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Das böse München - Vorwort von Dieter Hildebrandt

von Ponkie

Das böse München - Vorwort von Dieter Hildebrandt

LangenMüller
Erscheinungsdatum: 4/2008
Medium: eBook (PDF)
Größe: 1,18 MB
145 Seiten


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Kurztext

Der etwas andere Blick auf die Isarmetropole: Ein feines, freches, satirisches München-Buch zum 850. Stadtjubiläum. München, was für eine Weltstadt mit Herz! Doch hinter den herausgeputzten Fassaden, den lederbehosten Politikern und der feinen Bussi-Gesellschaft lauern die Abgründe: Verkehrschaos, Schmiergeldskandale, Schickimicki-Morde oder die alltäglichen Ärgernisse über lärmende Nachbarn und verschandelte Gehwege. Ponkie, die Kultkolumnistin der Münchner "Abendzeitung", schreibt über politische, moralische und mitmenschliche Fehltritte süffisant-hintergründige Geschichten und entlarvt so ein verblüffend anderes Bild der Stadt.

Leseprobe

Barerstraße 54 (S. 62-65)

Wer wohnt wo? Die Münchner Stadtviertel haben im Lauf der Kriegs- und Nachkriegszeiten oft ihre Duftmarke gewechselt – je nach dem Sozialstatus (und den Mietpreisen), die von Grundstücksspekulanten und Baulöwen eingeschleppt wurden. Glasscherbenviertel wie die Schwanthalerhöh oder Giesing verwandelten sich in teure Schicki-Pflaster, Künstlerwinkel wie Schwabing mutierten zum Boulevard-Flitscherl mit Touristen- Service, von alten Kleinbürger-Quartieren blieben nur riesige, allmählich grasbewachsene Schuttberge als Reste der Luftangriffe im Zweiten Weltkrieg.

Und während die Münchner TV-Kultfigur, der »Monaco Franze«, seine weibliche Aufreißer- Beute noch mit Stecknadeln im Stadtplan festpickte (»Die is vom Harras«, »Die kommt eher aus der Gärtnerplatz-Richtung« und »Die Elli kann nur aus Laim sein«), hatten die neuen Single-Generationen aus der Werbebranche schon ihre Dachterrassen-Eigentumswohnungen im romantischen Glockenbachviertel im Auge, wo sie ihre City-Jeeps (SUVs) elegant im Halteverbot parken konnten. Dafür war im kaputt- sanierten Lehel tote Hose.

Konnte es da jemals in München eine Wohnungsnot geben? Nein. Nie! Also immer.

Ende der Zwanzigerjahre wohnten meine Eltern als Jungfamilie zur Untermiete in einer Schwabinger Altbauwohnung, Barerstraße 54 im Gartenhaus, ringsum viele Künstler-Ateliers, und bei meinem Spielkameraden Schorschi, dem Sohn der Hausmeisterin, lernte ich – als Dreijährige bei einem Dreijährigen – etwas Wichtiges über die Sprache: Er war ein Dialekt- Kind und ich war ein Hochdeutsch-Kind, das nicht »gschert« reden durfte.

»Issäh, kimm oba« (Ilse, komm runter), schrie der Schorschi zu mir auf die Veranda hinauf. Und dann wisperte er mir ins Ohr, was wir jetzt machen werden. Nämlich: Die Primeln und Stiefmütterchen, die seine Mutter gerade frisch in ein Frühlingsbeet gepflanzt hatte, in Grund und Boden trampeln. Die feuchte Erde flog uns in Klumpen um die Ohren, und die Maler und Bildhauer in ihren Ateliers schauten zu uns he- runter und lachten sich scheckig. Bis die Hausmeisterin wie eine Furie herbeipreschte und ihrem Schorschi eine Watsch’n hineinhaute. Ich bekam von meiner Mutter nur einen Klaps, denn sie hatte mich als Nachahmungstäter erkannt.

Aber sie wusste nicht, dass mir der Schorschi versprochen hatte, dass er mit mir »g’schert« redet, wenn ich ihn dafür mit meinem Dreirad fahren lasse.

Gleich um die Ecke befand sich übrigens der »Schelling-Salon«, wo ein gewisser Adolf Hitler oft zu Mittag aß. Das wussten wir aber damals noch nicht, und es war uns auch wurscht. Dann zogen wir von der Schwabinger Barerstraße nach Neuhausen zum Winthirplatz um, wofür ich noch Jahre später vom Donnersbergerstraßler Helmut Fischer, der als TV-Serienheld »Monaco Franze« ein berühmter Münchner geworden war, seine ganze Straßenkinder-Rache eingetränkt bekam: Er beschimpfte mich als das »Herrschaftskind vom Winthirplatz« und drohte mit Tätlichkeiten.

Die Donnersbergerstraße war bis zu ihrer Entdeckung durch sanierungswütige Stadtbauämtler in den späten Neunzigerjahren Teil eines der sogenannten Münchner Glasscherbenviertel und liegt im Übrigen nur etwa zweihundert Meter entfernt vom Winthirplatz. Aber so ist das in einem Großstadtdorf wie München: Die vermeintlichen Standesunterschiede liegen meist näher beisammen, als einem lieb ist.
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