| Der nette Junge von nebenan...
„Das Musikgeschäft ist eine grausame und hirnlose Geldkloake, ein langer Korridor aus Plastik, in dem Diebe und Zuhälter tun und lassen, was sie wollen, und gute Menschen vor die Hunde gehen.
Im Übrigen hat es auch eine negative Seite.“ (Hunter S. Thompson )
Dieser Mann sollte es wissen. Doch auch ohne perfide Kenntnisse zum Thema Drogenmissbrauch fällt dem geneigten Leser auf, dass irgendetwas im Argen liegt. Eine Bösartigkeit, derer man seit dem Besuch von Patrick Bateman nicht mehr begegnen musste. Doch in diesen Tagen bemüht sich Steven Stelfox um das Erbe des American Psycho. Obgleich nicht zwischen Wallstreet und Serienkillerambitionen hin und hergerissen, aber in einem großen Plattenkonzern A&R Manager, was als Ausgangslage kaum weniger geeignet ist vollkommen durchzudrehen.
Wer diese Tage den Fernseher bemüht und sich mühsam durch die nicht endend wollende Serie steriler MTV oder VIVA Videos quält, deren einziger Inhalt nur noch aus futuristischen Pappmachewänden oder sehr, sehr, sehr, sehr leicht bekleideten... äh... Damen(!?) besteht, wird verstehen, warum man gerade als A&R Manager, der eine Vorauswahl zu treffen hat, wen oder was wir überhaupt zu Gesicht bekommen, ohne Frage gar nicht anders werden kann, als ein selbstverliebtes, arrogantes, zynisches Mega-Arschloch.
Denn: Wenn man einen Act signed, der diesen Namen zumindest ein paar Monate verdient, damit eine Menge Geld scheffelt und der Firma somit Milliardenumsätze beschert, ist das ein Beweis für das eigene Können. Wenn man hingegen Tag für Tag mit Schrott von absolut untalentierten, talentlosen und lediglich auf Ruhm und Reichtum fixierten Schwachmaten zu hören bekommt, aus deren Mitte man auch noch einen nicht ganz so unfähigen „Künstler“ erheben soll, bleibt kaum ein anderer Ausweg als alles zu hassen und sich auf die wirklich wichtigen Dinge des Lebens zu konzentrieren: Drogen & Sex. Steven hat das perfektioniert. Und man kann ihm diesbezüglich gar nicht böse sein. Viel eher müsste man fragen, warum ihm die Firma ein derartiges Jahresgehalt zahlt, nur um sich durch einen Haufen von musikmachenden Idioten zu wühlen und womöglich den „Geschmack“ der Gesellschaft zu antizipieren um den Menschen etwas exakt darauf Zugeschnittenes zu präsentieren. Blankpoliert und ohne Rückgrat.
Natürlich klingt das gegenüber den Künstlern und Medien immer etwas netter, man spricht von „künstlerischer Freiheit und langfristige Unterstützung von Künstlern“. Wenn Steven es mit der Wahrheit versuchen müsste, würde es allerdings ganz anders klingen:
„Wir stellen eure Platten her und bringen sie in die beschissenen Läden. Wir geben unser Bestes, keinen Penny zu riskieren, bevor wir uns nicht sicher sind, ihn mit Zinsen zurückzubekommen. Wir zweifeln alles an, was ihr tut, und mischen uns, wann immer wir können, in den künstlerischen Prozess ein. Wir editieren und remixen eure Songs ohne eure Einwilligung. Wir zwingen euch, in miesen, entwürdigenden Kindersendungen aufzutreten, wo ihr Max, dem Dachs, die Pfote schütteln müsst und einem Teenie-Moderator mit dem Begriffsvermögen eines mit Ritalin abgefüllten Kleinkindes eure Weltsicht erklären sollt. Wir halten euch auf Trab, bis ihr nicht mehr aufstehen könnt. Gemeinsam mit euren Verlegern werden wir uns nach Kräften bemühen, eure Musik für Werbekampagnen jedes erdenklichen Unternehmens – von Banken bis zu multinationalen Petrochemie-Konzernen – zu lizensieren. (Wir würden sie auch an Walfangflotten und Waffenhändler verkaufen, wenn die im Fernsehen werben dürften.) Wir werden sämtliche Kosten, die ihr verursacht, auf euch abwälzen und euch für jeden unserer Verluste verantwortlich machen, von den Heftklammern, die euren verbrecherischen Vertrag zusammenhalten, bis zur Cola, die ihr aus dem Bürokühlschrank genommen habt. Und wenn das alles nichts bringt, werdet ihr schneller fallengelassen als das Höschen einer Hafenhure beim Einlaufen eines Ozeanriesen.“
Ohne Frage macht das selbst den beharrlichsten Idealisten zu einem bedingungslosen Kapitalisten, der für eine Ausweitung seiner Boni über Leichen gehen würde. Moral ist was für Verlierer. Und doch gibt es zwischen dem tagtäglichen lügen, betrügen und übers Ohr hauen und dem bedingungslosen Chaos zu welchem man gezwungen wird wenn man mit dem Rücken an der Wand steht noch einen Unterschied: Nicht alle sind wahnsinnig genug das durchzuziehen, doch Steven ist bereit für die Beibehaltung seines ruchloses Lebens über Leichen zu gehen, Aufgeben? Niemals, nicht in 1000 Jahren und sowieso überhaupt nicht. Als sich allmählich eine neue Generation Mitarbeiter durchzusetzen beginn, die zumindest vordergründig auf Integrität und harter Arbeit zu beruhen scheint und Steven seinen Job in der Firma in Gefahr sieht, beginnt er eine Orgie der Zerstörung, die einem geplanten aber außer Kontrolle geratenen Amoklauf eines Dutzends Serienmörder in nichts nachsteht.
Selten ist ein Charakter derartig menschenverachtend, gefühlskalt und brutal. Selbst Patrick Bateman nimmt man an manchen Stellen noch so etwas wie „Menschlichkeit“ ab. Steven Stelfox fehlt selbst das. Stattdessen bietet er knapp vierhundert Seiten Gewalt, Pornographie und triefende Verachtung vor jedwedem was einem Menschen heilig sein könnte. Man könnte sagen, dass Hunter S. Thompson mit seinem Zitat über die Musikbranche eben den winzigen Teil des Eisbergs beschrieben hat, der über dem Wasser glitzert. Doch die Wahrheit ist manchmal so schockierend, abstoßend und widerlich, dass man sie gar nicht kennen möchte.
Wer kann, der bleibe bei seinem Mickey-Mouse-Universum im rosa Plüsch-Look.
John Niven - Kill Your Friends | |