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Der Schatten des Schwans

Roman. 'btb'.
Taschenbuch
Januar 1998: In einem verschneiten Steinbruch bei Ulm wird die Leiche eines Arbeitslosen gefunden. Was hat den Mann aus Görlitz hierher geführt und wer hat ihn mit Psychopharmaka voll gepumpt? Doch das ist nicht das einzige Problem, mit dem... weiterlesen
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Produktdetails
Titel: Der Schatten des Schwans
Autor/en: Ulrich Ritzel

ISBN: 3442728002
EAN: 9783442728008
Roman.
'btb'.
btb Taschenbuch

1. Februar 2002 - kartoniert - 288 Seiten

Beschreibung

Januar 1998: In einem verschneiten Steinbruch bei Ulm wird die Leiche eines Arbeitslosen gefunden. Was hat den Mann aus Görlitz hierher geführt und wer hat ihn mit Psychopharmaka voll gepumpt? Doch das ist nicht das einzige Problem, mit dem Kommissar Berndorf und seine Kollegin Tamar Wegenast sich herumschlagen müssen. Zugleich werden sie vom spektakulären Ausbruch eines "Lebenslänglichen" in Atem gehalten: Der Rasiermesser-Mörder nimmt blutige Rache an den Juristen, die ihn vor Jahren verurteilt haben. In einer atemberaubenden Handlung zwischen der Schwäbischen Alb, Görlitz und Tel Aviv wird eine Spur sichtbar, die zurückführt in die düsteren Kapitel medizinischer Forschung in der NS-Zeit. Als Berndorf dabei den Schonraum eines schwäbischen Klüngels aus Polit- und Wirtschaftsprominenz verletzt, wird er von einer Stuttgarter Sonderkommission suspendiert.
Doch Berndorf, zwischen Montaigne-Lektüre, nächtlichen Ferngesprächen mit seiner Liebsten und maßvollem Whiskygenuss unbeirrbar an jener Aufklärung interessiert, die in der Nachkriegszeit verhindert wurde, lässt sich nicht einschüchtern und ermittelt heimlich weiter. Mit von der Partie ist dabei seine Assistentin Tamar, die ihrem (kritisch verehrten) Chef gegen den Druck des Apparats unerschrocken beisteht, obwohl sie mit der Tochter des Mörders in eine Serie verwirrender Begegnungen gerät.
Souverän führt Ulrich Ritzel in seinem hoch gelobten Krimidebüt drei Handlungsfäden zu einem engen Geflecht von Krimi, Thriller und Gegenwartsstudie zusammen - in dem auch die Liebe nicht zu kurz kommt - und lässt den Leser bis zum fulminanten Showdown am Fuße des Ulmer Münsters nur selten Zeit zum Atemholen.


Portrait

Ulrich Ritzel, Jahrgang 1940, geboren in Pforzheim, verbrachte Kindheit und Jugend auf der Schwäbischen Alb und lebt heute in Ulm. Er studierte Jura in Tübingen, Berlin und Heidelberg. Danach schrieb er für verschiedene Zeitungen und wurde 1981 mit dem begehrten "Wächter-Preis" ausgezeichnet. Nach 35 Jahren Journalismus, in deren Verlauf er auch viele Gerichtsreportagen verfasste, hatte er genug. In wenigen Wochen entstand sein Erstling "Der Schatten des Schwans", der bei seinem Erscheinen zum Überraschungserfolg wurde und seinen Autor zu einem gefeierten Hoffnungsträger des deutschsprachigen Kriminalromans machte. 2001 bekam er für "Schwemmholz" den "Deutschen Krimipreis" verliehen. "Der Hund des Propheten" wurde mit dem Burgdorfer Krimipreis ausgezeichnet.

Leseprobe

27. April 1945


Die beiden Jagdmaschinen zogen steil vor der H'gelkette an der anderen Talseite hoch und tauchten 'ber der Kuppe ab. Das Jaulen der Motoren erstarb, Stille breitete sich aus. Die Welt war taub geworden. Sogar die V'gel waren verstummt, als warteten sie auf den n'sten Angriff.
Es war sp'r Vormittag, doch die Sonne stand noch tief und warf lange und k'hle Schatten. Im Tal blieb es ruhig, und langsam kehrten die Ger'che des Waldes und des Talbachs zur'ck. Am Ufer h'e man die ersten Schl'sselblumen finden k'nnen.
Ein Mann l'ste sich aus dem Schutz einer Tannendichtung und trat vorsichtig auf die Waldstra' heraus. Er war hoch gewachsen und hatte ein schmales, scharf geschnittenes Gesicht mit den unger'hrten blauen Augen friesischer Vorfahren.
Der Opel stand wenige Meter weiter, halb verdeckt unter den herabh'enden Zweigen einer Linde. Das Laub war frisch und jung, wie eine Font' von zartem Gr'n. Es w'rde ein sch'nes Fr'hjahr werden. Wenn du nicht aufpasst, dachte Hendriksen, wirst du nicht viel davon haben! Nachdenklich starrte er auf den Wagen, wie zuf'ig folgten seine Augen der Reihe von L'chern, die in gleichm'gen Abst'en in das Blech der Motorhaube und in die Windschutzscheibe gestanzt waren. Dann wunderte er sich, wie lange er gebraucht hatte, um zu begreifen, was sie bedeuteten.
Langsam ging er zur halb ge'ffneten Fahrert'r. Koslowski hing 'ber dem Steuerrad. Hendriksen hob ihm den Kopf an, dann sah er die feuchten Flecken, die sich auf der Uniformjacke des Fahrers ausbreiteten. Automatisch griff er nach dem Handgelenk des Mannes und f'hlte nach dem Puls: nichts.
Aus dem Wagen tropfte Fl'ssigkeit. Kraftstoff? K'hlwasser? Gleichg'ltig, dachte Hendriksen. Den Wagen musste er aufgeben. Einen anderen w'rde er nicht mehr bekommen, nirgendwo. Morgen sollte er am Grenz'bergang in Stein am Rhein sein. Wie viel Kilometer waren es bis dahin? F'nfzig? Oder sechzig?
Leclerc sei bei Villingen durchgebrochen, hatte ihm gestern
Abend in dem 'berf'llten Wirtshaus ein Stabsoffizier gesagt, ein Major. Es war in einem kleinen Dorf hinter Saulgau, die Stromversorgung war unterbrochen, die Wirtin hatte ihnen eine Kerze und einen Krug mit saurem Most an den Tisch gebracht; sie war eine noch junge Frau, schwarz gekleidet, ihr Gesicht von Kummer gezeichnet. Aber ihre Augen waren 'berall, forschend und hungrig. Am Tisch neben Hendriksen wurde franz'sisch gesprochen, die M'er trugen Anz'ge mit spitz auslaufenden Revers und waren 'ber eine Stra'nkarte gebeugt. Es waren Versprengte des Sigmaringer Vichy-Hofstaates, der sich nun auf den Landstra'n Oberschwabens aufzul'sen begann. Drei Frauen sa'n dabei, mit breitkrempigen H'ten und in M'el geh'llt, die l'st fadenscheinig waren und doch immer noch nach Paris 1942 aussahen. Eine der Frauen warf ihm einen pr'fenden Blick zu und wandte die Augen sofort wieder ab. Sie hat begriffen, dachte er: Gute Gesellschaft f'r jemanden, der die n'sten Monate 'berleben will, sieht anders aus.
Im gro'n Nebensaal dr'ten sich Fl'chtlingsfrauen mit ihren Kindern, die so ersch'pft waren, dass sie trotz ihres Hungers eines nach dem anderen eingeschlafen waren. Und 'berall, in der Atemluft und in den Kleidern, hing der Geruch nach Schwei'und Elend.
Hendriksen fragte sich, ob die Menschen um ihn herum Angst empfanden. Oder ob sie einfach zu m'de waren, um an die n'sten Tage zu denken. An Leclercs marokkanische Soldaten und das, was sie mit den Frauen und Kindern tun w'rden. Sp'r am Abend hatte eine Kolonne ausgemergelter M'er mit halb toten Pferden vor dem Gasthof Halt gemacht. Zwei ihrer Offiziere, hagere M'er mit dem Andreaskreuz auf der Uniform, fragten in gebrochenem Deutsch nach dem Weg, offenbar wollten sie nach Ravensburg. Der Major gab Auskunft, dann kehrte er mit einer entschuldigenden Geste an den Tisch zur'ck. 'Die Reste von Wlassows Leuten', sagte er achselzuckend. Man werde sie entwaffnen m'ssen, sie seien nicht mehr zuverl'ig. 'Falls wir noch jemand haben,
der ihnen die Gewehre abnimmt.'
Der Major verstand nicht, warum Hendriksen nach S'dwesten, an den Oberrhein wolle. Leclercs Franzosen w'rden in drei Tagen am Bodensee und in Konstanz sein, sagte er. Inzwischen werde man versuchen, am Lech und im Allg'eine neue Verteidigungslinie aufzubauen: 'Vielleicht h' die Pastete dann noch zwei oder drei Tage.'
Nun ist es so weit, dachte Hendriksen. Die Wehrmacht l't davon.
Das war gestern gewesen, und gestern hatte er noch einen Wagen gehabt und einen Fahrer und Treibstoff. Aber jetzt, in diesem verfluchten Waldtal tief irgendwo in Oberschwaben, wusste er: Das Spiel war wirklich aus. Ende. Vorbei. Er w'rde nicht mehr an den Franzosen vorbeikommen. Der Herr Syndikus Toedtwyler w'rde vergebens warten. Schade. Schade um die Forschungsergebnisse, die unendlichen M'hen der Versuche, die Zumutungen, die er und seine Mitarbeiter auf sich genommen hatten und von denen sie keinem Au'nstehenden jemals w'rden berichten k'nnen. Schade um die Devisen, und gottverdammt schade um den sch'nen neuen Pass, den ihm Toedtwyler versprochen hatte.
Rei'dich zusammen, wies sich Hendriksen zurecht. Aus dem Geb'sch am Waldrand hinter ihm drang ein halb unterdr'ckter Schmerzenslaut, fast ein Wimmern. Also hatte es auch den Wehrmachtsleutnant erwischt, der ihm als Eskorte beigegeben war, das unbeschriebene Blatt, blond und blass und malariakrank. Als die Jagdmaschinen zum Sturzflug ansetzten, hatte auch er sich aus dem Wagen fallen lassen wie Hendriksen. Jetzt lag der junge Mensch zusammengekr'mmt im Stra'ngraben. 'Kamerad, so helfen Sie mir doch', bettelte er. Hatte er wieder einen Fieberanfall? Dann sah Hendriksen das Blut. Offenbar hatte der kleine Leutnant einen Schuss in den Oberschenkel abbekommen, vielleicht war der Knochen getroffen. Trotzdem, der Kleine w'rde 'berleben. Wenn er nicht am Fieber starb. Jedenfalls hatte niemand einen Grund, ihn vor ein Peloton zu stellen. Oder ihn aufzukn'pfen.
Bei Dr. med. Hendrik Hendriksen sa
h das, wie er selbst nur zu gut wusste, ein wenig anders aus. Illusionen hatte er sich noch nie gemacht. Was soll's, dachte er sich dann: 'Auch die N'rnberger h'en keinen, sie h'en ihn denn.' Das hatte ein Raubritter gesagt und seinem Ross die Sporen gegeben. Freilich hatte der noch ein richtiges Pferd, nicht blo'einen Haufen kaputten Blechs.
Der Name des Haudegens wollte ihm nicht einfallen. Schall und Rauch. Im Get'mmel dieser allgemeinen Aufl'sung ohnehin. Er wusste nicht einmal mehr den Namen dieses ungl'cklichen Leutnants. Der eine war so gut wie der andere. Was w' denn, wenn man den Leuten, die so scharf aufs Erschie'n und Aufh'en waren, ihren Toten gleich und ohne weitere Umst'e liefern w'rde, so dass die Herren Sieger sich die M'he gar nicht erst machen m'ssten?
Er ging zum Wagen. Der Tod hatte Koslowskis Gesicht gel'scht. Hendriksens Arzttasche stand unter dem Beifahrersitz. Er zog sie hervor und kehrte zu dem Verwundeten zur'ck. 'Gleich ist dir geholfen, Kamerad', sagte er dann, und zog seine Walther heraus. Der bleiche junge Mann blickte zu ihm hoch, fragend. Auf seiner Stirn unter dem schon zur'ckweichenden blonden Haar standen Schwei'erlen. Dann trat Entsetzen in seinen Blick.


Freitag, 23. Januar 1998


'Was ist das f'r eine abscheuliche Geschichte!' Angewidert bl'erte die Vorsitzende Richterin am Landgericht Isolde Kumpf-Bachmann durch einen der vor ihr liegenden Aktenordner: 'Mit einem Rasiermesser... mein Gro'ater hatte so etwas, ich erinnere mich gut, das sah immer sehr gef'lich aus, und regelm'g hat er sich geschnitten und man musste sofort einen Alaunstein drauftun. Aber heute?'
Ekkehard L'hns, Berichterstatter in der Strafvollstreckungskammer, warf einen leidenden Blick auf die Kakteen am Fenster des Kumpf-Bachmannschen Dienstzimmers: Auch diese bl'hten niemals, aber wenigstens waren sie nicht sprunghaft. Hinter dem Fenster hing grau und wolkenschwer ein Freitagnachmittag im Januar, am Abend w'rde es die erst
en Schneef'e in diesem Winter geben, hatte es im Radio gehei'n, und L'hns wollte 'bers Wochenende nach Schruns. So oder so w'rde es knapp werden.
'Rasiermesser werden noch heute benutzt, vor allem - aber nicht nur - von Friseuren, bei sehr starkem Bartwuchs zum Beispiel', erkl'e er dann betont sachlich, denn seine eigenen Kinnbacken wiesen nur eine sehr k'mmerliche Behaarung auf. Im 'rigen l'n die fraglichen Vorg'e ja nun 17 Jahre zur'ck, f'gte er in der Hoffnung hinzu, dass die Kammer nun zur Sache kommen k'nne.
'Das wei'ich auch, dass das 17 Jahre zur'ckliegt', gab Isolde Kumpf-Bachmann gereizt zur'ck, 'sonst s'n wir ja nicht hier... Immerhin ist das zweifacher Mord, dazu Mordversuch, erst macht er seinen Vorgesetzten betrunken, dann schneidet er ihm... ratsch!... die Kehle durch, w'ht sich die H'e, f't nach Hause, gibt seiner Tochter Schlaftabletten, packt seine Frau und... ratsch!...' Sie sch'ttelte sich.
'Und dann geht er zu dem M'hen. Aber da hat dann doch noch eine Hemmung gegriffen, denn es hat schwer verletzt 'berlebt', k'rzte L'hns die weitere Sachdarstellung ab.
'Ich bin ger'hrt. Und das alles, weil ihn die Frau verlassen wollte', antwortete die Vorsitzende. 'Na sch'n. Zur Frage der Schwere der Schuld hat sich das Ulmer Landgericht ja nicht besonders ersch'pfend ge'ert.'
'Das Urteil ist lausig', sagte L'hns. 'Der Mann war offenbar medikamentenabh'ig, m'glicherweise in einem Ma' dass es die Pers'nlichkeitsstruktur ver'ert hat. Aber wegen der Entr'stung in der 'fentlichkeit 'ber den Fall wollte die Kammer keine Konzessionen machen und ist der Frage einer verminderten Schuldf'gkeit nicht weiter nachgegangen.'
'Und weil sie das nicht getan hat, konnte sie den Mann auch nicht in die Psychiatrie stecken', warf der beisitzende Richter Holzheimer ein.
'Und ich hab' die Bescherung', seufzte Isolde Kumpf-Bachmann, die gern alles auf sich selbst bezog.
Schuld war das Bundesverfassungsgericht. 1977 hatte es entschieden, auch einem zu l
ebenslanger Freiheitsstrafe Verurteilten m'sse die Hoffnung bleiben, in sp'ren Jahren auf Bew'ung entlassen zu werden. Seither hatten immer wieder alt gewordene Lust-, Frauen- und Raubm'rder vor dem Schreibtisch der Richterin gestanden, und fast alle waren sie nach 15 oder 20 Jahren Knast krumme, arthritische K'mmermolche geworden, mit Krebs oder wenigstens H'rrhoiden geschlagen.
Der, um den es hier ging, Wolfgang Thalmann, war inzwischen 55 Jahre alt, das dunkle Haar grau durchsetzt, ein mittelgro'r, keineswegs geduckter Mensch, der bei der Anh'rung fast gemessen und durchaus seri's gewirkt hatte. Aufgefallen waren ihr aber vor allem die schwarzen traurigen Augen. Es waren die Augen eines Menschen, der wei' dass die Welt von Grund auf b'se ist, vor allem zu ihm selbst. Isolde Kumpf-Bachmann waren solche Charaktere von jeher besonders verd'tig gewesen.
'Seine F'hrung ist nun wirklich einwandfrei', h'rte sie L'hns vortragen. 'Sie haben ihm die Buchf'hrung der Anstaltsschreinerei 'bertragen, die er dann auf moderne Datenverarbeitung umgestellt hat. Inzwischen l't die ganze Schreinerei mit computergesteuerten Maschinen, und der Anstaltsleiter hat mir gesagt, er wisse gar nicht, was er machen solle, wenn wir ihm den Thalmann wegnehmen.'
'Was mich mehr interessiert, ist die Tochter, die damals 'berlebt hat', sagte die Kumpf-Bachmann. Ob man eine Gefahr f'r das M'hen, nein: f'r die junge Frau wirklich ausschlie'n k'nne?
Kontakt bestehe zwischen Vater und Tochter seines Wissens nicht, antwortete L'hns, und der Anstaltspsychologe habe Thalmann eine gute Prognose gestellt - was vor 17 Jahren geschehen sei, m'sse als das Ergebnis einer zwar katastrophalen, aber eben doch unwiederholbaren Konstellation gesehen werden.
'Na ja, nachdem die Frau tot ist, kann er sie schlecht noch einmal...', warf der Beisitzende Holzheimer ein.
'Es war keine Konstellation, sondern ein Rasiermesser', sagte die Kumpf-Bachmann grimmig. 'Und wie Sie mir vorhin erkl' haben, gib
t es diese Dinger noch immer. Wir lehnen ab.'
Es war falsch gewesen, dachte sich L'hns Stunden sp'r, als er auf der Schnellstra' durch das aufkommende Schneetreiben nach S'den fuhr. Aber wenn Isolde Kumpf-Bachmann in dieser Stimmung war, widersprach man ihr nicht. Rechts sah er das weit gestreckte Gel'e von Mariazell, gespenstisch hell erleuchtet, im Licht der Suchscheinwerfer trieben die Schneeflocken. Es sah aus wie ein Irrenhaus aus Tausendundeiner Nacht, von einer wunderlichen Fee mitten ins winterliche Allg'verhext, dachte sich L'hns.
Aber Mariazell war kein Irrenhaus. Mariazell war ein Knast.


Sonntag, 25. Januar


Die Stra' f'hrte 'ber die verschneite Albhochfl'e. Es war sp'r Sonntagvormittag, die Fahrbahn war ger't, dennoch fuhr Tamar f'r Berndorfs Gef'hl wie immer zu schnell. Mit leisem Unbehagen - als geniere er sich wegen seiner 'gstlichkeit - legte er die rechte Hand st'tzend aufs Armaturenbrett, als Tamar den Passat scharf durch eine Linkskurve zog. 'Fahr ich Ihnen zu schnell, Chef?'
'My dear Watson!', antwortete Berndorf. Tamar entschuldigte sich. Zur Ablenkung wollte sie wissen, wie es in M'nster-Hiltrup gewesen war. In der vergangenen Woche hatte Berndorf an der Polizeif'hrungsakademie dort einen Lehrgang 'ber die neuen M'glichkeiten der DNS-Analyse besucht. 'Es ging um den genetischen Fingerabdruck', sagte Berndorf. 'Dass man aus den winzigsten Blutspuren, aus Spucke oder Sperma ein Rasterprofil erstellen kann, das f'r jeden Menschen einmalig und unverwechselbar ist: das ist ja alles nicht neu. Aber jetzt werden die Leute in den Labors sehr bald noch sehr viel mehr k'nnen. Sie werden die T'r ausrechnen.'
'Ich dachte, dieses Rasterprofil wird von DNS-Abschnitten abgeleitet, die keine Erbinformationen enthalten?', wandte Tamar ein. Sie hatte vor einigen Tagen einen Aufsatz dar'ber gelesen. Tamar Wegenast war Kriminalkommissarin und vor anderthalb Jahren nach Abschluss ihrer Ausbildung zur Polizeidirektion Ulm g
ekommen.
'Das wird behauptet. Damit sich niemand aufregt. Tats'lich aber erlaubt die Struktur dieser Abschnitte bereits heute R'ckschl'sse auf bestimmte genetische Vorgaben. Zum Beispiel darauf, ob jemand die Anlage zu Chorea Huntington hat, zu Veitstanz.'
Tamar schaltete herunter und steuerte in eine Rechtskurve. Das Heck rutschte weg, Tamar beschleunigte und schoss mit dem Wagen aus der Kurve heraus. 'Veitstanz?', fragte sie belustigt.
'Richtig', antwortete Berndorf. 'Ich hab' auch noch keinen Totschl'r mit Chorea Huntington gehabt. Aber das ist nur der Anfang. Sie werden demn'st aus der DNS-Struktur ableiten k'nnen, ob ein T'r - sagen wir einmal - rothaarig ist. Wenn wir das wissen, werden wir es auch f'r die Fahndung verwenden.'
'Und wo ist die Grenze?'
'Da ist dann keine mehr', antwortete Berndorf. 'Wenn in ein paar Jahren, also um 2005 oder 2010, die vollst'ige genetische Kartierung vorliegt, werden wir ganz selbstverst'lich aus dem Speichelrest an einer weggeworfenen Zigarettenkippe das Pers'nlichkeitsprofil eines Tatverd'tigen ableiten oder sogar Phantombilder von ihm erstellen. Das hei', ihr werdet das tun. Ich sitze dann irgendwo an der portugiesischen K'ste und schaue dem Atlantik zu. 'Der Weltlauf ist mir einerlei, und ich muss mich weder um mein Geld sorgen noch um mein Ansehen. Und wissen muss ich auch nichts mehr.' So, ungef', beschreibt mein derzeitiger Lieblingsfranzose den haupts'lichen Vorzug des Alters.' Vor der Fahrt nach M'nster war Berndorf in seiner Buchhandlung eine Montaigne-Auswahl in die H'e gefallen.
'Das klingt aber ziemlich trostlos', wandte Tamar ein. 'Noch schlimmer als scheintot.'
'Darum geht es ja', antwortete Berndorf. 'Wer sterben gelernt hat, ist ein freier Mensch. Steht auch bei Montaigne.'
'Ein sch'ner Satz. Nur sehen unsere Toten meist nicht danach aus.' Tamar mochte es nicht, wenn Berndorf seinen Ruhestandsphantasien nachhing. 'Vielleicht h'en sie mehr 'ben m'ssen.' Berndorf sagte nichts.

'Noch mal zu der Tagung.' Tamar hatte keine Lust, sich anschweigen zu lassen. 'Wenn das stimmt, was Sie sagen, bekommen wir also doch den gl'rnen Menschen. Und niemand findet das unheimlich?'
'Doch', antwortete Berndorf bereitwillig. 'Einer der Referenten, ein Israeli, h' das f'r den Einstieg in einen kriminologischen R'stungswettlauf. Wenn die T'r damit rechnen m'ssen, dass sie von jeder Spur 'berf'hrt werden k'nnen, die sich am Opfer findet, dann werden sie daf'r sorgen, dass es 'berhaupt keine Opfer mehr gibt, an denen sich etwas finden l't. Sie werden sie umbringen und verschwinden lassen. Au'rdem hat er gemeint, in den USA w'rden sie demn'st wohl nach einem Gen suchen, das Menschen zum Verbrecher macht.'
'Wenn sie es finden, h'en wir es ja einfach.'




Pressestimmen

"Ein toller Erstling: Plot, Personen und Atmosphäre - mit Witz und Wärme, hervorragend ausgeführt. Ich habe lange nicht mehr so lange an einem Stück gelesen, und zwar mit Genuss."
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