Sayed Kashua – Zweite Person Singular
“Von ihnen lernte ich, dass die meisten Araber ständig geil sind, mit dem Schwanz denken und sich dabei um die Ehre der schwesterlichen Mösen sorgen. Die Araber regen sich schnell auf, und niemand kann wissen, wann und womit man ihren Zorn erregt. Ehre ist ihnen sehr wichtig [...]. Sie sind unaufgeklärt, auch jene, die sich für erleuchtet halten.” (s. 325/326) Das erzählen sich jüdische israelische Studenten.
Ohne Hintergrundwissen zu den arabisch-israelischen Verhältnissen, bleiben die politischen Bezüge etwas undurchsichtig. Dennoch versteht man deutlich, dass die beiden Protagonisten Schwierigkeiten mit ihrer Herkunft haben. Der Rechtanwalt (erzählt in Dritter Person Singular) ist arabischer Israeli, aber möchte wie die jüdischen Israelis sein. Er hat sich hochgearbeitet und genießt nun beruflichen Erfolg. Das allein reicht aber nicht, um besser als die Konkurrenz zu sein. Statussymbole wie das bessere Auto und dessen Ausstattung, das beste Essen und die beste Kleidung sind unerlässlich, um seine angesehene Position zu erhalten. Seine Gedanken sind ständig damit beschäftigt, was ihm zu seiner gewünschten Identität als Jude fehlt.
Amir hat ähnliche Identitätsprobleme. Schon als Schüler war er Ausgrenzung und Verachtung gewöhnt. Später arbeitet er in eine Drogenberatungsstelle. Sayed Kashua erzählt von ihm in der Ersten Person Singular. Er wirkt auf seine Kollegen recht seltsam und verschlossen. Für Mädchen interessiert er sich nicht besonders.
Eher ungewollt gerät er an eine Arbeit, die sein Leben verändert: Amir betreut den jüdischen Jonathan, der seit seinem Selbstmordversuch schwerstbehindert ist. Zunächst hört Amir Jonathans CDs, schaut sich seine persönlichen Dinge an, entdeckt einige schwarz-weiß Fotos und eine wertvolle Kamera, die er sich leiht. Er bringt sich bei, auch solche Fotos zu machen. Amir nimmt zunehmend Jonathans Identität an und bewirbt sich schließlich mit Jonathans Ausweis an einer jüdischen Eliteuniversität. Was scheinbar sinnlos ist, weil er als “Quotenaraber” (s. 327) viel bessere Chancen gehabt hätte als einer unter vielen Juden.
Der Rechtsanwalt schafft sich ein weiteres Problem, das seine Gedanken beherrscht: Er entdeckt einen kleinen “Liebesbrief” (tatsächlich nur ein paar dankende Worte für einen netten Abend) in der Handschrift seiner Frau. So beginnen seine Verdächtigungen, auf die er seine Frau zunächst nicht ansprechen will und von denen der Leser weiß, dass sie unbegründet sein müssen. Bisher konnte man ihre Beziehung als stressfrei bezeichnen, auch wenn nicht unbedingt Liebe im Spiel war. Der Rechtsanwalt musste sich einfach keine Gedanken um seine Frau machen und damit war er sehr zufrieden. Nun folgt er ihr, wenn sie aus dem Haus geht und ruft sie zur Kontrolle ständig an. Um das Problem zu lösen, will der Rechtsanwalt den Unbekannten finden. Und dadurch kommt er Amirs geheimen Identitätswechsel gefährlich nahe…
In diesem Roman, der in Israel sehr erfolgreich ist, geht es um (nationale) Identität und das Verbundensein mit seinen Wurzeln. Zu Beginn des Buchs gibt es dazu eine sehr schöne Diskussion:
“Ich glaube auch nicht an Parolen wie: Wer keine Vergangenheit hat, hat auch keine Zukunft.”
“Wie kann man eine stolze Generation erziehen” fragte die Frau des Gynäkologen, “wenn man ihr nicht beibringt, stolz auf ihre Vorväter zu sein, auf ihre Geschichte und auf ihr Volk? Ich verstehe dich nicht.”
“[...] Nicht nur wir Araber haben kein Recht, auf unsere Vergangenheit stolz zu sein, kein Volk auf der Welt hat das.”
[...] “Was ist denn ein Mensch ohne Wurzeln wert? Das ist wie ein Baum, kann er etwa ohne kräftige Wurzeln wachsen? Genauso ist es mit einem Kind, mit einem Volk.”
“Ich meine”, sagte der Rechtsanwalt, lächelte und hielt seinen Gästen weitere Eiswürfel und Whisky hin, um die Gemüter abzukühlen, “ich meine manchmal, dass ein Baum ein Baum ist und ein Mensch ein Mensch.” (s.47/48)
Das Buch hat mir insgesamt gut gefallen. Zum Ende hin war es für mich sehr, sehr spannend. Inhaltlich hat mich das Ende etwas enttäuscht, weil es ereignislos, zu simpel war. Was ich aber wiederum sehr gut finde, ist, dass der Autor den Leser zum Schluss nochmal zum Umdenken stimmt.
“Zweite Person Singular” ist nur eine Geschichte. Aber wie brisant sie ist, zeigt zum Beispiel ein Fall, der sich vor etwa einem Jahr ereignet hat: Ein Araber hat sich gegenüber einem jüdischen Mädchen als Jude ausgegeben und dann mit ihr Sex gehabt. Als sich seine tatsächliche Herkunft herausstellte, wurde er wegen “Vergewaltigung mit Täuschung” verurteilt. Hier klicken für den Bericht auf sueddeutsche.de
Aus dem Hebräischen von Mirjam Pressler
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