv, das könnte zwar so oder so ähnlich passieren, aber es ist zu weit weg, um intensive Gefühle zu hinterlassen. Bei diesem Buch “Die Schüler von Winnenden”, geschrieben von sechs Schülern und einer Lehrerin, ist es jedoch nahezu unmöglich distanziert zu bleiben, denn das hier, das ist WIRKLICH passiert. Der Roman basiert auf den wahren Ereignissen des 11. März 2009, dem Tag des Amoklaufs, durch welchen die kleine Stadt Winnenden eine leidvolle Bekanntheit erlangte, die man keiner Stadt und seinen Bewohner je wünschen möchte.
Das Buch ist in der Reihe “Unser Leben” im Arena Verlag erschienen (in Zusammenarbeit mit Daniel Oliver Bachmann) und umfasst die Erlebnisse und Erinnerungen vor, während und nach dem Amoklauf an der Albertville-Realschule. Es wird aus sich abwechselnden Perspektiven erzählt, wobei stets der Name der betroffenen Person mit einem Zitat am Anfang steht. Die Schüler das sind: Jennifer Schreiber (15), Steffen Sailer (15), Marie Bader (16), Annabell Schober (11), Pia Sellmaier (8) und die Lehrerin Marie-Luise Braun, wobei die Namen teilweise geändert wurden und die Altersangabe sich auf das damalige Alter bezieht. Die geschilderten Ereignisse wirken dadurch noch umso heftiger, da die Erzähler auch den Tag vor dem Amoklauf schildern. Was sie in ihrer Familie unternommen haben, wie sie abends beispielsweise noch ein Fußballspiel im Fernsehen sehen oder für eine bevorstehende Klausur lernen müssen. Wie sie zur Schule gingen, was im Unterricht behandelt wurde. Wie sie die ersten Schüsse…
Das Gewicht der Welt von Peter Handke hat alle meine Ausräum-, Aufräum-, Verschenkaktionen überstanden. Nach dem Briefwechsel Peter Handke – Siegfried Unseld war natürlich noch etwas mehr Handke Lektüre nötig. allerdings habe ich ohnehin, vielleicht zur Vorbereitung, kürzlich den Versuch über den Stillen Ort gelesen.
Im Lauf der Zeit sind immer mal wieder neue Handke Bücher dazu gekommen, er ist ja oft der Retter: in einer Buchhandlung, schnell ein Buch brauchen, weil eine Zugfahrt ansteht, Wartezeit … da findet sich oft ein Handke, aber Das Gewicht der Welt. Ein Journal (November 1975 – März 1977) ist als Einziges immer geblieben, das suhrkamp taschenbuch Nr. 500.
Das st 1000, leider nicht mehr lieferbar, aber im Hugendubel Markplatz finden sich gebrauchte:
Ludwig Hohl – Die Notizen oder Von der unvoreiligen Versöhnung, ebenfalls ein Band der immer geblieben ist, nie in Gefahr war zum Geschenk zu werden, außer die zu Geschenkzwecken gekauften.
Zurück zu Handke, zu Das Gewicht der Welt, schon der Titel, wie häufig bei Handke, macht neugierig, da ist keine Bescheidenheit (Nur die Lumpen sind bescheiden, Brave freuen sich der Tat. Goethe) und es ist bei Handke auch keine nötig, wär ja völlig unsinnig.
Der Briefwechsel zwischen
Peter Handke und Siegfried Unseld -
- für alle die sich für Peter Handke interessieren (er ist grad 70 geworden, unglaublich, er ist doch ein junger Autor denke ich noch immer)
- für alle die sich für Siegfried Unseld interessieren
- für alle die sich für deutsche Literatur interessieren
- für alle die sich für zwei höchst diplomatische und dennoch sehr durchsetzungsstarke Männer interessieren
- für alle die sich für das Verhältnis Autor zu Verleger interessieren
- für alle die sich für Freundschaft interessieren, eine Männerfreundschaft, nicht einfach
- für alle die sich für außerordentlich sorgfältig und gut gemachte Bücher interessieren, die einen sorgfältigen Kommentar schätzen und
- für alle, die keine Angst haben, dass ein gelesenes Buch dazu führt, dass eine ganze Reihe weiterer Bücher zu lesen ist: Handke natürlich, vielleicht auch die Unseld Chronik (das sind ja noch wahre Schätze zu erwarten, es gibt erst zwei Bände), Briefwechsel natürlich (Bernhard – Unseld ist hier ja schon einmal erwähnt)
| Blog: |
| Hugendubel Buch-Blog |
Topics: |
| Bücher, Literatur, Lesen |
© 2010 H. Hugendubel GmbH & Co. KG München