Summer. Pop. Shopping. – Ein Rundgang über die Artwork-Messe für Künstler und Designer am 14.08.2011 in der Alten Münze am Molkenmarkt in Berlin und was das mit Büchern zu tun hat.
Man tritt ein in eine große alte Halle mit kleineren Nebenräumen. Wo früher Münzen geprägt wurden, stehen jetzt überall Tische und Aufsteller mit bunten Auslagen. Ein DJ legt dezent auf. Lieder von Liebe und Sehnsucht werden aus vergilbten Plattencovern gezaubert. Staunend geht man von Stand zu Stand, um zu begutachten, was 150 Künstler und Designer so an Artwork im Programm haben. Hat man sich schließlich durch die Anbieter von bedruckten Milchtüten und Thermoskannenwärmern (Prinzip Mäntelchen), Wandtattoos, Möbeln aus Blech von alten Ölfässern und Autokarosserien, sowie schrägen Klamotten aus Abfallprodukten durchgearbeitet und sich dann ein Kaltgetränk im Retro-Loungebereich gegönnt, kann man sich auf die wunderschönen Auslagen einiger handverlesener Buchverlage freuen.
Ich mag die Romane von Thommie Bayer. Angefangen habe ich damals mit “Das Aquarium”.
Und das letzte, welches mich wieder fasziniert hat, ist dieses. … jetzt im Taschenbuch bei Piper erschienen.
Alexander, Antiquar aus Leidenschaft aber wirtschaftlich immer auf´m Drahtseil, lernt durch eine glückliche Fügung Faller kennen …. Kennenlernen ist zuviel gesagt, denn DAS tut er erst auf einer gemeinsamen Tour durch Deutschland, … die mysteriös beginnt und mit allen Antworten … für Alexander und den Leser endet. Faller ist eine interessante Person, mit viel Geld, vielen Büchern und einem wunderschönen Jaguar (das einzige Auto, welches ich SCHÖN finde). … und vielen Geheimnissen; einer enormen Wirkung auf Frauen und einem imposanten Wissen.
Diese zwei Männer verbindet mehr, als Alexander ahnt. Faller dagegen weiß, was er tut. Und warum.
Ich bin immer hingerissen von der Sprache Bayers. Und diese spannende, sinnliche Geschichte …. sinnlich weil Bücher und Frauen eine große Rolle spielen… ließ mich am Ende mit Tränen in den Augen im Zug sitzen ….
Walle Sayer heute mit einem Straßenbild:
Straßenkater
Aufgehängt über deiner leeren Milchschale, das Katzenlebengedicht von Sarah Kirsch. Nur an jedem dritten Tag kommst du lautlos jetzt noch heim, abgemagert, das Ohr eingerissen und mit einem Biß über dem Auge. Nicht gestreichelt willst du werden, hältst kurz nur still, bis ich die Zecken dir entferne, und bist schon wieder weg. Nachts, bei offnem Fenster, hör ich dich heraus aus dem Chor der Liebeskranken.
Tagsüber, da liegst du am andern End vom Dorf, eingerollt, auf Holzbeigen, auf der Friedhofsmauer, beim schattigen Sockel vom Kriegerdenkmal. Und du läßt dich nicht stören durch die Männer, die heimkommend von der Frühschicht, vorübergehen an deinem Schlaf.
Im September erscheint der Neue Paul Ingenday,
dies ist der alte, der mich nachhaltig berührt hat.
Marko ist mit seinem jüngeren Bruder im Internat, weil Mutter und Vater nich so richtig miteinander können. Marko leidet sehr unter dem Liebes- und Familienentzug, versucht, eine Überlebensstrategie im Internat fernab von Zuhause , der Geborgenheit zu entwickeln. Sympathisch, leise und so wunderschön erzählt uns Paul Ingenday eine Geschichte.
erzähl du mir deine, … schatz
Georg Ringsgwandl – ich habe seit langem die starke Vermutung, dass er ein ZEN-Meister ist. “Das Leben und Schlimmeres. Hilfreiche Geschichten”, sein neues Buch, verstärkt meine Vermutung.
Wenn ichs richtig weiß, ist es so, dass der ZEN-Meister seinem Schüler helfen will und muss, das logische Denken zu vermeiden, zu vergessen, es zu verhindern, um ihm einen unverstellten und direkten Weg zur Erleuchtung zu zeigen und zu ermöglichen.
Das logische Denken also – genau dem geht Ringsgwandl auch an den Kragen.
Ich hab ihn einige Male live gesehen, spielt er so grandiose Shows wie UNTERSENDLING, ist es schon passiert, dass er recht gelassen und ruhig die meisten Songs der CD spielt, begleitet von einer Gruppe herausragender Musiker, Nick Woodland etwa, der coolste und vermutlich der beste englische Münchner, der jemals Gitarre gespielt hat, da also kann es sein, daß Ringsgwandl das Publikum mitnimmt, in gar nicht so weit entfernte Gegenden wie etwa bei “Lebn ois wiara Kuah” oder “Nachtaktives Tier” – er spielt auch ein paar sehr gute Cover-Versionen, etwa ” Nix mitnehma” nach “Gotta serve somebody” von Bob Dylan oder, ganz grandios gut getroffen, “C’est la vie” nach “You never can tell” von Chuck Berry.
Eine Bestandausnahme der bayerischen Gegenwartslyrik.
“Ois is easy” Gedichte aus Bayern (Herausgegeben von Anton G. Leitner) – das ist hinterfotzig genug, ein grandioser Titel, der natürlich nur einen Teil des bayerischen Lebensgefühls beschreibt. Klar, es gibt sie, die allzeit glücklichen “easy”-Bayern, die Dichter sinds nicht ganz. Sie mögen schon auch Bier und Scherz, und Berg und See und was die Klischees (die immer natürlich auch einen echten Kern haben) mehr sind, aber sie sehen halt mehr, tun die Scheuklappen weg.
Die Geschichte, das -tümeln, der Witz – alles wird zum Thema der bayerischen Dichter, und natürlich sind sie nicht beschränkt auf Bayerisches, das taugt schon auch für außerbayerische Leser, auch wenns mit einigen der Mundartgedichte vielleicht nicht einfach ist.
Hier ein perfektes Beispiel für das “Ois is easy”-Lebensgefühl und was dahinter ist:
Karl Krieg
Echd boarisch
A weißblaue Tapetn
üwa b Fassadn bigga
wei da Budds breggld
Übersetzung:
Echt Bayerisch
Joachim Ringelnatz kennt jeder und jeder kann sofort etwas zitieren:
Ich habe dich so lieb!
Ich würde dir ohne Bedenken
Eine Kachel aus meinem Ofen
Schenken.
Man hält ihn für einen Humoristen, einen der immer lustige Gedichte schreibt.
Das stimmt, aber auch in den lustigen Gedichten kann sich der Satiriker, der genaue Beobachter der menschlichen Unzulänglichkeiten nicht ganz verstecken, und selbst hier, obwohl fast liebevoll beschrieben, sind die Menschen und ihre fehlende Flexibilität, nicht nur humorvoll gesehen:
Bumerang
War einmal ein Bumerang;
War ein Weniges zu lang.
Bumerang flog ein Stück,
Aber kam nicht mehr zurück.
Publikum – noch stundenlang –
Wartete auf Bumerang.
Die Seemannsgedichte, die Kindergedichte, erotische Gedichte – ein Fülle. Amüsant und oft mit einem Unterton von Melancholie – so wies die ernsthaften Menschen halt haben.
Das Buch “Heldensommer” von Andi Rogenhagen ist echt ein Knüller! Der Held der Geschichte ist 15 Jahre alt, steckt volle Kanne in der Pubertät und hat einen totalen Hass auf seinen Französischlehrer, Zitat: “Mairesse, die Sau!” Philipp macht sich also zusammen mit seinem Kumpel Borawski auf nach Frankreich, in das Dorf indem Mairesse zu Hause ist. Ziel dieser Expedition: ein Denkmal, tja … ich nenne es mal “aufhübschen”. Los geht´s per Anhalter, ohne Plan, aber mit Ziel und das ist nicht immer so toll, wie man sich das jetzt so vorstellt. (Ich möchte an der Stelle nicht weiter ins Detail gehen, sonst wäre ja der Spaß verdorben.) Ach ja, da gibt es natürlich noch die Mädels. Sie scheinen unerreichbar, von einem völlig anderen Planeten.
Die Jungs haben öfter mehr Glück als Verstand und das macht den Pepp an der ganzen Geschichte. Man soll es kaum Glauben, aber am Ende scheinen alle Beteiligten sogar noch was gelernt zu haben. Ein Buch zum schmunzeln, aber meistens dann doch zum laut losbrüllen. Und wer es gelesen hat, stellt sich die Frage: War ich mit 15 auch so drauf?!
“Ich will wie meine Katze riechen” von Julius Fischer ist meine Entdeckung der Leipziger Buchmesse 2011.
Walle Sayer heute mit einem Text der schwer wiegt:
Ein hingelegter Stein
Ich weiß nicht mehr, aus welchem Schmerz ich entstanden bin. Ich lag am Rand eurer Wege. Die Vögel haben ihre Schnäbel an mir gewetzt. Ich erinnre mich, einem kleinen Jungen verholfen zu haben zum Sieg über einen Riesen. Mein Schweigen verzeiht es nicht, daß ich geworfen wurde auf Ehebrecherinnen und in Synagogenfenster. Die Zeit mißt sich mit mir. Mein Los ist es, alles zu überdauern.Nehmt mich zum Bau einer Klagemauer und ich werde euch anhören.
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