„Pianomania – Ein Film über Liebe, Perfektion und ein kleines bisschen Wahnsinn“ – Ab einer bestimmten Schwierigkeitsstufe gibt es einfach kein Zurück mehr. Der Übergang ist fließend; wo hört die Genialität auf und ab wann beginnt der Wahn? Oder ist es die Synthese? Der genialische Wahn bzw. das wahnsinnige Geniale? Doch verbindet man mit Lang Lang und Alfred Brendel den Wahn, oder sollte man vielleicht eher von einer höchsten Spezialisierung, eines schwindelerregenden Niveaus sprechen? Fragen über Fragen.
Eines ist jedoch klar; die Musiker, die auf „Pianomania“ zu bestaunen sind, verdienen die Bezeichnung „Künstler“ zu 100%. Erst ihr instrumentales Können und musikalisches Verständnis (!) rechtfertigen die Auszeichnung zum „Künstler“ in der Sparte Musik. Leider wird der Begriff des „Künstlers“ – zumindest in Deutschland – hyperinflationär gebraucht und dadurch total verbraucht. Es ist unverzeihlich und verantwortungslos musikalische Analphabeten, die ihre Instrumente nicht einmal anständig in den Händen halten können, von der Beherrschung des Instruments ist ja noch lange nicht die Rede, als „Künstler“ zu bezeichnen. Wenn diese Nicht-Könner sogenannte „Künstler“ sind, dann ist Lang Lang offensichtlich ein „Nicht-Künstler“.
“Hab übrigens gehört dieser Country Sänger Cash soll ein Konzert hier geben. Hebt das deine Laune?”
“Was für´ne Frage! Er ist der verdammte King, Mann!”
“Der King ist Elvis!”
“Vergiss Elvis! Der Schnösel würde nie hier spielen. Cash ist unser Mann. Der weiß wie es ist durch die Hölle zu gehen!”
Dieses Graphic Novel erzählt nichts anderes als die Lebensgeschichte der Legende Johnny Cash. Hitziger als der “Ring of fire” und dramatischer als “Hurt” hat Reinhard Kleist das Leben von Cash porträtiert. Von der Kindheit als unbedeutender Farmjunge bis hin zu seinem großen Durchbruch, dem bahnbrechenden Erfolg, seinen Abstürzen und seinem großartigen Comeback.
Wenn man den Titel einfach missachten würde, wäre dies wohl eine mitreißende, romantische Liebesgeschichte und ein zu tiefst trauriges Schauspiel über die Abgründe des Ruhms, dennoch ist es nicht irgendeine Geschichte, es ist die Geschichte von Johnny Cash!
Ry Cooder – In den Straßen von Los Angeles, das sind Erzählungen, die ich bei einer meiner häufigen Beschäftigungen entdeckt habe: In einer guten Buchhandlung Bücher anschaun, anfassen, anlesen …. (korrekt wäre eigentlich zu sagen, mich gegen Bücher zu wehren, weil der Stapel der ungelesenen ohnehin wächst, die Bodenhaltung für Bücher auch nicht gut ist und die Einsicht, in kurzen Momenten ja vorhanden, dass all diese Bücher niemals gelesen werden können eigentlich zum Verzicht zwingt.
Naja … die Vernunft … aber bei Ry Cooder gibt’s ja ohnehin kein Zögern! )
Ich kenne ihn als Musiker natürlich sehr gut, hab beinahe alle seine CDs, seine Filmmusiken, die CDs bei denen er Gastmusiker ist, man könnte sagen, ich bin ein Fan (natürlich, was für eine Frage, auch die CDs sind so viele geworden im Lauf der Zeit, dass es kaum eine Chance gibt die alle jemals wieder zu hören, vor allem so gründlich zu hören wie sie das verdienen, und wieder und wieder, etwa heute Morgen eine Jimi Hendrix – nur weil ich die seit vierzig Jahren höre, heißt das ja nicht, dass ich mit der Musik fertig wäre, sie ausgeschöpft, erledigt ist, ganz ähnlich, wie die leicht beleidigten Bücher, denen man ja gesagt hat: Wiederlesen! Bestimmt!)
“Ich fahre. Das ist alles, was ich mache. Ich bin nicht dabei wenn du das Ding planst, und auch nicht, wenn du´s den anderen verklickerst. Du sagst mir, wo es losgeht, wohin wir fahren und wo es anschließend hingeht. Du bestimmst die Uhrzeit. Ich beteilige mich an nichts, ich kenne niemanden, ich bin unbewaffnet. Ich fahre.” [S. 20 "Drive" - James Sallis]
Er will fahren. Er will nichts anderes als den vibrierenden Motor seines Chevys unter seinen Gliedern spüren. Driver fährt, etwas anderes will er nicht. Als Stuntfahrer für teure Hollywoodstreifen hat er sich einen großen Namen gemacht und Kohle extra verdient er sich als Fahrer bei Raubüberfällen. Jeder Tag beginnt gleich und endet mit einem Bourbon in einer runtergekommenen Spelunke. Doch bei einem der Überfälle, für die Driver fährt, geht alles schief. Schlagartig befindet sich Driver in einer brutalen Spirale aus Blut, Lügen und den grausamen Machenschaften der Mafia.
Driver sollte bereits tot sein, doch nun dreht er den Spieß um und der Gejagte wird zum Jäger!
James Sallis formuliert kurze, aber rasante Sätze und erzählt in “Drive” die grausame Wirklichkeit der Großstadt und dem nicht mehr existenten amerikanischen Traum. Gewaltig und düster. Ein Thriller für alle die jenigen, die hinter die Fasaden blicken…
Die A Cappella Sensation des Jahres: “Zwei Welten”, das neue Album der legendären Wise Guys. Gut, das allein macht noch keine Sensation, vor allem wenn man bedenkt, dass diese Fünf-Mann-Kombo seit den frühen Neunzigern existiert und dies schon ihr zwölftes veröffentlichtes Album ist. Was also ist an dieser Platte anders? Dass die Fans dieses Jahr in doppelten Genuss kommen.
Den langjährigen Wise Guys-Fans wird der heute erschienene Sampler mehr als zusagen: a cappella in seiner pursten Form. Als “Vokal-Pop” bezeichnen die fünf “Schlaumeier” ihre Musik, es treffender zu formulieren wäre wohl nicht möglich. Allein mit ihren Stimmen und ohne Hilfe jeglicher Instrumente schaffen sie es bereits über Jahre hinweg, solide Popmusik zu machen, wie ihre vier Top-Ten-Alben zeigen. Doch für dieses Jahr haben sich die Musiker etwas Neues einfallen lassen: Sie werden ihr Album zweimal herausbringen.
Patti Smith hat so etwas wie eine Doppelautobiographie geschrieben, im Buch geht es um sie selbst und um Robert Mapplethorpe.
Ganz untrennbar verbunden haben die beiden sich als sie sich in New York gefunden haben. Natürlich erzählt sie von ihrem Herkommen, von Familie und ihren ersten Jahren, aber die Begegnung mit Mapplethorpe, ihre Liebe und ihr Wissen: wir wollen Kunst machen, sind das große Thema des Buches.
Es gibt wenig Musiker-, Dichter-, Künstler Biographien die beeindruckender wären. Das liegt zum einen an ihrem unbedingten Glauben, dem gegenseitigen bedingungslosen Unterstützen, dem Mittragen der eigenen Entwicklung und der des Gegenüber, die nicht immer leicht war, aber sehr liebevoll und echt.
Sie haben in der Zeit Ende der Sechzigerjahre, Anfang der Siebziger in New York unglaublich viele Künstler getroffen, die entweder schon sehr bekannt waren oder es wurden, vor allem in ihrer Zeit im Chelsea Hotel. Die wunderbare Szene als Kris Kristofferson zum ersten mal Janis Joplin “Me and Bobby McGee” vorgesungen hat, als Patti Jimi Hendrix getroffen hat, vor seinem Studio, und er sagte, er wäre auf dem Weg nach England um auf einem Festival zu spielen, eine Reise von der er nicht mehr zurückkam, Allen Ginsberg, Sam Shepard (der sich ihr als Slim Shadow vorgestellt hat und sie hat eine ganze Weile gebraucht bis sie herausgefunden hat, dass das ein sehr berühmter Dramatiker ist) und natürlich der König der New Yorker Kustszene Andy Warhol.
Sie haben lange gesucht, bis sie herausgefunden haben, wo ihre Hauptfähigkeiten lagen, bis Mapplethorpe zum Fotographen wurde und Patti Smith zur Dichterin und Musikerin, und natürlich ist das Buch auch voller Verlust: Joplin, Hendrix, Jim Morrison, viele sind verstorben und der Hauptteil des Buches endet auch mit dem Tod von Mapplethorpe, aber trotzdem ist es kein deprimierendes Buch.
Patti Smith hat eine dem-Leben-Zugewandtheit, eine Lebensfreude, die, bei aller Düsterkeit, das lesen von Just Kids zu einer großen Freude macht.
Mit “Black Jesus” ist dem Musiker Simone Felice ein sehr schöner und sehr eigenwilliger Debütroman gelungen:
Melancholisch und rauh, verzweifelt und voller Herz, melodisch und spröde.
“Wir Menschen sind wie ein Mosaik, bestehend aus unseren Genen, aus Büchern, die wir gelesen haben, aus Fernsehsendungen, die wir als Kinder gesehen haben, aus Erinnerungen, Gefühlen, all dem. Alle meine Figuren sind kleine Teile von mir, ich versuche mir mit ihnen einen Reim auf mich selbst zu machen.”
Simon Felice hat ein Herz für Verlierertypen. Black Jesus, ein eher zarter, weißer Junge, hat im Krieg sein Augenlicht verloren. Davor hat er viel zu viel vom Krieg gesehen. Seine Mutter hat ihren Wohnwagen abgefackelt, in der Hoffnung, das das Geld der Versicherung ihr zu einem besseren Leben verhilft. Gloria, die Stripperin, hat erfolgreich vorgetanzt und die Zusage eines guten Balletts erhalten. In der gleichen Nacht wird sie von ihrem Liebhaber so verprügelt, dass sie nie wieder tanzen wird. Diese Figuren treffen in Gay Paris aufeinander, einem Kaff im amerikanischen Nirgendwo. Nur das “Paris” im Namen des Ortes erinnert an Eleganz und Größe. Und so ist das Leben der Figuren: Erinnerungen an eine Größe, die hätte sein können …
Das Portico Quartet widerlegt mit Portico Quartet, ihrem dritten offiziellen Album, die Behauptung Jazz sei tot. Die junge vierköpfige Jazzformation aus London schöpft ihr Potenzial voll aus. Herausgekommen ist dabei ein innovativer Stilmix aus traditionellem Jazz, Nu-Jazz und sphärisch wabernden Elekronik-Sounds. Die Band selber spricht von Post-Jazz.
Den Grundteppich ihres Sounds legt das Hang, ein Percussion-Instrument aus Metall vom Klang her ähnlich der Steeldrum, aber weniger schrill. Es wird mit Filzklöppeln gespielt und erzeugt einen warmen Dauerton. Darüber legen die Musiker ihre Melodiebögen oder improvisieren frei mit Saxophon, Schlagzeug, Bass und diversen elektronischen Kleinstgeräten nebst Synthesizer.
Man könnte bei ihrem neuen Album Portico Quartet von einem Konzeptalbum sprechen.Der Einstieg erfolgt mit dem Track “Window Seat”, einem ansteigenden Machinensoundgegrummel. Danach wird man hineingeworfen in das treibende “Ruins”, das sich mit jedem Durchlauf steigert. John Wyllie am Saxophon läßt mit Unterstützung seiner Bandkollegen das Ende des Stückes kakophonisch auslaufen.
Der Blogger rät ab: Jennifer Egan – Der grössere Teil der Welt ist für mich definitiv die grössere Enttäuschung des Bücherfrühlings 2012, definitiv kein Teil der Welt. Ich bin überhaupt nicht einverstanden mit den Lobeshymnen einer Felicitas von Lovenberg (“Amerikas Literatur hat einen neuen Superstar”) oder eines Wolfgang Höbel (“Ein poetischer, wunderbar turbulenter Roman”).
Klasse wie Egan zu Beginn den Auftritt der Punkband Flaming Dildos schildert. Deren Mitglieder, Bennie am Bass und Scotty an der Gitarre, haben während des Auftritts große Probleme, die Wut des Publikums zu bändigen, müssen sich mit Eiswürfeln und Müll bewerfen lassen. Scotty reicht es, er gibt es dem Publikum zurück und die Stimmung entlädt sich im wilden Pogo. Jetzt geht es mächtig ab.
Doch nach diesem Flash zieht Jennifer Egan ganz schnell den Stecker, nichts ist mehr übrig von dieser Energie, dieser Wut. Bennie, Sasha und Scotty, aber auch viele andere Wegbegleiter, werden aus verschiedenen Perspektiven bis ins neue Jahrtausend begleitet. Ihre Unfähigkeit aus der früheren Zeit etwas hinüberzuretten bestimmt den Grundton des Romans. Ein Scheitern durch ökonomische Zwänge, durch familiäre Umstände oder durch die strikte Ablehnung, einen kreativen Prozess voranzutreiben.
Ich bin sehr froh, den neuen Roman von Jennifer Egan – „Der Grössere Teil Der Welt“ gelesen zu haben, denn er hat mich durchweg begeistert.
In dreizehn Kapiteln erzählt sie anhand von ebenso vielen Figuren vom Aufstieg und dem rasanten Verfall der Musikbranche. Wie ein roter Faden zieht sich das Leben der Kleptomanin Sasha, der Assistentin des Musikproduzenten Bennie Salazar durch die episodenhaften Kapitel. Und das ist das literarische Kunststück, denn nur in einem, dem ersten Kapitel wird aus der Perspektive von Sasha erzählt und doch scheinen alle Erlebnisse von einem Absturz in Neapel in jungen Jahren bis zu einem gänzlich neuen, braven Leben in New York verwoben zu sein mit allen Mythen und Realitäten, die das Musikgeschäft von den Siebzigern bis in die Neunziger aufzubieten hatte. Und das tolle an dem Roman ist, dass man innerhalb dieser Zeit wild hin und hergerissen wird zwischen, dem ausgiebigen Leben voller Drogen, Liebe, Freundschaft, Risiko und guter Musik der Siebziger von Punk bis New Wave und dem spießigen, braven Leben voller falscher Freundschaften, Langeweile und schlechter Musik der Neunziger, aber einem gereiften erfahrungsreichen Leben.
Dafür wurde die Autorin mit der wichtigsten amerikanischen Literaturauszeichnung, dem Pulitzer-Preis ausgezeichnet!!!
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