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Über-Empfindlichkeit

Spielformen der Idiosynkrasie. 3. Auflage.
Buch (gebunden)
Etwas hat uns für einen kurzen Moment erstarren lassen: ein Geruch, ein Zeichen, eine Bewegung, ein Wort, ein Detail - nicht der Aufregung wert, und doch hat es uns in schrille Aufregung versetzt. Ein Bild, ein Ton, ein Satz - nicht der Beachtun... weiterlesen
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Über-Empfindlichkeit als Buch
Produktdetails
Titel: Über-Empfindlichkeit
Autor/en: Silvia Bovenschen

ISBN: 3518411764
EAN: 9783518411766
Spielformen der Idiosynkrasie.
3. Auflage.
Suhrkamp Verlag AG

3. September 2000 - gebunden - 240 Seiten

Beschreibung

Etwas hat uns für einen kurzen Moment erstarren lassen: ein Geruch, ein Zeichen, eine Bewegung, ein Wort, ein Detail - nicht der Aufregung wert, und doch hat es uns in schrille Aufregung versetzt. Ein Bild, ein Ton, ein Satz - nicht der Beachtung wert, gleichwohl hat es alle Beachtung auf sich gezogen. Jeder kennt diese skurrilen, absurden Abneigungen, jeder hat eigene Formen der Idiosynkrasie, der unerklärlichen Überempfindlichkeiten. Der griechische Begriff der Idiosynkrasie, meist übersetzt mit: eigene oder eigentümliche Mischung, bezeichnet diese Wahrnehmungs- und Verhaltensweisen. Solche Prägungen haben in den letzten Jahrhunderten kontroverse Beurteilungen erfahren: Für die einen sind sie irrationale, vernachlässigbare Verhaltensweisen, für die anderen Auslöser von Innovation in Kunst und Wissenschaft. Silvia Bovenschen nähert sich diesem Mischphänomen in seinen vielgestaltigen Erscheinungsformen aus den verschiedensten Richtungen: Sie grenzt es vom Ekel wie vom Schmerz ab, zeichnet das Verhältnis von Idiosynkrasie und Physiognomie, stellt Überlegungen an über die Beziehungen zwischen Idiosynkrasie und Flucht beim Zigarettenholen und versucht ein Porträt des Schweizers als Verbrecher. Dabei steht nicht das der Idiosynkrasie unangemessene Bemühen um eine historisch-systematische Begriffsgeschichte im Vordergrund, sondern das kaleidoskopartige Erfassen und Zergliedern ihrer Spielarten. Auf diese Weise ist ein aufregendes, vergnügliches und zugleich gelehrtes Buch über eine unserer so wichtigen Unwichtigkeiten des täglichen Tages entstanden.

Portrait

Silvia Bovenschen, 1946-2017, lebte als Literaturwissenschaftlerin und Essayistin in Berlin. 2000 wurde sie mit dem "Roswitha Preis" der Stadt Gandersheim und dem "Johann-Heinrich-Merck-Preis" der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung ausgezeichnet. 2007 erhielt Silvia Bovenschen den "Ernst-Robert-Curtis-Preis" für Essayistik und 2014 wurde sie mit dem "Bayerischen Buchpreis" in der Kategorie Ehrenpreis des Bayerischen Ministerpräsidenten ausgezeichnet.

Pressestimmen

Panik beim Kreidestrich Robert Gernhardts Stoßseufzer "Mein Gott, ist das beziehungsreich, ich glaub, ich übergeb mich gleich" ist hier wahrlich angebracht: Es geht, zum Beispiel, um Leute, denen allein das Wort "bekömmlich" schon Magendrücken verursacht. Silvia Bovenschen, Literaturwissenschaftlerin und Essayistin aus Frankfurt am Main, wagt sich an ein Phänomen heran, das sich bei jedem harten Zugriff sofort verflüchtigt. Die Kreide fährt mit quietschendem Geräusch über die Tafel. Auf der Milch hat sich eine Haut gebildet. Nasser Pelz verbreitet Geruch. Auf solche Reize reagieren manche Menschen, um das Mindeste zu sagen, seltsam. Es sträuben sich ihnen die Haare. Der Atem stockt. Sie kämpfen mit Brechreiz, bekommen eine Gänsehaut oder zucken zusammen. Das heißt: Sie reagieren unwillkürlich, spontan, körperlich und oft recht heftig. Ein Pickel auf der Nase der Kollegin, Männerfüße in Strümpfen und Sandalen, irgendein unschuldiges Wort kann genügen. Silvia Bovenschen berichtet von einer Freundin, die in dem Ausdruck "die Seele baumeln lassen" bereits einen Scheidungsgrund sieht. Dabei ist die Heftigkeit der Reaktion ebenso schwer (in Worte) zu fassen wie ihre Auslöser. Man kommt immer nur in die Nähe einer Erklärung: Ekel, Überempfindlichkeit, Abscheu, Allergie. Die Idiosynkrasie - was auf Altgriechisch so viel wie eigentümliche Mischung oder Empfindung heißt - ist von alledem etwas. In zwölf höchst unterschiedlichen Kapiteln, mal im frontalen Zugriff, mal gleichsam durch die Hintertür, versucht das Buch diesen Schockreaktionen auf die Spur zu kommen. Da geht es auch um Gretchens spontane Reaktion auf Mephisto in Goethes "Faust". Dann wieder ist von Lichtenbergs Buckel die Rede und von den Ansichten des Göttinger Gelehrten zur seinerzeit modischen Physiognomik, der Gesichterdeutung. Bei den Ausflügen in Kunst- und Kulturgeschichte kommen wie nebenher eine Menge Einsichten zu Tage. "Nach dem Prinzip des kleinen Vorsprungs" verkaufe sich "der Spießer neuen Typs" heute "als Exzentriker", heißt es da etwa. Und: "Nicht die Geschmeidigkeit, mit der er aus der Mao- in die Kenzo-Jacke sprang, macht ihn verdächtig, sondern die Starre, mit der er bei anderen auf der Einhaltung der jeweiligen Kleiderordnung besteht." Dann wieder erzählt die Autorin, wie sie einmal ohne lange Überlegung einen Vortrag versprach über das, zugegeben, etwas ungewöhnliche Thema "Der Schweizer als Verbrecher". Normalerweise, versichert sie, lägen solche Verallgemeinerungen ihr fern. Doch im Falle der Eidgenossen habe sie sich einen ,idiosynkratischen' Rest aus der Kindheit bewahrt: Auch sie sei wie viele Kinder ihrer Generation mit Johanna Spyris "Heidi"-Büchern aufgewachsen. Heidi aber spüre Heimweh nach den Bergen und Abscheu vor der großen Stadt - was Silvia Bovenschen als Schmähung ihrer Heimatstadt Frankfurt empfand. Diese Empörung kam wieder hoch, als ihr der Vortrag angeboten wurde. In immer neuen Anläufen umkreist die Autorin so die Idiosynkrasien, die sonst sie umkreisen. Allerdings trägt sie ihre Grübeleien so lässig-elegant vor, dass der Verdacht aufkommt, sie wolle mit ihren bizarren Beispielen wohl doch irgendetwas beweisen. Erst gegen Ende darf die Katze dann tatsächlich aus dem Sack - und erweist sich als ziemlich dicker Hund: Idiosynkrasien, lässt die Autorin durchblicken, seien genau das, was einen Menschen von den anderen unterscheidet. Aber erschöpft sich ein Charakter wirklich in Gedanken-Allergien? Das wäre doch etwas viel behauptet. Gut also, dass gleich am Anfang des Buchs ein Orakel-Satz des Dichters Paul Valéry steht: "Ich bin nicht immer meiner Meinung." (C) DER SPIEGEL - Vervielfältigung nur mit Genehmigung des SPIEGEL-Verlags

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