Kästner, natürlich, Erich Kästner! Eine blitzartige Erkenntnis, Wissen: Ich werde Kästner lesen!
Eigentlich ist es so, dass ich mir zu Weihnachten, „über die Feiertage“, immer einen großen Roman vornehme, einen Klassiker gern, Krieg und Frieden, Moby Dick, Tom Sawyer und Huckleberry Finn waren einige der Bücher der letzten Jahre (und, nicht unwichtig, alle schon gelesen, also ein Wiederlesen, Heimkommen eigentlich, wenn mans recht bedenkt).
In diesem Jahr war ich nicht etwas unentschlossen, Joseph und seine Brüder, Dichtung und Wahrheit, Madame Bovary waren in der engeren Wahl, als mir eben Kästner einfiel, vielleicht beim am Regal vorbeigehen flüchtig gesehen und später sich aufdrängend, so dass nur eine Möglichkeit bleibt: Kästner lesen!
Ich kenne die Kinderbücher erst seit ich erwachsen bin, er rührt mich ja wirklich zutiefst, und natürlich sind Fabian und auch Drei Männer im Schnee ein immer lohendes Vergnügen.
Drei Bücher wurden dann letztlich (wieder-) gelesen, ich mag ja die illustrierten Kinderbücher sehr, hier gibt es eine sehr gute Ausgabe für Kinder in 2 Bänden, oder die Erwachsenenromane, am allerbesten natürlich man holt sich gleich alles, ist ja längerfristig unvermeidlich!
Und nach Abschluss der Kästner-Phase bin ich grad hier:
Sean Wilentz – Bob Dylanund Amerika. Sehr, sehr gut, soweit ich das jetzt schon sehen kann, selbst für jemand der etwas mehr weiß über Dylan gibt es hier einige interessante Aspekte und Gedankenwege.
Endlich, es ist schon etwas knapp geworden, habe ich das Geschenk gefunden:
The John Lennon Letters. Erinnerungen in Briefen.
Man kann da grausame Fehler machen, ich bin sicher Viele tun das auch, es geht um das Geschenk für mich!
Meist wird man recht erstaunt angesehen, auf die Frage: Was schenkst du dir? Die Leute tun das kaum, sehr schade, wäre eine so gute Gelegenheit.
Jetzt also für mich, entschieden, die Lennon-Briefe.
Zweifel, dass ich das brauche gabs ja eigentlich keine als ich das erste Mal darin geblättert habe, unglaublich sorgfältig hat Hunter Davies in jahrelanger Arbeit Briefe, Karten, Karikaturen von John Lennon gesammelt und daraus ist dieser prächtige Band entstanden. Man sieht die Handschrift, die Zeichnungen, die manchmal sehr aufmerksam und geradezu liebevoll gestalteten Briefe, geschäftlich, emotional, ernsthaft, bissig, ironisch … man kann nicht anders als Lennon zu folgen, mitzugehen, so genau kennenlernen wird man einen wie Lennon sonst kaum: Für Fans ohnehin unverzichtbar, für Neulinge – ich glaub nicht, dass die auskommen werden, zukünftig, ohne wenigstens ein paar der wichtigsten Beatles CDs und natürlich Lennon, eine Sammlung der besten Songs mindestens und das ist ja nur vernünftig!
Tolles Geschenk! Echt! Man muss nur die richtigen Leute kennen!
Einen schweren Johnny Cash Anfall gehabt am Wochenende. Das ist entstanden beim Bücher aufräumen (man könnte manchmal auch von ins-Regal-pressen sprechen), dabei ist mir Mein Vater Johnny Cash von John Carter Cash, dem Sohn den er mit June Carter Cash hatte, in die Hände gefallen.
Der hat für dieses Buch Fotos, Songtexte, Gedichte gesammelt und natürlich seine Erinnerungen und seine recht persönliche Sicht auf den Vater und Musiker Johnny Cash.
Und ganz leicht verliert man sich im Buch, beginnt zu lesen, Bilder zu betrachten, nicht lange und man muss diesen oder jenen Cash-Song hören (es sind viele, und das CD-Regal ist gut gefüllt) und so ist ein Wochenende schnell ein Cash-Wochenende, das ist immer gut, man bekommt eine Menge von Cash und nicht zuletzt bekommt man Rätsel. Weil Cash eine so widersprüchliche Person war, wird immer etwas Rätselhaftes bleiben, die Musik wird nicht alt und nicht lösbare Rätsel halten Hirn und Herz lebendig.
The Rolling Stones: 50.
Die Stones feiern sich selbst – 50 Jahre Band-Geschichte verpackt in einen Band mit mehr als 1000 Fotos und Mick Jagger, Keith Richards, Charlie Watts, Ron Wood haben ganz ernsthaft auch selbst daran mitgearbeitet, ausgewählt, steuern Kommentare und Statements bei.
Man muss da gar nicht groß rumreden, das muss man doch haben, oder?
Weil:
Es gibt keine wahrere Aussage als:
Die größte Rock’n'Roll Band der Welt!
Schon recht früh in ihrer Karriere haben Sie in einem ihrer größten Songs auch so etwas wie eine Selbstbeschreibung gegeben:
Please allow me to introduce myself
I’m a man of wealth and taste
Aus:
Sympathy For The Devil (Mick Jagger / Keith Richards) von Beggars Banquet (68)
Auf dem nächsten Bild ist die ganze gesellschaftsumwälzende Haltung der Stones deutlich sichtbar -
Was sie natürlich selbstironisch und treffend schon 69 so beschrieben haben:
I got nasty habits, I take tea at three
“Hab übrigens gehört dieser Country Sänger Cash soll ein Konzert hier geben. Hebt das deine Laune?”
“Was für´ne Frage! Er ist der verdammte King, Mann!”
“Der King ist Elvis!”
“Vergiss Elvis! Der Schnösel würde nie hier spielen. Cash ist unser Mann. Der weiß wie es ist durch die Hölle zu gehen!”
Dieses Graphic Novel erzählt nichts anderes als die Lebensgeschichte der Legende Johnny Cash. Hitziger als der “Ring of fire” und dramatischer als “Hurt” hat Reinhard Kleist das Leben von Cash porträtiert. Von der Kindheit als unbedeutender Farmjunge bis hin zu seinem großen Durchbruch, dem bahnbrechenden Erfolg, seinen Abstürzen und seinem großartigen Comeback.
Wenn man den Titel einfach missachten würde, wäre dies wohl eine mitreißende, romantische Liebesgeschichte und ein zu tiefst trauriges Schauspiel über die Abgründe des Ruhms, dennoch ist es nicht irgendeine Geschichte, es ist die Geschichte von Johnny Cash!
Patti Smith hat so etwas wie eine Doppelautobiographie geschrieben, im Buch geht es um sie selbst und um Robert Mapplethorpe.
Ganz untrennbar verbunden haben die beiden sich als sie sich in New York gefunden haben. Natürlich erzählt sie von ihrem Herkommen, von Familie und ihren ersten Jahren, aber die Begegnung mit Mapplethorpe, ihre Liebe und ihr Wissen: wir wollen Kunst machen, sind das große Thema des Buches.
Es gibt wenig Musiker-, Dichter-, Künstler Biographien die beeindruckender wären. Das liegt zum einen an ihrem unbedingten Glauben, dem gegenseitigen bedingungslosen Unterstützen, dem Mittragen der eigenen Entwicklung und der des Gegenüber, die nicht immer leicht war, aber sehr liebevoll und echt.
Sie haben in der Zeit Ende der Sechzigerjahre, Anfang der Siebziger in New York unglaublich viele Künstler getroffen, die entweder schon sehr bekannt waren oder es wurden, vor allem in ihrer Zeit im Chelsea Hotel. Die wunderbare Szene als Kris Kristofferson zum ersten mal Janis Joplin “Me and Bobby McGee” vorgesungen hat, als Patti Jimi Hendrix getroffen hat, vor seinem Studio, und er sagte, er wäre auf dem Weg nach England um auf einem Festival zu spielen, eine Reise von der er nicht mehr zurückkam, Allen Ginsberg, Sam Shepard (der sich ihr als Slim Shadow vorgestellt hat und sie hat eine ganze Weile gebraucht bis sie herausgefunden hat, dass das ein sehr berühmter Dramatiker ist) und natürlich der König der New Yorker Kustszene Andy Warhol.
Sie haben lange gesucht, bis sie herausgefunden haben, wo ihre Hauptfähigkeiten lagen, bis Mapplethorpe zum Fotographen wurde und Patti Smith zur Dichterin und Musikerin, und natürlich ist das Buch auch voller Verlust: Joplin, Hendrix, Jim Morrison, viele sind verstorben und der Hauptteil des Buches endet auch mit dem Tod von Mapplethorpe, aber trotzdem ist es kein deprimierendes Buch.
Patti Smith hat eine dem-Leben-Zugewandtheit, eine Lebensfreude, die, bei aller Düsterkeit, das lesen von Just Kids zu einer großen Freude macht.
Mit “Black Jesus” ist dem Musiker Simone Felice ein sehr schöner und sehr eigenwilliger Debütroman gelungen:
Melancholisch und rauh, verzweifelt und voller Herz, melodisch und spröde.
“Wir Menschen sind wie ein Mosaik, bestehend aus unseren Genen, aus Büchern, die wir gelesen haben, aus Fernsehsendungen, die wir als Kinder gesehen haben, aus Erinnerungen, Gefühlen, all dem. Alle meine Figuren sind kleine Teile von mir, ich versuche mir mit ihnen einen Reim auf mich selbst zu machen.”
Simon Felice hat ein Herz für Verlierertypen. Black Jesus, ein eher zarter, weißer Junge, hat im Krieg sein Augenlicht verloren. Davor hat er viel zu viel vom Krieg gesehen. Seine Mutter hat ihren Wohnwagen abgefackelt, in der Hoffnung, das das Geld der Versicherung ihr zu einem besseren Leben verhilft. Gloria, die Stripperin, hat erfolgreich vorgetanzt und die Zusage eines guten Balletts erhalten. In der gleichen Nacht wird sie von ihrem Liebhaber so verprügelt, dass sie nie wieder tanzen wird. Diese Figuren treffen in Gay Paris aufeinander, einem Kaff im amerikanischen Nirgendwo. Nur das “Paris” im Namen des Ortes erinnert an Eleganz und Größe. Und so ist das Leben der Figuren: Erinnerungen an eine Größe, die hätte sein können …
Johnny Cash wäre am 26. Februar 80 Jahre alt geworden, 2003 ist er verstorben.
Geblieben ist er ein Monument amerikanischer Musik. Das könnte im ersten Moment abschrecken, Monumente sind häufig etwas schwer zugänglich und zu Bewahrern des reinen Erbes fühlen sich auch immer gern die Kenner berufen, aber das ist alles nicht so wichtig, was man braucht sind ein paar Johnny Cash CDs (auf jeden Fall die American Recordings, die Rick Rubin in den letzen Lebensjahren mit Cash produziert hat, und natürlich auch Aufnahmen aus den Anfangszeiten der Karriere, und von denen dazwischen natürlich.), vielleicht auch noch die eine oder andere DVD, von den Büchern ist für mich dieser Bildband der interessanteste: Johnny Cash. Fotos von Andy Earl
Andy Earl hat Cash 1994 auf der Australientournee begleitet und 1997 in Nashville besucht, entstanden sind großartige Fotos, die Cash zeigen wie er wohl tatsächlich war: ernst, amüsiert (“verschmitzt” fällt mir ein), für einen Spaß zu haben und natürlich, das war ja sein Leben, ein Showman.
Hier ein paar meiner Lieblingsfotos aus dem Bildband:
Greil Marcus, verehrender Schreiber über Bob Dylan, begibt sich hier auf die Suche nach, und die Beschreibung von Van Morrison: When That Rough God Goes Riding.
Marcus hat schon immer polarisiert, seine Beschreibung von Musik und ihrer Wirkung, unter Einbeziehung der ganzen Welt, Geschichte, Mystik, Weltall, Liebe, endgültige Erkenntnis, das kann er alles, und mehr, mehr, in einem Seufzen des Sängers finden, ist nicht jedermanns Sache.
Ich finds wunderbar, lese alles was ich von ihm finden kann und hab größtes Vergnügen damit.
Es ist ja ein einfaches Mittel: man muss ihm nicht in allem folgen, aber man kann prächtig sich selbst, das eigene Hören und Verstehen messen und vielleicht das Wichtigste, man wird gezwungen die Musik wieder einmal genauer anzuhören, hinzuhören, was denn wirklich in der Musik steckt, und jedes Mal wieder wird man Neues drin finden, ohne Zweifel, weil wir hier über Van Morrison reden, einen echten Zauberer.
Johnny Cash in den 90er Jahren.
Andy Earl hat ihn 1994 und 1997 besucht in Nashville und er hat ihn, nachdem der Produzent Rick Rubin Cash mit den “American Recordings” noch einmal weltweit erfolgreich gemacht hatte, auf der Australientournee 1994 begleitet. Entstanden sind grandiose Fotos, die die unglaubliche Präsenz von Johnny Cash zeigen.
Earl sagt, dass die beiden Hunde auf dem Coverfoto sich tatsächlich freiwillig so hinsetzten, aber man sieht auf den Fotos auch, dass Cash sich amüsiert über die Inszenierung, und trotzdem sind sie ernst und würdevoll, und eben mit einer kleinen Ironie – einer der Bildbände die man haben sollte, weil sich mehrmaliges Anschaun wirklich lohnt.
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