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Streifzüge durch das Abendland

Europa für Anfänger und Fortgeschrittene. Originaltitel: Neither Here nor There. 'Goldmanns Taschenbücher'.
Taschenbuch
In diesem 1988 veröffentlichten Buch beschreibt Bill Bryson rückblickend seine Reisen durch Europa als 20jähriger Rucksacktourist. Seine Reise beginnt in der nördlichsten Stadt des Kontinents Hammerfest und endet an der Nordspitze... weiterlesen
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Produktdetails
Titel: Streifzüge durch das Abendland
Autor/en: Bill Bryson

ISBN: 344245073X
EAN: 9783442450732
Europa für Anfänger und Fortgeschrittene.
Originaltitel: Neither Here nor There.
'Goldmanns Taschenbücher'.
Übersetzt von Claudia Holzförster
Goldmann TB

1. September 2001 - kartoniert - 320 Seiten

Beschreibung

In diesem 1988 veröffentlichten Buch beschreibt Bill Bryson rückblickend seine Reisen durch Europa als 20jähriger Rucksacktourist. Seine Reise beginnt in der nördlichsten Stadt des Kontinents Hammerfest und endet an der Nordspitze Asiens, in Istanbul. Auf seiner Reise quer durch den europäischen Kontinent stoppt er in Städten wie Oslo, Paris, Brüssel, Aachen, Köln, Amsterdam, Hamburg, Kopenhagen, Stockholm, Rom, Neapel, Florenz und Mailand. Auch der Schweiz, Österreich, Jugoslawien und der Türkei stattet er einen Besuch ab. Er besucht sogar das Fürstentum Liechtenstein. Mit seinen Sprachkenntnissen, die rein auf Englisch basieren, begegnet er allen Situationen gelassen. Ob er den selbstmörderischen Pariser Motorradfahrern mutig trotzt, sich von Zigeunern ausrauben läßt, der Versuchung widersteht in Deutschland in einem Restaurant Eingeweide und Tieraugen zu bestellen, durch die Sexläden der Reeperbahn bummelt oder sich auf eine Diskussion über seine Hotelrechnung in Kopenhagen einläßt, Bryson sieht sich alle Sehenswürdigkeiten an, seziert mit scharfem Blick die jeweilige Kultur und durchleuchtet jeden Platz und jede Person mit seinen überaus witzigen und sarkastischen Bemerkungen.


Portrait

Bill Bryson wurde 1951 in Des Moines, Iowa, geboren. 1977 zog er nach Großbritannien und schrieb dort mehrere Jahre u. a. für die Times und den Independent. Mit seinem Englandbuch »Reif für die Insel« gelang Bryson der Durchbruch. Heute ist er in England der erfolgreichste Sachbuchautor der Gegenwart. Seine Bücher werden in viele Sprachen übersetzt und stürmen stets die internationalen Bestsellerlisten. 1996 kehrte Bill Bryson mit seiner Familie in die USA zurück, wo es ihn jedoch nicht lange hielt. Er war erneut »Reif für die Insel«, wo er heute wieder lebt.

Leseprobe

Im Winter liegt Hammerfest eine dreißigstündige Busfahrt von Oslo entfernt. Nun stellt man sich natürlich die Frage, warum es im Winter überhaupt jemanden dorthin zieht. Hammerfest ist die nördlichste Stadt Europas und liegt am Rande der Welt, ist so weit von London entfernt, wie London von Tunis, und ein Ort dunkler und brutaler Winter, wo die Sonne im November im Nordpolarmeer versinkt und sich zehn Wochen lang nicht mehr blicken läßt.
Ich wollte das Nordlicht sehen. Außerdem hatte ich schon lange den unbestimmten Wunsch, zu erfahren, wie die Leute in einer so entlegenen und ungastlichen Gegend leben. Zuhause in England, vor einem Glas Whisky und einem Stapel Landkarten, schien dies eine vortreffliche Idee zu sein. Doch als ich mir nun den Weg durch den grauen, spätdezemberlichen Schneematsch von Oslo bahnte, kamen mir die ersten Zweifel.
Der Tag hatte nicht gut angefangen. Ich hatte im Hotel das Frühstück verschlafen und mußte mich in Windeseile in meine Klamotten stürzen. Ich konnte kein Taxi finden, so daß ich meine haarsträubend übergewichtige Tasche acht Häuserblocks durch den Matsch zum Busbahnhof schleppen mußte. Dann hatte ich große Schwierigkeiten, die Angestellten der Kreditkassenbank an der Karl Johans Gate dazu zu bringen, mir genügend Reiseschecks einzulösen, damit ich den Fahrpreis von sage und schreibe 1200 Kronen bezahlen konnte - sie wollten einfach nicht begreifen, daß es sich bei dem William McGuire Bryson in meinem Paß und dem Bill Bryson auf meinen Reiseschecks um ein und dieselbe Person, nämlich um mich, handelte -, und nun kam ich zwei Minuten vor der Abfahrt des Busses am Bahnhof an, atemlos und schwitzend von der endlosen Mühsal, die mein Schicksal ist, und das Fräulein am Fahrkartenschalter teilte mir mit, daß für mich keine Reservierung vorläge.
Das ist alles nur ein böser Traum, sagte ich. Ich bin noch zu Hause in England und genieße Weihnachten. Reichst du mir den Portwein, Schatz? Tatsächlich sagte ich: Da muß ein Fehler v
orliegen. Sehen Sie bitte noch einmal nach.
Sie studierte die Passagierliste. Nein, Mr. Bryson, Ihr Name ist nicht dabei.
Aber ich konnte ihn doch sehen, sogar verkehrt herum. Da steht er doch, der zweite von unten.
Nein, entschied das Mädchen, da steht Bernt Bjørnson. Das ist ein norwegischer Name.
Da steht nicht Bernt Bjørnson. Da steht Bill Bryson. Sehen Sie sich doch die Schleife am y an und die beiden l's. Fräulein, bitte. Aber sie wollte es nicht begreifen.
Wenn ich diesen Bus verpasse, wann fährt der nächste?
Nächste Woche um dieselbe Zeit.
Na, fabelhaft.
Fräulein, glauben Sie mir, da steht Bill Bryson.
Nein, das steht da nicht.
Hören Sie, ich komme aus England. Ich bringe ein Medikament, das einem Kind das Leben retten kann. Das kaufte sie mir nicht ab. Ich möchte mit dem Abteilungsleiter sprechen.
Der ist in Stavanger.
Mein liebes Fräulein, ich habe telefonisch reserviert. Wenn dieser Bus ohne mich abfährt, werde ich Ihrem Abteilungsleiter einen Brief schreiben, der für den Rest dieses Jahrhunderts einen Schatten auf Ihre berufliche Laufbahn werfen wird. Davon ließ sie sich offensichtlich nicht beeindrucken. Dann kam mir eine Idee. Wenn dieser Bernt Bjørnson nicht auftaucht, bekomme ich dann seinen Platz?
Sicher.
Warum komme ich nicht gleich auf so was und erspare mir den ganzen Ärger? Danke, sagte ich und zerrte meine Tasche nach draußen.


Dort wartete ein großer Doppeldeckerbus, ähnlich einem amerikanischen Greyhound, doch nur die vordere Hälfte des oberen Teils war mit Sitzplätzen und Fenstern ausgestattet. Der Rest lag hinter einer Aluminiumwand verborgen, die sich wie der Einband eines billigen Sciencefiction-Romans mit dem psychedelischen Bildnis einer intergalaktischen Landschaft schmückte. Auf dem Schweif eines Kometen prangten die Worte Express 2000. Für einen schwindelerregenden Augenblick glaubte ich, der fensterlose hintere Teil beherberge eine Art Schlafsaal, in den uns zur Sc
hlafenszeit eine Stewardeß geleiten würde, um uns aufzufordern, es uns dort bequem zu machen. Ich war bereit, jeden Betrag für diese Annehmlichkeit zu zahlen. Aber ich hatte mich geirrt. Der hintere Teil und der gesamte Bereich unter uns war mit Frachtgut gefüllt. Der Expreß 2000 war nichts anderes als ein Lkw mit ein paar Fahrgästen.
Auf die Minute um 12.00 Uhr mittags fuhren wir ab. Mir wurde schnell klar, daß alles an diesem Bus der Unbequemlichkeit diente. Ich saß neben der Heizung, so daß mein linkes Bein so heiß wurde, daß ich hören konnte, wie die Haare darauf verbrutzelten, während meine oberen Extremitäten der kalten Zugluft ausgesetzt waren. Die Sitze hatte ein Zwerg entworfen, der sich an seinen ausgewachsenen Mitmenschen rächen wollte; eine andere Erklärung konnte es dafür nicht geben. Der junge Mann vor mir kurbelte seinen Sitz so weit zurück, daß sein Kopf fast in meinem Schoß lag. Er las ein Comic-Heft mit dem Titel Tommy og Tigern und hatte ein Gesicht, bei dessen Anblick man begreift, daß Gott Sinn für Humor haben muß. Die Rückenlehne meines eigenen Sitzes stand in einem Winkel, der sofortige und anhaltende Nackenbeschwerden verursachte. An der Seite befand sich ein Hebel, mit dessen Hilfe man sie vermutlich in eine angenehmere Position hätte bringen können, doch wußte ich aus eigener Erfahrung, daß die Lehne zurückgeschnellt wäre und die Kniescheiben der süßen, alten Dame hinter mir zerschmettert hätte, sobald ich ihn auch nur berühren würde. Also ließ ich die Finger davon. Die Frau neben mir, unverkennbar eine Veteranin dieser Art von Polarexpeditionen, packte Unmengen von Zeitschriften, Papiertüchern, Halspastillen, Salben und Bonbons in die Tasche am Sitz vor ihr, rollte sich dann in eine Decke ein und schlief so gut wie ununterbrochen während der ganzen Fahrt.
Wir ließen die sich mehr und mehr ausdehnenden Vororte von Oslo hinter uns und holperten durch das verschneite Zwielicht ins offene Land. In der endlosen Dämmerung wirkten die ver
einzelten Dörfer und Bauernhäuser gepflegt und wohlhabend. In den Fenstern jedes Hauses brannten weihnachtliche Lichter. Bald sank ich in diesen nicht unangenehmen Zustand der Geistesträgheit, der mich bei langen Reisen meistens überkommt, und mein Kopf baumelte über meinen Schultern, wie bei jemandem, der die Kontrolle über seine Nackenmuskeln verloren hat und sich daraus überhaupt nichts macht.
Meine Reise hatte begonnen. Ich würde Europa wiedersehen.
Zum ersten Mal kam ich 1972 nach Europa - schmächtig, schüchtern und allein. Damals gingen die einzigen Billigflüge von New York nach Luxemburg, mit Zwischenstop auf dem Keflavik Airport von Reykjavik. Die Flugzeuge hatten ihre besten Jahre längst hinter sich. Gelegentlich fielen Sauerstoffmasken ungebeten aus ihren Fächern über unseren Köpfen und hingen dort, bis eine Stewardeß mit einem Hammer und einer Handvoll Nägel zwischen den Zähnen erschien, um den Fehler zu beheben. Und die Toilettentür sprang auf, wenn man nicht von innen seinen Fuß dagegen stemmte, was alles, was man ansonsten dort zu tun beabsichtigte, zu einer echten Herausforderung werden ließ. Vor allen Dingen waren die Maschinen fürchterlich langsam. Es dauerte anderthalb Wochen, um nach Keflavik zu kommen, einem kleinen, grauen Flughafen in der Mitte eines flachen, grauen Nirgendwo, und weitere anderthalb Wochen, bis man endlich Luxemburg erreicht hatte.
Mit Ausnahme der Crew und zweier leitender Angestellter irgendeiner Heringsfabrik in der ersten Klasse waren ausschließlich Hippies an Bord. Es war, als befände man sich in einem Greyhound Bus auf dem Weg zu einem Folkfestival. Ständig holten Leute Gitarren oder Mandolinen oder Weinflaschen der Marke Thunderbird hervor und knüpften Kontakt zu ihren Nachbarinnen, der zweifellos zu jeder Menge dynamischem Sex an den verschiedensten mediterranen Stränden führen würde.
Die langen, aufregenden Wochen vor dem Abflug habe ich, wie ich gestehen muß, nur mit Hilfe einiger lüsterner Tagträume ü
berstanden, in denen ich mich im allgemeinen an der Seite einer lechzenden, jungen Schönheit wiederfand, die von ihrem Vater gegen ihren Willen auf das Institut für an Nymphomanie leidende Frauen in Lausanne geschickt worden war und die sich irgendwo mitten über dem Atlantik an mich wenden und fragen würde: Verzeihung, aber hätten Sie was dagegen, wenn ich mich eine Weile auf Ihr Gesicht setze? Tatsächlich erwies sich mein Nachbar dann jedoch als eine unter Akne leidende Bohnenstange mit Buddy-Holly-Brille. In seiner Hemdtasche trug er ein Sortiment von Kugelschreibern in einer Plastikhülle, auf der zu lesen stand Gruber's Eisenwarenhandlung, Flagellation, Oklahoma. Was Sie bei uns nicht finden, brauchen Sie auch nicht oder etwas in der Art. An seinem Hals hatte er Furunkel, die wie schlecht verheilte Schußwunden aussahen und penetrant nach Vick VapoRub rochen.
Fast während des gesamten Fluges las er in der Heiligen Schrift, wobei er mit den Fingerspitzen beider Hände jeder Zeile des Textes folgte und die Worte gerade so laut vor sich hin murmelte, daß ich sie in meinem rechten Ohr als leidenschaftliches Geflüster wahrnahm. Ich war auf das Schlimmste gefaßt. Ich weiß nicht, warum religiöse Fanatiker immer unter dem Zwang stehen, jeden bekehren zu müssen, der ihnen über den Weg läuft. Ich laufe auch nicht herum und versuche, aus ihnen Fans von St. Louis Cardinal zu machen. Aber diese Leute lassen keine Gelegenheit aus.
Wenn mich heute jemand von ihnen anspricht, erkläre ich ihm, daß Leute, die zu Hush Puppies weiße Socken tragen und obendrein eine Plakette mit der Aufschrift Hi! Ich bin Gus!, mich nicht einmal dazu bewegen können, aus einem brennenden Auto zu steigen, geschweige denn eine lebenslange Verpflichtung einer Gottheit gegenüber einzugehen, und ich lege ihm nahe, das nächste Mal jemanden zu schicken, der nicht nur intelligenter, sondern auch besser gekleidet ist als er. Aber damals war ich zu wohlerzogen, hörte nur höflich zu und reagierte auf die B
eteuerungen, daß Jesus mein Leben zum Guten wenden könnte, mit unverbindlichen Hmmmms. Irgendwo über dem Atlantik, mir wurden beim Sitzen immer mehr die 200 Kubikzentimeter persönlicher Raum bewußt, wie einem das eben auf langen Flügen so geht, erspähte ich unter dem Sitz vor mir eine Münze. Ich beugte mich vor und griff danach. Als ich mich wieder aufrichtete, bemerkte ich, daß mein Nachbar mich mit diesem unheilverkündenden Blick ansah.
Hast du Jesus gefunden? fragte er unvermittelt.
Oh, nein, es ist eine Münze, antwortete ich, lehnte mich schnell zurück und gab während der nächsten sechs Stunden vor zu schlafen, wobei ich mich bemühte, sein flehendes Geflüster, Jesus in meinem Herzen Einlaß zu gewähren, zu überhören.
Heimlich sah ich aus dem Fenster und hielt nach Europa Ausschau. Ich kann mich noch gut an den ersten Anblick erinnern. Das Flugzeug fiel aus den Wolken, und unter mir lag plötzlich dieser geheimnisvolle Teppich aus kleinen, grünen Feldern. Dörfer mit Kirchtürmen verteilten sich über die hügelige Landschaft, die aussah wie eine aufgeschüttelte Steppdecke, die sich soeben wieder über ein Bett breitete. In Amerika war ich schon oft geflogen, aber selten hatte ich aus einem Flugzeugfenster mehr gesehen als endlose, goldene Felder, so groß wie Belgien, sich windende Flüsse und schwarze Highways, so dünn wie Bleistiftstriche und so schnurgerade wie straff gespannte Drähte. Und immer schien die Weite fast leer zu sein. Man glaubte, wenn man seine Augen nur genügend anstrengte, könnte man bis nach Los Angeles blicken, selbst wenn man sich über Kansas befand. Doch hier war die Landschaft so perfekt und aufgeräumt wie die Kulisse einer Modelleisenbahn. Alles war so grün, so kompakt, so ordentlich, so bezaubernd, so- europäisch. Ich war hingerissen und bin es noch heute.
Ich hatte einen gelben Rucksack dabei, der so enorm groß war, daß ich bei der Zollabfertigung halb damit rechnete, gefragt zu werden, Irgendwas zu verzollen? Zigaretten? Alkoho
l? Ein totes Pferd?, und verbrachte den Tag damit, unter seinem Gewicht durch die alten Straßen der Stadt Luxemburg zu torkeln. Ich befand mich in einem Zustand aufgekratzter Benommenheit - eine ungewohnte Mischung aus Aufgeregtheit, Erschöpfung und intensiver optischer Anregung. Alles wirkte so lebendig, so stark konzentriert und neu. Ich fühlte mich wie jemand, der zum ersten Mal ins Freie tritt. Es war alles so anders: die Sprache, das Geld, die Autos, die Nummernschilder der Autos, das Brot, das Essen, die Zeitungen, die Parks, die Menschen. Nie zuvor hatte ich eine Kreuzung mit Zebrastreifen gesehen oder eine Straßenbahn oder einen ungeschnittenen Laib Brot (allein die Möglichkeit wäre mir nie in den Sinn gekommen). Nie zuvor hatte ich gesehen, daß jemand eine Baskenmütze trägt und dennoch ernst genommen wird, daß Leute jeden einzelnen Bestandteil ihres Abendessens in einem anderen Laden kaufen und ihre eigenen Einkaufstaschen mitbringen. Nie zuvor hatte ich gefiederte Fasane und enthäutete Kaninchen im Fenster einer Metzgerei hängen sehen oder einen Schweinekopf, der grinsend auf einem Teller liegt, oder ein Päckchen Gitanes oder den Michelin-Mann. Und die Leute - das waren Luxemburger. Ich weiß nicht, warum mich das so in Erstaunen versetzte, aber das tat es. Immer wieder dachte ich, Der Mann da drüben, das ist ein Luxemburger. Und das Mädchen auch. Sie haben noch nie von den New York Yankees gehört, und die Titelmelodie von The Mickey Mouse Club kennen sie auch nicht. Das hier ist eine andere Welt. Es war einfach wunderbar.
Am Nachmittag stieß ich auf der Pont Adolphe, hoch über der Schlucht, die sich quer durch die Stadt zieht, auf meinen pickeligen Nachbarn aus dem Flugzeug. Ebenfalls mit einem riesigen Rucksack auf den Schultern trottete er zurück in Richtung Zentrum. Ich begrüßte ihn wie einen Freund - schließlich war er unter den 300 Millionen Menschen in Europa der einzige, den ich kannte. Meine fieberhafte Aufregung teilte er allerdings nicht.
>Hast du ein Zimmer bekommen? fragte er finster.
Nein.
Ich kann einfach keins finden. Ich hab schon überall gefragt. Alles ist voll.
Wirklich? Besorgnis legte sich wie ein Schatten über mich. Das könnte zu einem Problem werden. Bis dahin hatte ich mich noch nie in einer Situation befunden, in der ich mich selbst um ein Bett für die Nacht kümmern mußte. Ich bin davon ausgegangen, nur ein kleines Hotel aufsuchen zu müssen, wenn ich die Zeit für gekommen hielt, und damit wäre die Sache erledigt.
Scheißstadt, Scheiß-Luxemburg, sagte mein Freund mit überraschender Unverblümtheit und trottete weiter.
Ich fragte in einer Reihe von mehr oder weniger schäbigen Hotels in der Umgebung des Hauptbahnhofs nach einem Zimmer, aber nirgends war etwas frei. Ich ging weiter stadtauswärts und versuchte mein Glück unterwegs in anderen Hotels, aber ohne Erfolg, und es dauerte nicht lange - die Stadt Luxemburg ist nämlich ebenso kompakt wie reizvoll -, und ich stand an einer Landstraße außerhalb der Stadt. Unsicher, wie ich diese kritische Situation bewältigen sollte, beschloß ich spontan, per Anhalter nach Belgien zu fahren. Das war ein größeres Land; vielleicht hätte ich dort mehr Glück. Eine Stunde und vierzig Minuten stand ich am Straßenrand, hielt meinen Daumen in die Luft und sah zu, wie die Autos an mir vorüberschossen und wie sich die Sonne allmählich dem Horizont näherte. Meine Besorgnis drohte in Verzweiflung umzuschlagen. Ich war gerade im Begriff, auch diesen Plan fallenzulassen - um was zu tun? Ich wußte es nicht -, als ein verbeulter Citroën 2CV hielt.
Ich schleppte meinen Rucksack zum Auto und erblickte auf den Vordersitzen ein junges Paar, das sich zankte. Im ersten Moment kam es mir vor, als hätten sie gar nicht meinetwegen gehalten, sondern weil der Mann der Frau eine knallen wollte - aus den Filmen mit Jean-Paul Belmondo wußte ich, daß das in Europa zu den Gepflogenheiten gehört -, doch dann stieg die Frau aus, durchbohrte mich mit einem wütenden
Blick und ließ mich auf den Rücksitz klettern, wo ich mit bis an die Ohren hochgezogenen Knien eingezwängt zwischen Stapeln von Schuhkartons saß.
Der Fahrer war sehr freundlich und sprach gut Englisch. Da der Motor ein Getöse wie ein Rasenmäher machte, konnten wir uns nur schreiend unterhalten. Der Mann rief mir zu, daß er als Vertreter für Schuhe und seine Frau als Bankangestellte in Luxemburg arbeiteten und daß sie direkt hinter der Grenze in Arlon wohnten. Ständig drehte der Mann sich um und ordnete die Kartons auf dem Rücksitz, um mir mehr Platz zu schaffen. Einige Schachteln warf er auf die Hutablage, was für mich alles andere als angenehm war, denn mehr als einmal traf er mich damit am Kopf. Außerdem raste er gleichzeitig einhändig mit 110 Stundenkilometern durch den dichten Verkehr.




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