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Nagib Machfus – Die Kairo-Trilogie

Geschrieben von Philine Edbauer am 05.09.2011 in der Kategorie: Allgemein,Literatur,Romane

Teil I: Zwischen den Palästen
Teil II: Palast der Sehnsucht
Teil III: Zuckergässchen

Nagib Machfus‘ Trilogie ist die Geschichte einer Kaufmannsfamilie in den Vororten Kairos. Über drei Generationen begleitet man sie – Anfang des 20. Jahrhunderts bis zum zweiten Weltkrieg. Der politische Hintergrund rückt unvermeidlich in den Vordergrund. Vor seiner Kulisse erlebt die Familie ihren Zusammenbruch.

Die Kairo-Trilogie “ist das Hauptwerk des Autors, ein Meilenstein der modernen arabischen Literatur.” (Unionsverlag.ch)

Man lernt den tyrannischen Familienvater kennen, Achmed Abd al-Gawwad, und seine demütige Frau Amina. Eine stille, liebevolle Mutter, die seit 25 Jahren nicht mehr aus dem Haus gegangen ist. Der Kaufmann führt ein doppeltes Leben: Zu Hause fordert er uneingeschränkten Gehorsam und verbreitet Schrecken, um Kontrolle zu haben. Aber wenn er abends unterwegs ist, führt er mit anderen Frauen ein ausgelassenes Leben. Zu allem Widerspruch lässt er erfürchtig kein einziges Gebet aus. Jasin ist der älteste Sohn, noch aus Adb al-Gawwads erster Ehe, und kommt ganz nach dem Vater. Die nächste ist Chadiga, die zwar ihre Geschwister am meisten liebt, aber auch ihre Zunge nicht im Griff hat und ständig sehr gemeine Sachen sagt. Sie leidet unter ihrer großen Nase, die ihr Gesicht hässlich mache. “Selbst Jasin musste sich eingestehen, dass Chadiga das “Salz” gewesen war, in purer Form zwar nicht bekömmlich aber unentbehrlich für eine gute Mahlzeit.” (s. 444 I) Dann ist da Fahmi, der “seit frühester Kindheit geradezu leidenschaftlich alle religiösen Vorschriften einhielt.” (s. 467 I) Um seine Wurzeln selbstlos zu verteidigen, schließt er sich jedoch heimlich den gefährlichen Aufständen gegen die Engländer an. “Ob ich nun sterbe oder lebe, das ist mir gleich. Der Glaube an die Gute Sache ist stärker als der Tod, und der Tod ist ehrenhafter als Erniedrigung. [...] Willkommen, du neuer Morgen der Freiheit, möge Gott das richten, über das er Richter ist.” (s. 501 I) Die jüngere Tochter ist Aischa, die im Gegensatz zu ihrer Schwester sehr hübsch und zurückhaltend ist. Der Jüngste ist Kamal (zu Beginn 8 Jahre alt), der von Anfang an die Leser mit seiner Unvoreingenommenheit begeistert. Er stellt alles in Frage, was ihm nicht gefällt bzw. seltsam erscheint. (Warum bedeutet Ehe Glück?, Warum muss nach der Heirat die Frau zum Mann ziehen?, Richtet Gott wirklich alles?). Auf sein Umfeld wirkt er naiv, scheint für den Leser aber tatsächlich der Klügste von allen zu sein. Man steckt in ihn all seine Hoffnungen, dass er sich seine Träume erfüllen kann – dass er es schaffen wird, aus den traditionellen Strukturen herauszubrechen, um dann ein empirisches und nach der Vernunft gerichtetes Leben zu führen.

Vor dem Familienherr(scher) haben alle Angst. Amina ist ständig dabei, ihm alles recht zu machen und tut alles, um seinen Zorn nicht heraufsteigen zu lassen. Die Familienmitglieder sind “gottesfürchtig” und “verschämt”. (s. 473 I) Jasin in Gedanken über den Vater: “Natürlich, was du für richtig hältst! Wer hat dich jemals daran hindern dürfen zu tun, was dir beliebt. [...] Ich selbst, ich existiere nicht. Chadiga, Aischa, Fahmi und Jasin – das ist alles das gleiche, nämlich nichts. Du bist alles, und mehr als das, denn selbst das alles hat ja noch Grenzen. [...] Zum Teufel mit so einem Vater!” (s. 566 I)

Die Sprache ist voll von Höflichkeitsfloskeln, die sowohl Demut, als auch Verachtung oder Geringschätzung ausdrücken können. Der vorwiegend auktoriale Erzähler berichtet vom Schicksal der Charaktere. Und daran sieht man, dass Nagib Machfus ein Meister war: Seine Figuren sind lebendig, authentisch und repräsentieren die Menschheit. Der Leser will mehr und mehr über jeden einzelnen von ihnen erfahren und man ist nach den etwa 1800 Seiten keineswegs erschöpft.

Das zweite Buch setzt 7 Jahre später an. Die Familie hat den ersten großen Buch erlitten, der vieles verändert hat. “Nach außen hin gaben sich die Brüder unterwürfig und sittsam, obwohl beide nicht mehr – oder fast nicht mehr – jene Furcht verspürten, die sie früher in Anwesenheit des Vater ergriffen hatte. Jasin genoß mit seinen achtundzwanzig Jahren das Vorrecht, als erwachsenener Mann zu gelten [...]. Kamal, schon siebzehn Jahre alt, befand sich im fortgeschrittenen Stadium des Ausbildung, wodurch auch er eine gewisse Sicherheit erreicht hatte. [...] [I]nsgesamt reagierte der Vater in den letzten Jahren weniger tyrannisch” (s. 34f. II)

Kamal hat sich in die Schwester seines besten Freundes verliebt und “in der Liebe Sinn und Inhalt des Lebens entdeckt” (s. 37 II). Neben seinem Studium zum Lehrer, von dem er sich die beste Ausbildungsmöglichkeit zum Denker verspricht, schreibt er Artikel für eine politische Zeitschrift. Dabei erklärt er zum Beispiel die neuartige Evolutionstheorie Darwins, die den Überzeugungen des Koran widerspricht. “Immer spielen Zufälle in deinem Leben eine überaus wichtige Rolle. [...] wenn ich sie nicht kennengelernt hätte, wäre ich jetzt ein anderer Mensch, und die Welt sähe ganz anders für mich aus. Und da gibt es noch Leute, die Darwin vorwerfen, er habe sich bei der Erläuterung seiner Theorie auf den Zufall gestürzt.” (s. 546 II) Man merkt, Kamal braucht endlich Anerkennung vom Vater, die er für Entwicklung eines gesunden Selbstbewusstseins dringend bräuchte – doch der Junge empfängt nur das Gegenteil.

Wogegen Aminas heimlicher Ausflug in Band I ein großes Ereignis für sie war, hat sie zwar nun einigermaßen Bewegungsfreiheit, nutzt sie aber nur, wenn es sein muss – für Verwandtschaftsbesuche und um Gebete zu verrichten. Sie ist eine verbitterte alte Frau geworden.
Jasin denkt nur mehr an seine eigenen Bedürfnisse, welche er jeweils nicht länger als eine Woche lang verspürt. Er ist flatterhaft geworden und ein Egoist. Seine Sexsucht treibt ihn dazu, dass er sogar mit der Mutter seiner Angebetenen schläft – von der er aber nach einer Woche wieder genug hat und sich wieder auf ihre Tochter konzentriert. Jasin ist zu keiner Ehe fähig – oder fehlt ihm doch nur die richtige Frau? Zanuba, eine der Frauen, die ihm gefallen, trifft die passenden Worte: “Am liebsten wärst du ein Stier mitten in einer Kuhherde. (s. 411 II) Und Jasin denkt selber: “Ach könnte ich doch nur wie mein Vater leben. Er kann tun und lassen, was er will, und wenn er nach Hause kommt, umgibt ihn Ruhe, Liebe und Demut. (s. 564 II)

Die Kinder sind zu Erwachsenen ohne Rückgrad geworden. Lediglich der Koran stärkt sie, indem er sich an jegliche Situation anpassen lässt, d. h. jedes Fehlverhalten entschuldigt.
Chadiga und Aischa haben in dieselbe Familie eingeheiratet und ihre Kinder gehen schon zur Schule. Aber auch vor dieser Tür macht das Schicksal keinen Halt.

Die ägyptische Gesellschaft befindet sich im Wandel von strikter Tradition zu individueller Freiheit. Herr Abd al-Gawwad möchte die alten Familienstrukturen behalten, bei denen er die einzige Macht innehat, aber die Zügel gleiten ihm aus der Hand. Ein Freund fragt ihn: “Bestehst du nicht noch immer darauf, zu Hause mit Feuer und Schwert zu herrschen, obwohl die Zeit der Demokratie und des Parlamentarismus ausgebrochen ist?” – “Demokratie ist was fürs Volk, nicht für die Familie” (s. 593 II)

8 Jahre sind vergangen, wenn der dritte Teil beginnt. Der gesellschaftliche Wandel ist weit vorangeschritten, die Neuheit Radio fasziniert alle. Im ersten Buch durften die Mädchen nicht einmal am Fenster stehen, um ja nicht von irgendjemandem gesehen zu werden. Jungen gaben sich kommentarlos der Heiratswahl des Vaters hin. Im dritten Buch lernen sich Jungen und Mädchen in der Universität kennen und informieren ihre Eltern über den Hochzeitstermin. “Jeder von uns ist das Ergebnis seiner natürlichen Herkunft und bildungsmäßigen Entwicklung. Wir sollten nicht danach fragen, was wir vorgefunden haben, sondern uns verantwortlich für unsere Überzeugungen und unser Handeln fühlen.” (s. 349 III) Der Umgang mit Liebe, Herkunft, Glauben, Erziehung usw. verändern sich. Frauen verhalten sich plötzlich selbstbewusst und individuell, lassen sich nicht mehr sagen, dass sie mindere Geschöpfe seien. Männer stellen die Tradition in Frage. “Glauben ist eine Sache des WIllens, nicht des Wissens. Der dümmste Christ weiß heutzutage hundertmal mehr über das Christentum als die ersten Märtyrer. Bei euch im Islam ist es genauso.” (s. 203 III)

Die einstigen Kinder, darunter Kamal, sind nun die Erwachsenen und Jasins, Chadigas und Aischas Kinder sind in den Fokus gerückt. Sie haben auf ganz neue Weise ihre Persönlichkeiten entwickelt. Sie nutzen ihre Entscheidungsfreiheiten, vergucken sich, spielen den ganzen Tag, widersprechen den Eltern – tun eben, wonach es sie in diesem Alter verlangt.
Kamal “hatte sich eine neue Welt geschaffen, doch leider war sie so stark von Widersprüchen erfüllt, daß sie vor lauter gedanklichem Widerstreit ins Nichts zu führen schien.” (s. 49 III) Über die Liebe zerbricht er sich immer noch den Kopf: “Konnte es sein, daß die Liebe zur Nation der zu einer Frau glich und man sich diesem Gefühl auch ohne allem Glauben unterwerfen konnte?” (s. 50 III)  “Je mehr man von der Liebe ausgeschlossen ist, desto stärker ist man in sie verliebt.” (s. 73 III) “Die im Verborgenen laudernde Krankheit versprüht beim geringsten Zeichen von Schwäche ihr Gift.” (s. 73 III) “Empfinden wir Liebe, sagte er sich, macht sie uns zu schaffen, ist sie aber fort, leiden wir unendlich.” (s. 75 III) “Die Liebe ist ohnehin ein schwierig Ding, weil Kummer und Gram unabdingbar zu ihr gehören.” (s. 373 f. III) Dennoch, oder eher deshalb, denkt er nicht ans Heiraten – obwohl er schon fast Dreißig ist, was seiner Familie Sorgen bereitet.
Jasins Weisheit sieht so aus: “Nichts ist widerwärtiger als alt zu werden und immer weniger Geld zu haben. Einzig der Schnaps, unermeßlich in seiner Güte, hüllt dich in zarte Freundlichkeit und spendet dir warmen Trost.” (s. 81 III)

Alle Charaktere sind einem spätestens zu Beginn des dritten Teils ans Herz gewachsen; so unterschiedlich sie sind – darunter der unsympathische Hausherr, der egoistische Jasin, Chadiga mit ihrer bösen Zunge und vor allem Kamal, dessen Träume man nicht aufgeben will. Doch leider muss man immer wieder miterleben, wie er auf Abwege gerät. Er ist immer noch nicht über seine erste Liebe hinweg und hat immer noch keine Anerkennung durch den Vater erfahren – aber er ist immer noch auf der Suche nach Wahrheit.

Der Zweite Weltkrieg bzw. die Bombenangriffe bedrohen das Leben der Ägypter und damit “unsere” Familie. Die Kinder schließen sich politschen Gruppierungen an, man hofft in Art Bunkern aufs Überleben.
Kamal erklärt einem Freund: “Da du gerade von der weltweiten Schlacht der Ideen gesprochen hast – das spielt sich in verkleinerter Form in unserer Familie ab. Einer meiner Neffen ist Muslim-Bruder, ein anderer Kommunist.” (s. 202 III)

Kamals Entwicklung vom Kind (Neugier) zum Erwachsenene (Enttäuschung und Frust) ist einer der roten Fäden, die durch die Trilogie gespannt sind. Und wie ich finde, der farbigste, da Kamal dem Leser von allen Figuren am nächsten steht. Man hat ihn am besten kennen gelernt, versteht seine Probleme und Gedankengänge – die oft auch aus der Ich-Perspektive beschrieben wurden.
Ein weiterer roter Faden ist Scheich Mitwalli Adb as-Samad, den Krankheit, Krieg und Tod umgeben, ihn aber nicht beugen können.

Es ist immer wieder schön, an den ersten Band bzw. die erste Generation, als sie noch jung war, zurückzudenken. Es ist, als ob man sich an seine eigene Vergangenheit erinnern würde. Man liest die drei Bücher nicht einfach nur durch, sondern lebt mit seinen Menschen mit, trauert und freut sich mit ihnen. Man teilt ihre Angst und wünscht sich, dass ihnen nichts zustößt.

Der Autor zaubert seinen Lesern Lächeln und Schrecken ins Gesicht. Seine Worte machen süchtig.

Nagib Machfus (c) Unionsverlag.ch

(c) Unionsverlag.ch

Für Nagib Machfus spiegelte sich die Welt in den Vororten Kairos wider. Es ist faszinierend, wie er die ganze Welt aufs Papier bringen konnte, obwohl er Kairo, bis auf ein paar Reisen nach Alexandria, nie verlassen hatte.
1988 erhielt der den Nobelpreis für Literatur. 2006 starb er mit 94 Jahren. Zum Glück hinterließ er uns rund 40 Romane, von denen gewiss jeder für sich eine Schatztruhe voller Faszination ist.

Weitere rezensierte Bücher von Nagib Machfus auf dem Hugendubel-Blog:
Karnak-Café
Die Reise des Ibn Fattuma

 

Aus dem Arabischen von Doris Kilias (die großartige Arbeit geleistet hat!)

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