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Das Gedächtnis der Haut als Buch
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Das Gedächtnis der Haut

Originaltitel: Baguf ani mevina.
Buch (gebunden)
David Grossman erzählt von der Liebe, von Schauls Eifersucht über den Geliebten seiner Frau Elisheva und von der Schriftstellerin Rotem, die ihrer Mutter Liebesentzug vorwirft. Dabei erfahren wir immer wieder von Augenblicken größter Nähe und tiefste … weiterlesen
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Produktdetails

Titel: Das Gedächtnis der Haut
Autor/en: David Grossman

ISBN: 3446205292
EAN: 9783446205291
Originaltitel: Baguf ani mevina.
Übersetzt von Vera Loos, Naomi Nir-Bleimling
Hanser, Carl GmbH + Co.

23. August 2004 - gebunden - 317 Seiten

Beschreibung

David Grossman erzählt von der Liebe, von Schauls Eifersucht über den Geliebten seiner Frau Elisheva und von der Schriftstellerin Rotem, die ihrer Mutter Liebesentzug vorwirft. Dabei erfahren wir immer wieder von Augenblicken größter Nähe und tiefster Einsamkeit der Protagonisten: Geschichten voller geheimer Träume und Obsessionen.

Portrait

David Grossman wurde 1954 in Jerusalem geboren und gehört zu den bedeutendsten Schriftstellern der israelischen Gegenwartsliteratur. 2008 erhielt er den Geschwister-Scholl-Preis, 2010 den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels, 2017 den internationalen Man-Booker-Preis für seinen Roman Kommt ein Pferd in die Bar. Bei Hanser erschienen zuletzt Diesen Krieg kann keiner gewinnen (2003), Das Gedächtnis der Haut (2004), Die Kraft zur Korrektur (2008), Eine Frau flieht vor einer Nachricht (Roman, 2009), Die Umarmung (2012), Aus der Zeit fallen (2013), Kommt ein Pferd in die Bar (Roman, 2016), Die Sonnenprinzessin (2016) und Eine Taube erschießen (Reden und Essays, 2018).

Leseprobe

Ein gedrungener Mann mit hervortretenden Augen, wulstigen Lippen und großen Händen glotzt sie an. Sie spürt ihn, bevor sie ihn sieht. Ein unguter Luftzug ist in ihren Kreis eingedrungen. Sie schlägt die Augen auf und sieht ihn kopfunter. Er ist gegen den Türrahmen gelehnt. Shorts, Blumenhemd, blutrote Lippen wie ein Raubtier nach dem Fraß. Sachte stößt sie sich von der Wand ab, läßt erst das eine, dann das andere Bein auf den Boden herab, erhebt sich und baut sich vor ihm auf.
Der Kerl stößt einen kurzen, abfällig klingenden Pfiff der Anerkennung aus.
Als ich klein war, sagt er, konnte ich das auch. Auf dem Kopf stehen, meine ich.
Nilli sagt nichts. Vielleicht hat er sich in der Tür geirrt. Sucht den Fitnessraum.
Was soll das hier sein, fragt er mit dem gleichen affektierten Tonfall, lässig und drohend zugleich, Yoga?
Sie beginnt, die vom Vormittag liegengebliebenen Matten aufzurollen. Drei Urlauberinnen waren zu ihr gekommen, um etwas für die Figur zu tun. Dabei hatten sie unentwegt gekichert und geschwätzt und den Hintern nicht hochbekommen.
Jawohl, sagt sie, und es klingt wie was dagegen? Yoga.
Yoga? Was war das noch mal? Hilf mir auf die Sprünge. Er zieht eine Packung Nobless aus der Brusttasche, klopft sie ein-, zweimal auf dem Handrücken auf und fischt sich eine Zigarette heraus.
Yoga ist - wären Sie so freundlich, hier das Rauchen zu unterlassen?
Ihre Blicke fechten miteinander. Langsam schüttelt er den Kopf von rechts nach links, als tadele er ein Kind. Seine Lippen runden sich zu einer hämischen Kußbewegung: Für dich, mein Täubchen, mach ich alles; sie fühlt, wie sie mit einem knappen, abschätzenden Blick von oben bis unten geröntgt wird, sie ist wie gelähmt, zu keiner Bewegung fähig, und Wut beginnt in ihr zu brodeln.
Wird man bei dieser Nummer vielleicht auch massiert?
Massiert wird auf der rechten Seite am Ende des Flurs. Medizinisch, den Zusatz kann sie sich nicht verkneifen.
Und was du hier treibst ist ni
cht medizinisch?
So, denkt sie. Das erledigen wir mit links. Darin haben wir Erfahrung. Und sie richtet sich auf, ist einen ganzen Kopf größer als er, verschränkt die Arme vor der Brust, nein, nein, sie betont jedes einzelne Wort, eine Massage, wie Sie sie offenbar nötig haben, werden Sie hier nicht finden. Übrigens, auch sie kann so grinsen: breit, funkelnd, zweiunddreißigmal Verachtung mitten ins Gesicht.
Doch er bleibt unbeeindruckt, im Gegenteil, es scheint ihn zu erheitern. Seine Zunge wandert hinter der Unterlippe lässig durch seine Mundhöhle und bildet kleine, von einer Seite zur anderen ziehende Beulen, die Nilli unweigerlich an die wellenförmige Bewegung auf den Bäuchen trächtiger Tiere erinnern.
Er feixt: Ich habe gefragt, was du einem so bietest.
Tief Luft holen. Abwarten. Ihm nicht den Gefallen tun. Ihm von deiner ruhigen Stelle aus antworten. Hier beweist es sich, nicht auf einsamen Gipfeln zwischen hellblauen Wolken sitzend. Hier, von Angesicht zu Angesicht.
Du willst mir also nicht sagen, was man bei dir geboten bekommt? Wieder regt sich die Zunge in dem geilen Mund. Hier steht groß und breit Yogaraum!
Hier steht Yogaraum, weil hier Yoga unterrichtet wird, Yoga. Für die Art von Massage, für die Sie sich interessieren - und sie nähert ihm ihren Kopf, bietet ihm die Stirn, ihr breites Katzengesicht zeigt Zähne - können Sie sich jemanden aufs Zimmer kommen lassen. Bitten Sie den Portier um eine Telefonnummer. Hier im Hotel gibt es Mädchen, die es Ihnen liebend gern besorgen. Und jetzt entschuldigen Sie mich bitte. Und sie fährt fort, hektisch die Matten aufzurollen.
Ich habe keinen Bedarf, nuschelt er und wechselt von einem Bein aufs andere. Ehrlich gesagt geht es gar nicht um mich, ich suche was für meinen Sohn.
Sie suchen was für Ihren Sohn? Sie richtet sich langsam auf- stemmt zwei kräftige Hände in die Hüften, wofür halten Sie mich? Und sie wirft den Kopf in den Nacken, ihr kurzes Haar richtet sich elektrisiert auf; in
New York und in Kalkutta hat diese Geste in Kombination mit dem großen, kräftigen Körper Wunder bewirkt, wann immer es Probleme gab. Wenn einer ihr an die Wäsche wollte. Ihre Töchter würden sich wundern, denkt sie, wenn sie sie jetzt sehen könnten, diese Roheit, die wie die Klinge eines Springmessers hervorschnellt. Sie wundert sich selbst, wie leicht es ihr fällt, wieder in die alte Rolle zu schlüpfen.
Auch der gedrungene Mann zeigt sich beeindruckt. Er weicht einen halben Schritt zurück, ohne den Blick abzuwenden, als zwinge er sich dazu, seine Nachricht vollständig loszuwerden: an Pessach wird er sechzehn. Er hat keine Mutter. So stehen die Dinge. Ich dachte -
Ja? Was dachten Sie denn? Ich höre? Was genau dachten Sie?! Sie errötet über soviel Unverfrorenheit. Was hast du erwartet, als du dich auf diesen Scheißjob eingelassen hast, zwei Wochen im Jahr Gewerkschaftsmitgliedern, Angestellten von Hamashbir und Arbeitern von Delek und wem sonst noch alles im Schnellverfahren Yoga beizubringen.
Und in ihrem Zorn bemerkt sie die schräge, sich brechende Linie unter seinem Mund, das häufige Zucken der Lider, die Hand, die mit der dünnen Goldkette auf seiner Brust zu spielen beginnt; es ist wie ein plötzlicher Zusammenbruch, fast unmerklich, der sukzessive vor ihren Augen stattfindet. Sein Gesicht wird noch abstoßender, noch verschlagener, noch unglücklicher. Betriebsrat, denkt sie, in den Stahlfabriken in Haifa oder in den Lagerhallen in Lod. Einer, der seine Mitarbeiter schikaniert und vor den Vorgesetzten buckelt. Wem willst du Angst einjagen. Ich lese dich wie ein offenes Buch, eine verkürzte, verspannte Muskulatur, eine Gangart, die du dir im Kino abgeschaut hast, und obendrein Plattfüße, Kreuzschmerzen und Hämorrhoiden.
Unter ihrem Blick fällt er in sich zusammen und verkrampft sich, und ihre Lust, es ihm heimzuzahlen, ihn bloßzustellen, wächst. Oder einfach wieder einmal ihre Überlegenheit zu genießen - denkt sie später deprimiert -, sich an den Ges
chmack zu erinnern. Doch dann, endlich, dringen seine Worte zu ihr durch. Was hat er da über die Mutter gebrummt. Wieso gibst du dich überhaupt mit ihm ab, was sollte ich denn für Ihren Sohn tun, was stellen Sie sich denn so vor? fragt sie und achtet noch immer auf eine gewisse Kälte in ihrer Stimme.
Und er erwidert mit diesem Gockelblick, er ist ein guter Junge, er wird garantiert keine Schwierigkeiten machen, bei dem kleinsten Problem kommst du zu mir.
Wovon reden Sie, lacht sie gegen ihren Willen.
Er ist in Ordnung, echt, nur hat er abartige Ideen, er ist nicht ganz dicht - die Zornesfalten auf seiner Stirn und der bösartige Ausdruck lockern sich ein wenig, und eine schmerzliche, unerwartete Klarheit tritt für einen Moment in seine Augen -, er lebt bei mir, seine Mutter ist gestorben, als er einen Monat alt war, und ich dachte -
Er unterbricht sich und wirft ihr einen dämlichen, hilflosen Blick zu. Ein dumpfer Mensch, sie fühlt es. Sie verschränkt die Arme und denkt nach. Sie hat drei Töchter, sechzehneinhalb, elf und acht, von drei verschiedenen Männern, der letzte hat sie vor fünf Jahren verlassen, und sie weiß, was es heißt, Tag für Tag, Stunde um Stunde, allein für die Kinder zuständig zu sein. Und dieser O-beinige Kerl mit den fleischigen Lippen, mit dem Etikett ungeliebt auf Rücken und Brust, wer, verdammt noch mal, ist sie, daß sie ihn so abstempelt.
Was dachten Sie?
Er wittert prompt den Weichmacher in ihrer Stimme. Ein kleines Säugetier wie er muß wachsam auf jede Veränderung reagieren. Behende, zu behende für ihren Geschmack, lockert er die Schultern, überkreuzt die Beine ... Ich dachte bloß - sei nicht schon wieder eingeschnappt und hör mir zu: Ich habe dieses Schild Yoga gesehen, und da dachte ich, wir machen hier eine Woche Urlaub, und er ist in Ordnung, aber er hat keine Freunde. Verstehst du, was ich meine? An dieser Stelle merkt er, daß es ihm gelungen ist, einen Anker in sie zu werfen, und er versucht begeistert nachzuhake
n. Er ist immer allein, er ist kontaktarm, er bekommt manchmal eine Woche lang

Pressestimmen

"...ein phantasievoller, manchmal ein phantastischer Realist ... Seine Bücher bilden eine Mischung aus Zivilisation und Wildnis, aus Entgrenzung und Selbsterhellung, aus Schmerz und Leichtigkeit." Kurt Kreiler, Neue Zürcher Zeitung, 15./16.07.2000 "Grossmans Imaginationskraft verschlägt dem Leser die Sprache... Nur wenigen Autoren gelingt es, ihren Figuren mit einer solchen Empathie auf den Leib zu rücken." Elke Nicolini, Hamburger Abendblatt, 20./21.11.2004"Mit der schöpferischen Vielfalt seiner dichterischen Melodie zieht Grossman den Leser von den ersten Sätzen an in seinen Bann... Brillante Variationen eines ewigen menschlichen Motivs... eine Lektüre, die wieder einmal zeigt, daß ein Leben mit Lesen einfach lohnender ist." Jürg Altwegg, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 20.11.2004 "...stupende Einsichten in die menschliche Psyche... zeitgemäß fragmentiert und doch fesselnd..." Jörg Plath, Der Tagesspiegel, 24.11.2004
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