Hitlers Volksstaat als Buch
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Hitlers Volksstaat

von Götz Aly
Raub, Rassenkrieg und nationaler Sozialismus.
Buch (gebunden)
Hitler, die Gauleiter, Minister und Staatssekretäre agierten als klassische Stimmungspolitiker. Sie fragten sich täglich, wie sie die Zufriedenheit der deutschen Mehrheitsbevölkerung sichern konnten. Auf der Basis von Geben und Nehmen erkauften sie s … weiterlesen
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Hitlers Volksstaat als Buch

Produktdetails

Titel: Hitlers Volksstaat
Autor/en: Götz Aly

ISBN: 3100004205
EAN: 9783100004208
Raub, Rassenkrieg und nationaler Sozialismus.
FISCHER, S.

1. April 2005 - gebunden - 464 Seiten

Beschreibung

Götz Aly ist einer der wichtigsten und provokantesten NS-Forscher. Hier schreibt er über die hemmungslose Ausplünderung Europas durch die Nationalsozialisten - von der Millionen einfache Deutsche profitierten. Während des Zweiten Weltkrieges verwandelte die Regierung Hitler den Staat in eine Raubmaschine ohne Beispiel. Die große Mehrheit der Deutschen stellte sie mit sozialpolitischen Wohltaten, guter Versorgung und kleinen Steuergeschenken ruhig. Die Kosten dieser Gefälligkeitsdiktatur hatten Millionen von Europäern zu tragen, deren Besitz und Existenzgrundlagen enteignet wurden. Die Erlöse aus dem Verkauf von jüdischen Vermögen überall in Europa flossen in die deutsche Kriegskasse und damit auch in die Taschen der Soldaten.
Lange beschwiegen, werden endlich auch die Vorteile, welche die deutsche »Volksgemeinschaft« aus den Verbrechen des Nationalsozialismus, aus dem Krieg und der Ermordung der Juden zog, schonungslos dargestellt.

Portrait

Götz Aly ist Historiker und Journalist. Er arbeitete für die »taz«, die »Berliner Zeitung« und als Gastprofessor. Seine Bücher werden in viele Sprachen übersetzt. 2002 erhielt er den Heinrich-Mann-Preis, 2003 den Marion-Samuel-Preis, 2012 den Ludwig-Börne-Preis. Zuletzt veröffentlichte er bei S. Fischer 2011 »Warum die Deutschen? Warum die Juden? Gleichheit, Neid und Rassenhass 1800-1933« sowie 2013 »Die Belasteten. ›Euthanasie‹ 1939-1945. Eine Gesellschaftsgeschichte«. Im Februar 2017 erschien bei S. Fischer seine große Studie über die europäische Geschichte von Antisemitismus und Holocaust »Europa gegen die Juden 1880-1945«. Für dieses Buch erhielt er 2018 den Geschwister-Scholl-Preis.

Literaturpreise:

Heinrich-Mann-Preis für Essayistik der Akademie der Künste Berlin 2002
Marion-Samuel-Preis 2003
Bundesverdienstkreuz am Bande 2007
National Jewish Book Award, USA 2007
Ludwig-Börne-Preis 2012
Estrongo Nachama Preis für Zivilcourage und Toleranz 2018
Geschwister-Scholl-Preis 2018



Rezensionen

Frankfurter Allgemeine Zeitung - RezensionBesprechung vom 25.07.2005

Rechnungen ohne Belege
Götz Alys scheingenauer Bestseller / Von Wolfgang Seibel

Seit Daniel Goldhagens Buch über "Hitlers willige Vollstrecker" (1996) hat keine Veröffentlichung über die Nazi-Diktatur derart Furore gemacht wie Götz Alys Buch "Hitlers Volksstaat". Es hat innerhalb von zwei Monaten nicht weniger als fünf Auflagen erlebt. Dies ist ein paradoxer Erfolg. Alys Buch ist alles andere als originell - David Schoenbaum ("Hitler's Social Revolution") hatte schon 1967 wichtige seiner Thesen vorweggenommen, ebenso Ralf Dahrendorf ("Gesellschaft und Demokratie in Deutschland") oder Jeffrey Herf ("Reactionary Modernism"). Außerdem stellt es den deutschen Sozialstaatsmythos in Frage und damit die politischen Lebenslügen desselben Publikums, bei dem das Buch regen Absatz findet. Vor allem aber unterlaufen Aly gravierende Fehler und abenteuerliche Fehlinterpretationen, die ernsthafte Zweifel wenn schon nicht an der Seriosität des Autors, so doch an der Solidität seiner Arbeitsweise aufkommen lassen.

Die Kernthese von Götz Aly lautet, daß die Verbrechen des nationalsozialistischen Regimes möglich wurden, weil nahezu alle Deutschen von ihnen profitiert haben. Er belegt diese These für die Mikroebene des Alltags und für die Makroebene des nationalsozialistischen Wohlfahrtsstaates. Eine "Gefälligkeitsdiktatur" sei das NS-Regime gewesen, ängstlich darauf bedacht, den Lebensstandard selbst in Kriegszeiten nicht wesentlich einzuschränken, und der habe nur durch Raub und Raubmord aufrechterhalten werden können.

Alys Interpretation des Nationalsozialismus läßt sich zweifellos theoretisch besser begründen und auch empirisch besser stützen als Goldhagens Idee eines von der deutschen Bevölkerung verinnerlichten "eliminatorischen Antisemitismus". Daß Utilitarismus und Bereicherung im Unterschied zu ideologischen Überzeugungen universelle Motive sind und daß universelle Motive nicht nur weiter verbreitet sind, sondern auch nachhaltig robustere Handlungsanreize auslösen als der Partikularismus von Ideologien, kann man schon bei Talcott Parsons nachlesen. Und wer wollte in Frage stellen, daß eine fünfzehnprozentige Rentenerhöhung zum Zeitpunkt des ersten massiven Rückschlags an der Ostfront Ende 1941 und die gleichzeitige Einführung der gesetzlichen Krankenversicherung für Rentner dem Defätismus der älteren, weltkriegserfahrenen Generation vorgebeugt haben? Die mit Konsumgütern aller Art beladenen Soldaten auf Heimaturlaub wurden als Boten des Wohlstands wahrgenommen, den der "Führer" als Lohn der Eroberungskriege in Aussicht stellte. In der Erinnerung der Kriegsteilnehmer und ihrer Familien spielt dieses Geschehen eine weitaus größere Rolle als Schlachten und große Politik. Wohl zu Recht führt Aly den Erfolg seines Buches darauf zurück, daß es den Abgrund zwischen dem Monströsen der Verbrechen und dem Banalen des Alltags überbrückt.

Aly kokettiert mit Verweisen auf die zahlreichen Kontinuitäten zwischen nationalsozialistischem und bundesdeutschem Wohlfahrtsstaat, von der Einführung des Kindergeldes bis zur gesetzlichen Krankenversicherung für Rentner, aber eine abgewogene Diskussion der historischen Entwicklungslinien ist nicht seine Sache. Seit dem letzten Drittel des neunzehnten Jahrhunderts dient "Verteilungsgerechtigkeit" als Legitimationskulisse in Deutschland, im Land später Nationalstaatsbildung und später Industrialisierung, wo man früh einsah, welche Instabilität soziale Spannungen produzieren können. Die Nazi-Diktatur war nicht Ursache, sondern Folge dieser Entwicklung. Der Weimarer Staat bezog gerade im Selbstverständnis des demokratischen Teils des politischen Spektrums seine Legitimität aus dem Versprechen sozialer Gerechtigkeit. Das Erstaunliche ist, daß selbst die deutsche Diktatur diesen Legitimationsmustern nicht entkommen konnte und sie statt dessen, wie Aly eindrucksvoll darlegt, in der staatlichen Praxis und in der Mentalität der Bevölkerung noch weiter festigte.

Aly wartet mit stupendem Wissen auf, und manchen Rezensenten haben seine in die Tausende gehenden Verweise auf inländische und ausländische Quellenbestände offensichtlich beeindruckt. Eine nähere Betrachtung enthüllt aber mitunter groteske Wissenslücken des Verfassers und einen abenteuerlichen Umgang mit den Dokumenten. Daß der Oberbefehlshaber des Heeres, Walther von Brauchitsch, bei Aly als Oberkommandierender der Wehrmacht fungiert - ein Amt, das es gar nicht gab, während als "Chef des OKW" seit 1938 Wilhelm Keitel amtierte -, ist ein vergleichsweise unerheblicher, aber bei einem Autor dieses Kalibers gleichwohl erstaunlicher Fehler. Alys Betrachtung des deutschen Besatzungsregimes in Frankreich kann als Beispiel für seine Methode dienen. Handwerkliche Schnitzer führen hier in der Summe zu absurden Fehleinschätzungen der Wirklichkeit von Besatzung und Kollaboration.

Aly schreibt, an der entscheidenden Besprechung zur Einleitung der wirtschaftlichen Verfolgung der Juden in dem von Deutschland besetzten Frankreich am 16. Oktober 1940 habe "der einstige österreichische Minister Guido Schmidt" teilgenommen. In Wirklichkeit handelte es sich um den ehemaligen württembergischen Minister Jonathan Schmid, seinerzeit Leiter des Verwaltungsstabes des Militärbefehlshabers in Frankreich, der auch den von Aly mit korrektem Quellenverweis aufgeführten Besprechungsvermerk abgezeichnet hat. Die institutionelle Seite der wirtschaftlichen Judenverfolgung ist Aly offenbar ein Buch mit sieben Siegeln. Zuständig für die "Arisierungen" war der Service du contrôle des administrateurs provisoires (SCAP), der, wie der Konstanzer Historiker Martin Jungius nachgewiesen hat, im Dezember 1940 von Vichy aus eigenem Antrieb gegründet worden war in der erklärten Absicht, die Deutschen von einer Einmischung in die französische Wirtschaft unter dem Deckmantel der "Arisierung" abzuhalten. Aly erklärt den Service du contrôle kurzerhand zu einer Tarnorganisation der Besatzungsverwaltung. Das ist nicht nur völlig aus der Luft gegriffen - den Vichy-Kollaborateuren wäre nach 1944 eine solche Verteidigung hoch willkommen gewesen.

Vollkommen abwegig ist ferner Alys Darstellung, die "Arisierung" in Frankreich sei von wenigen deutschen Beamten und Zivilpersonen gesteuert worden, und zwar, wie er in charakteristischer Scheingenauigkeit schreibt, in zwei bestimmten Zimmern (der Autor nennt sogar die Zimmernummern) am Amtssitz des Militärbefehlshabers in Frankreich, dem Pariser Hôtel Majestic. In Wirklichkeit war die "Arisierung" eine französische Angelegenheit unter deutscher Aufsicht, sie erzeugte mehrere zehntausend Akten, der zuständige Service du contrôle - für Aly mit der deutschen Besatzungsverwaltung identisch - hatte rund achthundert Mitarbeiter. Die deutsche Kontrolle hat sich seit Anfang 1942 auf Stichproben und die Steuerung einiger großer "Arisierungs"-Fälle beschränkt, in diesen Einzelfällen aber war sie rigide.

In der Provinz erfolgte die wirtschaftliche Verfolgung der Juden im übrigen durch die Präfekturen. Die Kontrolle durch die deutschen Feldkommandanturen wurde im Sommer 1942 aus Personalmangel eingestellt. In der unbesetzten Zone war die Direction de l'aryanisation économique (DAE) für die wirtschaftliche Verfolgung der Juden zuständig. DAE und Service du contrôle fusionierten im Mai 1942 zur Direction de l'aryanisation économique et du contrôle des administrateurs provisoires, ebenfalls unter der Abkürzung DAE. Die DAE wird von Aly kurzerhand zur Sektion IX des französischen "Judenkommissariats" erklärt, eine seiner scheingenauen Angaben, die ebenfalls falsch ist.

Irreführend ist auch Alys Charakterisierung des für die wirtschaftliche Judenverfolgung in Frankreich grundlegenden Vichy-Gesetzes vom 22. Juli 1941 (von Aly auf 1942 datiert), das, wie der Verfasser meint, die Übertragung sämtlicher Vermögenswerte der Juden auf Treuhänder geregelt habe. Zum einen traf dies nicht auf alle Vermögenswerte zu, insbesondere nicht auf Wertpapiere. Und zum anderen war der eigentliche Kern des Gesetzes die Übertragung der enteigneten Vermögenswerte der Juden auf Sperrkonten, die von der traditionsreichen staatlichen Caisse des dépots et consignations verwaltet wurden. Diese Institutionalisierung des legalisierten Raubes in Regie des französischen Staates war eine wesentliche Radikalisierung der Judenverfolgung, weitaus wichtiger als die rein monetäre Seite. Nur die aber interessiert Aly, der die Verfolgung insofern verharmlost.

Die von Aly als Verwaltungsstelle für Aktien aus jüdischem Besitz in fehlerhaftem Französisch angeführte "Caisse centrale de dépôts et de virements de titres" verwechselt er offenbar mit der Caisse des dépôts et consignations. In Wirklichkeit wurde das jüdische Aktienvermögen im Unterschied zum Barvermögen von der Administration des Domaines, einer nachgeordneten Behörde des Finanzministeriums, konfisziert und verwaltet. Daß die Aktien, wie Aly meint, "nach Kräften verkauft und dann in Schatzanweisungen und Anleihen des französischen Staats verwandelt" wurden, um "die deutsche Kriegs- und Ausplünderungsmaschine mit Bargeld zu schmieren", wird mit keinerlei Quelle belegt. Französische Standardwerke zum Thema, insbesondere die Arbeiten von Jean-Marc Dreyfus und Philippe Verheyde, hat Aly nicht zur Kenntnis genommen oder jedenfalls nicht ausgewertet. Seine Darstellung verzerrt den Charakter der wirtschaftlichen Verfolgungsmaßnahmen, die in erster Linie dem politischen Ziel der gesellschaftlichen Isolierung und Immobilisierung der Juden dienten, erst in zweiter Linie dem wirtschaftlichen Ziel der Ausplünderung selbst.

Weil Aly in der fixen Idee befangen ist, alles habe ausschließlich und unmittelbar wirtschaftlichen Interessen dienen müssen, unterschätzt er die Dynamik der Machtentfaltung und Institutionalisierung der Judenverfolgung. Damit relativiert er auch die politische und moralische Verantwortung der Verfolger. Die Schreibtischtäter in den Verwaltungsapparaten des deutschen Militärbefehlshabers in Frankreich und des Vichy-Regimes kommen bei Aly so schlecht nicht weg - folgten sie doch, wie er meint, nachvollziehbaren wirtschaftlichen Motiven. Die von Aly ignorierten oder fehlerhaft ausgewerteten Quellen ergeben ein ganz anderes Bild. Machtkalkül, Karriereehrgeiz, moralische Indifferenz und, natürlich, handfester Antisemitismus waren die auslösenden Faktoren für immer rigorosere Verordnungen gegen die Juden, die von den bürokratischen Eliten ersonnen und von den Apparaten durchgesetzt wurden.

Die meisten Mißgriffe und Fehlinformationen hätte der Verfasser durch einen Blick in diejenigen Sekundärquellen vermeiden können, die er selbst anführt. Seinem Ruf als Forscher hat Aly mit "Hitlers Volksstaat" keinen Dienst erwiesen.

Der Verfasser ist Ordinarius für Politik- und Verwaltungswissenschaft an der Universität Konstanz und derzeit Fellow des Wissenschaftskollegs zu Berlin. Er leitet das Forschungsprojekt "Holocaust und Polykratie in Westeuropa, 1940 bis 1944", das von der Volkswagen-Stiftung und der Fondation pour la mémoire de la Shoah, Paris, gefördert wird.

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