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Kritik der Rechte

Buch (gebunden)
"Individuelle Berechtigung produziert soziale Unregierbarkeit."

Dass wir Rechte haben, ist die große normative Idee der Moderne, deren Ausgestaltung seit den Revolutionen des 18. Jahrhunderts wirkmächtig ist. Die Proklamation subjektiver Rechte markie … weiterlesen
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Produktdetails

Titel: Kritik der Rechte
Autor/en: Christoph Menke

ISBN: 3518586254
EAN: 9783518586259
Suhrkamp Verlag AG

7. November 2015 - gebunden - 485 Seiten

Beschreibung

"Individuelle Berechtigung produziert soziale Unregierbarkeit."

Dass wir Rechte haben, ist die große normative Idee der Moderne, deren Ausgestaltung seit den Revolutionen des 18. Jahrhunderts wirkmächtig ist. Die Proklamation subjektiver Rechte markierte die Geburtsstunde der bürgerlichen Gesellschaft, mit dem Liberalismus als ihrer dominanten Theorie. Sie schuf aber auch "die Berechtigung des egoistischen, vom Mitmenschen und vom Gemeinwesen abgesonderten Menschen", wie Karl Marx bemerkte - und forcierte damit die Entpolitisierung der Politik. Daher, so Christoph Menke, bedarf es einer Kritik der Rechte.
Diese Kritik darf jedoch nicht, wie der Liberalismus, lediglich nach der Begründung und den Inhalten von Rechten fragen, sondern muss viel tiefer ansetzen, nämlich bei der Form, die die Idee der Rechte dem Wollen und Handeln gibt. Menke präsentiert eine solche Formanalyse im Anschluss an Marx, Weber, Luhmann und Foucault. Er zeigt, wie das moderne Recht mit dem klassischen Recht bricht, und arbeitet den entscheidenden Widerspruch heraus: Rechte sind das Medium einer radikalen Selbstreflexion der Normativität und zugleich derjenige Mechanismus, der die zwischen Ausbeutung und Normalisierung oszillierenden Herrschaftsverhältnisse der bürgerlichen Gesellschaft hervorbringt. Diesen Widerspruch bis zu dem Punkt zuzuspitzen, an dem sich die Frage nach einem anderen Recht stellt, ist das Ziel dieses grundlegenden Buches.

Portrait

Christoph Menke, geboren 1958, ist Professor für Philosophie an der Johann Wolfgang Goethe-Universität in Frankfurt am Main und dort Leiter des Forschungsprojekts »Normativität und Freiheit« im Rahmen des Exzellenzclusters »Die Herausbildung normativer Ordnungen.« Im Suhrkamp Verlag sind erschienen: Die Kraft der Kunst (stw 2044) und Kritik der Rechte (stw 2241).

Pressestimmen

"Eine höchst komplexe, intellektuell fordernde, in ihren Zuspitzungen für Liebhaber der Dialektik aber auch erregenden Entfaltung eines neuen und anderen Rechts."
Romain Leick, Literatur Spiegel November 2015

Rezensionen

Frankfurter Allgemeine Zeitung - RezensionBesprechung vom 27.01.2016

Sittlichkeit ist halt perdu

Gleichheit hat ihren Preis: Christoph Menke wirft sich entschlossen in eine Kritik des subjektiven Rechts.

Karl Marx wird in der Rechtsphilosophie wieder gelesen. Das ist eine gute Nachricht, gehört doch seine Kritik der bürgerlichen Gesellschaft, die ausgerechnet an deren liberalem Herzstück, nämlich dem Kanon allgemeiner gleicher Freiheitsrechte ansetzt, bis heute zum Scharfsinnigsten, was zur Kritik des subjektiven Rechts geschrieben worden ist. Dass der Mensch durch die bürgerliche Revolution keineswegs von der Religion befreit wurde, sondern vielmehr die Religionsfreiheit erhielt, ebenso wie er statt der Befreiung vom Eigentum die Freiheit des Eigentums und statt Erlösung vom Egoismus des Gewerbes die Gewerbefreiheit erlangte, gehört zu den treffsicheren Grundeinsichten von Marx' Frühwerk.

An diesen Grundgedanken knüpft auch die eindrucksvolle Kritik der Rechtsfigur des subjektiven Rechts an, die der in Frankfurt lehrende Philosoph Christoph Menke vorgelegt hat. Ausgehend von "Marx' Rätsel", warum die emanzipatorische Forderung nach Gleichheit in der Neuzeit ausgerechnet in der Form allgemeiner gleicher Rechte verwirklicht wurde, beschreibt Menke diese spezifisch moderne Rechtsform als Mechanismus einer liberalen Ideologie, die auf die Naturalisierung und Legalisierung der dem bürgerlichen Recht zugrundeliegenden faktischen Zwangslagen gerichtet ist.

Aufschlussreich liest sich bereits das Eingangskapitel, das die entscheidende Neuerung des modernen Rechts darin erkennt, mit der klassischen Vorstellung des Rechts als objektiver Gerechtigkeitsordnung gebrochen zu haben. Das vormoderne Recht verwirklicht objektive Sittlichkeit oder steht doch in untrennbarem Bezug zu ihr. Menke veranschaulicht dies an den zwei Modellen "Athen" und "Rom", die das auf die Erziehung zur Tugend gerichtete Rechtsverständnis des antiken Griechenlands sowie das vernunftbezogene Rechtsdenken des klassischen römischen Rechts bezeichnen.

Der Bruch des modernen Rechts mit der Vormoderne besteht darin, diesen Bezug zur Sittlichkeit gelöst zu haben: Modernes Recht ist entsittlichtes Recht. Menke kennt auch dafür einen Locus classicus: das "London" des Thomas Hobbes, dessen amoralisch-naturalistisches Rechtsverständnis schon die Zeitgenossen des siebzehnten Jahrhunderts verstörte und das hier typologisch durchaus treffsicher zum Inbegriff des modernen Rechts stilisiert wird, die naheliegende Assoziation finanzkapitalistischer Exzesse am heutigen Bankenplatz London inbegriffen.

In dieser Topologie der europäischen Rechtsevolution ist das moderne Recht dasjenige, das die natürliche Freiheit jedes Einzelnen legalisiert. Dies geschieht in der Form des subjektiven Rechts, die ein normatives Paradoxon verwirklicht: Sie hebt ein Natürliches, das an sich amoralisch ist, in den Stand des normativ Gebotenen; sie legalisiert den Naturzustand, indem sie die individuelle Willensäußerung gerade unabhängig von deren Vernünftigkeit oder Sittlichkeit als normativ maßgeblich schützt. Eindringlich beschreibt Menke auf dieser Grundlage die Pathologie des durch das moderne Recht konditionierten Subjekts, dessen Ermächtigung durch subjektive Rechte ausdrücklich nicht nur den sittlichen, sondern auch und gerade den sittlich indifferenten, ja unsittlichen und asozialen Freiheitsgebrauch mit umfasst. Die merkwürdige Leere im Herzen des liberalen Freiheitsideals, die sich gegenwärtig wieder in einschlägigen Debatten über westliche Werte jenseits der Freiheit zu öffentlichen Cafébesuchen breitmacht, wird hier eindrucksvoll vor Augen geführt.

Das moderne Recht versucht nicht mehr, die Differenz zwischen sich selbst und seiner Umwelt durch Bezugnahme auf den sittlichen Grund oder Zweck des Rechts zu überbrücken, sondern nimmt diesen Bruch im Weg der Selbstreflexion ungemildert und paradox in sich selbst auf. Damit ist zugleich ein weiteres typisches Phänomen des modernen Rechts verbunden, nämlich seine zunehmende Materialisierung durch scheinbar entgegengesetzte soziale Wertgehalte, in denen sich - so Menke treffend - jedoch gerade kein echtes Gegenprinzip, sondern vielmehr das aporetische Strukturprinzip des modernen Rechts manifestiert.

Das Sozialrecht erweist sich in Menkes insoweit brillanter Analyse also keineswegs als wirksames Instrument der Kritik privatrechtlicher Herrschaftsverhältnisse, sondern vielmehr als Bedingung ihrer Ermöglichung und Aufrechterhaltung, indem es sein Versprechen gleicher sozialer Teilhabe von der Disziplinierung und Normalisierung der Individuen abhängig macht. So unterschiedlich also auf den ersten Blick die Ziele, so sehr gleichen sich doch die Methoden von Privatrecht und Sozialrecht, die letztlich beide auf Beherrschung durch Berechtigung hinauslaufen und ihren Herrschaftscharakter dabei wirksam camouflieren.

Die Rückkehr zu einem sittlichen Rechtsverständnis im Sinne der Vormoderne hat Menke bei seiner Kritik natürlich nicht im Sin. Er kehrt am Schluss nochmals zu Marx zurück, dessen Utopie einer vollständig emanzipierten Gesellschaft jenseits subjektiver Rechte hier in neuem Gewande als sich selbst transzendierendes "Recht der Gegenrechte" wiederkehrt. Ob ein solches "neues Recht" als Alternative zum herkömmlichen subjektiven Rechtsverständnis möglich ist? Prognosen und, wie man hier ergänzen mag, politische und rechtliche Utopien sind bekanntlich mit Vorsicht zu genießen.

MARIETTA AUER

Christoph Menke: "Kritik der Rechte".

Suhrkamp Verlag, Berlin 2015. 486 S., geb.

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