Es war einmal vor langer, langer Zeit in einem Land, in dem in jedem Haushalt ein Märchenbuch stand, da erschien ein Märchenbuch namens “Meine wunderbare Märchenwelt”, das war ganz anders als die anderen.
Es hatte eine wunderbare Auswahl, kein Märchen, das die Kinder hören wollten, fehlte. Es hatte wunderbare Bilder, Erzählbilder, die das ganze Märchen in einem Bild wiedergaben. So konnten die Kinder nach dem Vorlesen sich das ganze Märchen noch einmal anschauen und nacherzählen und nochmal entdecken und ihre Lieblingsfigur suchen und Details entdecken und träumen und lachen und schaudern.
Die Jahre gingen ins Land und das Märchenbuch wurde in Kindergärten und Familien und Grundschulen geliebt. Eines Tages verschwand das Märchenbuch. Das geschah ganz langsam: erst hatte der Verlag keine mehr, dann hatte die Buchhandlung keine mehr. Und eine Buchhändlerin, in einem kleinen Ort vor den sieben Weinbergen, war ganz besonders traurig.
Bei manchen Büchern genügen die ersten beiden Absätze und man weiß als Leser, das man sich für diesen Abend nichts vornehmen braucht – “Eine dunkle und grimmige Geschichte” von Adam Gidwitz ist so ein Buch:
Es war einmal ein Königreich namens Grimm. Der König dieses Landes lag auf dem Sterbebett. Er war der Großvater von Hänsel und Gretel – aber das wusste er nicht, weil Hänsel und Gretel noch nicht auf der Welt waren.
Moment mal. Ich weiß, was ihr jetzt denkt. Natürlich will keiner eine Geschichte hören, die passiert, bevor die Hauptfiguren auftauchen. Aber keine Sorge. Diese Geschichte ist anders als jede Geschichte, die ihr zuvor gehört habt. Denn als Hänsel und Gretel auftauchen, geschieht etwas völlig Unerwartetes: Ihnen werden die Köpfe abgehackt. Ich dachte, das interessiert euch vielleicht.
Der Sommer ist vorbei. Kunden flüchten vor dem Nieselregen in die Hugendubel Kinderwelt und suchen Märchen.
Die vollständige Ausgabe der Kinder- und Hausmärchen der Gebrüder Grimm aus dem Sauerländer Verlag ist für mich die schönste Ausgabe für Erwachsene und andere große Kinder. Sie enthält alle 207 Märchen. Die Texte wurden ganz behutsam modernisiert, aber wirklich nur soviel, wie es für einen besseren Lesefluss notwendig war. Die Sprache ist wohltuend, poetisch, rhythmisch, klangvoll - einfach so, wie ein Märchen sich anhören soll. Die Illustrationen von Charlotte Dematons stellen sich stets in den Dienst der Märchen und drängen sich nie in den Vordergrund.
Einzigartig ist der Anhang: Register, Lexikon und Wörterbuch in einem. So lassen sich zum Beispiel alle Märchen, in denen Äpfel vorkommen, auffinden. Fachbegriffe und Dialektbegriffe werden dort erklärt: atzen für füttern oder Vorwerk für kleinen, zinspflichtigen Bauernhof. Wer nur noch einen wichtigen Satz aus dem Märchen kennt wie ”Wenns mir nur gruselte!” wird im Register auf die Nummer des Märchens im Buch verwiesen.
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