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Durch die Welt nach Hause

Mein Leben zwischen Wien und New York. Originaltitel: Runaway Waltz.
Buch (gebunden)
Im Jahr 1936 sitzt der Schüler Fritz Mandelbaum in einem Wiener Kino und wartet auf den Beginn eines amerikanischen Films. Fritz kann den Film nicht zu Ende sehen, da es für das jüdische Kind nicht ratsam ist, nach Einbruch der Dunkelheit noch auf de … weiterlesen
Buch

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Produktdetails

Titel: Durch die Welt nach Hause
Autor/en: Frederic Morton

ISBN: 3552060308
EAN: 9783552060302
Mein Leben zwischen Wien und New York.
Originaltitel: Runaway Waltz.
Übersetzt von Susanne Costa
Zsolnay-Verlag

4. März 2006 - gebunden - 314 Seiten

Beschreibung

Im Jahr 1936 sitzt der Schüler Fritz Mandelbaum in einem Wiener Kino und wartet auf den Beginn eines amerikanischen Films. Fritz kann den Film nicht zu Ende sehen, da es für das jüdische Kind nicht ratsam ist, nach Einbruch der Dunkelheit noch auf der Straße zu sein. Im Jahr 1939 muss die Familie Mandelbaum Wien verlassen, eine lange Reise beginnt, die über London nach New York führt. Frederic Morton, wie Fritz Mandelbaum heute heißt, erzählt uns sein Leben in zehn Tagen - die berührende Autobiographie des New Yorker Bestsellerautors ("Die Rothschilds").

Portrait

Frederic Morton, geboren 1924 als Fritz Mandelbaum in Wien, emigrierte 1939 über England in die USA, wo er als Bäcker arbeitete und studierte, bis ihm als Schriftsteller der internationale Durchbruch gelang. Seine Rothschild-Biographie war als Musical am Broadway ein großer Erfolg, Morton wurde mehrfach für den National Book Award nominiert. Bis zu seinem Tod im April 2015 lebte er in New York.

Leseprobe

wien 1936

Fred und ich

Er wird kommen, wie Er kommen soll - allmählich, zur rechten Zeit. Die Langsamkeit ist Teil der Spannung. So wie der leichte Druck auf meiner Haut, wenn ich mich hinsetze, um auf Ihn zu warten. In meinem Rücken spüre ich das Holz so hart und kalt und kribbelnd, wie ich das nur von den Stühlen des Lux-Kinos in unserem Wiener Außenbezirk kenne, aus der Mitte der Dreißiger Jahre.
Die Ventilatoren werden sich erst zu drehen beginnen, wenn alle Platz genommen haben. Die drei Glühbirnen über mir, die bereits das letzte Mal ausgebrannt waren, sind immer noch nicht ersetzt worden. Drei Lusterarme krümmen sich immer noch nach oben, nackt und rußig, ohne Licht. Das macht den Wandel von der gegenwärtigen Schäbigkeit zu Seiner strahlenden Erscheinung nur noch spannender. Eigentlich ist es besser, wenn es nicht so hell ist, denn so bin ich weniger den Leuten ausgesetzt, die meine Kleidung anstarren.
Im Lux-Kino tragen fast alle anderen Kinder in meinem Alter grobe Lodenjacken und speckige Lederhosen, die männlich wirken. Ich muss in meinem geschniegelten Matrosenanzug dasitzen. Natürlich wissen die Kinder, die mich anstarren, nicht, dass meine Lederhose genauso derb und speckig ist wie ihre. Sie haben keine Ahnung, dass an diesem Matrosenanzug das Café Landtmann Schuld ist; dass ich nur ins Kino darf direkt nach der heißen Schokolade mit der Familie im noblen Landtmann in der Inneren Stadt, wo die Manschettenknöpfe der Herren aufblitzen, wenn sie einer Dame die Hand küssen, und ich für Tante Emma Beispiele meiner Schreibkünste auf eine ausgefranste Papierserviette malen muss. Die Kinder im Lux wissen nicht, dass die Tante nicht aufhört, Witze über meine chinesischen Buchstaben zu machen, und dass Onkel Karl hinter vorgehaltener Hand endlos nervöse Interpretationen der letzten Rede aus Berlin zum Besten gibt. Die Kinder im Lux wissen nicht (und es wäre ihnen wohl auch egal), dass ich auf diese Weise bis nach vier Uhr Nachmittag ge
fangen gehalten werde und so keine Möglichkeit habe, mir meine Lederhose anzuziehen: Ich habe nur knapp zweieinhalb Stunden Zeit für Ihn im Lux, inklusive der Wegzeit, denn ich muss zum Abendessen wieder zu Hause sein, um Punkt sieben, mit gewaschenen Händen, und derzeit sogar noch vorher, weil die Sonne früher untergeht. Mein Vater hat sich von der Nervosität Onkel Karls anstecken lassen und angeordnet, dass ich in Zeiten wie diesen nicht mehr nach Einbruch der Dunkelheit draußen sein darf. Deshalb muss ich mich, immer noch in meinem schrecklichen Matrosenanzug gefangen, wie ein Verrückter beeilen, um vom Landtmann zum Lux-Kino zu kommen und Seinen Auftritt um fünf Uhr zu erreichen.
Wie soll ich das alles den Leuten erklären, die mich anstarren? Oder ihnen erklären, dass ich fast alleine in dieser teuren Reihe vorne sitze, nur weil ich nicht einmal mit meiner Brille in der Lage wäre, Ihn von weiter hinten aus deutlich zu sehen? Da meine Verbindung zu Ihm weniger außergewöhnlich wäre, wenn ich sie jemandem verraten würde, erzähle ich meiner Mutter nie auf irgendeine gefühlsbetonte Weise von Ihm. Ich erinnere sie nur an das Kopfweh, das ich bekomme, wenn ich meine Augen anstrengen muss - und presto! spuckt sie die extra 50 Groschen für einen Platz aus, der näher bei der Leinwand ist. Und sie ist auch immer für die 30 Groschen mehr gut, die das Programm kostet, das sich nur wenige andere im Publikum gegönnt haben. Für mich ist das Programm äußerst wichtig, da es eine Unzahl von Portraits und Offenbarungen über Ihn enthält. Für meinen Vater ist das wieder einmal die Art von Nachgiebigkeit, mit der man ein Kind verwöhnt. Doch meine Mutter setzt sich immer durch mit ihrer Theorie über meine Filmprogrammsammlung: Das ist vielleicht nicht so konstruktiv wie Briefmarken sammeln, aber wenigstens fördert es die Disziplin, und die brauche ich dringend, wenn ich jemals bessere Noten bekommen soll.
Noten, Lerngewohnheiten, Politik - das ganze Zeug verschwindet jetzt, als
der Luster erlischt. Gleichzeitig flimmern Bilder über die Sprenkel auf der Leinwand. Sie kündigen Ihn an, obwohl sie nur handgemalte Diapositive sind, die für Wiener Geschäfte Werbung machen.
Zwei identische Lodenjacken erscheinen; eine hat einen Kaffeefleck und wirkt wegen der Sprenkel auf der Leinwand gepunktet; die andere hat keinen Fleck mehr, ist aber natürlich immer noch gesprenkelt wie die Leinwand - A. Lazar, die Putzerei hier in der Nähe. Ebenfalls gesprenkelte Kirschen in einem sinnlichen Lippenstiftrot - das Gemüsegeschäft Peter Zeleny. Der Schmied Alois Matuschek, schnurrbärtig und gesprenkelt, der ein großes gesprenkeltes Schloss in die Höhe hält.
Nach Matuschek wird der Saal ganz dunkel. Die Deckenventilatoren haben begonnen sich zu drehen. Sie sind die Propeller, mit denen das Lux-Kino bald über den Atlantik fliegen wird. Ihr leises Surren vermischt sich mit dem Zischen des Raumsprays. Der Sprühende ist der Platzanweiser, der als Zeichen seines Amtes eine Feldwebelmütze aus dem Ersten Weltkrieg trägt. Mit einer Lampe am Mützenschirm schreitet er durch den Mittelgang und sprüht zischend Duftstoffe in die Luft, wobei er den Sprüher hochhält wie eine Signaltrompete.
Aber nicht Er kommt nach dieser Fanfare - noch nicht. Es gibt mehr Werbung. Diese besteht jedoch nicht mehr aus grob gemalten Bildchen, sondern aus ziemlich professionellen Fotografien, die bereits näher an Ihn herankommen. Es erscheint ein Herzensbrecher mit Krawatte, schwarz glänzender Schmachtlocke und einem silbernen Zigarettenetui, aus dem er mit Kennermiene eine Jonny herauszieht: Auch er sieht in seiner ganzen Lässigkeit wegen des Ausschlags auf der Leinwand fleckig aus. Eine hübsche Dame mit einem geheimnisvollen Lächeln, die vom Bubikopf bis zu den Bleistiftabsätzen fleckig ist, streichelt ihre Odol-Zahnpastatube. Nicht weniger fleckig sind die Muskeln eines Läufers in einem Staffellauf, der eine Flasche Obi-Apfelsaft weitergibt.
Vielleicht wären die Fleckchen drauß
en in der normalen Welt störend. Im Lux sind sie das Markenzeichen eines unvergleichlichen Präludiums. Sie sind die Würze meiner Erwartungen. Sie wärmen die glatten Seiten des Programms in meiner Hand. Es ist so dunkel, dass ich es nicht noch einmal lesen kann, aber meine Finger können die Abbildung auf dem mittleren Blatt fühlen: ein Bild von Ihm, wie er elegant und herrlich in die Höhe springt.
Jetzt dröhnen Schlagzeug und Holzblasinstrumente aus den Lautsprechern. Die Wochenschau donnert über die Leinwand. Keine starren Fotografien mehr, sondern bewegte Bilder, die Ihn daher noch eindeutiger ankündigen. Große Persönlichkeiten ziehen über mir vorbei. Im Gegensatz zu Ihm haben sie keine persönliche Verbindung zu mir. Doch ihre Berühmtheit deutet bereits auf den absoluten Höhepunkt hin, Seinen Auftritt.
Der König von England, dessen Stecktuch wie eine Krone gefaltet ist, schiebt leutselig den Rollstuhl eines Amputierten in das Spital, das er gerade eröffnet hat. In mitleidiger Hemdsärmeligkeit umarmt der Präsident von Mexiko einen runzligen Bauern neben einer von einem Erdbeben zerstörten Lehmhütte. Unser österreichischer Bundeskanzler steht auf dem Stephansplatz, das Haar vom Septemberwind zerzaust, und eröffnet die alljährliche Sammlung der Winterhilfe, indem er eine Sammelbüchse in die Kamera schwenkt. Nur der deutsche Teil der Wochenschau scheint zumindest für einen Moment an mich gerichtet zu sein: Der Führer schüttelt dem Vorsitzenden des Organisationskomitees für die geplanten Winterspiele in Bayern herzlich die Hand, doch bevor er sich wegdreht, wirft er mir, dem großnasigen Lackaffen, der da auf der österreichischen Seite der Grenze in einer teuren Reihe sitzt, einen wütenden Blick zu. Aber sein drohendes Gesicht ist durch dieselben Masern auf der Leinwand gepunktet, die auch den österrreichischen Bundeskanzler, die englische Majestät, Seine Exzellenz, den mexikanischen Präsidenten, den rauchenden Herzensbrecher, den Putzereiinhaber A. Lazar aus der
Nachbarschaft und alle übrige

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