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Das gekaufte Herz

Die Kommerzialisierung der Gefühle. Originaltitel: The Managed Heart. 'Campus Bibliothek'. Erw. Neuausgabe. …
Buch (kartoniert)
Kontrolle und Regulierung der eigenen Gefühle werden sowohl im Privatleben als auch im modernen Arbeitsleben immer wichtiger. Vor allem im Dienstleistungs- und im sozialen Bereich, wo bevorzugt Frauen arbeiten, sind viele Menschen gezwungen, ihre Gef … weiterlesen
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Das gekaufte Herz als Buch

Produktdetails

Titel: Das gekaufte Herz
Autor/en: Arlie Russell Hochschild, Sighard Neckel, Arlie Russell Hochschild

ISBN: 3593380129
EAN: 9783593380124
Die Kommerzialisierung der Gefühle.
Originaltitel: The Managed Heart.
'Campus Bibliothek'.
Erw. Neuausgabe.
Übersetzt von Ernst von Kardoff
Campus Verlag GmbH

August 2006 - kartoniert - 232 Seiten

Beschreibung

Kontrolle und Regulierung der eigenen Gefühle werden sowohl im Privatleben als auch im modernen Arbeitsleben immer wichtiger. Vor allem im Dienstleistungs- und im sozialen Bereich, wo bevorzugt Frauen arbeiten, sind viele Menschen gezwungen, ihre Gefühle fortwährend zu zensieren. In ihrem zuerst 1983 erschienen Buch zur Kommerzialisierung der Gefühle schildert Hochschild sehr anschaulich, wie das »Gefühlsmanagement« die menschliche Psyche beeinflusst und wie dabei Herz und Verstand zusammenwirken. Das Buch ist ein grundlegender Beitrag zu einer soziologischen Theorie der Gefühle und gibt darüber hinaus spannende Einblicke in die privaten und beruflichen »Gefühlsstrategien«, die eigenen wie die der anderen.

Inhaltsverzeichnis

Inhalt
Vorwort zur deutschen Neuausgabe 7
Die Kultur des emotionalen Kapitalismus - eine Einleitung von Sighard Neckel 13
Teil I
Privatleben
Kapitel 1: Auf der Suche nach dem gekauften Herzen 27
Das private und das öffentliche Gesicht der Gefühle 33
Quellen und Methode 36
Private und kommerzielle Nutzung von Gefühlen 40
Kapitel 2: Fühlen als Zeichen 47
Kapitel 3: Die manipulierten Gefühle 53
Oberflächenhandeln 55
Inneres Handeln 56
Inneres Handeln im Alltag 61
Gefühlsmanagement in Institutionen 66
Eine instrumentelle Haltung gegenüber Gefühlen 71
Kapitel 4: Gefühlsnormen 73
Falsch verstandene Beziehungen und unpassende Gefühle 80
Kapitel 5: Gefühle als Tauschwerte 85
Verbeugungen mit dem Herzen 89
Teil II
Öffentliches Leben
Kapitel 6: Manipulation der Gefühle 99
Kapitel 7: Vorderansicht und Rückseite 111
Der Rechnungseintreiber 112
Berufe und Gefühlsarbeit 120
Klassenlage und Gefühlsarbeit 123
Verwandlung der Gefühle - Vorbereitung in der Familie 126
Kapitel 8: Geschlecht, Status und Gefühl 132
Frauen als Gefühlsarbeiterinnen 134
Frauen bei der Arbeit 141
Statusschutz in der Arbeitswelt 144
Das falsche Selbst 151
Anhang: Gefühlsmodelle von Darwin bis Goffman 157
Zwei Gefühlsmodelle 160
Das organismische Modell 163
Das Interaktionsmodell 168
Eine neue soziale Gefühlstheorie 175
Anmerkungen 180
Literatur 196
Postskript 1990: Gefühlsmanagement im Privatleben 206
Register 228

Portrait

Arlie Russell Hochschild ist Professorin für Soziologie an der University of California in Berkeley.

Leseprobe


Vorwort zur deutschen Neuausgabe
Was empfinden wir? Was sollten wir empfinden? Wie wirken wir auf unsere Gefühle ein, damit sie den von uns gewünschten Gefühlen besser entsprechen? Welche Kämpfe spielen sich zwischen unserem kontrollierten und unkontrollierten Selbst ab? Das sind die Kernfragen, die diesem Buch über Flugbegleiterinnen und Inkassoangestellten zugrunde liegen. Sie erscheinen mir heute, dreißig Jahre nach seiner Entstehung, noch drängender als damals.
Wir leben in einer zunehmend kommerzialisierten Welt. In den Vereinigten Staaten und in geringerem Ausmaß auch in Deutschland und im übrigen Europa sind Familien zerbrechlicher geworden und lokale Gemeinschaften haben an Lebenskraft verloren. Wie Robert Putnam in Bowling Alone gezeigt hat, ist die Wahlbeteiligung der Amerikaner an nationalen wie kommunalen Wahlen in den vergangenen dreißig Jahren zurückgegangen. Immer weniger Menschen engagieren sich ehrenamtlich an ihrem Wohnort. Sie verbringen sogar weniger Zeit mit ihren Freunden. Immer weniger Menschen spielen ein Musikinstrument und die Zeit für gemeinsame Gespräche zu Hause ist deutlich zurückgegangen. Dagegen hat der Fernsehkonsum und die in Einkaufszentren verbrachte Zeit zugenommen. Die Menschen wenden sich dem Markt zu. Familie und Gemeinschaft - von Jürgen Habermas seinerzeit als Lebenswelt bezeichnet - sind geschrumpft und haben ein kulturelles Vakuum erzeugt, in das die Welt der Systeme, und hier vor allem der Markt, immer stärker eindringen.
Wirtschaftliche Entwicklungstrends, darunter verlängerte Wochenarbeitszeiten und unregelmäßige Arbeitsrhythmen, beeinträchtigen das häusliche Leben. Dessen Verödung führt mitunter zu einer nostalgischen Sehnsucht nach der Familie von einst oder weckt einfach den Wunsch nach einem glücklicheren Leben. Vor diesem Hintergrund bieten Dienstleister und die Werbung den Menschen an, sich das Familienleben, das ihnen erst geraubt wurde, Stück für Stück wieder zurückzukaufen. Neue Angebote werbe
n damit, den idealen Lebensgefährten zu finden, eine Traumhochzeit zu arrangieren, den perfekten Kindergeburtstag auszurichten oder die älteren Angehörigen zu besuchen und zu betreuen. Was der Markt den Menschen durch lange Arbeitszeiten entzieht, bietet er ihnen nun als bezahlte Dienstleistung.
Viele Familiendienstleistungen werben mit dem Versprechen gewonnener Zeit, in der man endlich das tun könne, was man wirklich möchte. Sie stellen mehr qualitatitve Zeit in Aussicht, während sie von zeitfressenden Aufgaben, also von quantitativer Zeit, zu entlasten versprechen. Paradoxerweise werben einige Anbieter aber gerade mit der Übernahme qualitativer Tätigkeiten. In einer Annonce zur Haustierbetreuung bietet der Inserent dem Kunden an, der Katze oder dem Hund qualitative Zeit zu widmen. Eine andere Anzeige bietet qualitative Zeit für ältere Familienangehörige. Ein kürzlich vom San Francisco Chronicle finanziell unterstütztes "Miet-Dir-eine-Großmutter"-Programm vermittelt gegen ein entsprechendes Honorar jungen Frauen unterschiedlicher ethnischer Herkunft (aus den Philippinen, Mexiko, Italien), die nur wenig über die Küche ihrer Herkunftsländer wissen, sozusagen Ersatzgroßmütter, die sie beim Einkauf beraten und ihnen beibringen, wie man die typischen regionalen Gerichte zubereitet. Derartige Anzeigen sind noch Randerscheinungen im amerikanischen Alltag, aber sie berühren viele von uns in merkwürdiger Weise oder machen uns traurig - es sei denn, man ist bereits der Marktlogik verfallen. Als ich einer Bekannten erzählte, dass ich gerade Lebensberater befrage, die Menschen dabei unterstützen, ein bestimmtes Ziel zu erreichen, antwortete sie: "Das ist doch lächerlich. Dafür sind doch Freunde da!" Aber dann fragte sie mich: "Wie war doch gleich die Telefonnummer?"
Die Marktlogik erzeugt eine neue Sichtweise auf das Leben. Man kann sich immer mehr Lebensbereiche vorstellen, die von anderen Menschen erledigt werden können. Jemand anderes kann dafür bezahlt werden, da
s Fotoalbum der Familie zusammenzustellen, die Kleider zu ordnen, Einladungen zu verschicken, die Luftballons für den Kindergeburtstag aufzublasen oder die Großmutter zu besuchen. Eine Botschaft dieser Annoncen ist das Versprechen, dass der Dienstleister all dies besser kann als man selbst. Der Blick auf das Leben durch die Brille des Marktes lenkt unsere Aufmerksamkeit nicht auf den Prozess, auf die Art und Weise, wie etwas gemacht wird, sondern auf das Ergebnis. Ein vielbeschäftigter Spitzenmanager brachte es in seiner Antwort auf meine Interviewfrage, ob er es nicht bedauere, nicht mehr Zeit mit seinen Kindern verbracht zu haben, auf den Punkt: "So gefragt kann ich nur sagen, ich bin sehr zufrieden, was aus ihnen geworden ist."
Von grundlegendem Interesse an diesen Entwicklungen ist, wie die Marktperspektive unsere Gefühlswelt beeinflusst. So wie ich in Das gekaufte Herz die Bedeutung der Gefühlsregeln für unser Arbeitsleben aufgezeigt habe, wird unter der Marktperspektive die Rolle der Gefühle für unser Leben als Konsumenten sichtbar. In einer Marktgesellschaft erwarten wir emotionale Befriedigung beim Einkaufen, beim Erwerb eines Gutes, beim Betrachten unseres Kaufs, beim Ausrangieren eines alten Stücks und der Suche nach einem neuen. Dabei lernen wir stillschweigend über andere Aspekte des Lebens hinwegzusehen, sie nicht einmal mehr zu vermissen. Was zählt, ist der emotionale Augenblick, die Sensation beim Kauf eines Gegenstandes oder einer Dienstleistung. Und dann kommt noch etwas hinzu. Wir übertragen die Regeln und Muster unserer Gefühlsarbeit aus dem Leben auf dem Markt auf unsere nicht-marktförmigen Lebensbereiche. Wir leben unser nicht-marktförmiges Leben so, als ob wir einkaufen, Waren erwerben oder wegwerfen.
Im Kern besteht das Problem aus meiner Sicht nicht darin, ob das Kaufen dieses oder jenes Gegenstandes oder einer Dienstleistung oder ob sogar die Idee des Kaufens im Allgemeinen gut oder schlecht sind. Vielmehr geht es darum, was der Mar
kt ausschließt, und es geht um eine Vision davon, wie das Leben in einer lebendigen Gemeinschaft und einem entspannten Zuhause aussehen könnte, in dem die Menschen Freude und Befriedigung selbst gestaltet erleben können. Wir verhalten uns zu unserem sozialen Leben als Konsumenten und nicht als Produzenten. Paradoxerweise managen wir aber unser Gefühlsleben in gleicher Weise zu Konsumzwecken und zur Produktion. Ich bin überzeugt, dass die heute weltweit außer Kontrolle geratenen Kräfte uns immer tiefer in diese Welt des Kommerzes verstricken. Machtvoll beeinflussen sie die Art und Weise, wie wir mit unseren Gefühlen im persönlichen Leben umgehen. In einem bestimmten Sinne sind wir alle Flugbegleiter und Passagiere zugleich. Die entscheidende Frage ist: Wohin fliegen wir?



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