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Gefährliche Geliebte

Roman. Zur Veranstaltungsreihe 'Eine Stadt liest ein Buch' 2005. Originaltitel: Kokkyo no minami Taiyo no Nishi.…
Taschenbuch
Hajime lebt so wie Millionen Japaner: in geordneten Verhältnissen, geschäftlich erfolgreich. Er betreibt einen Jazzclub in einem schicken Viertel von Tokio, ist verheirat und hat zwei Töchter. Da tritt eines Abends Shimamoto an die Ba... weiterlesen
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Gefährliche Geliebte als Taschenbuch
Produktdetails
Titel: Gefährliche Geliebte
Autor/en: Haruki Murakami

ISBN: 3442727952
EAN: 9783442727957
Roman. Zur Veranstaltungsreihe 'Eine Stadt liest ein Buch' 2005.
Originaltitel: Kokkyo no minami Taiyo no Nishi.
'btb'.
Empfohlen Ab 16 Jahre.
Übersetzt von Giovanni Bandini, Ditte Bandini
btb Taschenbuch

25. Juni 2002 - kartoniert - 224 Seiten

Beschreibung

Hajime lebt so wie Millionen Japaner: in geordneten Verhältnissen, geschäftlich erfolgreich. Er betreibt einen Jazzclub in einem schicken Viertel von Tokio, ist verheirat und hat zwei Töchter. Da tritt eines Abends Shimamoto an die Bar, seine Jugendliebe, mit der er einst ganz in die Welt der Musik versunken ist. Wie eine Halluzination erscheint sie immer ganz geheimnisumwoben an regnerischen Abenden und rührt mit ihrem bezaubernden Lächeln verloren geglaubte Saiten in Hajime an. Langsam zieht sie ihn aus seiner so perfekt erscheinenden Welt, bis er schließlich bereit ist, alles für sie zu opfern.

"Alles ist möglich bei Haruki Murakami. Seine Bücher sind eine ,gelungene Mischung aus Zen und Coca-Cola' hat einmal ein Rezensent geschrieben. Hier sind es Jazz und Cocktails, die das westliche Flair bringen. Und wenn man bei Zen an die Kunst des Bogenschießens denkt, dann geht Murakami noch einen Schritt darüber hinaus. Seine Kunst besteht nicht nur darin, ins Schwarze zu treffen, sondern den Pfeil so abzuschießen, dass er in der Luft bleibt." Die Welt



Portrait

Haruki Murakami, geboren 1949 in Kyoto, die Eltern sind Lehrer für japanische Literatur. Studium der Theaterwissenschaften und des Drehbuchschreibens in Tokyo, aufkeimendes Interesse an amerikanischer Literatur und Musik. 1974 Gründung des Jazzclubs 'Peter Cat', den er bis 1982 betreibt. 1978 erste erfolgreiche Buchveröffentlichung. In den 80er Jahren dauerhaft in Europa ansässig (u.a. in Frankreich, Italien und Griechenland), geht er 1991 in die USA, ehe er 1995 nach Japan zurückkehrt. 2006 erhielt Haruki Murakami den Franz-Kafka-Literaturpreis. 2009 wurde ihm der Jerusalem Prize für sein literarisches Werk verliehen und 2014 wurde Haruki Murakami mit dem "Welt"-Literaturpreis ausgezeichnet. 2015 wurde er für den Hans Christian Andersen Literaturpreis ausgewählt.

Leseprobe

Ich bin am vierten Januar 1951 geboren, in der ersten Woche des ersten Monats des ersten Jahres der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts. Eine denkwürdige Konstellation, nehme ich an, und darum gaben meine Eltern mir den Namen Hajime - japanisch für Beginn. Ansonsten war es eine hundertprozentig durchschnittliche Geburt. Mein Vater arbeitete in einer großen Investment-Firma, meine Mutter war eine typische Hausfrau. Während des Krieges war mein Vater vom College weg eingezogen worden und nach Singapur an die Front gekommen; nach der Kapitulation verbrachte er einige Zeit in Kriegsgefangenschaft. Das Haus meiner Mutter brannte im letzten Kriegsjahr während eines Bombenangriffs nieder. Ihre Generation litt unter dem langen Krieg am meisten.
Als ich geboren wurde, hätte man jedoch nie vermutet, daß es einen Krieg gegeben hatte. Keine ausgebrannten Ruinen mehr, keine Besatzungsarmee. Wir wohnten in einem ruhigen Städtchen, in einem Haus, das der Firma meines Vaters gehörte, noch aus der Vorkriegszeit; es war nicht mehr das neuste, aber recht geräumig. Im Garten wuchsen Kiefern, und wir hatten sogar einen kleinen Teich und ein paar steinerne Laternen.
Der Ort, in dem ich aufwuchs, war eine typische, gutbürgerliche Vorortsiedlung. Die Kinder aus meiner Klasse, mit denen ich befreundet war, wohnten durchweg in netten kleinen Reihenhäusern; ein paar davon mögen ein bißchen größer gewesen sein als unseres, aber sie hatten garantiert alle eine ähnliche Einfahrt, Kiefern im Garten und so weiter. Die Väter meiner Freunde waren entweder mittlere Angestellte, oder sie übten irgendeinen freien Beruf aus. Kaum eine Mutter ging arbeiten. Und praktisch jeder hatte eine Katze oder einen Hund. Niemand, den ich kannte, wohnte in einer Miet- oder Eigentumswohnung. Später zogen wir in ein anderes Viertel, aber dort sah es praktisch genauso aus. Das führte dazu, daß ich bis zum Beginn meines College-Studiums in Tokio davon überzeugt war, jedermann auf der Welt wohne in einem
Einfamilienhaus mit einem Garten und einem Haustier und fahre täglich, in Anzug und Krawatte, mit dem Vorortzug zur Arbeit. Ich konnte mir beim besten Willen keine andere Lebensweise vorstellen.
In der Welt, in der ich aufwuchs, hatte eine typische Familie zwei bis drei Kinder. Die Freunde meiner Kindheit gehörten samt und sonders zu solchen Musterfamilien. Wenn's keine zwei Kinder waren, dann drei; wenn nicht drei, dann zwei. Familien mit sechs oder sieben Kindern waren die Ausnahme, aber noch seltener waren Familien mit nur einem Kind.
Wie es der Zufall wollte, war ich eine dieser Ausnahmen, denn ich war ein Einzelkind. Ich hatte deswegen einen Minderwertigkeitskomplex, als sei irgend etwas an mir abnorm, da mir etwas fehlte, was alle anderen hatten und als selbstverständlich betrachteten.
Ich verabscheute das Wort Einzelkind. Jedesmal, wenn ich es hörte, hatte ich das Gefühl, mir fehle etwas - als sei ich kein ganz vollständiger Mensch. Das Wort Einzelkind pflanzte sich vor mir auf und deutete vorwurfsvoll auf mich. Da hapert's, Junge, sagte es zu mir.
In der Welt, in der ich lebte, war man allgemein der Überzeugung, Einzelkinder seien verzogen, schwach und egozentrisch. Daran war nicht zu rütteln - so wenig wie an der Tatsache, daß das Barometer fällt, je höher man steigt, und daß Kühe Milch geben. Darum konnte ich es nicht ausstehen, gefragt zu werden, wie viele Geschwister ich hätte. Die Leute brauchten nur zu hören, daß ich gar keine hatte, und schon dachten sie unwillkürlich: Hm, ein Einzelkind - verzogen, schwach und egozentrisch, möcht ich wetten. Diese spontane Reaktion deprimierte und verletzte mich. Aber im Grunde deprimierte und verletzte mich etwas anderes: daß alles, was die Leute von mir dachten, stimmte. Ich war tatsächlich verzogen, schwach und egozentrisch.
Während der ganzen sechs Grundschuljahre lernte ich nur ein anderes Einzelkind kennen. Deswegen erinnere ich mich noch sehr gut an sie (ja, es war ein Mädchen). Ich freunde
te mich mit ihr an, und wir unterhielten uns über alle möglichen Dinge. Wir verstanden uns. Man könnte sogar sagen, daß ich sie liebte.
Sie hieß Shimamoto. Kurz nach ihrer Geburt hatte sie Kinderlähmung gehabt, und daher zog sie das linke Bein nach. Zudem noch war sie erst am Ende der fünften Klasse in unsere Schule gekommen. Im Vergleich zu mir hatte sie also ein wirklich schweres Bündel zu tragen, doch diese psychische Belastung machte sie nur zu einem zäheren, gelasseneren Einzelkind, als ich es je hätte werden können. Nie jammerte oder klagte sie, nie ließ sie auch nur durchblicken, wie ärgerlich oder entnervt sie manchmal gewesen sein muß. Was auch passierte, immer brachte sie ein Lächeln zustande. Ja, je schlimmer die Sache wurde, desto strahlender wurde ihr Lächeln. Ich liebte ihr Lächeln. Es beruhigte mich, machte mir Mut. Es wird schon werden, sagte mir ihr Lächeln. Halt einfach durch, und alles wird gut. Wenn ich Jahre später an sie zurückdachte, war ihr Lächeln immer das erste, woran ich mich erinnerte.
Shimamoto bekam immer gute Noten und war zu allen freundlich. Man respektierte sie. Wir waren beide Einzelkinder, aber in dieser Hinsicht waren sie und ich verschieden. Das soll allerdings nicht heißen, daß alle unsere Klassenkameraden sie mochten. Niemand ärgerte sie oder machte sich über sie lustig, aber außer mir hatte sie keine richtigen Freunde.
Wahrscheinlich war sie zu besonnen, zu beherrscht. Manche unserer Klassenkameraden müssen sie für kalt und hochmütig gehalten haben. Aber ich spürte da etwas anderes - etwas Warmes und Zerbrechliches gleich unter der Oberfläche. Etwas, das sich wie ein Kind, das Verstecken spielt, tief in ihrem Inneren verbarg und doch hoffte, entdeckt zu werden.
Da Shimamotos Vater häufig versetzt wurde, hatte sie schon eine ganze Reihe von Schulen besucht. Was ihr Vater von Beruf war, weiß ich nicht mehr. Einmal hat sie es mir ausführlich erzählt, aber wie das bei Kindern so ist, ging das bei mir durch ein Oh
r rein und durch das andere wieder hinaus. Ich meine mich zu erinnern, daß es mit einer Bank oder Steuerbehörde zu tun hatte. Auch das Haus, in dem sie wohnte, war vom Arbeitgeber des Vaters gestellt, aber es war größer als sonst üblich: ein Haus im westlichen Stil, mit einer niedrigen, massiven Steinmauer um das Grundstück. Über die Mauer ragte eine immergrüne Hecke, und durch deren lichte Stellen konnte man in einen Garten mit einem Rasen spähen.
Shimamoto war ein großes Mädchen - ungefähr so groß wie ich - mit ausdrucksvollen Gesichtszügen. Ich war mir sicher, daß sie in ein paar Jahren eine Schönheit sein würde. Aber als ich sie kennenlernte, entsprach ihr Äußeres noch nicht ganz ihren inneren Qualitäten. Sie hatte etwas Unausgewogenes an sich, und die meisten fanden sie nicht sonderlich attraktiv. Ein Teil von ihr war erwachsen, ein Teil noch kindlich - und das erzeugte eine gewisse Dissonanz. Und diese Dissonanz verunsicherte die Leute.
Wahrscheinlich weil wir so nah beieinander wohnten - buchstäblich einen Steinwurf voneinander entfernt -, wurde sie, als sie an unsere Schule kam, neben mich gesetzt. Ich erklärte ihr, was für Bücher sie brauchen würde, wie die wöchentlichen Klassenarbeiten abliefen, wieviel wir in den einzelnen Fächern schon durchgenommen hatten, wie der Putzdienst und die Arbeit in der Essensausgabe geregelt waren. In unserer Schule hielt man es so, daß das Kind, das einem Neuzugang am nächsten wohnte, sich in der Anfangszeit um diesen zu kümmern hatte; mein Lehrer nahm mich beiseite und teilte mir mit, er erwarte, daß ich mich der gehbehinderten Shimamoto ganz besonders annehmen würde.
Wie bei allen Elf- oder Zwölfjährigen, die zum erstenmal mit einer Person des anderen Geschlechts reden, waren unsere Gespräche während der ersten paar Tage recht verkrampft. Als wir aber herausfanden, daß wir beide Einzelkinder waren, wurden wir lockerer. Beide lernten wir zum erstenmal ein anderes Einzelkind kennen, und es gab soviel über unser j
eweiliges Einzelkinddasein zu erzählen, was wir bis dahin für uns behalten hatten. Oft gingen wir von der Schule zusammen nach Hause. Langsam, wegen ihres Beins, gingen wir den einen Kilometer und unterhielten uns dabei über vielerlei. Je mehr wir redeten, desto mehr Gemeinsamkeiten entdeckten wir: unsere Liebe zu Büchern und Musik; von Katzen ganz zu schweigen. Es fiel uns beiden schwer, anderen unsere Gefühle begreiflich zu machen. Beide hatten wir eine lange Liste von Gerichten, die uns nicht schmeckten. Bei den Schulfächern kannten wir nur zwei Kategorien: solche, die uns Spaß machten, auf die wir uns mühelos konzentrieren konnten - und solche, die wir auf den Tod nicht ausstehen konnten. Ein wichtiger Unterschied bestand allerdings zwischen uns: in weit stärkerem Maße als ich umgab sich Shimamoto bewußt mit einem schützenden Panzer. Im Gegensatz zu mir strengte sie sich in den Fächern, die sie haßte, besonders an und bekam darin gute Noten. Wenn es in der Schule mittags etwas gab, das sie nicht ausstehen konnte, aß sie es trotzdem. Mit anderen Worten: Sie errichtete eine weit höhere Schutzmauer um sich, als es mir je gelungen war. Was jedoch hinter dieser Mauer lag, unterschied sich kaum von dem, was hinter meiner lag.
Bei Shimamoto konnte ich mich entspannen; in Gesellschaft anderer Mädchen nicht. Es gefiel mir sehr, zusammen mit ihr nach Hause zu gehen. Beim Gehen hinkte sie leicht. Manchmal hielten wir auf halbem Weg bei einer Parkbank an, aber das störte mich nicht. Im Gegenteil, ich war dankbar für die zusätzliche gemeinsame Zeit.
Bald sah man uns immer häufiger zusammen, aber ich kann mich nicht erinnern, daß sich jemand deswegen über uns lustig gemacht hätte. Damals fiel mir das nicht weiter auf, aber jetzt finde ich es schon merkwürdig. Schließlich neigen Kinder in diesem Alter dazu, über solche angehenden Pärchen zu spotten und zu witzeln. Es könnte an Shimamotos Art gelegen haben; etwas an ihr schüchterte andere ein, ließ sie denken: Mann - vo
r dem Mädchen sagst du besser keine Dummheiten! Selbst unsere Lehrer wirkten im Umgang mit ihr leicht nervös; es mag auch an ihrem gelähmten Bein gelegen haben. Jedenfalls fanden die meisten, Shimamoto sei nicht von der Sorte, die man hänselt, und mir konnte das nur recht sein.
Während des Sportunterrichts saß sie am Rand, und wenn unsere Klasse eine Wanderung oder eine Bergtour unternahm, blieb sie zu Hause. Genauso, wenn wir im Sommer ins Schwimmlager fuhren. Bei unserem jährlichen Sportfest wirkte sie zwar nicht besonders glücklich, aber sonst führte sie in der Schule ein ganz normales Leben. Von ihrem Bein sprach sie fast nie. Ja, wenn ich mich recht erinnere, überhaupt nie. Niemals entschuldigte sie sich auf dem Nachhauseweg dafür, daß ich ihretwegen langsamer gehen mußte, oder ließ auch nur zu, daß dieser Gedanke sich in ihrem Gesicht abzeichnete. Ich wußte jedoch, daß sie ihr gelähmtes Bein nie erwähnte, gerade weil es ihr sehr zu schaffen machte. Sie ging nicht gern zu anderen nach Hause, weil sie dann gezwungen gewesen wäre, wie in Japan üblich, ihre Schuhe in der Diele auszuziehen. Sie hatte unterschiedlich hohe Absätze, und auch die zwei Schuhe waren unterschiedlich geformt - was sie unter allen Umständen zu verbergen versuchte. Es waren bestimmt Maßanfertigungen. Wenn wir bei ihr zu Hause ankamen, warf sie als erstes ihre Schuhe so schnell wie möglich in den Schrank.
Im Wohnzimmer von Shimamotos Haus stand eine brandneue Stereoanlage, und ich kam oft zu ihr, um Musik zu hören. Die Anlage war wirklich gut, die dazugehörige Plattensammlung nahm sich dagegen eher bescheiden aus. Shimamotos Vater besaß, wenn's hoch kam, fünfzehn LPs, hauptsächlich mit leichterer klassischer Musik. Wir müssen uns diese fünfzehn Platten tausendmal angehört haben, und noch heute kann ich mich an alle Stücke erinnern - Note für Note.
Für die Schallplatten war Shimamoto verantwortlich. Sie nahm eine aus der Hülle, legte sie behutsam auf den Plattenteller, ohne die Ril
len mit den Fingern zu berühren, und nachdem sie die Nadel mit einer winzigen Bürste von jeglichem Staub befreit hatte, setzte sie mit allergrößter Vorsicht den Tonarm auf. Wenn die Platte zu Ende war, besprühte sie sie mit einem Spray, wischte sie mit einem Reinigungstuch ab, steckte sie in ihre Hülle zurück und stellte sie an ihren Platz im Regal. Ihr Vater hatte ihr dieses Vorgehen beigebracht, und sie befolgte seine Anweisungen mit beängstigend ernstem Gesicht, leicht zusammengekniffenen Augen und fast, ohne zu atmen. Währenddessen saß ich auf dem Sofa und beobachtete jede ihrer Bewegungen. Erst wenn die Schallplatte wieder sicher im Regal stand, wandte sie sich mir zu und schenkte mir ein kleines Lächeln. Und jedesmal durchzuckte mich der Gedanke: Es war keine Schallplatte, womit sie da hantierte. Es war eine zarte Seele in einer Glasflasche.
Bei uns zu Hause gab es weder Schallplatten noch Plattenspieler. Meine Eltern machten sich nicht viel aus Musik. Also hörte ich immer die Musik aus einem kleinen Plastikradio, das nur Mittelwelle empfing. Am liebsten mochte ich Rock 'n' Roll, aber es dauerte nicht lange, bis ich auf den Geschmack der Art von Klassik kam, die ich bei Shimamoto hörte. Dies war Musik aus einer anderen Welt, was schon an sich seinen Reiz hatte, aber mehr noch als deswegen liebte ich sie, weil Shimamoto zu dieser Welt gehörte. Ein-, zweimal die Woche setzten wir uns nebeneinander auf das Sofa, tranken den Tee, den ihre Mutter uns zubereitete, und verbrachten den ganzen Nachmittag mit Ouvertüren von Rossini, Beethovens Pastorale und der Peer-Gynt-Suite. Ihre Mutter war froh über meine Besuche. Es freute sie, daß ihre Tochter so schnell einen Freund in der neuen Schule gefunden hatte; und daß ich immer ordentlich angezogen war, dürfte auch eine gewisse Rolle gespielt haben. Ehrlich gesagt, habe ich es nie fertiggebracht, Shimamotos Mutter sonderlich zu mögen. Es gab dafür keinen bestimmten Grund; sie war immer nett zu mir. Aber ich hörte imme
r einen Anflug von Gereiztheit aus ihrer Stimme heraus, und das machte mich nervös.
Von allen Schallplatten ihres Vaters mochte ich am liebsten die mit Liszts Klavierkonzerten: auf jeder Seite eines. Ich mochte diese Platte aus zwei Gründen. Erstens hatte sie ein schönes Cover. Zweitens war ich der einzige, den ich kannte - Shimamoto natürlich ausgenommen -, der sich Klavierkonzerte von Liszt anhörte. Das war eine erregende Vorstellung. Ich hatte eine Welt entdeckt, von der niemand in meiner Umgebung etwas ahnte - einen geheimen Garten, den nur ich betreten durfte. Ich fühlte mich hervorgehoben, auf eine höhere Daseinsebene versetzt.
Und dann war die Musik selbst wundervoll. Anfangs kam sie mir übertrieben vor, gekünstelt, ja, unverständlich. Nach und nach aber, nach mehrmaligem Anhören, entstand ein undeutliches Bild in meinem Kopf - ein Bild, das etwas bedeutete. Wenn ich die Augen schloß und mich konzentrierte, erreichte mich die Musik als eine Folge von Strudeln. Zuerst bildete sich ein Strudel, dann entstand daraus ein zweiter. Und an den zweiten Strudel schloß sich ein dritter an. Heute weiß ich, daß diese Strudel eine ideelle, abstrakte Qualität besaßen. Wie gern hätte ich Shimamoto von ihnen erzählt! Aber sie waren mit der alltäglichen Sprache nicht zu erfassen. Ein völlig neues Vokabular wäre dazu erforderlich gewesen, aber ich hatte nicht die leiseste Ahnung, wie es hätte aussehen können. Hinzu kam, daß ich nicht wußte, ob das, was in mir vorging, überhaupt wert war, in Worte gefaßt zu werden. Leider kann ich mich an den Namen des Pianisten nicht mehr erinnern. Nur das farbenprächtige Plattencover ist mir in Erinnerung geblieben und das Gewicht der Platte selbst. Sie war unerklärlich dick und schwer.
Die Sammlung von Shimamotos Vaters enthielt auch je eine LP von Nat King Cole und Bing Crosby. Diese beiden hörten wir uns sehr häufig an. Crosby sang Weihnachtslieder, die wir immer wieder gern abspielten, ungeachtet der Jahreszeit. Es ist schon k
omisch, wie oft wir uns so etwas mit Genuß anhören konnten.
Eines Dezembertags, kurz vor Weihnachten, saßen Shimamoto und ich wieder einmal in ihrem Wohnzimmer, wie gewöhnlich auf dem Sofa, und hörten uns Schallplatten an. Ihre Mutter war wegen irgendwelcher Besorgungen aus dem Haus gegangen, und wir waren allein. Es war ein bewölkter, dunkler Winternachmittag. Die staubschraffierten Strahlen der Sonne schafften es kaum, durch die schwere Wolkendecke zu dringen; alles sah trüb und reglos aus. Es ging auf den Abend zu, und im Zimmer war es dunkel wie in der Nacht. Ich weiß noch, daß das Licht ausgeschaltet war. Ein Kerosin-Heizgerät verströmte einen mattroten Schimmer. Nat King Cole sang gerade Pretend. Natürlich verstanden wir damals kein Wort des englischen Textes; für uns war er eher ein liturgischer Singsang.


Pressestimmen

"Die verführerische Leichtigkeit von Murakamis Texten ist allerdings trügerisch. Unter der Oberfläche tun sich Abgründe auf, in die man nicht gefahrlos blickt."

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