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Ach, Afrika

Berichte aus dem Inneren eines Kontinents. 30 Abbildungen.
Buch (gebunden)
Bartholomäus Grill, seit vielen Jahren Afrika-Korrespondent der »Zeit«, zeigt die tiefgreifenden Folgen des Sklavenhandels und der Kolonialherrschaft, widerlegt aber zugleich die postkolonialen Verschwörungstheorien, die alle Schu... weiterlesen
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Produktdetails

Titel: Ach, Afrika
Autor/en: Bartholomäus Grill

ISBN: 3886807541
EAN: 9783886807543
Berichte aus dem Inneren eines Kontinents.
30 Abbildungen.
Siedler Verlag

18. September 2003 - gebunden - 384 Seiten

Beschreibung

Bartholomäus Grill, seit vielen Jahren Afrika-Korrespondent der »Zeit«, zeigt die tiefgreifenden Folgen des Sklavenhandels und der Kolonialherrschaft, widerlegt aber zugleich die postkolonialen Verschwörungstheorien, die alle Schuld an der Misere bei der Ersten Welt suchen. Die Hauptverantwortung liege bei den Afrikanern selbst, bei despotischen Präsidenten und plündernden Eliten. Die Modernisierung Afrikas, so Grills provozierende Kernthese, musste scheitern, weil die Afrikaner sich ihr verweigert haben.
Das alte Afrika ist gestorben, das neue noch nicht geboren. Grill beschreibt einen zwischen Tradition und Moderne zerrissenen Kontinent. Die Welt im Süden der Sahara befindet sich in einem Umbruch wie Europa während des Dreißigjährigen Krieges. Staaten zerfallen, Bürgerkriege flammen immer wieder auf, Millionen von Menschen irren heimatlos umher. Aids rafft ganze Völkerschaften hin. Es könnte Jahrzehnte dauern, ehe sich zwischen Khartum und Kapstadt eine stabile Ordnung herausbildet.
Afrika ist eine Welt der Widersprüche, geprägt durch die reiche Vorstellungswelt seiner Menschen, ihre sozialen Regeln und Rituale, ihre Träume und Tabus, ihre Machtstrukturen und Glaubenssysteme. Diese Welt erscheint oft roh und gewalttätig, dann wieder zeitlos heiter und gelassen. Bartholomäus Grill hat sie uns erschlossen.


Portrait

Bartholomäus Grill, 1954 in Oberaudorf am Inn geboren, studierte Philosophie, Soziologie und Kunstgeschichte. Seit 1993 berichtet er als Korrespondent großer deutschsprachiger Zeitungen aus Afrika. Er veröffentlichte u.a. "Safina" (1999), eine Tierfabel für Kinder, "Gott, Aids, Afrika: das tödliche Schweigen der katholischen Kirche" (2007) sowie zuletzt "Laduuuuuma! Wie der Fußball Afrika verzaubert" (2009). Grill lebt seit vielen Jahren in Südafrika.

Leseprobe

Im afrikanischen Wechselbad
Ann'rungen an einen fragilen Kontinent


Welchen Weg sollen wir nehmen? Den nach links oder den nach rechts? Oder doch den in der Mitte? Alle Wege sehen gleich aus. Ratlos stehen wir an der Gabelung zwischen Lisala und Gemena, irgendwo im Herzen des Kongobeckens, in einem unermesslichen Waldmeer, das von namenlosen Fl'ssen durch'rt wird.
Wir sind zu f'nft in unserer Reisegesellschaft. Adam, der Besitzer des Gel'ewagens, wohnhaft in Tansania, sein kongolesischer Chauffeur, der behauptet, jede Ecke seines Landes zu kennen, der Fotograf aus Paris, ein Marabut, ein heiliger Mann aus dem Tschad, der kein Wort sagt und immerzu sardonisch grinst, und, neben meiner Wenigkeit, noch eine h'bsche Strahlenschildkr'te, die dem Fahrzeughalter geh'rt. Unser Ziel, Bangui, die Hauptstadt der Zentralafrikanischen Republik, ist noch weit entfernt. Seit fr'hmorgens um sechs sind wir unterwegs und haben bis hierher knapp zweihundert Kilometer geschafft. Ungef' siebzehn Kilometer pro Stunde. Die Stra', wenn man sie so nennen will, besteht aus Myriaden von Schlagl'chern, Schlammrillen, Kratern und Wasserlachen, die stellenweise zur Gr'' von Fischweihern angeschwollen sind; sie gleicht einem gr'nen Tunnel, der schier endlos durch den Urwald m'dert. Wir fahren in d'rigem Licht und sehen kein St'ckchen Himmelsblau. Drei Radfahrer, ein Bierlastwagen, zwei Schlangen - das sind die einzigen Begegnungen des heutigen Tages. Es ist schw'l und hei' die Luft liegt wie nasse Watte auf der Haut. Man schwitzt, der Staub verklebt die Augen, das lauwarme Wasser geht zur Neige. An jeder Kreuzung, jeder Abzweigung, jeder Wegzwille die gleiche Frage: Wohin sollen wir uns wenden? Die Landkarte gibt keine Auskunft, Wegweiser existieren nicht, der Chauffeur ist mit seinem Latein am Ende. Weit und breit findet sich kein Mensch, den wir fragen k'nnten. Jede Fehlentscheidung kann Tage kosten, denn die Pfade verlieren sich im Wald, enden an einem Sumpf oder sto'n auf
einen un'berwindlichen Fluss. Sie f'hren ins Nichts oder genauer: in das, was wir f'r das Nichts halten.
So wie im kongolesischen Urwald erging es mir oft in Afrika. Die Wegscheide ist ein Sinnbild der Orientierungslosigkeit: Ich f'hlte mich wie ein Elementarteilchen, das durch einen riesigen Kosmos treibt. Ich kam zum ersten Mal in ein gro's Land, nach Nigeria, Angola oder in den Sudan, und fragte mich: Wo anfangen? Wie einen 'erblick gewinnen, wo ich doch nur ein paar Splitterchen vor Augen bekommen, nur mit einem Dutzend Leute sprechen, zwei, drei Orte besuchen werde? Ich sah ein Ritual, ein Symbol, eine Geste, h'rte eine Geschichte, erlebte eine Begebenheit und konnte das Wahrgenommene nicht einordnen oder begreifen. Es fehlten die historischen Kenntnisse, der religionssoziologische Hintergrund, das ethnographische Referenzsystem. Da stand ich dann und tat, was ein kluger Kopf einmal 'hermeneutischen Kolonialismus' genannt hat: interpretieren, hineindeuten, spekulieren. Man kann sich lebhaft vorstellen, dass dabei oft Zerrbilder, Wunschvorstellungen oder Projektionen entstehen, und wir m'ssen zun'st 'ber uns selber reden, 'ber die Fallstricke der Wahrnehmung und 'ber die Interessen, die unsere Erkenntnisse leiten. Aber ich will dem ersten Kapitel des Buches nicht vorgreifen.
Eine Landmasse, in der Europa zehn Mal Platz f'e, 650 Millionen Menschen, vielleicht 700 Millionen oder noch mehr, f'nfzig Staaten, Tausende von gro'n V'lkern und kleinen Ethnien, Kulturen und Religionen - ist es nicht vermessen, sich ein Urteil 'ber diesen Erdteil zu erlauben? Und muss es nicht geradezu anma'nd wirken, wenn wir 'ber das 'Wesen' der Afrikaner reden und keine einzige ihrer zweitausend Sprachen sprechen? Es ist anma'nd - auch wenn man sich seit zwanzig Jahren mit ihrem Kontinent besch'igt. Um also gleich an dieser Stelle falschen Erwartungen vorzubeugen: Dies ist kein enzyklop'sches Werk, keine Monographie 'ber Afrika, sondern die R'ckschau eines Korrespondenten, der
seit 1980 versucht, diesen Kontinent zu verstehen. Es sind Depeschen aus einer Welt der Ungleichzeitigkeiten und Widerspr'che, Extreme und Enigmata; Momentaufnahmen von einem rauen und sanften, brutalen und feinf'hligen, niederschmetternden und begl'ckenden Erdteil; Sequenzen aus einem schwer lesbaren Text, der immer wieder vor den Augen verschwimmt und sich in der Mannigfaltigkeit afrikanischer L'er und Landschaften, V'lker und Kulturen, Menschen und Schicksale, Sprachen und Sitten, Geister und G'tter aufl'st. Am Ende steht ein unvollst'iges Mosaik. Es ist mein Bild von Afrika.
Die wei'n Flecken und Unsch'en auf diesem Bild haben mich am Anfang meiner Jahre in Afrika oft gewurmt. Das 'erte sich, als ich das Tagebuch von Michel Leiris entdeckte. Der franz'sische Literat hatte an der Dakar-Dschibuti-Expedition des ber'hmten Ethnologen Marcel Griaule teilgenommen. Am 5. Oktober 1931 notiert er: 'Ich verzweifle daran, dass ich in nichts wirklich bis auf den Grund einzudringen vermag.' Der Poet Leiris hat sich mit dem allwissenden Forscher Griaule 'berworfen, weil er mit schonungsloser Offenheit die Grenzen der v'lkerkundlichen Erkenntnis beschreibt. Der Dichter will eintauchen in die 'urspr'ngliche Mentalit' und muss schlie'ich feststellen, dass er nur ein Afrique fant'erlebt und ein Gefangener des eurozentrischen Blicks bleibt. Wir k'nnen uns nicht selber entfliehen. Die Bekenntnisse des Michel Leiris waren ein erhellender Trost.
Wie k'nnten wir zum Beispiel verstehen, was in der kleinen Buschklinik von B'adoh Fomantum vor sich geht? Fomantum ist ein traditioneller Heiler, ein Medizinmann, und seine Wirkst'e liegt im Wald hinter der Stadt Bamenda in Kamerun. Was will uns das merkw'rdige Holzschild am Eingang bedeuten, auf dem wir eine Schlange mit Menschenkopf sehen? Sollen wir ernst bleiben, wenn der Wunderdoktor sagt, er m'sse erst einmal pr'fen, ob wir b'se Geister mit uns f'hren? Wenn er androht, dass uns, falls dem so sei, Killerbienen und Giftnattern t'
ten w'rden und auf den Fotografien nur Blut zu sehen w'? Fomantum streut Erde, schaut ins Feuer, sprenkelt Wasser. Wir bestehen die Pr'fung. Aber dann gehen die Fragen weiter. Muss diese schmutzige, teerartige Masse, die der Meister in die schw'nde Wunde am Unterschenkel eines jungen Mannes kleistert, nicht eine f'rchterliche Infektion ausl'sen? Nein, versichert der Patient, es werde von Tag zu Tag besser; er sei hier, weil man ihm im Krankenhaus vom Bamenda nicht mehr habe helfen k'nnen. Das leuchtet uns noch halbwegs ein. Aber was soll die seltsame Tortur auf dem Vorplatz? Warum sitzt die alte Frau, gefesselt zwischen zwei Speeren, in einem Kreis von Holzscheiten? 'Hexen und Zauberer haben sie irre gemacht', erkl' Fomantum, gie' Spiritus 'ber die Scheite und z'ndet sie an. Ein Flammenring lodert um die Patientin. Gel't vor Angst starrt sie ins Feuer. Sie zittert, schlie' die Augen, betet. Oder dort hinten, ebenso r'elhaft, aber nicht so martialisch, die n'ste Behandlungsszene: vier Frauen, nackt und reglos. Helferinnen haben sie am ganzen K'rper mit Lehm eingeschmiert. Fomantum beugt sich zu ihnen hinab, murmelt esoterische Formeln und dr'ckt Schilfbl'er in ihre H'e. Zwei Stunden m'ssen sie in dieser Haltung verharren, jeden Tag, 'bis die Besessenheit aus ihnen f't'.
Alles nur Mummenschanz? Afrikanische Quacksalberei? In Bamenda erz't man von den sensationellen Heilerfolgen dieses Mannes. Die Menschen f'rchten und verehren ihn. Wenn Schulmediziner mit ihrem Latein am Ende sind, suchen sie seinen Rat. Manchmal schicken sie scheinbar hoffnungslose F'e zu ihm in den Wald. Das Ger'cht, er k'nne auch Aids kurieren, weist Fomantum allerdings entschieden von sich. 'Gegen diese Viren hat niemand ein Rezept.' Wir glauben, einen studierten Wei'ittel reden zu h'ren. Im n'sten Moment f'hrt er uns wieder an die Pforten eines Reiches, das von 'erischen Kr'en und kryptischen Gesetzen durchwaltet wird. Es liegt jenseits unserer rationalen Welt, aber wenn wir die Sache vom Erg
ebnis her betrachten, gilt die alte Medizinerformel 'Wer heilt, hat Recht.' Ich erz'e diese Geschichte, weil der Medizinmann in gewisser Weise auch mich geheilt hat. Oder sagen wir: Er hat mir den abendl'ischen Erkenntniszwang ausgetrieben, den Zwang, alles gedanklich durchdringen und sezieren zu m'ssen. In Afrika lernt man, mit Fragezeichen zu leben. Man erkennt, was man nicht erkennen kann. Und wird im Laufe der Jahre behutsamer, vorsichtiger, vielleicht auch gn'ger in seinen Urteilen 'ber diesen Kontinent.


*


Ein kleines, fr'hliches Negerlein - mein Archetypus von Afrika stieg aus einem Malbuch. Ich malte das Negerlein aus, gelb die Schnabelschuhe, froschgr'n die Pluderhose, himbeerrot den Fes auf seinem Kopf. Als ich des Lesens kundig war, entdeckte ich in einer Holzkiste auf dem Dachboden das Buch 'Unter Wilden und Seer'ern' von Ludwig Foehle. Es enthielt Geschichten aus dem Negerreich Kilema und Bilder von wilden Kriegern, die mit Speeren durch den Busch liefen, von Krokodilen im Mangrovensumpf, von tropenbehelmten Kolonialisten in wei'm Kattun. Eine Szene erf'llte mich mit gro'r Furcht: Ludwig, der wackere Sohn des Baumwollpflanzers, sucht mit dem Fernrohr den Rand des Dschungels ab und sieht, wie Buschiri, der Araberh'tling und Sklavenj'r, einem Missionar die Ohren abschneidet und mit einer riesigen Keule den Sch'l eines wachsbleichen Kindes zertr'mmert. 'Ach, wenn die Wei'n tot und alles zerst'rt w', dann, ja dann d'rften sie wieder faulenzen, und das hie'bei ihnen gl'cklich sein', seufzt der Erz'er. Er portr'ert nat'rlich auch folgsame und flei'ge Eingeborene wie Sam, den 'treuen Neger von Bagamoyo', der sich gegen die Revolte seiner blutr'nstigen Br'der stellt. Nicht alle Mohren haben eine schwarze Seele.
'Weihnachten 1940' stand vorn im Buch. Ein Geschenk meines Gro'aters an meinen Vater. Der alte Grill konnte es nie verwinden, dass dem Deutschen Reich nach dem Ersten Weltkrieg die Kolonien weggenommen worden waren. Er schi
mpfte wie viele seiner Nazi-Genossen in der Weimarer Zeit 'ber den 'Schandfrieden von Versailles' und 'ber die 'Kolonialschuldl'ge'. Zur'ck die deutschen Ostgebiete! Wir wollen unsere Kolonien wiederhaben! Der Revisionismus sollte auch die nationalsozialistische Barbarei 'berdauern, und so fragte mein Vater mich, wie ihn sein Vater gefragt hatte: Welcher ist der h'chste Berg Deutschlands? Die Zugspitze? I wo. Der Gro'lockner? Auch nicht. Es ist der Kilimandscharo in Deutsch-Ostafrika, und ich lernte, seine beiden Gipfel, den Kibo und den Mawenzi, zu benennen. Winnetou, der edle Apache, war der gr''e Held meiner Kindheit. Aber Afrika, das lockte noch viel mehr als das Amerika der Indianer. Der Kongo! Timbuktu! Sansibar! Die sagenumwobenen Mondberge! Das waren die Projektionsfl'en allen kindlichen Fernwehs, die Inbegriffe der Fremde, der Urnatur, der exotischen Gegenwelt. Und geradezu zwangsl'ig sollte mich im Jahre 1980 die erste Reise nach Afrika in das Land unter dem Kilimandscharo f'hren. Meine Motive waren freilich ganz andere als die der Vorv'r: Ein bisschen Abenteuer und viel Solidarit'mit den 'Verdammten dieser Erde'.
Aus dem Staat, der unterdessen Tansania hie' wurden revolution' Dinge berichtet. Wir h'rten von einem afrikanischen Sozialismus, von einem Dritten Weg zwischen dem repressiven Sowjetkommunismus und dem r'erischen Kapitalismus. Wir studierten die Texte von Pr'dent Julius Nyerere, der ehrf'rchtig mzee genannt wurde, gro'r Lehrer. Die Schl'sselbegriffe seiner Philosophie hatten den Klang von politischen Mantras: Self reliance, mit eigenen Kr'en die Unterentwicklung 'berwinden, und ujamaa, gemeinsam leben und arbeiten, eine politische Maxime, die die Traditionen der Dorfgemeinschaft mit einem modernen Genossenschaftswesen verband. Dort unten brannte uhuru, die Fackel der Freiheit, dort mussten wir hin.
Wir, das waren neun junge Leute, Dritte-Welt-Bewegte, die in Longido, einem kleinen Nest nahe der kenianischen Grenze, von der Theorie zur Pra
xis schreiten und das tansanische Experiment unterst'tzen wollten. Unser Partner im Dorf war Estomihi Mollel, ein Masai, der in Australien Soziologie studiert und sich f'r das kleine Longido gro' Pl' ausgedacht hatte: einen Staudamm, ein alternatives Tourismusprojekt und ein Dorfgemeinschaftshaus, bei dessen Bau wir helfen sollten. Wir machten uns also daran, Lehmziegel zu produzieren. Schon am zweiten Abend entbrannte eine lange Diskussion. D'rfen wir an der Wasserstelle hinter dem Haus duschen oder war das ein europ'cher Luxus, der ein knappes Gut verschwendete? Die Streitfrage erledigte sich, nachdem wir feststellten, dass das Wasser an der Viehtr'e ununterbrochen lief, ohne dass irgendein Dorfbewohner daran Ansto'genommen h'e. Es war die erste Desillusionierung. Auch der anf'liche Enthusiasmus sollte bald schwinden, denn es erwies sich als ziemlich m'hseliges Gesch', in der Gluthitze der Savanne Lehmziegel zu backen, und die Qualit'unserer Produkte lie'zu w'nschen 'brig. 'erdies half uns kein einziger Einheimischer beim Ziegelmachen. Das Ergebnis unserer M'he war ein schiefer H'hnerstall f'r Esto und seine Gro'amilie. Das Dorfgemeinschaftshaus aber blieb eine fixe Idee.
Anschlie'nd reisten wir durchs Land, besichtigten Projekte, lie'n uns von Funktion'n die Probleme auseinander setzen. Und sahen vor lauter Solidarit'die Realit'nicht mehr, den allgegenw'igen Mangel, die Misswirtschaft und Korruption, die repressiven Tendenzen. Schuld an den weniger erfreulichen Erscheinungen waren stets finstere Au'nm'te, der Kolonialismus und seine Sp'olgen, die ungerechte Weltwirtschaftsordnung, die obstruktive Haltung des Westens. Die schlechten Wei'n und die guten Schwarzen - die Misere Afrikas, daran gab es f'r mich nicht den geringsten Zweifel, war zu achtzig Prozent durch exogene Faktoren verursacht. Heute sehe ich es genau umgekehrt: Die Afrikaner selber, namentlich die politischen Eliten, tragen die Hauptverantwortung f'r den maroden Zustand ihres Kontinents. Als ic
h f'nfzehn Jahre sp'r als Journalist nach Tansania zur'ckkehrte und ein Modelldorf besuchte, war von
"ujamaa" nicht mehr viel zu sp'ren. Ich sah brachliegende Nutzfl'en, einst'rzende Scheuern, gras'berwucherte Maschinen. Das Dorf Kwalukonge - ein Spiegel von Tansania: drei Jahrzehnte unabh'ig, friedlich, verschlafen, heruntergewirtschaftet, mit Entwicklungshilfe 'bersch'ttet wie wenig andere L'er und trotzdem kein bisschen besser dran als zum Ende der Kolonialzeit. Die Utopie des Aufbruchs war an der Wirklichkeit zerschellt. Rot leuchtete nur noch die Laterit-Erde. Und meinen Freund Esto Mollel hatte ein tragisches Schicksal ereilt; er lag querschnittsgel't in seinem H'chen in Longido - die Folge eines b'sen Sturzes.
Bei meinem dritten Besuch in Longido, im Sp'erbst 2001, war Esto nicht mehr. Er hatte bis zuletzt an seinem Projekt gearbeitet, lie'sich auf seinem klapprigen Toyota-Pritschenwagen durch den Busch karren, trommelte eine Helferschar zusammen, suchte Sponsoren, sammelte Spenden. Am Eingang des Dorfes stand seine Hinterlassenschaft: ein kleines Informationszentrum 'ber die Masai und den Untergang ihrer Hirtenkultur. Junge M'er und Frauen verkauften Kalebassen, fertigten Schmuck aus Glasperlen oder boten Lehrwanderungen zu den "bomas" an, in denen die Masai angeblich noch wie ihre Vorv'r leben. Estos k'hne Visionen hatten sich nicht realisiert, aber da waren immerhin ein paar Arbeitspl'e und eine Hand voll selbstbewusster junger Leute. Ich ging an sein Grab im Schatten der gro'n Schirmakazie, unter der wir einst unsere misslungenen Lehmziegel gebacken hatten. Dieser Mann hat meine Aff' mit Afrika eingef'lt. Er verk'rpert den unersch'tterlichen Optimismus der Afrikaner, ihren Humor und ihre Schlitzohrigkeit, ihren M''ggang und die Kunst, mit einfachsten Mitteln zu 'berleben. Esto Mollel war mein "mzee", mein erster afrikanischer Lehrer. Auch seinem Andenken ist dieses Buch gewidmet.


*


D'rre, Hunger und Seuchen, Krieg und
Massenelend - will das denn in Afrika nie aufh'ren? Es gibt Tage auf diesem Erdteil, da wird man unweigerlich vom Pessimismus befallen, ja von einer l'enden Depression. Man f't durch die endlosen Slums in der Ebene vor Kapstadt. Verl't sich in einem Bidonville von Dakar oder in einem Fl'chtlingslager im Kongo. Sieht in Malawi ein Kind am Hunger sterben, das so alt ist wie der eigene Sohn. Steht fassungslos an einem Massengrab in Ruanda. Trifft in Sierra Leone einen Mann, dem Rebellen beide Arme abgehackt haben. Man m'chte verzweifeln an der uns'ichen Grausamkeit dieses Kontinents und kann dem Leid Afrikas und dem der Afrikaner nichts mehr entgegensetzen. Man kapituliert. Und h'rt das Geraune der Untergangspropheten. "Africa nigra", verfluchter, verlorener Kontinent. Schwarzes Unheil.
Dann gibt es die anderen Tage, Tage, die heiter und hoffnungsfroh stimmen, weil sie die unb'ige Lebenslust und verschwenderische Sch'nheit des Kontinents offenbaren. Wir haben das Gl'ck, bei den Dogon den Tanz der Masken zu erleben oder eine pr'tige Initiationsfeier der Bamil'. Beobachten, wie sich ein gew'hnlicher Urnengang in Mosambik in ein Volksfest der Demokratie verwandelt. H'ren von einem Regenmacher in Guinea die verr'cktesten Geschichten 'ber die Wetterg'tter. Begreifen in einer schw'len Nacht in Kinshasa, was Tanzen wirklich bedeutet. Bewundern allerorten die Kreativit'der Armut, den Erfindungsreichtum der Menschen. Lernen ihre Langsamkeit, ihren unersch'tterlichen Gleichmut sch'en, das afrikanische Amor fati, den Alltagswitz, die Lust am Palaver, am Spiel, das Lachen und L'eln, das 'ber die Not triumphiert. Oft kommt es uns vor, als ob gerade die Kargheit und der Mangel die gr''e Sch'nheit hervorbr'ten. In der monotonen Graubr'e der Halbw'ste sehen wir die fr'hlichsten Kleiderfarben, im dunklen Regenwald die wundervollsten Skulpturen, im langweiligsten Dorf die grazilsten Tanzfiguren.
Die Sch'nheit kann allerdings auch t'chen. Wir stehen im milchigen Fr'hlicht, die er
sten Sonnenstrahlen fallen in die Fluchten eines Palmenhains, handtellergro' Falter steigen aus dem Gras - eine Szene so unwirklich und zauberhaft wie in einem Gem'e von Watteau. Denken wir. Aber der Nebel weicht, es wird hell und hei' zwischen den Baumreihen entdecken wir M'er mit Macheten. Es sind Lohnsklaven, und das Idyll ist eine Plantage. Die Kokospalmen wirken jetzt wie Soldaten, die getrimmt wurden f'r die Erzeugerschlacht auf dem Weltmarkt.
Oft 'ern wir uns auch 'ber die Afrikaner, 'ber die Impertinenz von Amtspersonen, 'ber die Allgegenwart von Abzockern und korrupten Beamten, 'ber die Grobheit und Brutalit'in den Metropolen, 'ber die Faulheit, die Schlampigkeit und die unbeschreibliche Gleichg'ltigkeit. Wir behausen ein sch'ges Zimmer, Wasser tropft durch die Decke, die Toilette ist zugeschissen, und am Morgen erfrecht sich der Hotelmanager, den Preis zu verdoppeln, weil 'ber Nacht angeblich der Umtauschkurs gestiegen ist. Es kommt zu einem lautstarken Disput, und wir sind froh, dass uns niemand dabei beobachtet, denn sonst k'nnten wir f'r 'ble Rassisten gehalten werden. Aber irgendwann ist das Problem gel'st. Wir warten in der Fr'hst'cksbaracke, Tropenregen h'ert auf das Blechdach, nach einer Stunde des Wartens sind wir gl'cklich, weil ein Spiegelei kommt und eine Tasse braunes Wasser, das hier Kaffee genannt wird. Unser Blick f't auf das kleine Aquarium neben der Anrichte. Es ist ausgetrocknet, auf dem Grund liegen Gl'hbirnen. Wir m'ssen hellauf lachen.
Afrika ist ein Kontinent, der nicht zur Ruhe kommt und zugleich in ewiger Starre gefangen scheint, der sich irgendwo auf dem Weg zwischen Tradition und Moderne befindet und am Rande dieses Weges verwirrte Menschen zur'ckl't. Wir erleben den Stupor der Provinz, das immer gleiche, bewegungslose Dorf, die Stille, die der Krieg gebiert, und die verheerende Aids-Pandemie. Wir sehen andererseits gewaltige Bewegungen, Millionen von Entwurzelten, die von irgendwo nach nirgendwo irren, V'lkerwanderungen v
om Land in die gro'n St'e, verrohte Milizen und Horden von Kindersoldaten, die ganze Staaten terrorisieren. Im Bergland von Abessinien begegnete mir einmal ein Heer von Kriegsgefangenen, hunderttausend M'er in Lumpen, hunderttausend leere, schicksalsergebene Gesichter - es war wie eine surreale Erscheinung, die meine Generation nur aus den Geschichtsb'chern 'ber den Zweiten Weltkrieg kennt.




Pressestimmen

"Spannend und sehr lesenswert. Besonders weil Grill es versteht, abwechselnd als Reporter anschaulich und packend mitten aus dem Geschehen zu berichten, und dann mit der nötigen Distanz als Analytiker, die Probleme des Kontinents unter die Lupe zu nehmen."
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