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Im Krebsgang

Eine Novelle.
Buch (gebunden)
Der Journalist, der hier in fremdem Auftrag arbeitet, hat wenig Lust, über die alte, fast vergessene Schiffskatastrophe zu schreiben, die sich 1945 in einer eisigen Januarnacht abspielte. Er hat die Ostsee-Story, die unabweisbar Teil seiner Biographi … weiterlesen
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Produktdetails

Titel: Im Krebsgang
Autor/en: Günter Grass

ISBN: 3882438002
EAN: 9783882438000
Eine Novelle.
Steidl Gerhard Verlag

1. Februar 2002 - gebunden - 216 Seiten

Beschreibung

Der Journalist, der hier in fremdem Auftrag arbeitet, hat wenig Lust, über die alte, fast vergessene Schiffskatastrophe zu schreiben, die sich 1945 in einer eisigen Januarnacht abspielte. Er hat die Ostsee-Story, die unabweisbar Teil seiner Biographie ist, unzählige Male aus dem Mund seiner Mutter gehört. Fünfzig Jahre später, beim Recherchieren im Internet, macht er die erschreckende Entdeckung, dass die Geschichte eine ihn unmittelbar betreffende Fortsetzung hat ...

Pressestimmen

Grandioser Drahtseilakt Die mehrfache deutsche Wiederholung - Günter Grass und seine virtuose Novelle: "Im Krebsgang" Wenn man alles gelesen & gehört hätte, was in den deutschen Printmedien und in des Ex-Primgeigers erstem ZDF-"Solo" bisher über die erste größere Prosaarbeit von Günter Grass nach dem Literaturnobelpreis von 1999 verbreite(r)t wurde, müsste man den Eindruck gewinnen, der Geburts-Danziger sei zum Rächer der Heimatvertriebenen geworden & habe einen zu Herzen gehenden, tränentreibenden leit- & leidartikelnden Aufsatz über die Tragödie der mit an die 10.000 Menschen vor der pommerschen Küste 1945 von einem sowjetischen U-Boot versenkten "Wilhelm Gustloff" geschrieben. Dabei hat Grass, der Schriftstellerer, doch eine Novelle namens "Im Krebsgang" veröffentlicht. Der von ihm gewählte Titel verweist sehr lakonisch auf deren literarische Form, nämlich erzählerisch "der Zeit eher schrägläufig in die Quere zu kommen, nach Art der Krebse, die den Rückwärtsgang seitlich ausscherend vortäuschen, doch ziemlich schnell vorankommen", wie es schon auf Seite 9 titelgebend heißt. Jungautoren hätten die 216 eng bedruckten Seiten selbstredend "Roman" genannt; und gar nicht zu unrecht. Grass jedoch, der als Epiker beruflich mit mehrhundertseitigen Erzählstoffen umgeht, zieht "Novelle" vor. Bestimmt nicht, wie sein greiser Lobredner Rudolf Augstein meint, weil das eine "Neuigkeit" verspricht – die Gustloff-Tragödie ist bekannte Geschichte -, sondern weil Grass an sein vielgelobtes frühes Muster- & Meisterstück "Katz und Maus" hier anknüpft (wie an seinen zweiten großen epischen Wurf der "Hundejahre"). Dicht verwoben ist die jüngste Novelle mit der "Danziger Trilogie"; und schien deren erzählerische Fortschreibung in der "Rättin" episch wenig gelungen, so verzahnt sich diesmal, im erzählerischen "Krebsgang", literarischer Mythos und deutsche Historie, heraufgerufene Erinnerung und unmittelbare Gegenwart auf das Erstaunlichste und literarisch Gelungenste. Woran das liegt? Daran, dass Grass "die (historische) Realität" mit merkwürdigen "Koinzidenzen" entgegengekommen ist – und er dem Literarischen mit einer augenzwinkernd-funkelnden Spielfreude nachgegeben hat, die dem geschichtsschweren und schwierigen Stoff erzählerische Leichtigkeit abgewann. Sie hat den Ernst – nämlich Vergangenheit und Gegenwart des Nazismus - nicht aufgehoben oder relativiert, sondern ihn als dunkle Grundströmung sich bewahrt. Wäre "Weisheit" nicht zurecht bei uns als altersbedingtes "Darüberstehen" und "Noli me tangere" in Verruf geraten, könnte man jetzt von Grassens epischer Weisheit sprechen, weil er sich ganz als Zeitkommentator zurückgehalten hat, um desto eindringlicher mit seiner Erzählung sowohl in die Gegenwart wie die Vergangenheit vorzustoßen. Am 30.Januar (1895) ist der spätere Schweizer NSDAP-Landesgruppenleiter Wilhelm Gustloff in Schwerin geboren worden, am 30. Januar 1933 war der Auftakt zur "dreimal verfluchten Machtergreifung" und "am 30. Januar 1945 begann, auf den Tag genau fünfzig Jahre nach der Geburt des Blutzeugen, das auf ihn getaufte Schiff zu sinken und so zwölf Jahre nach der Machtergreifung, abermals auf den Tag genau, ein Zeichen des allgemeinen Untergangs zu setzen". Was hier von der Historie als deutscher Zeittakt akzentuiert wurde, wuchs seine symbolische Triftigkeit jedoch erst zu durch die Ermordung Wilhelm Gustloffs. Der serbisch-jüdische Attentäter David Frankfurter hat ihn in Davos 1936 mit drei gezielten Schüssen niedergestreckt. Nach diesem NS-"Blutzeugen" wurde dann ein Jahr später das erste Schiff der KDF-Flotte "Wilhelm Gustloff" benannt. Die billigen Fahrten des weißschimmernden Großschiffs nach Norwegen und Madeira gehörten, als "klassenloser" Urlaub der "Volksgemeinschaft" im Zeichen von "Kraft durch Freude", ebenso zum fortdauernden sozialen Mythos des "Dritten Reichs", wie die Autobahnen und der Volkswagen, die "der Führer bauen ließ". Zwischendurch wurde die "Gustloff" auch als Truppentransporter der "Legion Condor", nach Francos Sieg, und im Krieg zum Lazarett- und Kasernenschiff umgerüstet. Die mit 8-10.000 (!) Passagieren überladene "Gustloff" - Verwundete, Marinehelferinnen, Tausende von Flüchtlinge, darunter annähernd 4.000 Kinder - wurde auf der Fahrt von Gotenhafen bei Danzig nach dem Westen, mit 3 Torpedos von einem russischen U-Boot in stürmisch-eisiger Witterung in der Ostsee versenkt. Nur an die 1200, vor allem männliche Passagiere (darunter die 4 Kapitäne!), haben diese größte Schiffstragödie in der Seegeschichte überlebt. Unter den Überlebenden – und hier fädelt sich der Erzähler Grass in die historischen Fakten ein – war auch die hochschwangere Tulla Pokriefke (aus der "Danziger Trilogie" als rätselhaft zählebiges Wesen aus "Haut, Knochen und Neugierde" bekannt). Sie soll, "während das Schiff sank", auf dem rettenden Begleitschiff "Löwe" am 30. Januar ihren unehelichen Sohn Paul geboren haben und mit ihm als "Umsiedlerin" in Schwerin (DDR) ansässig geworden sein. Der vaterlose Paul Pokriefke, verbummelter Student, der "in den Westen rübermachte", ehemaliger "Springer-Hetzblattschreiber" und seit dem Dutschke-Attentat Freier Journalist und TAZ-Mitarbeiter, geschieden von einer jüngeren Gymnasial-Lehrerin, mit der er den Sohn Konrad hat -: ausgerechnet dieser (falsche?) Fünfziger ist der Erzähler, der sich "Im Krebsgang" rück- & seitwärts bewegt. Rückwärts, weil ihm zufällt, aus Zeitungen, Büchern, Wochenschauen und Filmen den historischen Hintergrund zum Mosaik zusammenzufügen, wobei man ihm beim Recherchieren zuschaut. Er führt die Biografien Gustloffs, Frankfurters und des russischen U-Boot-Kommandanten parallel - bis zu ihren tödlichen Überschneidungen; er rekapituliert Stapellauf, Ausstattung und Reisen der "Gustloff" - bis zum Grauen des Untergang und dessen Begleitumstände. Der Stoff der Historie, oft widersprüchlich & immer aus zweiter und dritter Hand empfangen, wird von diesem Grassschen "Zeitbloom" - der "seine Abgründe kennt und weiß, wie schweißtreibend es ist, sie abgedeckelt zu halten" und deshalb "sich bemüht, wedernoch zu sein" - ebenso spannend wie unterhaltsam Stück für Stück zugeschnitten und vernäht; und da er dabei auch noch im Internet surft und dort von einer rechtsradikalen Webpage zu anderen sich per Mausklick "linken" läßt, ja auch in Chatrooms vorstößt, wo es hasserfüllt hoch hergeht, entsteht ihm unter der Hand das dichte Gewebe von historischer Faktizität und deren heutiger ideologischer Instrumentalisierung in der rechtsradikalen Kommunikationsszene. Allein dieses vielfarbige Patchwork von Informationen, Ideologemen und Fiktionen ist ein aufregende, episch-ironische erzählerische Leistung, die Grass so schnell keiner nachmachen kann. Und schon gar nicht die lakonische Trockenheit und Schlankheit seiner Sprache, die aus kleinsten metaphorische Nuancen reichen bildhaften Gewinn zieht. "Beauftragt" hat P.P. zu dieser journalistischen Recherche der "Alte", der ihn "zwar nicht erfunden, aber nach langer Sucherei auf den Listen der Überlebenden wie eine Fundsache entdeckt" habe. "Als Person von eher dürftigem Profil", bescheinigt ihm mit k(g)rasser Deutlichkeit sein literarischer Erfinder, sei er jedoch, gewissermaßen von Geburtswegen, zur "nachholenden" Darstellung dieser Stoffmasse "prädestiniert", die dem späteren Literaturnobelpreisträger nach dem "Erscheinen des Wälzers "Hundejahre" nicht von der Hand gegangen sei – ein Versagen". Mehr als das: es sei ein "bodenloses Versäumnis", weil es doch "Aufgabe seiner Generation gewesen" wäre, "dem Elend der ostpreußischen Flüchtlinge Ausdruck zu geben... Niemals" fährt Grass, der sich immer wieder einmischende "Alte", fort: "hätte man über soviel Leid, nur weil die eigene Schuld übermächtig und bekennende Reue in all den Jahren vordringlich gewesen sei, schweigen, das gemiedene Thema den Rechtsgestrickten überlassen dürfen". Da mag der Danziger Literaturnobelpreisträger heute, skrupulös rückblickend, schon recht haben, wenngleich er doch auch weiß, dass Themen wie Vertreibung, Bombenkrieg und Tieffliegerangriffe auf Zivilisten und Vergewaltigungen - also die deutsche Leidenserfahrung des zur "Heimatfront" gewordenen, jedoch langzeitig exportierten Kriegsgeschehens - sogleich nach dem sogenannten "Zusammenbruch" zur aufrechnenden Salvierung der beschwiegen-verdrängten deutschen Kriegsverbrechen "rechtsgewirkt" instrumentalisiert wurde. Die meisten Deutschen hatten, trotz dieser Leidenserfahrung am eigenen Körper, dem "fanatisch" gefolgten "Führer" noch nicht einmal ganz zuletzt (& darüber hinaus!) die deutsche Treue aufgekündigt; und die wenigsten waren fähig, das ja nun unbestreitbar selbstverschuldete Leid mit dem, das Anderen zugefügt worden war, in einen Einklang zu bringen, der nicht misstönig und bloß wieder eigensinnig-selbstbezogen war. Das vom "alten" Danziger Epiker nun als "bodenloses Versäumnis" Beklagte war also nicht so grundlos, wie es ihm (und erst recht manchen seiner eiligen Applausgebern) heute erscheinen mag; es brauchte den Zeit- & Generationen-Abstand eines halben Jahrhunderts. Dadurch ist gewiss Erkenntnis-Boden verloren und den "Ewiggestrigen" und ihren heutigen Nachfolgern ein weites Feld zur fortschwärenden Agitation freigegeben worden. Das gehört zu den andauernden "Folgekosten", die bis heute von den deutschen Geschichtstätlichkeiten zurückgeblieben sind. Gerade im Internet west die rechtsradikale Propaganda fort; und dort trifft der recherchierende Paul Pokriefke auf eine Website, in deren Chatraum ein "Wilhelm" und ein "David" sich aufs Heftigste befehden. Mit den Vornamen von Gustloff und seines Mörders Frankfurter fechten die beiden einen virtuellen Stellvertreterkrieg aus, womit Grass höchst zeitgemäß den Bogen aus der Vergangenheit zur unmittelbaren Gegenwart schlägt. Der hat umso triftiger erzählerisch-fiktionale Bodenhaftung, als P.P bald bemerkt, dass es sein von ihm vernachlässigter und ihn verachtender Sohn Konrad ist, der die Website als "Wilhelm" ins Netz gestellt hat und der ganz offensichtlich für seinen Hass gefüttert wird von seiner Großmutter Tulla – diesem alle politischen Systeme überdauernden Stehauffrauchen, dem Grass hexenhafte Insistenz zuweist. Eine literarisch dämonisierte Charakterfigur des Bösen, deren anheimelndes Danziger Platt das Buch durchzieht, von Mal zu Mal aber unheimlicher wird, wie das Wienerische in den Stücken Ödön von Horwarths. Diese steinalte Tulla, die sich einen Altar mit Marienbildern und einem Stalinporträt zusammenbraut, ist das negative Kraftzentrum des Buchs. Die "diffuse Leuchtkraft", die Grass ihr in der "Danziger Trilogie" zusprach, wird von ihrem fiktiven Sohn kräftig herabgedimmt, weil P.P in der "stramm das Soll erfüllenden" Mutter der Nachkriegszeit einer fanatistischen Unterströmung gewahr wird. Mit dem von ihren fatalen Lebensmärchen ausgefütterten & Hass gesättigten Enkel rächt sie sich auch an dessen Versagervater und eigenen Sohn. Paul hatte sich als junger Mann ihrem Einfluss einst entzogen, sieht sich aber nun, vom "Alten" erzählerisch dienstverpflichtet, erneut von der Mutter unter Druck gesetzt: "Mutter zwingt mich. Und nur ihretwegen mischt sich der Alte ein, gleichfalls gezwungen von ihr, mich zu zwingen, als dürfe nur unter Zwang geschrieben werden, als könne auf diesem Papier nichts ohne Mutter geschehen". Als Leser darf man diese vielfachen, verschachtelten, also "schrägläufig der Zeit " (und der falschen Naivität eines umstandslosen realistischen Erzählens) "in die Quere kommenden Krebsgängen" der Novelle nicht außer Acht lassen. Denn eben mit solchen skrupulösen Irritationen gelangt Grass zu einer hochartistischen erzählerischen Drahtseilakt mit wechselnden, changierenden, relativierenden Erzählerpositionen, die ihm die Vielschichtigkeit, Offenheit und "Objektivität" einer wahrhaft epischer Darstellung ermöglichen. Wer darin "Umständlichkeit" oder gar "verschrobenes Beiwerk" sieht und wieder einmal bedauert, dass Grass nicht umstandsloser, gradliniger erzählt habe, hat wieder nichts von der erforderlichen Eigenart des Ästhetischen begriffen; erst recht nicht, dass nur so, nämlich in der literarischen Form einer "seitlich ausscherenden" Annäherung, eines "vorgetäuschten Rückwärtsganges" erzählerisch "voranzukommen" ist: Zum einen, weil die historische Tragödie schrift- & bildlich längst zugeschrieben und "der Alte" (wie er selbst bekennt) "schreibmüde" geworden ist ; und zum anderen, weil dem prekären Amalgam aus zitierten historischen Fakten und allegorisch daran angelinkten Fiktionen nur spielerisch zu entsprechen war. Der späte Goethe nannte solche ästhetische Komplexität "ernste Scherze". Um die handelte es sich auch bei dem am Stärksten allegorischen Motiv der Novelle: dem Internet-"Nachspiel" Wilhelms und Davids, einer stellvertreterhaften Imitation des Fanatismus, der ja seitenverkehrt ebenfalls in einen kaltblütigen Mord an symbolischem Ort mündet, wobei der von Konrad vermeintlich als Jude David erschossene Internet-"Freundfeind" gar keiner war und die Rolle nur gespielt hatte. Eine doppelte Pointe. Grass hütet sich – und verbietet es ausdrücklich dem familiär und erzählerisch "betroffenen" P.P. -, die allegorische Konstellation mit psychologischen Erklärungsmustern auszustopfen: "Jede Stirn hält dicht, nicht nur seine. Sperrzone. Für Wortjäger Niemandsland. Zwecklos, die Hirnschale abzuheben. Außerdem spricht keiner aus, was er denkt. Und wer es versucht, lügt mit dem ersten Halbsatz... Wir sehen nur, was wir sehen". Was aber sieht Paul Pokriefke, vor dessen Augen der einsitzende Sohn eben das von Großmutter Tulla geschenkte Modell der "Wilhelm Gustloff" mit bloßer Faust zertrümmert und sich endgültig von seinem mörderischen Trauma befreit hatte? Er sieht im Internet die Website "www. kameradschaft-konrad-pokriefke.de" und dort die Sympathisanten-Losung: "Wir glauben an Dich, wir warten auf Dich, wir folgen Dir..." Mit dieser letzten Volte seiner virtuosen Novelle verweigert Günter Grass sich & uns eine optimistische Tragödie: "Das hört nicht auf. Nie hört das auf". Aufgeschrieben aber ist es nun: "in memoriam". © Wolfram Schütte, www.titel-magazin.de

Rezensionen

Frankfurter Allgemeine Zeitung - RezensionBesprechung vom 09.02.2002

Das mußte aufschraiben!
Die verspätete Erinnerung: Günter Grass beschreibt in seiner Novelle "Im Krebsgang" den Untergang der "Wilhelm Gustloff" und das Leid deutscher Kriegsflüchtlinge

Wer im Internet den Suchbegriff "Gustloff" eingibt, erhält an die zweitausend Verweise. Auch die Adresse "www.blutzeuge.de" und der Hinweis auf eine "Kameradschaft Schwerin" sind darunter. In Günter Grass' neuer Novelle "Im Krebsgang" ist "Blutzeuge.de" die Website, die ein anonymer Neonazi als Ehrentempel für Wilhelm Gustloff errichtet hat, jenen Nazi-Funktionär, nach dem das Flüchtlingsschiff benannt war, das im Januar 1945 von einem russischen U-Boot torpediert wurde und das im Zentrum des Buches steht.

Bei seinen Recherchen für ein Buch über die "Gustloff" entdeckt der Erzähler Paul Pokriefke, daß der gewitzte Webmaster, der sich nach seinem Idol Wilhelm nennt und alles über das Schiff und seinen Namensgeber weiß, kein anderer als sein eigener Sohn Konrad ist. Am Ende der Novelle ist das Schicksal der "Gustloff" erzählt, und Konrad sitzt im Gefängnis. Er hat seinen vermeintlich jüdischen Widerpart aus dem Chatroom bei ihrer ersten Begegnung erschossen, um das Attentat des Juden David Frankfurter am Nazi-Funktionär Wilhelm Gustloff zu rächen. Im Internet gibt es eine neue Seite, auf der Konrad als Märtyrer- und Führerfigur der Bewegung gefeiert wird.

Die Internetseite "Blutzeuge.de" gibt es tatsächlich. Der Steidl Verlag hat sie eingerichtet, sie zeigt zwei von Grass gezeichnete Krebse, daneben steht ein Zitat aus der Novelle. Auch die "Kameradschaft Schwerin" ist im Netz vertreten. Sie ist keine Erfindung des Verlags. Auf ihrer Homepage werden Besucher als "Freie Nationalisten" angesprochen, mit "Heil Euch Kameradinnen und Kameraden" begrüßt und mit "volkstreuem Gruß" verabschiedet. Im Archiv der "Kameradschaft" findet sich unter dem Datum vom 20. April letzten Jahres ein Bekenntnis zu Adolf Hitler. Durchaus denkbar, daß ein Gymnasiast mit pathologischer Gustloff-Macke hier, wie von Grass geschildert, anklopft und Aufnahme findet.

Vertäut im Netzwerk

der Verweise

Kein Zweifel, Günter Grass hat gründlich recherchiert. Langsam tastet er sich an die Tragödie heran, immer wieder auf Nebenschauplätze ausweichend. "Warum erst jetzt?" lauten die ersten, "Das hört nicht auf. Nie hört das auf" die letzten Worte des Buches. Zwischen diesen beiden Polen, zwischen der Frage nach der verspäteten Erinnerung und der Angst, die Saat der Nazis werde nie vertrocknen, entfaltet Grass die Tragödie des Flüchtlingsschiffs "Wilhelm Gustloff" als "deutsches Requiem" und "maritimen Totentanz", aber auch als Schlußstein im eigenen literarischen Kosmos. "Im Krebsgang" ist die akribische Recherche eines historischen Dramas und zugleich das Zwiegespräch eines Autors mit sich selbst und seinen Figuren.

Gut vertäut ruht die Novelle im Netzwerk der Verweise auf frühere Werke und Figuren, am deutlichsten zeigt sich dies an Tulla Pokriefke, jenem kalt und böse funkelnden Kobold aus "Katz und Maus", den Grass offenbar nie aus den Augen gelassen hat. In "Hundejahre" (1963) war Tulla Straßenbahnschaffnerin in Danzig, in der "Rättin" (1986) hieß es von ihr, sie sei wohl mit der "Gustloff" untergegangen. Nun ist sie die zentrale Figur der Novelle, die unbeirrbare, unbelehrbare Gegenspielerin ihres kraftlosen Sohnes Paul, der in jener Minute geboren wurde, als die "Gustloff" unterging. Tulla ist der Motor der Erinnerung, die Augenzeugin, die Überlebende, die nach dem Sprachrohr sucht, das für die Nachwelt fixiert, was sie selbst nicht in Worte fassen kann.

Die Chronik der Tragödie, die Tulla stets von Paul gefordert hat - "Das mußte aufschraiben. Biste ons schuldig, als glicklich Ieberlebender" -, kann der frühere Springer-Journalist erst auf Geheiß eines Dritten zu Papier bringen. Pauls Auftraggeber, der "Alte", ist Grass' Alter ego, ein Schriftsteller, der sich "müdegeschrieben" hat und nun einem anderen überläßt, was er selbst hätte tun müssen: "Eigentlich, sagt er, wäre es Aufgabe seiner Generation gewesen, dem Elend der ostpreußischen Flüchtlinge Ausdruck zu geben . . . Niemals, sagt er, hätte man über soviel Leid, nur weil die eigene Schuld übermächtig und bekennende Reue in all den Jahren vordringlich gewesen sei, schweigen, das gemiedene Thema den Rechtsgestrickten überlassen dürfen."

Nun wird das Versäumte nachgeholt. Aber Grass erzählt nicht nur vom Nazi Wilhelm Gustloff und von seinem jüdischen Attentäter David Frankfurter, er erzählt nicht nur von Robert Leys Kraft-durch-Freude-Kreuzfahrten und ihrer verlogenen Klassenlosigkeit, nicht nur von Tulla Pokriefkes Flucht aus Danzig, von der Schreckensnacht des 30. Januar, als vier Kapitäne auf der Brücke der "Gustloff" durch ihr Kompetenzgerangel das Schiff zum leichten Ziel für das russische U-Boot "S-13" unter Kapitän Marinesko werden ließen. Tullas Fuchspelz und ihre vom Entsetzen gebleichten Haare, der schillernde Marinesko, die Marinehelferinnen, die im Schwimmbad unter Deck zu Hunderten starben, als ein Torpedo die Bordwand durchschlug - all dies ist Stoff für mehr als eine Novelle. Aber es war Grass nicht Stoff genug.

Als brauche er ein Alibi, erfindet sich Günter Grass zu Tulla, Paul und dem Alten noch einen Sohn und Enkel. Konny Pokriefke ist ein intelligenter, netter junger Mann, der nur leider in den fatalen Familienverhältnissen der Pokriefkes aufgewachsen ist und deshalb auf die schiefe Bahn des Neonazis geriet. Mit Konrad und Paul variiert Grass das alte Thema der Achtundsechziger: das Schweigen der Väter und den ohnmächtigen Zorn der Söhne. Aber wie viel Mühe und Sorgfalt er sich mit Konny auch gibt - es ist umsonst. Der fehlgeleitete Attentäter ist eine papierene Alibifigur: die personifizierte Wiederkehr des Verdrängten. Seine Untat geschieht nur, um Tullas Forderung moralisch zu legitimieren: Das mußte aufschraiben, das darf nicht vergessen werden.

Grass vergißt nichts. Penibel ist er um Korrektheit bemüht, als fürchte er nichts so sehr wie den Vorwurf historischer Ungenauigkeit. Aber wie wenig es in diesem Fall auf Genauigkeit ankommt, zeigt schon die letzte Ausgabe des "Spiegel", die dem neuen Werk des Nobelpreisträgers die Titelgeschichte widmet. Ihre Überschrift: "Die deutsche Titanic". Der Vergleich hinkt. Die "Wilhelm Gustloff" sank nicht wie die "Titanic" in Friedenszeiten nach der Kollision mit einem Eisberg, sondern sie war ein Flüchtlingsschiff, das im Krieg versenkt wurde. Nicht die Zahl der Opfer ist hier entscheidend, sondern ihre historische Rolle. Die Passagiere der "Gustloff" waren Flüchtlinge, vor allem Frauen, Marinehelferinnen und Kinder. Zweitausend Verweise im Internet auf das Schiff und seinen Namensgeber sind ein Beleg dafür, daß die Katastrophe nie völlig in Vergessenheit geraten war. Es gibt etliche Bücher über die "Gustloff", und in Zeitungsartikeln wurde regelmäßig an das Unglück erinnert, nicht zuletzt, weil bis in die siebziger Jahre das Bernsteinzimmer im Schiffswrack vermutet wurde. Wer wollte, konnte alles über die "Gustloff" und ihr Schicksal in Erfahrung bringen, was es zu wissen gibt. Aber konnte er auch darüber reden?

Es war bundesrepublikanischer Konsens, daß deutsches Leid und das an Deutschen begangene Unrecht nicht gegen die Verbrechen der Nazis in Anschlag und zur Aufrechnung gebracht werden dürften. Wer ihn, in welcher Form auch immer, in Frage stellte, lief Gefahr, als Revisionist gebrandmarkt zu werden. Daß Günter Grass diesen Konsens mit seiner Novelle aufkündigt, wird ihm viel Beifall, aber auch Kritik eintragen. Man wird ihm, wie bereits geschehen, vorwerfen, daß er zu spät kommt, nämlich zu einem Zeitpunkt, da es kein großes Wagnis mehr bedeute, an deutsches Leid im Zweiten Weltkrieg zu erinnern. In dieser Kritik werden sich die Gestrigen beider Seiten, die Altrechten ebenso wie die Altlinken, einig finden. Die Stühle, zwischen die sich der Schriftsteller gesetzt hat, sind beide morsch. Wenn die alten Mechanismen nicht den Dienst versagen, wird gerade die Altlinke, die jahrzehntelang und nicht ohne Gründe das Aufrechnungsverbot heilighielt, dem Schriftsteller die vermeintliche Verspätung ungnädig vorhalten.

Vor vier Jahren beklagte der kürzlich verstorbene W. G. Sebald, daß die deutsche Nachkriegsliteratur sich dem Leid der eigenen Bevölkerung verschlossen habe. Sebald sprach vom "Luftkrieg" und meinte die Bombardierung deutscher Großstädte. Aber gleichviel, ob deutsche Zivilisten in Luftschutzkellern verschüttet, auf den Flüchtlingstrecks von russischen Panzern zermalmt wurden oder als Passagiere der "Gustloff" in der Ostsee ums Leben kamen, die Fragen sind immer dieselben: Darf es auf deutscher Seite, auf der Seite der Täter, Opfer gegeben haben? Und darf ihr Leid Gegenstand künstlerischer Darstellung sein?

Was Pynchon und Vonnegut

vorgemacht machen

Rasch waren Listen verfertigt, die beweisen sollten, daß die von Sebald beklagte Leerstelle der Literaturgeschichte nie existiert habe. An Nossack, Ledig, Max Zimmering und Eberhard Panitz wurde erinnert. Natürlich gab es die erwähnten Bücher, aber sie blieben ungelesen. Nennenswertes Echo haben sie nicht hervorgerufen, das gelang erst Klemperer und Kempowski. Völlig übersehen wurde damals, daß amerikanische Autoren nicht zögerten, Deutsche als Opfer darzustellen. Kurt Vonnegut, der die Bombardierung Dresdens als Kriegsgefangener erlebte, hat mit "Schlachthof 5" bereits 1970 einen Roman darüber geschrieben.

Thomas Pynchon hat in seinem großen Roman "Die Enden der Parabel", im Original 1973 erschienen, den Flüchtlingsstrom im Osten beschrieben und scheute sich nicht, "Volksdeutsche von jenseits der Oder", "Polen auf der Flucht vor dem Lublin-Regime" und den Konzentrationslagern Entkommene in einem Atemzug zu nennen: ". . . weiße Handgelenke und Knöchel, die unsäglich abgezehrt aus den gestreiften Lagerkluften stechen, Schritte, leicht wie die von Wassservögeln auf dem Staub des Binnenlands . . . so sind die Völkerscharen unterwegs, über offene Felder, humpelnd, gehend, schlurfend, getragen, sich schleppend, über die Schutthalde einer Ordnung, einer europäischen und bürgerlichen Ordnung, von der sie noch nicht wissen, daß sie zerstört ist für immer."

Es mag gewagt sein, Grass' neue Novelle neben die dreißig Jahre alten Bücher der Amerikaner Pynchon und Vonnegut zu stellen, aber der Vergleich zeigt zumindest, wie unfrei selbst ein so souveräner Autor wie Grass noch immer mit dem heiklen Thema umgeht. Man muß nur einige Seiten in "Katz und Maus" lesen, um zu sehen, was der neuen Novelle fehlt, wie Grass klang, als Tulla Pokriefke noch keine Großmutter war. Oder nehmen wir eine andere der Grass'schen Großmütter. Sie sitzt in einer Windmühle, deren Flügel sie abwechselnd in Licht und Finsternis hüllen: "In der Hängestube saß sie und wurde von rasenden Schatten getroffen. Sie blitzte auf, verging im Halbdunkel, saß grell, saß düster. Auch Stücke Möbel, der Aufsatz des Vertikos, der gebuckelte Deckel der Truhe und der rote, seit neun Jahren unbenutzte Sammet des geschnitzten Betschemels leuchteten auf, vergingen, zeigten Profile, dunkelten klobig: flittriger Staub, staubloses Dämmern über der Großmutter und ihren Möbeln." So beschrieb Grass Walter Materns gelähmte Großmutter in "Hundejahre", und nichts im neuen Buch reicht an eine solche Passage heran.

Als 1963 der Roman "Hundejahre" erschien, schrieb Ivan Nagel, die deutsche Literatur habe zum ersten Mal seit dem Tod Thomas Manns wieder einen Epiker. Nagel stellte sich damals die Frage, worin sich Grass von seinen Generationsgenossen unterscheide. Seine Antwort: Grass ist der künstlerischste unter den jüngeren deutschen Schriftstellern. "Er hat die Vergangenheit bewältigt, indem er sie zum erstenmal als Vergangenheit betrachtet hat. Das epische Unvermögen seiner Generationsgenossen entsprang wohl ihrer Absicht, die Vergangenheit nicht Vergangenheit werden zu lassen . . . Der Epiker Grass nimmt die Erinnerung in Kauf, er nimmt in Kauf das Vergessen." Was Nagel damit meinte, war, daß Grass die künstlerische Verarbeitung über die historische Detailtreue stellte, Gestaltung über Authentizität. Grass hat nicht an der Vergangenheitsbewältigung gearbeitet, sondern die Vergangenheit im artistischen Spiel bewältigt. Deshalb waren seine frühen Romane Skandale, deshalb hat ein Kritiker wie Günter Blöcker die "Blechtrommel" in Bausch und Bogen abgelehnt.

Jetzt, fast vierzig Jahre später, hat Grass sich ein Thema vorgenommen, das er nicht als Vergangenheit betrachten konnte, das all die Jahre in ihm rumort haben muß. Wohl deshalb mangelt es der Novelle an der artistischen und künstlerischen Gestaltung, es fehlt das Anarchische, Phantastische, die lustvoll ausufernde Sprachmächtigkeit der frühen Bücher. Wie Grass sich damals im Erzählen verlor, verliert er sich nun in der Aufzählung. Noch auf dem dramatischen Höhepunkt, als das Schiff untergeht und vielen Flüchtlingen der Sprung ins Rettungsboot mißlingt, klingt Grass so: "Doch Mutter kam mit Glück an Bord eines Kriegsschiffes von nur 768 Tonnen Wasserverdrängung, das im Jahr achtunddreißig vom Stapel einer norwegischen Werft gelaufen, auf den Namen ,Gyller' getauft, in norwegischen Dienst gestellt und nach der Besetzung Norwegens im Jahr vierzig als Beute von der deutschen Kriegsmarine übernommen worden war."

Nein, da hat sich unübersehbar jemand neben den Epiker gedrängt und nimmt ihm die Luft zum Atmen. Es ist der Rechercheur, den Grass in Dienst genommen hat und der sogar auf dem Vorblatt des Buches namentlich erwähnt wird. Das ist nur recht und billig, denn gewissenhaft, detailbegeistert und fleißig hat er dem Schriftsteller zugearbeitet, der all dies ja auch selbst ist: gewissenhaft, detailbegeistert und fleißig.

Der Rechercheur ist der Heizer im Maschinenraum dieser Novelle, unermüdlich, Detail um Detail, Schaufel um Schaufel hat er nachgelegt, und zuweilen hat er auch auf der Brücke gestanden und den Kurs bestimmt. Kein Zweifel, "Im Krebsgang" ist ein wichtiges Buch, das Beste von Günter Grass seit langem. Aber was für ein Meisterwerk hätte es werden können, wenn Grass den Heizer dort gelassen hätte, wo er hingehört: unter Deck.

Günter Grass: "Im Krebsgang". Novelle. Steidl Verlag, Göttingen 2002. 224 S., geb., 18,- <Euro>.

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