Es gibt einen neuen Gedichtband von Walle Sayer – Strohhalm, Stützbalken!
Auftakt
Ohne Lehrerlaubnis
fällt draußen Schnee.
Daß du stehst neben dir
am Fenster deiner Dachkammer.
Hinausschaust als wie einer,
der auf nichts wartet.
Bis schwarz eine Katze
den Garten durchquert.
Schnee fällt draußen
und bedeckt das Weiß.
Wie immer sind es die kleinen und die kleinsten Momente, die er beschreibt, Winzigkeiten die leicht zu übersehen sind, er betätigt sich als Hinweisgeber, als Draufzeiger, manches Gedicht taugt als Spiegel, viele sind Zusammengesetzt aus Erinnerungsmomenten, die oft überraschende Erkenntnisse vom Werden in den Jetzt-Zustand erzeugen.
Ich denke das wirklich passende Wort für das was die Gedichte von Walle Sayer auslösen, neben dem Erzeugen von Bildern, ist: sinnieren, man muss ihnen nachsinnieren.
Das ist eine sanfte und stille Tätigkeit, die aber die nützlichsten Ergebnisse haben kann, so gesehen sind die Gedichte praktische Lebenshilfe, auf ihr stille und unaufdringliche Art.
Also: Lesen Sie, die helfen und freuen und nützen, die Gedichte von Walle Sayer.
Antonia Michaelis und ihr überzeugender Roman Paradies für alle
David ist 9 Jahre alt und ein sehr außergewöhnliches Kind. Im Rahmen eines Schulprojekts befaßt er sich mit den Weltreligionen.
Ihm wird klar, dass es sehr vielen Menschen in seiner Umgebung schlecht geht und beschließt, mit Hilfe seiner Freundin Lotta, ein Paradies für alle zu schaffen. Er dokumentiert sein Programm in verschlüsselten Werkstattberichten. Wird ihm das scheinbar Unmögliche gelingen?
Hier beginnt die Geschichte. Davids Eltern erhalten einen Anruf und erfahren, das der Junge auf der Autobahn angefahren wurde. Er ist schwer verletzt und liegt im Koma. Seine Mutter, Lovis, kann sich nicht erklären wieso das passieren konnte. Sie recherchiert und entdeckt die verschlüsselten Berichte. Schritt für Schritt entwickelt sich die Handlung bis zum bitteren Höhepunkt. Nicht nur das Schicksal des Jungen sondern auch das der Mutter wird grandios erzählt. Lovis fällt in eine tiefe Lebenskrise, trennt sich von ihrem Mann und erfährt viele Wahrheiten über sich, ihre Familie und ihre Mitmenschen.
In seinem neuen Roman Ewig Dein gelingt Daniel Glattauer ein beeindruckender Spagat zwischen Liebesgeschichte und Psychodrama.
Der Text ist beklemmend und spannend. An mehreren Stellen stockt einem der Atem ob der Konsequenz der Handlungsführung. Bis zur letzten Seite hat Glattauer den Leser fest im Griff.
Alles fängt ganz harmlos an. Judith, die einen kleinen Lampenladen führt, ist schon seit längerer Zeit auf der Suche nach dem richtigen Mann. Wie der Zufall so will, läuft ihr im Supermarkt Hannes, ein Architekt, durch ein Missgeschick über den Weg. Aus dieser Zufallsbekanntschaft entwickelt sich, ziemlich einseitig forciert durch Hannes, eine Liebesbeziehung. Judith spürt eine immer stärkere Einengung, versucht sich zu entziehen. Hannes spinnt geschickt alle Fäden im Hintergrund, um “seine” Judith für immer und ewig an sich zu binden. Mit seinem Charme wickelt er Judiths Freunde und Geschwister, sogar die Eltern, um den Finger.
Glattauer arbeitet sehr schön die kranke, liebesbesessene Persönlichkeitsstruktur von Hannes heraus, der durch sein Verhalten Judith an den Rand des Abgrunds bringt. Beklemmend mitanzuschauen wie Judith immer mehr abgleitet in eine psychisch ausweglose Situation.
Mein böses Herz ist ein Psychothriller für Jugendliche von Wulf Dorn.
An einem Sonntagmorgen ändert sich für die siebzehnjährige Doro alles. Am Abend zuvor hatte sie sich noch mit ihren Eltern gestritten, die ihren Hochzeitstag feiern wollten und sie zum babysitten verdonnert hatten, obwohl sie auf den Geburtstag ihres Schwarms Ben gehen wollte, jetzt liegt ihr Bruder Kai tot im Bett. Doro gibt sich die Schuld am Tod ihres Bruders, aber sie kann sich an nichts in dieser Nacht erinnern. Nur der tote Kai verfolgt sie als Wahnvorstellung überall hin, sodaß sie in der Psychiatrie landet. Als Psycho abgestempelt, hat sie es nach ihrer Rückkehr aus der Klinik schwer, ihr Vater verläßt die Familie, ihre Mutter zieht mit ihr in eine andere Stadt. Durch die Therapie und ihre Medikamente glaubt Doro sich wieder ganz gut im Griff zu haben, doch dann findet sie mitten in der Nacht einen unbekannten Jungen in ihrer Gartenlaube. Sie ruft den Notarzt und die Polizei, aber der Junge ist verschwunden. Somit wird sie auch in der neuen Stadt als Freak bekannt und sie beginnt selbst an ihrem Verstand zu zweifeln. Als sie dann noch herausfindet, daß der Junge Kevin hieß und einen Tag zuvor bei einem Brand in seinem Auto umgekommen sein soll, stellt sie eigene Nachforschungen an, bei denen sie dem Mörder immer näher kommt. Niemand nimmt ihre Vermutungen ernst und sie selbst gerät immer mehr unter Streß, was bei ihr neue psychotische Schübe auslöst, die sie zwingen, sich mit der Nacht auseinanderzusetzen, in der ihr Bruder gestorben ist.
Schweig still, süßer Mund ist ein Jugendthriller von Janet Clark in bester Arena Thriller Manier.
Die 18jährige Ella und die 17jährige Jana sind Freundinnen. Beide gehen noch zur Schule und wollen ihr Abi machen. Ella ist blond, blauäugig und schön, Jana rothaarig und tollpatschig, kommt sich neben Ella oft wie ein Aschenputtel vor. Trotzdem ist Ella ihre beste Freundin, und als sie eines Tages spurlos verschwindet, schöpft Jana sofort Verdacht. Sie ahnt, daß etwas nicht stimmt. Obwohl Freunde und Familie ihr diverse Gründe nennen, warum Ella verschwunden sein könnte und auch die Polizei Hilfe verweigert, denn Ellas Eltern sind auf Weltreise und unerreichbar, nimmt Jana die Suche allein auf.
Sie, ihre Schwester Miriam und ihr Kumpel Fabian veröffentlichen eine Webseite mit Ellas Foto und schon bald gehen Hinweise ein, die Jana zunächst für blanken Unsinn hält, die sie aber immer tiefer in einen Sumpf aus Internetkriminalität und Erpressung führen. Schließlich muß Jana zugeben, daß Ella ein Doppelleben führte, von dem sie nicht die geringste Ahnung hatte. Warum hat sie sich mit dem Drogendealer Toschi eingelassen? Oder mit Sabrina, eine Frau, die für eine Karriere beim Film alles tun würde, auch Leute erpressen? Als Sabrina tot aufgefunden wird, bangt Jana auch um Ellas Leben. Sie ermittelt auf eigene Faust weiter und kommt dabei dem Mörder gefährlich nahe.
Alex Capus kann es einfach: So schön und packend schreiben, dass man traurig ist, wenn das Buch irgendwann sein Ende findet. Und mit “Fast ein bisschen Frühling” ist nun im Verlag Hanser eine wahre Perle seines Schaffens in einer kleinen Geschenkausgabe erschienen, die zum ersten Mal im Jahre 2002 aufgelegt wurde.
Eine Mischung aus Tatsachenbericht und Fiktion ist diese Geschichte der zwei Verbrecher Waldemar Velte und Kurt Sandweg, die Basel im Winter 1933/34 im wahrsten Sinne des Wortes “unsicher” gemacht haben. Um ihre Flucht aus Nazideutschland Richtung Indien finanzieren zu können, überfallen sie eine Basler Bank – mit tödlichen Folgen. Und doch schaffen sie es nicht, die Schweiz endgültig zu verlassen. Denn da ist Fräulein Dorly Schupp, die den beiden so freundlich geholfen hat, als sie im Warenhaus Globus nach einer Schallplatte suchten… Außerordentlich gut, was Capus aus diesem Stoff gezaubert hat!
Der Junge, der Gedanken lesen konnte ist ein Jugendkrimi von Kirsten Boie, der auf geniale Weise Lebensphilosophie und Krimistory miteinander verknüpft.
Valentin ist allein mit seiner Mutter von Rußland nach Deutschland gekommen. Hier leben sie in einem tristen Mietshaus, seine Mutter arbeitet den ganzen Tag und Valentin ist in den Sommerferien sich selbst überlassen. Der Friedhof in der Nähe seiner Wohnanlage zieht ihn magisch an, denn hier ist es kühl und schattig, außerdem treiben sich hier die merkwürdigsten Leute herum. Zum Beispiel Dicke Frau, eine Pennerin, die den ganzen Tag über den Verlust ihrer Dollarmünze trauert, die Schilinskys, die die von ihnen gekaufte Grabstelle als Schrebergarten nutzen und jeden Tag dort Picknick machen, der Friedhofsgärtner Bronislaw und der nette alte Herr Schmidt mit seinem Hund Jiffel. Ideal für einen Hobbydetektiv wie Valentin, der zudem noch Gedanken lesen kann. Denn immer, wenn Valentin einen Menschen direkt anschaut, fällt er sozusagen in dessen Kopf, d.h. er sieht die Gedanken dieses Menschen als Bild. Das kann schon ganz schön verwirrend sein. Aber die Bilder, die er im Kopf des Friedhofsverwalters sieht, machen ihm Angst. Als dann auch noch Bronislaw niedergeschlagen wird, gerät Valentin Hals über Kopf in eine Kriminalgeschichte, bei der es um Juwelenraub geht. Zum Glück hilft ihm der türkische Nachbarsjunge Mesut bei seinen Ermittlungen. Wie gut, daß Mesuts Bruder bei der Polizei ist, sonst würde die Geschichte für die beiden gar nicht gut ausgehen!
Das Buch Ab jetzt ist Ruhe von Marion Brasch ist ein autobiografischer Roman über ein unaufgeregtes Leben in der DDR und, wie im Untertitel zu lesen, ein Roman meiner fabelhaften Familie.
Das Bild der Malerin Kim Reuter, das der Verlag für den Einband ausgewählt hat, verweist auf C.D. Friedrichs Die Frau im Fenster. Konnte Letztere noch auf Natur und vorbeifahrende Schiffe blicken, schaut die Frau auf dem Einband auf eine schemenhaft gestaltete Neubausiedlung. Beide Frauen haben etwas gemeinsames: ihre Gesichter sind nicht zu erkennen. Die Eine sieht man nur von hinten, die Andere von der Seite, das Gesicht zum Fenster seitlich abgewandt.
Seitlich abgewandt. Seltsam entrückt, mitunter teilnahmslos ist Marion Braschs Protagonistin, die kleine Schwester. Sie spielt in ihrer Familie nur die zweite Geige. Die Mutter stirbt früh, der Vater, ein ehemaliger stellvertretender Kulturminister ist autoritär und parteitreu. Über ihre Brüder schreibt sie: Mein ältester Bruder schrieb Gedichte und kannte interessante Leute, mein mittlerer Bruder spielte Theater und drehte Filme, und mein jüngster Bruder studierte in Leipzig seiner Exmatrikulation entgegen. Ich war stolz ihre kleine Schwester zu sein – auch wenn sie sich für mein Leben immer weniger zu interessieren schienen. Ich nahm es ihnen nicht übel.
Bereits zum 11. Mal lud der Berliner Wintersalon zu Geschichten in Jurten ein. Diese Veranstaltung vom 12. – 15.01. im Sony Center am Potsdamer Platz war auch dieses Jahr wieder ein Genuß für alle Literaturliebhaber. Bei freiem Eintritt konnte man aus 100 Lesungen von 35 Autoren unterschiedlicher Genres auswählen. Jede Lesung dauerte etwa 30 – 40 Minuten und fand, und das war das Besondere, in einer mongolischen Jurte statt. Diese gemütlichen Rundzelte der mongolischen Nomaden, aus Holz, Baumwolle und Filz gefertigt, brachten Autoren und Zuhörer auf engstem Raum zusammen, und es entstand eine ganz besondere Atmosphäre.
Als ich mein neues e-book-Lesegerät, den Trekstor, in der Buchhandlung Hugendubel in München am Marienplatz, erstand, überlegte ich natürlich intensiv, welches Buch die Ehre bekommen sollte, als erstes e-book von mir gelesen zu werden.
Ich entschied mich für eine preiswerte Ausgabe
von Goethes “Wahlverwandtschaften“, die ich auf der Internetseite von hugendubel.de erstand und downloadete. Die angebotene Ausgabe orientiert sich – was ich als sehr angenehm empfand – an Goethes eigenen Vorgaben: also eine oft etwas irritierende Interpunktion, auch die abgeklärte sprachliche Rundheit der Ausgabe letzter Hand fehlt etwas.( Der Zauber des Ursprünglichen, der oft enthüllt, was verborgen bleiben sollte??)
Zum einen sind “Die Wahlverwandtschaften” eines der Bücher, die mich durch mein bisheriges Leser-Dasein treu begleiteten und – bei oftmaliger Lektüre – immer neue Facetten Goetheschen Denkens und Schreibens mir bewusst werden liessen.
Zum anderen gibt es Bücher, deren Sinn sich erst – im archäologischen Sinne – Schicht für Schicht erschliesst, die man, sozusagen, mit einem kleinen feinen Pinsel bewaffnet lesen muß, um Zusammenhänge und Strukturen freizulegen, die sicher auch dem Autor selbst oft nicht bewusst waren.
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