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Verborgene Muster. Das zweite Zeichen

Zwei Inspector-Rebus-Romane in einem Band. Originaltitel: Knots and Crosses / Hide and Seek. 'Goldmanns…
Taschenbuch
"Verborgene Muster"

Eine Mordserie versetzt Edinburgh in Angst: Zwei Mädchen wurden getötet, ein drittes ist verschwunden. Detective Sergeant John Rebus tappt im Dunkeln, denn auf den ersten Blick gibt es keine Verbindung zwischen ... weiterlesen
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Verborgene Muster. Das zweite Zeichen als Taschenbuch
Produktdetails
Titel: Verborgene Muster. Das zweite Zeichen
Autor/en: Ian Rankin

ISBN: 3442134358
EAN: 9783442134359
Zwei Inspector-Rebus-Romane in einem Band.
Originaltitel: Knots and Crosses / Hide and Seek.
'Goldmanns Taschenbücher'. 'Inspector Rebus'.
Übersetzt von Ellen Schlootz
Goldmann TB

28. Mai 2008 - kartoniert - 544 Seiten

Beschreibung

"Verborgene Muster"

Eine Mordserie versetzt Edinburgh in Angst: Zwei Mädchen wurden getötet, ein drittes ist verschwunden. Detective Sergeant John Rebus tappt im Dunkeln, denn auf den ersten Blick gibt es keine Verbindung zwischen den Morden ...

"Das zweite Zeichen"

In einem heruntergekommenen Haus in Edinburgh wurde die Leiche eines jungen Mannes gefunden. Ein Drogenopfer, so sieht es zunächst aus. Aber aus dem scheinbar einfachen Fall wird bald eine mysteriöse Mordsache für John Rebus ...


Portrait

Ian Rankin gilt als "der führende Krimiautor Großbritanniens" (Times Literary Supplement). Er wurde 1960 im schottischen Fife geboren, lebte in Edinburgh und London, bevor er mit seiner Familie für sechs Jahre nach Südfrankreich zog. Sein erster Roman erschien 1986 und wurde sogleich von der Kritik gefeiert. Der internationale Durchbruch gelang Ian Rankin schließlich mit seinem melancholischen Serienhelden John Rebus, der mittlerweile aus den britischen Bestsellerlisten nicht mehr wegzudenken ist. Rankin wurde bereits mit dem begehrten Golden Dagger Award der Crime Writers Association of America ausgezeichnet, für den Edgar Allan Poe Award nominiert, zum Hawthornden Fellow gewählt und mit dem Chandler-Fulbright Award geehrt.

Leseprobe

II


Das Mädchen schrie ein Mal, nur ein Mal.
Und selbst das geschah nur wegen einer Unachtsamkeit seinerseits. Doch es hätte das Ende von allem bedeuten können, noch bevor es richtig begonnen hatte. Neugierige Nachbarn, die die Polizei riefen. Nein, so ging das nicht. Beim nächsten Mal würde er den Knebel etwas strammer ziehen, nur dieses kleine bisschen strammer, das die Sache ein bisschen sicherer machte.
Hinterher ging er an die Schublade und nahm ein Knäuel Schnur heraus. Mit einer dieser scharfen Nagelscheren, wie sie Mädchen anscheinend immer benutzen, schnitt er ein Stück von etwa fünfzehn Zentimeter ab, dann legte er Schnur und Schere zurück in die Schublade. Draußen heulte ein Automotor auf. Er trat ans Fenster. Dabei stieß er einen Stapel Bücher auf dem Fußboden um. Das Auto war jedoch bereits verschwunden, und er lächelte in sich hinein. Dann machte er einen Knoten in die Schnur, keinen speziellen Knoten, einfach einen Knoten. Auf dem Sideboard lag ein Briefumschlag bereit.
Es war der 28. April. Natürlich regnete es, und das Gras triefte vor Nässe unter seinen Füßen, als John Rebus zum Grab seines Vaters ging, der auf den Tag genau fünf Jahre tot war. Er legte einen Kranz in Rot und Gelb, den Farben des Gedenkens, auf den immer noch glänzenden Marmor. Dann verharrte er einen Augenblick und überlegte, was er sagen könnte, doch es gab nichts zu sagen, nichts zu denken. Er war ein ganz guter Vater gewesen, und das war's. Der alte Herr hätte sowieso nicht gewollt, dass er irgendwelche Worte verschwendete. Also stand er da, die Hände ehrerbietig hinter dem Rücken, während auf den Mauern um ihn herum die Krähen fröhlich krächzten, bis ihm das Wasser in die Schuhe sickerte und ihn daran erinnerte, dass vor dem Friedhofstor ein warmes Auto auf ihn wartete.
Er fuhr gemächlich. Er hasste es, wieder in Fife zu sein, wo die alte Zeit nie eine gute alte Zeit gewesen war, wo Geister in verlassenen, leeren Häusern rumorten und wo Abend für A
bend an einer Handvoll trübsinniger Geschäfte die Rollläden heruntergelassen wurden, die den Vandalen eine Fläche boten, auf die sie ihre Namen schreiben konnten. Wie Rebus das alles hasste, diese absolut trostlose Gegend. Hier stank es, wie es schon immer gestunken hatte, nach Missbrauch, nach Stillstand, nach absoluter Vergeudung von Leben.
Er fuhr die acht Meilen Richtung Meer, dorthin, wo sein Bruder Michael immer noch wohnte. Der Regen ließ nach, als er sich der schiefergrauen Küste näherte. Aus Tausenden von Rissen in der Straße spritzte während der Fahrt Wasser auf. Wie kam es, fragte er sich, dass man hier die Straßen offenbar nie reparierte, während in Edinburgh so oft daran gearbeitet wurde, dass alles nur noch schlimmer wurde? Und warum vor allen Dingen war er bloß auf die wahnwitzige Idee verfallen, extra nach Fife zu fahren, nur weil heute der Todestag des alten Herrn war? Er versuchte, sich auf etwas anderes zu konzentrieren, doch das endete damit, dass er nur noch an die nächste Zigarette denken konnte.
In dem Regen, der jetzt deutlich schwächer geworden war, sah Rebus ein Mädchen ungefähr im Alter seiner Tochter. Es ging über den Grasstreifen am Straßenrand. Er drosselte das Tempo und betrachtete sie im Spiegel, während er an ihr vorbeifuhr. Dann hielt er an und winkte sie zum Fenster. Ihre kurzen Atemzüge waren in der kalten, ruhigen Luft zu sehen. Das dunkle Haar fiel ihr zottelig in die Stirn. Sie betrachtete ihn ängstlich.
Wo willst du hin, mein Kind?
Nach Kirkcaldy.
Soll ich dich mitnehmen?
Sie schüttelte den Kopf. Wassertropfen flogen aus ihren welligen Haaren.
Meine Mutter hat gesagt, ich soll nicht mit Fremden mitfahren.
Nun ja, sagte Rebus lächelnd, da hat deine Mutter ganz Recht. Ich hab auch eine Tochter in deinem Alter, und der sage ich genau dasselbe. Aber es regnet, und ich bin Polizist, deshalb kannst du mir vertrauen. Außerdem ist es noch ein ganz schönes Stück zu laufen.
Sie blickte die menschenlee
re Straße auf und ab, dann schüttelte sie noch einmal den Kopf.
Okay, sagte Rebus, aber sei vorsichtig. Deine Mutter hat wirklich Recht.
Er kurbelte das Fenster wieder hoch und fuhr weiter. Dabei beobachtete er im Spiegel, wie sie hinter ihm her sah. Kluges Kind. Es war gut zu wissen, dass es immer noch Eltern mit ein bisschen Verantwortungsbewusstsein gab. Wenn man das nur von seiner Exfrau behaupten könnte. Wie sie ihre gemeinsame Tochter erzogen hatte, war eine Schande. Michael hatte seiner Tochter ebenfalls zu viele Freiheiten gelassen. Doch wem sollte man dafür die Schuld geben?
Rebus' Bruder besaß ein ansehnliches Haus. Er war in die Fußstapfen des alten Herrn getreten und Bühnenhypnotiseur geworden. Nach allem, was man so hörte, schien er recht gut darin zu sein. Rebus hatte Michael nie gefragt, wie es funktionierte, so wie er auch nie Interesse oder Neugier an der Show des alten Herrn gezeigt hatte. Michael schien das immer noch zu irritieren, denn ab und zu ließ er Hinweise oder Andeutungen hinsichtlich der Authentizität seiner Bühnenschau fallen, denen er hätte nachgehen können, wenn er gewollt hätte.
Aber John Rebus hatte genug am Hals, dem er nachgehen musste, und das schon seit fünfzehn Jahren, seit er bei der Polizei war. Fünfzehn Jahre, und alles, was er vorzuweisen hatte, waren eine gehörige Portion Selbstmitleid und eine kaputte Ehe, dazu eine unschuldige Tochter, die irgendwo dazwischen hing. Es war eher abscheulich als traurig. Michael hingegen war glücklich verheiratet, hatte zwei Kinder und ein größeres Haus, als Rebus es sich jemals würde leisten können. Er trat als Hauptattraktion in Hotels, Clubs und sogar Theatern zwischen Newcastle und Wick auf. Manchmal verdiente er bis zu sechshundert Pfund mit einer einzigen Show. Ungeheuerlich. Er fuhr ein teures Auto, war gut angezogen und würde mit Sicherheit nicht am trübsten Apriltag seit Jahren bei strömendem Regen auf einem Friedhof in Fife dumm herumstehen. Nein, dazu war Michael
viel zu clever. Oder zu blöde.


John! Um Himmels willen, was ist los? Ich meine, ich freu mich, dich zu sehen. Aber warum hast du denn nicht angerufen, um mich vorzuwarnen? Komm rein.
Der Empfang war so, wie Rebus ihn erwartet hatte: peinlich berührte Überraschung, als ob es weh täte, daran erinnert zu werden, dass man noch irgendwo Familie hatte. Und Rebus war aufgefallen, dass von vorwarnen die Rede war, wo doch Bescheid sagen gereicht hätte. Er war Polizist. Er bemerkte solche Dinge.
Michael Rebus hastete durch das Wohnzimmer und stellte die plärrende Stereoanlage leiser.
Komm doch rein, John, rief er. Möchtest du was zu trinken? Vielleicht einen Kaffee? Oder was Stärkeres? Was führt dich hierher?
Rebus setzte sich hin, als wäre er im Haus eines Fremden, den Rücken gerade und mit professioneller Miene. Er betrachtete die holzgetäfelten Wände - eine neue Errungenschaft - und die gerahmten Fotos von seinem Neffen und seiner Nichte.
Ich war gerade in der Gegend, sagte er.
Michael, der sich mit den gefüllten Gläsern in der Hand vom Barschrank wegdrehte, erinnerte sich plötzlich - oder lieferte zumindest eine überzeugende Show ab.
Oh, John, das hab ich völlig vergessen. Warum hast du mir nichts gesagt? Find ich echt Scheiße, dass ich Dads Todestag vergessen habe.
Jedenfalls gut, dass du Hypnotiseur und nicht Mickey, der Gedächtniskünstler, bist. Jetzt gib mir endlich das Glas, oder kannst du dich nicht davon trennen?
Michael lächelte deutlich erleichtert und gab ihm den Whisky.
Ist das dein Auto da draußen?, fragte Rebus, während er das Glas entgegennahm. Ich meine den großen BMW?
Michael nickte immer noch lächelnd.
Mein Gott, sagte Rebus. Du lebst ja nicht schlecht.
Chrissie und die Kinder können aber auch nicht klagen. Wir bauen gerade hinten am Haus an. Um einen Whirlpool oder eine Sauna unterzubringen. Das ist zurzeit der Hit, und Chrissie will unbedingt immer allen anderen einen Schritt voraus sein.

Rebus trank einen Schluck Whisky. Es war ein Malt. Nichts in diesem Raum war billig, aber auch nichts war besonders erstrebenswert. Zierrat aus Glas, eine Kristallkaraffe auf einem silbernen Tablett, Fernseher und Video, die unvorstellbar winzige Hi-Fi-Anlage und die Onyxlampe. Rebus hatte ein leicht schlechtes Gewissen wegen dieser Lampe. Rhona und er hatten sie Michael und Chrissie zur Hochzeit geschenkt. Chrissie redete nicht mehr mit ihm. Wer konnte es ihr verdenken?
Wo ist eigentlich Chrissie?
Oh, sie ist unterwegs, irgendwas einkaufen. Sie hat jetzt ein eigenes Auto. Die Kinder sind noch in der Schule. Sie holt sie auf dem Heimweg ab. Bleibst du zum Essen?
Rebus zuckte die Achseln.
Du kannst gerne bleiben, sagte Michael wohl in der Annahme, dass Rebus es ja doch nicht tun würde. Wie läuft's denn im Revier? Wurstelt ihr immer noch so vor euch hin?
Mal gehen uns ein paar durch die Lappen, doch das wird nicht so publik gemacht. Und mal erwischen wir ein paar, und das steht dann groß in der Zeitung. Es ist wohl mehr oder weniger so wie immer.
In dem Zimmer roch es, wie Rebus plötzlich auffiel, nach kandierten Äpfeln, fast wie in einer Spielhalle.
Das ist ja eine furchtbare Geschichte mit diesen entführten Mädchen, sagte Michael gerade.
Rebus nickte.
Ja, sagte er, ja, das ist es. Obwohl wir streng genommen noch nicht von Entführung sprechen können. Bisher hat es noch keine Lösegeldforderung oder sonst was gegeben. Es scheint sich also eher um einen banalen Fall von sexuellem Missbrauch zu handeln.
Michael schoss von seinem Sessel hoch.
Banal? Was ist denn daran banal?
So reden wir halt, Mickey. Das hat nichts zu bedeuten. Rebus zuckte erneut die Achseln und trank sein Glas leer.
Na ja, John, sagte Michael und setzte sich wieder hin. Ich meine, wir beide haben doch auch Töchter. Wie kannst du so locker darüber reden? Ich meine, schon allein die Vorstellung ist doch beängstigend. Er schüttelte bedächtig den
>Kopf mit dem typischen Ausdruck von Solidarität mit den Betroffenen, aber auch aus Erleichterung darüber, dass ihn der ganze Horror nichts anging, zumindest diesmal nicht. Es ist beängstigend, wiederholte er. Und das ausgerechnet in Edinburgh. Ich meine, man würde doch nie auf die Idee kommen, dass so etwas in Edinburgh passiert, oder?
In Edinburgh passiert mehr, als man normalerweise annimmt.
Ach ja. Michael zögerte. Ich bin erst letzte Woche dort in einem Hotel aufgetreten.
Davon hast du mir ja gar nichts gesagt.
Nun war es an Michael, die Achseln zu zucken.
Hätte es dich denn interessiert?, fragte er.
Vermutlich nicht, sagte Rebus, aber ich wäre trotzdem gekommen.
Michael lachte. Es war dieses typische Geburtstagslachen - oder das Lachen, wenn man zufällig Geld in einer alten Jacke gefunden hatte.
Noch einen Whisky, Sir?, sagte er.
Ich hab schon gedacht, du würdest nie fragen.
Rebus setzte seine Betrachtung des Zimmers fort, während Michael ans Barfach ging.
Und wie läuft die Kunst?, fragte er. Es interessiert mich wirklich.
Alles prima, sagte Michael. Eigentlich sogar ausgezeichnet. Es ist die Rede von einem kleinen Spot im Fernsehen, aber das glaube ich erst, wenn 's soweit ist.
Super.
Ein weiterer Drink landete in Rebus' bereitwilliger Hand.
Ja, und ich arbeite an einem neuen Programmteil. Es ist allerdings eine etwas unheimliche Sache. Ein schmaler Streifen Gold blitzte an Michaels Hand auf, als er das Glas an seine Lippen setzte. Es musste eine teure Uhr sein, sie hatte nämlich keine Zahlen auf dem Zifferblatt. Rebus hatte den Eindruck, je teurer etwas war, desto weniger schien es herzumachen - winzige Hi-Fi-Anlagen, Uhren ohne Ziffern, die durchsichtigen Dior-Socken an Michaels Füßen.
Er biss auf den Köder seines Bruders an und fragte: Um was geht es denn?
Nun ja, sagte Michael und beugte sich vor. Ich versetze Leute aus dem Publikum zurück in frühere Leben.
Frühere Leben?
Rebus st
arrte auf den Fußboden, als ob er den hell- und dunkelgrün gemusterten Teppich bewunderte.
Ja, fuhr Michael fort. Reinkarnation, Wiedergeburt, solche Sachen. Das muss ich dir doch nicht groß und breit erklären, John. Schließlich bist du doch der Christ in unserer Familie.
Christen glauben nicht an frühere Leben, Mickey. Nur an zukünftige.
Michael starrte Rebus an, als ob er ihn zum Schweigen bringen wollte.
Entschuldige, sagte Rebus.
Was ich gerade sagen wollte, ich hab diese Nummer erst letzte Woche zum ersten Mal öffentlich ausprobiert. Allerdings experimentiere ich schon eine Weile bei meinen Privatpatienten damit herum.
Privatpatienten?
Ja. Sie zahlen mir Geld für eine private Hypnotherapie. Ich bringe sie dazu, dass sie das Rauchen aufgeben, mehr Selbstbewusstsein entwickeln oder nicht mehr ins Bett machen. Einige sind davon überzeugt, dass sie schon mal gelebt haben, und wollen von mir hypnotisiert werden, um den Beweis dafür zu bekommen. Mach dir keine Sorgen. Finanziell ist das alles korrekt. Das Finanzamt kriegt seinen Anteil.
Und kannst du es beweisen? Haben sie schon mal gelebt?
Michael rieb mit einem Finger über den Rand seines Glases, das mittlerweile leer war.
Du würdest dich wundern, sagte er.
Nenn mir ein Beispiel.
Rebus folgte mit den Augen den Linien des Teppichs. Frühere Leben, sinnierte er, das war ja was. In seiner Vergangenheit gab es reichlich Leben.
Na schön, sagte Michael. Ich hab dir doch erzählt, dass ich letzte Woche in Edinburgh aufgetreten bin. Also, er beugte sich noch weiter vor, ich hab mir da so eine Frau aus dem Publikum geholt, eine kleine Frau mittleren Alters. Sie war mit Kollegen aus dem Büro unterwegs. Sie ließ sich ziemlich leicht hypnotisieren, vermutlich weil sie nicht so viel getrunken hatte wie ihre Freunde. Als sie dann in Trance war, erklärte ich ihr, wir würden jetzt eine Reise in ihre Vergangenheit machen, in eine Zeit lange, lange, bevor sie geboren wurde. Ich bat s
ie, an ihre früheste Erinnerung zurückzudenken...
Michaels Stimme hatte einen professionellen, aber sehr einschmeichelnden Ton angenommen. Er breitete die Hände aus, als ob er vor Publikum spielte. Rebus, der sich an seinem Glas festhielt, merkte, wie er sich ein wenig entspannte. Er dachte an eine Episode aus ihrer Kindheit zurück, ein Fußballspiel, ein Bruder gegen den anderen. Der warme Matsch nach einem Regenschauer im Juli, und wie ihre Mutter mit hochgekrempelten Ärmeln diesen kichernden Knäuel aus Armen und Beinen in die Badewanne gepackt hatte...
... nun ja, sagte Michael gerade, sie fing an zu sprechen, und das in einer Stimme, die nicht ganz die ihre war. Es war unheimlich, John. Ich wünschte, du wärst dabei gewesen. Das Publikum war ganz still, und mir wurde kalt, dann heiß und dann wieder kalt, und das hatte nichts mit der Heizungsanlage des Hotels zu tun. Es war mir gelungen, verstehst du. Ich hatte die Frau in ein früheres Leben zurückversetzt. Sie war eine Nonne gewesen. Kannst du dir das vorstellen? Eine Nonne. Und sie sagte, sie säße allein in ihrer Zelle. Sie beschrieb das Kloster und alles, und dann fing sie an, irgendwas auf Latein zu rezitieren, und einige Leute im Publikum bekreuzigten sich sogar. Ich war wie versteinert. Vermutlich standen mir die Haare zu Berge. Ich holte sie so schnell ich konnte aus der Trance zurück. Es dauerte eine ganze Weile, bis die Menge anfing zu applaudieren. Und dann, wahrscheinlich aus purer Erleichterung, fingen ihre Freunde an zu lachen und ihr zuzujubeln, und damit war das Eis gebrochen. Am Ende der Veranstaltung erfuhr ich, dass die Frau eine überzeugte Protestantin war, noch dazu eine eingefleischte Anhängerin der Rangers, und sie schwor Stein und Bein, dass sie kein Wort Latein kann. Aber irgendwer in ihr konnte es offensichtlich. Das war vielleicht ein Ding. Rebus lächelte.
Eine hübsche Geschichte, Mickey, sagte er. Aber sie ist wahr. Michael breitete flehend die Arme aus. Glaubst du mir nicht?
Weiß nicht.
Michael schüttelte den Kopf.
Du musst ein ziemlich schlechter Polizist sein, John. Ich hatte etwa hundertfünfzig Zeugen um mich. Unanfechtbar.
Rebus konnte sich nicht von dem Muster im Teppich losreißen.
Eine Menge Leute glauben an frühere Leben, John.
Frühere Leben ... Ja, er glaubte schon an einige Dinge ... An Gott ganz gewiss ... Aber frühere Leben ... Ohne Vorwarnung schrie ihn ein Gesicht aus dem Teppich an, eingesperrt in einer Zelle.
Er ließ sein Glas fallen.
John? Was ist los? O Gott, du siehst aus, als hättest du einen...
Nein, nein, es ist nichts. Rebus hob sein Glas auf und stand auf. Es ist nur... Mir fehlt nichts. Es ist nur, er sah auf seine Uhr, eine Uhr mit Ziffern, ich sollte jetzt wohl besser gehen. Ich hab heute Abend Dienst.
Michael lächelte schwach. Er war froh, dass sein Bruder nicht bleiben würde, aber gleichzeitig schämte er sich für seine Erleichterung.
Wir sollten uns bald mal wieder treffen, sagte er, auf neutralem Terrain.
Ja, sagte Rebus und sog noch einmal den starken Geruch nach kandierten Äpfeln ein. Er fühlte sich ein bisschen schlapp, ein bisschen zittrig, als hätte er sich zu weit von seinem Terrain entfernt. Das machen wir.
Ein- bis dreimal im Jahr, bei Hochzeiten, Beerdigungen oder zu Weihnachten, am Telefon, versprachen sie sich dieses Treffen. Das Versprechen an sich war mittlerweile zu einem Ritual geworden; man konnte es gefahrlos geben und genauso gefahrlos ignorieren.
Das machen wir.


Rebus schüttelte Michael an der Tür die Hand. Während er sich an dem BMW vorbei zu seinem eigenen Auto flüchtete, dachte er darüber nach, wie ähnlich er und sein Bruder sich eigentlich waren. Ah, ihr seid beide eurer Mutter wie aus dem Gesicht geschnitten, bemerkten Onkel und Tanten gelegentlich in ihren trübseligen kalten Zimmern. Das war aber auch schon alles. John Rebus wusste, dass das Braun seiner Haare eine Spur heller war als das von Michael und das Grün seine
r Augen eine Spur dunkler. Er wusste außerdem, dass die Unterschiede zwischen ihnen so groß waren, dass die Ähnlichkeiten dagegen völlig bedeutungslos schienen. Sie waren Brüder ohne Sinn für Brüderlichkeit. Brüderlichkeit gehörte der Vergangenheit an.






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