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Ein wenig betrübt, Ihre Marion

Marion Gräfin Dönhoff und Gerd Bucerius. Ein Briefwechsel aus fünf Jahrzehnten. Mit Abbildungen.
Buch (gebunden)
Man kennt, man liest und liebt die Bücher und Aufsätze von Marion Gräfin Dönhoff. Wenig aber weiß man vom Alltag der Grand Old Lady des deutschen Journalismus. Im Archiv der »Zeit« liegen ihre Briefe, die ein einzi... weiterlesen
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Produktdetails
Titel: Ein wenig betrübt, Ihre Marion
Autor/en: Gerd Bucerius, Marion Gräfin Dönhoff

ISBN: 3886807983
EAN: 9783886807987
Marion Gräfin Dönhoff und Gerd Bucerius. Ein Briefwechsel aus fünf Jahrzehnten.
Mit Abbildungen.
Herausgegeben von Haug von Kuenheim, Theo Sommer
Siedler Verlag

18. September 2003 - gebunden - 304 Seiten

Beschreibung

Man kennt, man liest und liebt die Bücher und Aufsätze von Marion Gräfin Dönhoff. Wenig aber weiß man vom Alltag der Grand Old Lady des deutschen Journalismus. Im Archiv der »Zeit« liegen ihre Briefe, die ein einzigartiges biografisches Zeugnis geben.
»Im übrigen, was mich betrifft, so gebe ich Ihnen hiermit das Versprechen, daß ich aus dem politischen Journalismus ausscheide, wenn Krone Kanzler werden sollte. Dieses Triumvirat der ausgewählten Mittelmäßigkeit: Lübke, Krone, Brentano. Das wäre zuviel. Dann wäre wirklich alles sinnlos, was wir getan haben und tun könnten«, schreibt Marion Gräfin Dönhoff Mitte der sechziger Jahre ihrem Verleger Gerd Bucerius. Ein Moment der Resignation, des Stillstands neben vielen des Glücks und Aufbruchs, des Abschieds, des Alltags.
Über fünfzig Jahre tauschten der Verleger und seine Erste Redakteurin Briefe, oft seitenlang, von Hand geschrieben. Sie handeln von der politischen Ausrichtung der Zeitung, von den Kompetenzen der Redaktion, von den Vorrechten des Eigentümers, von Personalentscheidungen und den großen Fragen der Politik und des politischen Personals. Briefe, oft voller Emotion, zornig zuweilen, hart in der Sache, dann wieder versöhnlich, zart und nicht selten sehr persönlich.



Portrait

Marion Gräfin Dönhoff, geboren 1909 in Friedrichstein/Ostpreußen, studierte in Frankfurt und Basel Volkswirtschaft und leitete den ostpreußischen Familienbesitz bis 1945. Nach ihrer Flucht in den Westen begann ihr Leben als Journalistin. Sie prägte die Wochenzeitung Die Zeit als Autorin, Chefredakteurin und Herausgeberin bis zu ihrem Tod 2002. 1971 wurde sie mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ausgezeichnet.

Leseprobe

Krach um die Zeit


In den fünfziger Jahren befindet sich die Hamburger Wochenzeitung in einer prekären Lage. Die Eigentümer des Blattes sind heillos zerstritten. Die Auflage der Zeitung sinkt, von über 100000 nach der Währungsreform auf weniger als die Hälfte. Mitgesellschafter und Chefredakteur Richard Tüngel steuert zudem einen Rechtskurs, der sich von der liberal-konservativen Haltung der Anfangsjahre mehr und mehr entfernt. Marion Dönhoff, seit 1952 verantwortlich für den politischen Teil, will dies nicht länger mittragen.
Ihre Schmerzgrenze ist erreicht, als am 29. Juli 1954, während ihres Sommerurlaubs in Irland, den sie bei ihrem Bruder Dietrich verbringt, ein groß aufgemachter Artikel von Carl Schmitt erscheint, Im Vorraum der Macht. Sie schreibt einen Brief an Tüngel, nachdem sie in der Hamburger Staatsbibliothek belastende Zitate des prominenten Staatsrechtlers aus dem Dritten Reich zusammengetragen hat: Soll man ehemalige führende Nazis (oder sagen wir es neutraler: im damaligen >GeistesNoch im August verlässt Marion Dönhoff die ZEIT. Sie reist durch die USA, worüber sie in der Welt schreibt, und schlüpft für ein paar Monate beim Observer unter, der Londoner Sonntagszeitung ihres Freundes David Astor. Gerd Bucerius schreibt an seine Frau Ebelin in die Schweiz: Hier ist allerhand los. Marion D. geht weg, ich bin sehr deprimiert, fürchte, das ist das Ende der ZEIT. Im September bekommt Marion Dönhoff einen Brief von Hans Zehrer, dem Chefredakteur der Welt: Ich würde es begrüßen, wenn Sie leitend in die politische Redaktion der >WeltDoch Bucerius hat noch nicht aufgegeben. Die zahlreichen Briefe prominenter Zeitgenossen, besonders auch aus den USA, die ihr Bedauern über die Entwicklungen bei der ZEIT ausdrücken, haben ihn aufgescheucht. Er sucht nach einer Lösung, Marion Dönhoff wieder nach Hamburg zurückzuholen und sie mit Jupp, mit Josef Müller-Marein, zusammenzuspannen, der als Chef vom Dienst in der ZEIT für sauberes journalistisches Han
dwerk steht.


Aus London schickt Marion Dönhoff einen sieben Seiten langen handschriftlichen Brief an Bucerius. Darin beschreibt sie die Voraussetzungen, unter denen sie bereit ist, wieder in der ZEIT mitzumachen. Sie meldet ihren Anspruch auf eine Führungsposition an und entwirft ihr Idealbild einer Wochenzeitung, dem sie bis zu ihrem Tod treu geblieben ist.


London, November 1954
(handschriftlich)


Lieber Herr Bucerius,
nun geht mein hiesiger Aufenthalt seinem Ende entgegen, und da wollte ich Ihnen doch noch einmal ein bißchen berichten. Ich finde es natürlich großartig hier, und in mancher Hinsicht ist es auch sehr lehrreich. Bei meiner derzeitigen Lebensform totaler Pflicht- und Verantwortungslosigkeit werde ich nur durch Anlehnung an ein Büro vor der kompletten Integration in die Anarchie bewahrt. So ein Büro, wenn man es nicht zum Arbeiten, sondern zum Schwätzen und Telefonieren verwendet, ist eigentlich eine ideale Erfindung. Es ist eine Rechtfertigung in sich selbst und enthebt einen darum aller moralischen Skrupel, denen die einzig Müßige in einer Welt ruheloser Geschäftigkeit sonst zweifellos ausgesetzt wäre.
Ich habe die East- und die Südostasien-Debatten im Parlament gehört, eingehend Chatham House studiert (die seit zwanzig Jahren ausschließlich Dokumente zur Geschichte des Nazi.Soz. gesammelt hat). Ich habe mir die unbeschreiblich langweiligen Pressekonferenzen des F.O. [Foreign Office] angehört, gehe hin und wieder schöne Bilder ansehen, habe heute mit Sir Robert Moosely gefrühstückt, werde morgen mit General Templer dinieren. Gestern habe ich als einziger Christ (wenn man von einem total betrunkenen Iren absieht) bei Rix Löwenthal einen ungewöhnlich lustigen Abend verbracht. Er begann mit schwindelnder Geistesakrobatik in der dünnen Luft intellektueller Gespräche und endete mit lauten Gesängen englischer Volksweisen und jüdischer Hymnen. Sie sehen, ich führe ein sehr abwechslungsreiches Leben.
De
r Observer ist deshalb so interessant, weil am sechsten Tag (nachdem die Woche sehr ähnlich vergangen ist wie bei uns) plötzlich die ganze Hektik eines Tageszeitungsbetriebs einsetzt. Zwischen 1 und 5 Uhr werden 14 Seiten umbrochen, laufen ständig 4 Ticker von 4 verschd. Nachrichtenagenturen, nimmt pausenlos ein Stenograph am Telefon die letzten Berichte der Korrespondenten auf. Sechs sub-editors (von der Times für diesen Tag ausgeborgt) sitzen um einen großen Tisch und redigieren Nachrichten und Berichte. Die Zeitung ist seit dem Krieg um 1/4 Millionen in der Auflage gestiegen und ist weiter ständig am Steigen. Zur Zeit werden 530000 Exemplare verkauft. Zwar hat auch die Sunday Times zugenommen, aber längst nicht mit dieser Rapidität. Ich versuche immer wieder zu ergründen, welchen Umständen dieser Erfolg wohl zu danken ist. Zu meiner allergrößten Befriedigung glaube ich dann jedes Mal feststellen zu müssen, daß genau die Gesichtspunkte entscheidend dabei mitwirken, für die ich bei uns seit Jahren vergeblich gekämpft habe:
1) Es wird viel Außenpolitik gemacht unter dem Motto: In einer Wochenzeitung wollen die Leute große Zusammenhänge erläutert bekommen und Dinge lesen, die sie in der Tagespresse nicht finden. Wobei zu sagen ist, daß die Engländer sich von Natur aus keineswegs mehr für Außenpolitik interessieren als das dtsch. Publikum. Zumal sie oft auch gar nicht die bildungsmäßigen Voraussetzungen dafür haben. Ich glaube aber, den meisten Menschen ist erst nach dem 2. Krieg die Interdependenz der Staaten und Nationen und politischen Bewegungen klar geworden. Und darum ist plötzlich ihr Interesse für den Nachbarn, die Großmächte, das ferne Asien etc. erwacht.
2) Prinzip: auf keinen Fall einer parteipol. Einseitigkeit verfallen. Im Observer nehmen im bunten Durcheinander Labour und Konservative zu den laufenden Problemen Stellung - wobei zu sagen ist, daß im Durchschnitt ein engl. Minister oder MP [Member of Parliament, Abgeordneter] besser und amüsanter s
chreibt als ein deutscher. Ich füge den Bericht eines Labour-MP über seine Rußlandreise bei, der ganz interessant ist, und auch eines der letzten Portraits - so muß m.E. ein Portrait sein. Wenn ich an Adenauer von Tgl. [Tüngel] und Mendès-Fr[ance] von Bourdin denke, könnte ich weinen vor Schmerz.
3) Ist die Einstellung zum Leser eine ganz andere als bei uns. Der Leser ist nicht ein Idiot, der es im Grunde gar nicht wert ist, von so auserwählten Hohepriestern wie den Redakteuren der ZEIT angesprochen zu werden, sondern er ist ein normaler Mensch mit Zweifeln, einer gewissen Wißbegierde und einem dringenden Bedürfnis zu lachen oder wenigstens sich nicht zu langweilen. Und die Leute, die man angreift, sind nie dumm, erbärmlich und verächtlich, sondern einfach anders, aber meist ebenbürtig. Es kommt letzten Endes darauf hinaus, daß man sich in einer Zeitung nicht anders benimmt als den Leuten gegenüber, mit denen man zusammen am Tisch sitzt.
Wenn man zurückdenkt, ist bei uns halt alles sehr unglücklich gelaufen. Die überzeugenden und amüsanten Schreiber Friedlaender und Jacobi haben wir eingebüßt, und geblieben ist ausgerechnet Ernst Krüger und drei magenkranke, krätzebefallene, immer giftiger werdende alte Männer.
Schon von Paris aus gesehen und von hier nun noch viel mehr erscheint mir der politische Teil der ZEIT recht provinziell und sehr ichbezogen: in der Mitte ist Deutschland, drum herum ein bißchen Gemüse und an den Enden rechts und links die bd. Kraftblöcke USA und Rußland, die fasziniert auf D[eutschland] starren. Ich muß Albert Hahn recht geben, der mir in Paris sagte, es ist ein Unglück, daß Ihr so viele Abonnenten im Ausland habt. Er läse die ZEIT, die ihm offenbar unentgeltlich zugestellt wird, nur noch, wenn er sich ärgern wolle. Und immer wieder werde ich überall vorwurfsvoll auf die John-Artikel angesprochen. Es ist erstaunlich, wie seismographisch der Leser auf den falschen Ton reagiert. Damals, als der anfing, vor 1 1/2 Jahren, haben wir u
nsere getreuesten Freunde verloren.
Ich habe natürlich viel über alles nachgedacht, über das, was war und was sein könnte, und ich glaube, wenn Sie noch an Ihrem alten Plan festhalten, dann muß man sich darüber klar sein, daß man wirklich ganz neu und mit einer sichtbaren Zäsur neu anfangen muß. Es ist doch schon sehr viel verschüttet, viel good will vertan, viel Anhänglichkeit leichtfertig verspielt. Es geht jetzt nicht, wie Jupp einmal meinte, den Uexküll brauchen wir nicht, da können Hühnerfeld und Lewalter gelegentlich helfen - es muß mit einem ganz neuen Elan, mit neuen Namen, mit neuem Geist angefangen werden, sonst läßt man es lieber so, wie es jetzt ist, dann spart man sich wenigstens den Krach mit Tüngel.
Ja, und nun muß ich Ihnen noch etwas sagen, was Sie und Jupp hoffentlich recht verstehen werden oder wenigstens nicht falsch. Ich habe, wie gesagt, viel über alles nachgedacht, und es ist natürlich ein wirklich schwerer Entschluß, noch einmal wieder in einen Lebensabschnitt zurückzusteigen, den man bereits hinter sich gebracht hatte, und eine Sache anzufassen, die die meisten Leute, auf die es ankommt, mittlerweile für uninteressant und passé halten und noch dazu das alles wahrscheinlich mit unzulänglichen Kompetenzen. Mein Vertrauen zu Ihnen und zu Jupp ist groß, ich bin bisher noch nie an eine Grenze gestoßen. Auch glaube ich, daß die Freundschaft, die Jupp und mich verbindet, eigentlich jeder Belastung gewachsen ist, aber ich finde, man soll es nie darauf ankommen lassen. Wenn wir noch einmal alle zusammen anfangen, dann muß auch wirklich alles ganz klar und jede Möglichkeit von Unstimmigkeiten ausgeschaltet sein. Die Konstruktion, daß eine Zeitung, deren Gewicht nun einmal bei der Politik liegt und liegen muß, wenn sie ihren alten Standard wiedergewinnen soll, von jemand geführt wird, der weder Interesse noch Erfahrung, noch Eignung zur Politik hat, ist eine schwierige Sache, und ich sehe nichts Gutes daraus erwachsen. Auf der anderen Seite ist
sonnenklar, daß Jupp der Spiritus rector ist, derjenige, der weiß, wies gemacht werden muß, dem was einfällt und der immer alle durch seine souveräne Heiterkeit miteinander versöhnt. Im Grunde glaube ich, daß wir ein ideales Gespann wären: Er hat all das, was mir fehlt, und ich bin für ihn vielleicht in einem unentbehrlich: in einer gewissen Stetigkeit und einem verhältnismäßig unbestechlichen Urteil, was Ton und polit. Möglichkeiten bzw. Notwendigkeiten angeht. Warum eigentlich machen Sie nicht Con-Dominis aus uns? Sie müssen das einmal mit Jupp besprechen, vielleicht am besten ihm diesen Brief geben. Ich bin nach dieser handschriftstellerischen Leistung so erschöpft, daß ich ihm nicht auch noch schreiben mag. Die FAZ hat auch keinen Chefredakteur im alten Sinne, und sogar Moskau soll nach leninistischer Tradition wieder von einem Kollegium regiert werden. Oder Sie machen Dff. verantwortlich für Politik (oder Pol. und Wtschft., wenn sich kein 1. Mann findet) und für alles andere Jupp.
Ich hoffe, Ihnen beiden erscheinen diese Erwägungen nicht als ein später Machtrausch oder ein erpresserischer Größenwahnsinn. Ich habe während der ganzen letzten Wochen immer mal wieder in den verschiedensten Stimmungen und unter den versch. Aspekten über dieses Problem nachgedacht und bin mir jetzt ganz klar darüber, daß ich es nur machen kann, wenn ich ganz unabhängig bin. Ist man das nicht, dann müssen mit der Zeit zwangsläufig Komplexe entstehen, die die Zusammenarbeit beeinträchtigen. Sie müssen auch bedenken, daß ich mich andernfalls schlechter [stehen?] würde als bisher, denn ich muß bei dem jetzigen Status auf meine Reisen verzichten, die doch ein sehr wesentliches Moment waren. Vielleicht meinen Sie, der Status mit Jupp als Chef sei ja doch ein anderer als der mit Tüngel, aber schließlich hätten die ersten Jahre mit Tüngel gar nicht angenehmer sein können. Damals geschah nichts in der Zeitung, worüber wir uns nicht einig waren, aber es gibt nun einmal keine Garantie für
Beständigkeit - die einzige Voraussetzung dafür ist, wenigstens wenn man auf 2 Säulen bauen will, daß man sie beide gleich dick, gleich rund und gleich lang macht.
[Marion Dönhoff]




Bonn, 19. November 1954
Telegramm


Vielen Dank für Ihren Brief. In Hamburg ist grosser Kampf ausgebrochen. Herzliche Gruesse, Bucerius




Der Machtkampf unter den Gesellschaftern um den Besitz des ZEIT-Verlags wird inzwischen längst vor Gericht ausgetragen. Bucerius hat gute Aussichten, das Verfahren für sich zu entscheiden, denn seit 1951 gehört ihm die Mehrheit der Anteile. Während der Auseinandersetzungen will er Marion Dönhoff unbedingt bei der Stange halten. Dass sie ihren Schreibtisch bei der ZEIT geräumt hat, wertet der penible Jurist nicht als Kündigung. Seine Versuche, eine Lösung für die Rückkehr der politischen Redakteurin zu finden, dauern an.

Hamburg, 24. Mai 1955


Liebe Marion,ich habe also die Buchhaltung um Einzahlung Ihres Gehaltes bei Brinckmann, Wirtz gebeten. -
Wegen Ihrer Bezüge habe ich bereits mit Tüngel lebhaften Streit, der behauptet, sie nur für sechs Monate bewilligt zu haben. Wissen Sie etwas darüber?
Ich bin der Meinung, dass das Dienstverhältnis noch nicht gekündigt ist und wir zur Zahlung verpflichtet sind. In der gegenwärtigen Lage kommt es sehr darauf an, die Rechtsformen genau innezuhalten.
Ich habe sehr den Wunsch, mich mit Ihnen über alles Mögliche zu unterhalten, zumal wider alles Erwarten der verzweifelte Mut der Gegner die Sache doch länger dauern lässt, als ich gedacht hatte.
Mit meinen besten Grüßen
bin ich stets Ihr
Buc

Der Versuch von Bucerius, zwischen Tüngel und Dönhoff zu vermitteln, scheitert an ihrem Widerstand. Sie ist nicht bereit, unter dem alten Chefredakteur zur ZEIT zurückzukehren.

z.Zt. Bonn, Bundeshaus, 15. Juni 1955


Liebe Marion,
haben Sie vielen Dank für Ihren Brief vom 9. Juni.
>Ich verstehe Ihre Entscheidung, freilich nicht ganz ihre Begründung. Es geht hier nicht um einen geschäftlichen Vergleich. Wollte ich Geschäfte machen, würde ich mir die Taschen voll Geld stopfen und die Firma im Stich lassen. Die Frage war, ob wir gemeinsam einen Versuch machen, die Zeitung zu retten. Ich hatte einen Augenblick das Gefühl, dass es uns mit vereinten Kräften gelungen wäre, Tüngel in eine erträgliche Linie zu bringen, bis dann eines Tages doch der natürliche Abgang eintritt. -
So muss der Kampf halt weitergehen.
Mit recht herzlichen Grüßen
bin ich stets Ihr
Buc




Ende Juli 1955 übernimmt Marion Dönhoff wieder die Verantwortung für den politischen Teil der ZEIT. Ihr Widersacher Richard Tüngel wurde beurlaubt und mit Hausverbot belegt. Die Reise Konrad Adenauers nach Moskau steht an, auf der die Gräfin den Bundeskanzler begleiten wird. Den langen Brief an seinen Bundestagskollegen Robert Pferdmenges, den Bucerius dem seinen an Marion Dönhoff beilegt, schreibt er als Bundesbeauftragter für die Berliner Wirtschaft. Bei allen Verhandlungen in Moskau um die Aufnahme diplomatischer Beziehungen und die Rückkehr der Kriegsgefangenen müsse die Rolle Berlins als Teil der Bundesrepublik berücksichtigt werden.




z.Zt. Crans sur Sierre, 5. August 1955(handschriftlich)


Dear Marion,
zu anl. Brief: ich glaube, man sollte in Moskau sehr fest bleiben. Bleibt der Kreml bei der starren Ablehnung der Wiedervereinigung, wie die Rede Bulganins anzudeuten scheint, dann abbrechen und nach Hause fahren. Alles andere verwirkt unsere Rechte, vor allem im Westen, wo man verständlicherweise nur zu gern dem Problem die Schärfe nimmt. In der Zeit allgemeiner Einschläferung müssen wir zeigen, dass die Dinge kantig geblieben sind. Man braucht sich nicht wie der Narr Singman Rhee (oder wie er sich schreibt) [Syngman Rhee] zu benehmen; aber Festigkeit allein wahrt unsere Rechte. Es ist natürlich verrückt: aber
nach dem guten Start der ersten und zweiten Nummer (sollten wir nicht - wie Mussolini - ein neues Jahr I beginnen?) fiebere ich schon (am Freitag!) nach der nächsten Nummer. Mit einem Mal lese ich wieder gern Zeitungen! Heute morgen fragte ich [Verlagsgeschäftsführer] Güssefeld am Telefon, wie ihm die Nummer gefallen habe. Er meinte, er habe nur Gutes gehört. Also man beachtet die Sache doch sehr in Hamburg. Ihr macht Euch sicher viel Arbeit. Aber ich glaube, es lohnt sich! Habt jedenfalls alle recht herzlichen Dank.
Stets Ihr
Buc.









Pressestimmen

"Die über Jahrzehnte gewachsenene liberale Grundprägung verdankt die ZEIT wesentlich diesen zwei Personen. [...] Und dieser Umstand liegt sicherlich in der Streitkultur zwischen den beiden Pionieren des deutschen Zeitungswesens begründet. Mehr als jede andere Publikation macht dies der Briefwechsel zwischen beiden deutlich."
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