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Noah

Thriller. Originaltitel: Projekt Noah. Empfohlen von 16 bis 99 Jahren. 1. Aufl. 2013.
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Er weiß nicht, wie er heißt.

Er hat keine Ahnung, wo er herkommt.

Er kann sich nicht erinnern, wie er nach Berlin kam, und seit wann er hier auf der Straße lebt. Die Obdachlosen, mit denen er umherzieht, nennen ihn Noah, weil dies... weiterlesen
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Noah als eBook
Produktdetails
Titel: Noah
Autor/en: Sebastian Fitzek, Sebastian Fitzek

EAN: 9783838744964
Format:  EPUB ohne DRM
Thriller.
Originaltitel: Projekt Noah.
Empfohlen von 16 bis 99 Jahren.
1. Aufl. 2013.
Bastei Entertainment

19. Dezember 2013 - epub eBook - 559 Seiten

Beschreibung

Er weiß nicht, wie er heißt.

Er hat keine Ahnung, wo er herkommt.

Er kann sich nicht erinnern, wie er nach Berlin kam, und seit wann er hier auf der Straße lebt. Die Obdachlosen, mit denen er umherzieht, nennen ihn Noah, weil dieser Name tätowiert auf der Innenseite seiner Handfläche steht.
Die Suche nach seiner Identität wird zu einem Alptraum, für Noah und die gesamte Menschheit. Ist er das wesentliche Element in einer Verschwörung, die das Leben aller Menschen auf dem Planeten gefährdet und schon zehntausende Opfer gefunden hat?


Der große, kontroverse und apokalyptische Thriller von Bestsellerautor Sebastian Fitzek, inklusive Interview mit dem Autor.


Portrait

Sebastian Fitzek, Jahrgang 1971, geboren in Berlin, entschied sich nach dem Studium der Rechtswissenschaften und der Promotion zum Dr. jur. gegen einen juristischen Beruf und für eine kreative Tätigkeit in den Medien. Nach dem Volontariat bei einem privaten Hörfunksender wechselte er als Unterhaltungschef und später als Chefredakteur zur Konkurrenz und machte sich danach als Unternehmensberater und Formatentwickler für zahlreiche Medienunternehmen in Europa selbständig.

Er lebt in Berlin, wo er derzeit in der Programmdirektion eines großen Hauptstadtsenders tätig ist. "Mit so einem großem Erfolg hätte ich nie gerechnet", sagt Fitzek zu BILD. "Die Resonanz auf das Buch ist unglaublich. Jeden Tag bekomme ich seitenlange Leserpost."

Leseprobe

2. Kapitel


Zur gleichen Zeit,
9876 Kilometer Luftlinie entfernt


»Ich muss ihr helfen!«

Für einen Mann, der sich nicht einmal mehr an seinen eigenen Namen erinnern konnte, war er sich in diesem einen Punkt erstaunlich sicher: Er musste das Mädchen davor bewahren, zu dem Kerl ins Auto zu steigen; falls er es nicht tat, würde etwas Schreckliches geschehen.

Weshalb er sich dessen so gewiss war, war ihm nicht klar, und so bald würde er es wohl auch nicht herausfinden, denn im Augenblick hatte er große Mühe, sich zu konzentrieren, da der Mann neben ihm in der Reihe nicht aufhörte, in einem fort auf ihn einzureden.

»Ich weiß ja, dass du keine Labertasche bist, mein Großer, aber ich sag’s dir trotzdem noch mal: Sprich mit niemandem, hörst du? Zu keinem ein Wort. Lass mich für dich antworten, wenn du gefragt wirst. Nur wenn es sich gar nicht vermeiden lässt, wenn es überhaupt nicht anders geht, dann sag, du bist Noah aus Holland und hier nur auf der Durchreise. Das erklärt deinen komischen Akzent, okay?«

Noah nickte stumm.

Während er in den letzten Wochen mehr Zeit mit Nachdenken als mit Reden verbracht hatte, quasselte Oscar mal wieder, als gelte es einen Schnellsprechwettbewerb zu gewinnen. Seine Worte schlugen dicke Atemwolken in der kalten Luft.

Es war Februar in Berlin, und der Winter tat das, was er am besten konnte: Er hatte sein Windmesser aufgeklappt und schnitt sich durch alles, was sich ihm in den Weg stellte: Kleider, Haut, Seelen. Dabei machte er keine Standesunterschiede. Es war ihm gleichgültig, ob er an dem Pelzkragen einer Grunewalder Witwe rüttelte, einem Postboten in Lichtenberg den Schneeregen ins Gesicht klatschte oder – wie in diesem Moment – eine viel zu lange Schlange vor dem Obdachlosenasyl in der Frankli
nstraße dazu brachte, noch enger zusammenzurücken.

»In zehn Minuten geht’s los.« Oscar gestikulierte beim Sprechen wild mit den ebenso kurzen wie dicken Armen und deutete zum Eingang des grauen Betonhauses, vor dem sich die Traube der Wartenden staute.

»Wir dürfen nicht auffallen, das wär nicht gut. Wenn du kontrolliert wirst, vermeide jeden Blickkontakt. Pluster dich nicht so auf, es wirkt einschüchternd, wenn alle sehen, wie kräftig du bist, und lass mich zuerst vortreten, ja? In der Auffangstation sind Alkohol, Drogen, Zigaretten und Waffen tabu. Du trägst doch keine Waffe bei dir, oder?«

Oscar schenkte ihm einen argwöhnischen Blick, als befürchtete er tatsächlich, Noah habe heute früh beim Stöbern nach Pfandflaschen eine Pistole im Müll gefunden. Dabei stellte er sich auf Zehenspitzen, um den Größenunterschied zwischen ihnen ein wenig auszugleichen. Selbst so reichte er Noah gerade einmal bis zur Brust.

»Schön, ich habe nämlich keine Lust, dass du aussortiert wirst. Heute ist der vierzehnte Februar, vierzehn und zwei macht sechzehn, die Quersumme davon ist sieben. Sieben! Wir können also heute nicht in unser Versteck zurück, verstehst du?«

Nein. Ganz und gar nicht.

Noah verstand das meiste nicht von dem, wovon sein merkwürdiger Weggefährte den ganzen Tag über redete. Streng genommen verstand er sein gesamtes Leben nicht mehr, wobei Leben vermutlich der falsche Begriff für das Dasein war, das er fristete, seitdem er vor gut vier Wochen zum ersten Mal wieder zu Bewusstsein gekommen war; tief unter der Erde, in dem stickigen Verschlag neben dem stillgelegten U-Bahn-Schacht, den Oscar sein »Versteck« nannte.

»Sie führen Spannungsmessungen durch, davon habe ich dir doch erzählt.« Oscar rollte mit den Aug
en, als habe er es mit einem begriffsstutzigen Idioten zu tun. Mit seiner orangefarbenen Pudelmütze, dem Mormonenbart im kreisrunden Gesicht und einem enormen Kegelbauch wirkte er wie ein Schlumpf, wobei Noah sich wunderte, dass er wusste, wie ein Schlumpf aussah, wo er doch nicht einmal sein eigenes Gesicht in dem Spiegel der Bahnhofstoilette wiedererkannt hatte.

Vielleicht würde es seine Erinnerung beflügeln, wenn er sich die dunklen Haare schnitt und den Bart stutzte, doch er bezweifelte es. Für ihn war der Mann mit den traurigen Augen, der schiefen Nase und dem kantigen Gesicht ein Fremder, in dessen vernarbtem Körper er gefangen gehalten wurde.

»Unser Versteck befindet sich direkt unter dem Ostflügel der Gedächtniskirche.« Oscar flüsterte jetzt, damit die Obdachlosen vor und hinter ihnen nichts von seinen paranoiden Ausführungen aufschnappen konnten. »Geographisch betrachtet liegt das im Bezirk Wilmersdorf, und der hat dort die Postleitzahl 10789. Dreimal darfst du raten, was die Quersumme davon ist. Fünfundzwanzig. Und die von fünfundzwanzig ist? Richtig, sieben.« Oscar blinzelte nervös. »Hast du etwa gedacht, die haben 1993 die neuen Postleitzahlen eingeführt, nur damit die Briefe schneller ankommen? Jaha, das sollen wir alle denken. In Wahrheit ist das ein Code. Der Einsatzplan, nach dem sie ihre Überwachungsroutine koordinieren. An Tagen, deren Quersumme der der Postleitzahl entspricht, müssen wir untertauchen. Begreifst du jetzt, weshalb es so wichtig ist, dass wir da heute reinkommen?«

Nein. Ich begreife kein Wort. Alles, was ich weiß, ist, dass du vermutlich ebenso verrückt bist wie ich.

Noah drehte sich wieder zu dem Mädchen um, das zwei Meter weiter hinten in der Schlange stand. Die Kleine war ihm zuerst ihrer Haare wegen aufgefallen; genauer gesagt wegen der Büschel, die ihr fehlte
n. Ihr Kopf zeigte mehr Haut als Strähnen, so als leide sie unter den Nebenwirkungen irgendeines grässlichen Medikaments. Noah schätzte sie auf höchstens siebzehn, aber angesichts der schlechten Haut und des fehlenden Schneidezahns war das schwer zu sagen; erst recht für einen Mann, der schon Schwierigkeiten damit hatte, sein eigenes Alter zu bestimmen, das vermutlich irgendwo in den Dreißigern lag.

Seitdem er die Kleine entdeckt hatte, hatte er sie mehr oder minder unauffällig beobachtet, und jetzt, anderthalb Stunden später, meinte er das Mädchen fast besser zu kennen als sich selbst.

Während er nicht wusste, wo er herkam, konnte es keinen Zweifel daran geben, dass sie schon lange auf der Straße lebte. Ihre Augen hatten den Opiumblick, wie Oscar sagen würde, vernebelt und gleichzeitig leer wie bei so vielen, die hier draußen in der Kälte darauf warteten, dass das Obdachlosenasyl endlich seine Tore öffnete.

»Kennst du sie?«, unterbrach Noah seinen Begleiter, der gerade über Spähtrupps und Geokoordinaten schwadroniert hatte.

»Sie?«

Oscar blinzelte, offensichtlich perplex darüber, dass Noah die Sprache wiedergefunden hatte.

»Das Mädchen da.«

Er zeigte an einer Schwangeren vorbei, die mit einem Zigarettenstummel im Mund direkt hinter ihnen stand.

In einiger Entfernung fing ein Kind an zu weinen, und mehrere Männer brüllten sich an, vermutlich stritten sie sich um den letzten Schluck aus einer gemeinsam erbettelten Flasche.

»Wen meinst du?«

»Schräg rechts, die mit den seltsamen Haaren. Sie umklammert einen Rucksack vor der Brust.«

Als wäre ihr Leben drin.

»Die mit dem Vierauge redet?«

»Ja.«

Neben ihr stand ein junger, drahtiger Mann mit schulterlang
en Haaren und einer John-Lennon-Brille auf der Nase. Noah hatte ihn dabei beobachtet, wie er vor wenigen Minuten aus einem silbernen Kleinbus mit der Aufschrift »Kältemobil« gestiegen war. Zuerst hatte er gedacht, der Bus würde weiteren Nachschub für das Heim bringen; einen neuen Schwung verlorener Seelen, die jeden Abend vor den Toren der Caritas strandeten. Aber der Fahrer war alleine ausgestiegen und hatte sich suchend umgeschaut, während er zögernd die Schlange abgeschritten war, bis er schließlich das Mädchen entdeckte.

»Das ist Pattrix«, klärte Oscar ihn auf.

Noah nickte. Es hätte ihn auch gewundert, wenn Oscar sie nicht erkannt hätte. Er lebte seit über vier Jahren »auf Platte«. Eine lange Zeit, in der es Oscar erstaunlich gut gelungen war, dem Tauschhandel zu widerstehen, den die meisten seiner Schicksalsgenossen eingegangen waren: Intelligenz gegen Promille.

Mit clownartig großen Stiefeln, mehrlagigen dreckstarren Hosen, einem sich im Zustand der Auflösung befindlichen Norwegerpulli und einer speckigen Fliegerjacke, die sich beim besten Willen nicht über seinem Bauch schließen wollte, war Oscar ähnlich erbärmlich gekleidet wie all die anderen hier, die das Kettenkarussell des Lebens aus der Bahn geschleudert hatte. Was Klamotten anging, hatte Noah mal einen besseren Geschmack gehabt, zumindest, wenn er die Sachen, die er am Leib trug, selbst ausgesucht hatte. Als Oscar ihn fand, halbtot neben den Gleisen, hatte Noah in teurer und warmer Kleidung gesteckt, die ihm heute gute Dienste erwiesen: gefütterte Stiefel mit Gummikappe, schwarze Jeans mit Cargo-Taschen an den Seiten, eine matt glänzende, tiefschwarze Schneejacke mit Kapuze, die sich in der Hüfte zusammenschnüren ließ. Insgesamt schleppte er anderthalb Kilo an Kleidungsgewicht mit sich herum, die lange Unterhose und dicke Thermosocken
nicht mitgerechnet.

»Pattrix?«, fragte Noah.

»Ihr Spitzname. Eine Mischung aus Patricia und Pattex.«

Oscar formte mit beiden Händen eine Tüte und tat so, als inhaliere er Klebstoff. »Weshalb glaubst du wohl, sieht die so stumpf aus? Ihr Foto auf einer Zigarettenpackung, und niemand würde mehr rauchen.«

Noah stimmte ihm zu. Womöglich war das Mädchen gerade im Rausch, das würde ihren trüben Blick erklären und auch, weshalb ihr die arktischen Windböen nichts auszumachen schienen. Sie wirkte völlig abwesend, wie in eine andere Welt entrückt. Noah ging jede Wette ein, dass sie nicht einmal wahrgenommen hatte,...


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