4. Kulturelle Einflussfaktoren (S. 71-72)
4.1 Morallehren/Religion
4.1.1 Von Religion, Gurus und Ashrams
Indien ist unter den großen Staaten dieser Welt das Land, in dem Spiritualität die vergleichsweise größte Bedeutung hat. Kein anderes Land hat so viele verschiedene gleichberechtigte Religionen, spirituelle Führer sowie Klöster und Ashrams. Auch im täglichen Leben wird dies deutlich, haben doch die Inder einen starken Bezug zu ihrer Religion und bekennen sich offen zur spirituellen Richtung, der sie angehören. Faszinierend für Ausländer ist bei dieser Relevanz der Religion die Unbekümmertheit um den Glauben des jeweils anderen, in unserer Familie sitzt man bei Tisch und stellt erst nach langer Zeit fest (wenn überhaupt), dass Muslime, Hindus, Christen und ein Parse hier gemeinsam speisen, jeder nach seinen Regeln, aber dennoch gemeinsam.
Dies gilt natürlich nicht für alle Inder. Religiosität in Indien bedeutet nicht nur die offizielle Zugehörigkeit zu einer Religion, die dann mehr oder weniger gelebt wird, wie dies im Christentum der Fall ist, Religiosität in Indien ist der tägliche Umgang mit den Göttern, die tägliche Zwiesprache, das Anrufen der Götter bei allen Problemen, die Teilnahme an Prozessionen und rituellen Handlungen, die Durchführung vorgeschriebener pujas", von Zeremonien zur Verehrung von Göttern. Aber ebenso gehört der zwanglose Umgang mit Göttern dazu, mit denen man lacht, die in Comics vorkommen oder deren Anbetung man mangels Zeit auch einmal schnell im Internet erledigen kann!
Beten online auch das ist Indien.
In Indien herrscht Religionsfreiheit, und auch im täglichen Geschäftsleben spielt die Zugehörigkeit zur Religion keine Rolle. Unglücklicherweise genügen aber oft kleine Anlässe, um die Volksseele zum Kochen zu bringen und dies endet oft in Pogromen. Die bekanntesten Ereignisse aus der jüngeren Geschichte waren die Verfolgung der Sikhs nach der Ermordung Indira Gandhis (1984) sowie die gegenseitige Ermordung von Hindus und Moslems, nachdem in Ayodhya ein Tempel auf dem Gelände einer Moschee gebaut werden sollte und diese Moschee von Zehntausenden fanatischen Hindus zerstört wurde (1992), oder die Verfolgung der Moslems in Gujarat, nachdem ein Eisenbahnwaggon mit hinduistischen Pilgern in Brand gesteckt worden war (2002). Diese Verfolgungen werden von bestimmten politischen Gruppen bewusst gesteuert und ausgelöst oft aus machtpolitischem Kalkül.
Nachdem dann viele Tausend Menschen grausam zu Tode gekommen sind und Hunderte von Häusern gebrandschatzt wurden, stirbt das Pogrom wie von Geisterhand gesteuert. Doch es dominiert die friedliche Seite der Spiritualität. Im Westen sehr bekannt sind die sogenannten Ashrams, die letztlich nichts anderes sind als ein Ort der Ruhe und Besinnung, meist dominiert von einem Tempel, in dem Menschen unterschiedlichster Herkunft arbeiten und leben. Das Leben folgt strengen Regeln, aber im Gegensatz zu dem uns bekannten Klosterleben sind die Mauern nicht ganz so hoch. Besuche sind also erlaubt, wenn nicht gar erwünscht, und in den meisten Ashrams können die Anhänger einen Tag, eine Woche, ein Jahr oder eben ihr ganzes Leben bleiben.
In unserer etwas eingeengten westlichen Sicht empfinden wir Ashrams als einen Hort, an dem sich mit ihrem Leben unglückliche Menschen oder manchmal gar etwas verwirrte Geister einfinden, um etwas zu suchen, was unsere Gesellschaft ihnen nicht (mehr) bietet. In der Tat sind die meisten westlichen Besucher oder Bewohner verbliebene Reste der Hippie- und Aussteigerkultur oder alleinstehende Menschen (meist Frauen) mittleren Alters, die einen neuen Sinn für ihr Leben suchen. In Indien jedoch ist es nicht außergewöhnlich, dass sich auch hochbezahlte Experten der unterschiedlichsten Berufsrichtungen für ein paar Wochen oder Monate in einen Ashram zur Besinnung und Selbstfindung zurückziehen und danach erneuert" ins Berufsleben zurückkehren. |