Es gibt einen neuen Gedichtband von Walle Sayer – Strohhalm, Stützbalken!
Auftakt
Ohne Lehrerlaubnis
fällt draußen Schnee.
Daß du stehst neben dir
am Fenster deiner Dachkammer.
Hinausschaust als wie einer,
der auf nichts wartet.
Bis schwarz eine Katze
den Garten durchquert.
Schnee fällt draußen
und bedeckt das Weiß.
Wie immer sind es die kleinen und die kleinsten Momente, die er beschreibt, Winzigkeiten die leicht zu übersehen sind, er betätigt sich als Hinweisgeber, als Draufzeiger, manches Gedicht taugt als Spiegel, viele sind Zusammengesetzt aus Erinnerungsmomenten, die oft überraschende Erkenntnisse vom Werden in den Jetzt-Zustand erzeugen.
Ich denke das wirklich passende Wort für das was die Gedichte von Walle Sayer auslösen, neben dem Erzeugen von Bildern, ist: sinnieren, man muss ihnen nachsinnieren.
Das ist eine sanfte und stille Tätigkeit, die aber die nützlichsten Ergebnisse haben kann, so gesehen sind die Gedichte praktische Lebenshilfe, auf ihr stille und unaufdringliche Art.
Also: Lesen Sie, die helfen und freuen und nützen, die Gedichte von Walle Sayer.
Eine Liebeserklärung an die Liebe – das ist Stepan Siggs neuestes Buch “Das hohe Lied der Liebe”, erschienen im Gabriel Verlag. Eine Sammlung voller Geschichten, Gedichte und Gebete über das höchste aller Gefühle. Hier ist nichts verstaubt und trocken, hier werden flotte Geschichten aus dem Alltag Jugendlicher erzählt, die vor allem eines vermitteln: Liebe ist ein großartiges Geschenk! Ein tolles Präsent zur Konfirmation. Empfohlen ab 13 Jahren.
Ein Kaleidoskop voller Momentaufnahmen. Das erste Mal verliebt sein. Aus Liebe Dinge tun, die man normalerweise nie tun würde. Mut haben jemandem seine Liebe zu gestehen. Seine Liebe verheimlichen. Angst vor Enttäuschungen haben. Ungeduldig warten auf die Liebe. Ein Risiko eingehen und die Gefahr verletzt zu werden in Kauf nehmen. Eifersüchtig sein und Liebeskummer haben. Von der Liebe überrascht und verzaubert werden.
Mit in sich abgeschlossenen, teilweise leicht vorhersehbaren Kurzgeschichten (was das Lesevergnügen dennoch nicht mindert!) unterhält Stephan Sigg seine jugendlichen Leser. Die Texte schaffen viel Raum für eigene Gedanken und durch ihren großen Alltagsbezug auch die Möglichkeit sich in manchen Episoden selbst wiederzuerkennen. Am Ende des Buches wird…
Da ist er endlich!
Der Gedichtband von Robin Robertson – Am Robbenkap.
Ich habe wirklich auf das Buch gewartet, seit der ersten Ankündigung.
Aus zwei Gründen:
Ich kannte ein paar Gedichte von Robin Robertson aus der großartigen Anthologie Beredter Norden. Schottische Lyrik seit 1900; von der hier ja schon mehrmals die Rede war, von der man gar nicht genug reden kann, die mich letzte Woche wieder zwei Tage aufs Beste beschäftigt hat, die in dem eigenwilligen und großartigen Verlag Editon Rugerup erscheinen ist und weil Jan Wagner der Übersetzer ist.
Jan Wagner ist ohne Zweifel einer der besten unter den jüngeren deutschsprachigen Lyrikern (der Beste zu sagen geht nicht, immer wenn ich so etwas versuche, etwa das beste Album von Bob Dylan, scheitere ich kläglich, bei Dylan hab immer schon 5 auf dem ersten Platz, zehn unter den ersten Fünf … “Das Beste” ist eine Scheinkategorie), Jan Wagner also hat hier übersetzt und ein Nachwort beigesteuert, wenn er unter den besten Lyrikern ist, muss man auch Übersetzungen von ihm beachten (und mindestens den neuesten Gedichtband: Die Eulenhasser in den Hallenhäusern!
Man kann Robertson als Naturlyriker bezeichnen, das sind immer wiederkehrende Themen, Wald (Schwimmen im Wald,… öffnen sich die Türen des Waldes…) Tiere (Die Sprache der Vögel, Was die Pferde nachts sehen), Wasser – Meer, Regen (Der See in der Abenddämmerung, Gesetz der Insel), und immer gehören die Menschen dazu, sind ganz Teil der Gedicht-Welt (Witwenweg, Der Immoralist), sind Beobachter und gleichzeitig Teil des Bildes und des Geschehens.
BERTA UND ICH GEHN ZUM MASKENBALL
(aus Joachim Ringelnatz – Sämtliche Gedichte)
Gänse, die als Prinzessinnen sich weiden.
Schafsköpfe, die als Schafskopf sich verkleiden.
Türken, die eine Bettlerin
Mit „Frau Geheimrat“ titulieren,
Cowboys mit Oberlehrermienen. – –
Nur die dabei verdienen und bedienen,
Erkennen solchen Unfugs Sinn.
Und beinah nur für diese Wenigen
Mischen wir andern uns auf buntem Teller
Zum außerordentlichen italienischen
Salat, als Stückchen dran und drin.
Berta, frisier dich etwas schneller!
Weil ich ein fertig angezogener Chinese bin.
Es braust ein Ruf wie Donnerhall, –
Berta, wir gehn zum Faschingsball,
Zu Karnevallerie Krawall,
Pot-Pickles, Mixed-Pourri und Drall.
Denn mancherlei im Leben – vielerlei! –,
Das man nicht sagt, lässt tanzen sich und grölen.
Und köstlich ist ein unverbindlich Küssen.
Maria Stuart, heute bist du frei.
Rasch! Gieße Flieder in die Achselhöhlen!
Nimm diese Mark für Trambahn und mal müssen.
Das Auto hin, das werde ich bezahlen.
Bin ich nicht nett??
Und geh heut nacht mit wem du willst in das Schafott.
Mach zu! Mein Hütchen – und mein Paletötchen. –
Steig ein! – Die Schlüssel? – Und die Schinkenbrötchen?
Töff töff rrrr –
Kürzlich gab es als Gedicht des Tages auf hugendubel.de von Melanie Arzenheimer
ERDVERBUNDEN
Schmecke mich
entdecke mich
verzehre dich
nach mir
gleich hier
im Wald
ich komme bald
ganz insgeheim
Ich, dein Trüffel –
Du, mein Schwein
Die trüffelschweinischen Eigenschaften sind auf jeden Fall für dieses große Buch nützlich:
Deutsche Gedichte. 1500 Gedichte von den Anfängen bis zur Gegenwart
Bei 1500 Gedichten muss man die nützlichen, die trüffeligen Gedichte suchen, findet sie natürlich überall, zumindest werden die „das-ist-ein-großartiges-Gedicht-Findefähigkeiten“ sehr gut trainiert.
Helmfried von Lüttichau kennt man als Schauspieler – wenn ich jemals so etwas sagen würde dann müsste ich sagen: Ich bin sein Fan! – aber jetzt hat er noch etwas anderes getan, er hat einen Band mit Gedichten veröffentlicht: Helmfried von Lüttichau – was mach ich wenn ich glücklich bin. Gedichte.
Ich denke immer, dass bei den Filmen und Serien entweder sehr gute Drehbuchautoren beteiligt sind, etwa für die ARD-Vorabendserie Hubert und Staller, oder dass er auch selbst am Dialog mitschreibt, weil er eine so großartige Übereinstimmung von Text und Gesicht, Figur und Inhalt zustande bringt, dass ich immer wieder völlig begeistert bin.
Es ist keine Clownerie die er macht, auch wenn’s manchmal sehr amüsant ist, sondern ernst-lustig, leichte Melancholie ist spürbar – und das alles steckt auch in seinen Gedichten.
Helmfried von Lüttichau zeigt sich da als nachdenklicher und ernsthafter Autor, der nichts gegen einen Scherz hat, aber keine Albernheiten abliefert. Sehr interessant und lesenswert.
Extra erwähnen muss man unbedingt die Illustrationen von Anja Nolte die perfekt zu den Gedichten passen und ich denke, dass „ernst-lustig“ (und noch mehr gute Eigenschaften) auch die Bilder gut beschreibt.
H.C.Artmann – einen wie ihn gibt’s nicht oft, sehr selten, gar nicht wahrscheinlich.
Kein Vergleich möglich, ja, ich glaub so ist‘s: man kann ihn nicht vergleichen, ein Alleiniger, Einzelner, geschickt mir den Worten, beeindruckend im Umgang mit den Gedanken, weil er so viel weiß und nutzt und witzig dass man‘s kaum packt.
Die Prosa natürlich, verzwickt, versponnen, eigen, vielfältig und grad so die Lyrik. Da bleibt nichts ausgespart, auf jeder neuen Seite kann es zu überraschenden Begegnungen kommen.
Geschichte und Geschichten, Märchen und Mythen werden verarbeitet, Alltag wird nicht ausgespart, auch wenn manche Situationen in neuen Zusammenhängen dargestellt werden.
Ich glaube, dass eines seiner Hauptziele ist seine Leser zum Staunen zu bringen – und das schafft er grandios!
Schneegedichte – auf den ersten Blick sieht das Buch aus wie ein plüschiges Geschenkbuch, laut Verlag ist das Cover „Dunkelblaues Velours mit Prägung“, das könnte man leicht übersehen, wenn man nicht grad auf ein Geschenkbuch aus ist. Aber man kann ja alle Bücher verschenken, man muss nur herausfinden, wem man was schenken kann. In diesem Fall wird man recht schnell sehen, dass mans mit einer sehr guten Sammlung von Gedichten zu tun hat deren Thema Schnee ist. Oder anders gesagt, die um das Thema Schnee herum das tun, was Gedichte halt tun: Freude machen, Rätsel erzeugen, neue Bilder schaffen, Denken erzwingen, Wiederlesen brauchen …
90 Dichter aus den letzten hundert Jahren, da sind Entdeckungen zu machen, Ron Winkler, der Herausgeber, selbst ein geschätzter Dichter, hat eine kraftvolle und abwechslungsreiche Anthologie komponiert und man darf kaum einen Dichter herausheben, aber einen will ich erwähnen, den ich lange nicht gelesen habe, was ich künftig aber wieder tun werde, Helmut Heißenbüttel mit dem Gedicht „ große schneelandschaft mit Günter Eich“, gefolgt auf der nächsten Seite, von einem, also doch zwei Dichter zu erwähnen, den ich schon immer lese: Robert Walser, mit:
Deutsche Balladen. Gedichte, die dramatische Geschichten erzählen – dieses Buch ist eine Gemeinheit! Für alle, denen es ähnlich geht wie mir, dass sie sich von einer Ballade zu Tränen rühren lassen (heimlich) können, für die ist eine Freude, eine Groß-Freude: es sind 880 Seiten.
Die Gemeinheit für die Freunde der klassischen Balladen, die natürlich reichlich vertreten sind, bekannte wie Belsatzar oder die Kraniche des Ibykus und allerhand Entdeckungen sind auch dabei, die werden mit aktuellen Balladen konfrontiert, den Zeitgenossen, die, getreu dem Motto des Untertitels Gedichte, die dramatische Geschichten erzählen, bis in die Gegenwart, bis zu Hip-Hop Texten, vertreten sind.
Für die Freunde der zeitgenössischen Lyrik beginnt die Gemeinheit vielleicht dort, wo strenge Form, Reim und Metrum bestimmen.
Aber ich bin ganz sicher, dass viele Leser bald entdecken, dass in den bisher eher fremden Bereichen auch etwas zu finden ist, mehr, viel, dass sich auf jeden Fall lohnt, weiter zu lesen, dass eine klassische Ballade, zum Vergnügen gelesen eine gewaltige Wirkung haben kann, oder umgekehrt, dass ein Text von Konstantin Wecker auch als gelesenes Gedicht funktionieren kann.
Wulf Segebrecht, der Herausgeber, hat als Ordnungsprinzip eine ganz chronologische Reihung gewählt, beginnt allerdings mit der Gegenwart, so dass das erste Gedicht ein Text von Tocotronic ist, der letzte Text „Wächter hüt dich bas”, von einem anonymen Verfasser aus Des Knaben Wunderhorn.
Eine Anthologie zeitgenössischer Lyrik und ebenso eine Anthologie älterer, alter, klassischer Gedichte – zusammen auf jeden Fall ein unerschöpflicher Vorrat an Gedichten, Balladen – ein bisschen Pathos muss sein: damit hat man einen Begleiter fürs Leben!
Neugierde ist der Beste Ratgeber!
Ich entdecke in der Buchhandlung: Der Liebhaber bald nach dem Frühstück. Gedichte von Michael Köhlmeier und ich denke sofort: Kann das sein? Nach so vielen Romanen, Sagen-Bearbeitungen, Kinderbüchern und was nicht noch alles, gibt es tatsächlich Gedichte von Köhlmeier?
Seit “Spielplatz der Helden”, der großartigen Geschichte dreier Männer die miteinander und gegeneinander, Grönland durchquerten (leider nur noch antiquarisch zu finden – hier auf dem Hugendubel-Marktplatz) bin ich Köhlmeier-Leser und nie war die Rede von Gedichten, und jetzt das:
Song,
Er war mir ja gegenüber gesessen,
In der Küche, hatte sich eine Brühe
Aufgegossen aus einem Suppenwürfel,
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