Warenkorb
€ 0,00 0 Buch dabei,
portofrei
Soziologische Anstöße als Buch
PORTO-
FREI

Soziologische Anstöße

Buch (kartoniert)
Was leistet die Soziologie ?

Was leistet die Soziologie ?

Hartmut Essers Modell der soziologischen Erklärung bildet eine allgemeine theoretische Grundlage der Soziologie. Die Texte in diesem Band markieren unterschiedliche Stationen bei der Entwicklung … weiterlesen
Buch

19,90*

inkl. MwSt.
Portofrei
Sofort lieferbar
Soziologische Anstöße als Buch

Produktdetails

Titel: Soziologische Anstöße
Autor/en: Hartmut Esser

ISBN: 3593374951
EAN: 9783593374956
Campus Verlag GmbH

September 2004 - kartoniert - 316 Seiten

Beschreibung

Was leistet die Soziologie ? Hartmut Essers Modell der soziologischen Erklärung bildet eine allgemeine theoretische Grundlage der Soziologie. Die Texte in diesem Band markieren unterschiedliche Stationen bei der Entwicklung dieses Konzepts. Es handelt sich um programmatische Beiträge zur soziologischen Methode, zu alternativen Ansätzen, zum Stand der Soziologie als Disziplin, zu theoretischen Entwicklungen und zu Anwendungen auf empirische Probleme, wie etwa dem der ethnischen Differenzierung oder der (In-)Stabilität ehelicher Beziehungen.

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

1. Verfällt die "soziologische Methode"?

2. "Habits", "Frames" und "Rational Choice"
Die Reichweite von Theorien der rationalen Wahl (am Beispiel
der Erklärung des Befragtenverhaltens)

3. Die Rationalität des Alltagshandelns
Eine Rekonstruktion der Handlungstheorie von Alfred Schütz

4. Die Definition der Situation

5. Der Doppelpaß als soziales System

6. Kommunikation und "Handlung"

7. Soziale Differenzierung als ungeplante Folge absichtsvollen
Handelns: Der Fall der ethnischen Segmentation

8. Ethnische Differenzierung und moderne Gesellschaft

9. In guten wie in schlechten Tagen?
Das Framing der Ehe und das Risiko zur Scheidung. Eine
Anwendung und ein Test des Modells der Frame-Selektion

10. Wo steht die Soziologie?

Drucknachweis


Leseprobe

Die Soziologie ist - mit Max Weber: bekanntlich - jene Wissenschaft, die das soziale Handeln deutend verstehen und dadurch in seinem Ablauf und in seinen Folgen ursächlich erklären will. Diese Vorgaben kann man auf die Sozialwissenschaften insgesamt ausweiten: auf die Politikwissenschaften gewiss, aber auch auf die Geschichtswissenschaften, auf die Ökonomie und auf die Sozialpsychologie. Mit ihnen wird zunächst eine zentrale Gemeinsamkeit umschrieben, die die Sozialwissenschaften miteinander und dann mit allen Wissenschaften teilen sollten, nämlich die Unterordnung unter das oberste Ziel aller Wissenschaften, die ("ursächliche") Erklärung und die möglichst wertneutrale Orientierung allein an der Güte ihrer Theorien und der empirischen Belege. Alles andere, wie die Beschäftigung mit der Geschichte des Fachs, mit einzelnen Lehrmeinungen und den Klassikern, die Methode und die Methodologie, die quantitativen und die qualitativen Beschreibungen der sozialen Vorgänge und der Gesellschaften, die institutionelle Infrastruktur der Fächer, die Wirksamkeit in der Öffentlichkeit und die Präsenz in den Feuilletons u.a., hängt daran und erhält so seine Legitimität, aber das sind alles immer nur - mehr oder weniger zentrale - Unterziele. Deshalb sind auch die Empörungsqualität ihrer Ergebnisse, der literarische Anregungsgehalt ihrer Berichte oder ihre medienwirksame Anstößigkeit kein besonders bedeutsamer Maßstab: Wer "Schau" wünscht, so liest man bei Max Weber auch, gehe ins Lichtspiel, wer "Predigt" wünscht, ins Konventikel. Heute würde man "Sabine Christiansen" hinzufügen. Die Soziologie ist danach eben kein hybrides Gebilde irgendwo im Schattenreich zwischen Wissenschaft, Literatur, Kunst, Morallehre und politischem Diskurs, wie das manche immer noch (oder auch: wieder) meinen, und sie hat sich, nach den turbulenteren Tagen ihrer Blüte in den 70er Jahren, gottlob, auch davon entfernt. Der Preis für diesen Gewinn an Seriosität und Professionalität war der Verlust ihrer Bunthei
t, der plakativen Formulierungen, etwa eines Helmut Schelsky, René König oder Ralf Dahrendorf, und damit auch ihrer öffentlichen Anstößigkeit, und es gibt, speziell in den Feuilletons der überregionalen Tages- und Wochenzeitungen, nicht wenige, die das beklagen, und sich, etwa angelegentlicher Besuche der Soziologentage, nur wundern, wie langweilig und wie "scheintot" doch inzwischen alles geworden ist, und die den guten alten Zeiten hinterher trauern, als diese vor kurzem doch noch so "junge" Wissenschaft, wie man selbst, ihre Utopien so ungetrübt in den Tag hinein hat träumen können, wie vor kurzem wieder anlässlich des Gedenkens an Theodor W. Adorno, an dessen Texte sich manch einer mit einer Mischung aus, wie auch immer begründeter, Bewunderung, sportlichem Ehrgeiz, allergischer Abwehr und auch Mitgefühl, kaum aber fundierter soziologischer Analyse, erinnern mag. Das Modell der soziologischen Erklärung, wie es, aufbauend auf eine längere Entwicklung der sog. Erklärenden Soziologie in einer langen Tradition des soziologischen Denkens, in den insgesamt sieben Bänden "Soziologie. Allgemeine Grundlagen" und "Soziologie. Spezielle Grundlagen" dargelegt wurde, ist, auch vor diesem Hintergrund, ein Versuch, die Soziologie doch (wieder) näher an die oben beschriebenen und ansonsten so gut wie überall geteilten Kriterien der wissenschaftlichen Arbeit heran zu bringen, als das derzeit der Fall zu sein scheint. Und das heißt vor allem: sie (endlich) konsequent und ausschließlich an den Vorgaben angemessener wissenschaftlicher Erklärungen zu orientieren, und eben nicht an anderem. Das freilich unter der Beachtung der wohl wichtigsten Besonderheit der Sozialwissenschaften gegenüber den Naturwissenschaften: der Beachtung der Kategorie des "Sinns", zu der es in den Naturwissenschaften in der Tat kein Äquivalent gibt, und damit: des Aspektes des "Verstehens", so wie das Max Weber vorgezeichnet hat. Damit ist unmittelbar ein zweites Ziel verbunden: die Überwindung der das Fach s
eit jeher in seiner Arbeit, seinen Erfolgen und seinem Ansehen sehr schadenden internen Spaltung in die diversen Ansätze und Paradigmen. Von Beginn an war dieses Unternehmen eine in verschiedener Hinsicht provozierende Angelegenheit. Überraschend war (und ist) das freilich nicht. Zu viel an soziologischen Selbstverständlichkeiten und an in den diversen Schulen etabliertem und gefährdetem Kapital steht auf dem Spiel. Acht von diesen Anstößigkeiten wollen wir benennen. Erstens. Die an Max Weber orientierte Grundlage eines Methodologischen Individualismus; die Verbindung von verstehenden und erklärenden Elementen in einem Konzept; die damit verbundene Aufgabe der Hoffnung auf soziologische (Makro-) Gesetze "sui generis", etwa solche des sozialen Wandels; die "reduzierende" Auflösung von (als immer nur scheinbar) angesehenen kollektiven Emergenzen und holistischen Vorstellungen eigenständig operierender "sozialer Systeme" waren immer schon ein Anlass für mehr oder minder heftige Streitigkeiten, darunter der Ältere Methodenstreit, Teile des sog. Positivismusstreites oder der um die "Zwei Soziologien". Das hat sich, von einigen Nachhutgefechten abgesehen, inzwischen gegeben, und heute gibt es (fast) keinen ernst zu nehmenden theoretischen Ansatz mehr, der nicht, wenigstens: auch, die Überbrückung des Gegensatzes zwischen Makro- und Mikroebene, von Struktur und Handlung und die Kombination von Sinnverstehen und kausaler Erklärung fordert. Manche Autoren, wie Anthony Giddens, Pierre Bourdieu oder Norbert Elias, und manche Ansätze, wie der Neo-Funktionalismus, der sog. akteursorientierte Institutionalismus oder das Konzept der generierenden Mechanismen, verfolgen im Grunde die gleiche Idee, nicht immer freilich so, dass sie den Kriterien einer angemessenen Erklärung auch wirklich genügen können. Vieles musste dabei an altem Schutt beiseite geräumt und neu rekonstruiert werden, wie etwa die (oft heute noch nicht verstandene) Unterscheidung von Methodologischem Individualismus
und Psychologismus, die angebliche Differenz von "Verstehen" und "Erklären" oder die vorgebliche Unmöglichkeit "allgemeiner" Erklärungen angesichts der historischen Einmaligkeiten aller sozialen Prozesse, und in den Debatten musste und muss man dann nicht selten auch wieder von vorne anfangen, stets in der Gefahr, angesichts mancher Einreden nicht gleich die nötige Geduld und Fassung zu verlieren. Zweitens. Zunächst waren die Grundgedanken der Erklärenden Soziologie mit mikrotheoretischen Fundierungen versehen worden, die darüber hinaus einen ganz anderen Anlass der Anstößigkeit bildeten: die lern- und verhaltenstheoretischen Gesetze bei George C. Homans zunächst, und später dann, in einer zunehmend breiter werdenden Strömung, die Nutzung von Varianten der sog. Rational-Choice- Theorie. Mit der - stillschweigenden, wenngleich nie sonderlich explizit gemachten - Akzeptanz der Prinzipien des Methodologischen Individualismus verlagerte sich die Abwehr-Debatte der herkömmlichen Soziologie auf die Anstößigkeiten der Vorstellung, dass menschliche Akteure zunächst in der Tat meist an sich selbst denken und ihr Handeln nach zukünftig zu erwartenden Folgen "berechnen". Das war natürlich ein besonders deutlicher Bruch mit den soziologischen Denkgewohnheiten: Nur auf der Grundlage von Interessen seien weder ein konsistentes Handeln denkbar, noch die soziale Ordnung. Und das sollte jetzt alles nicht mehr richtig sein? Es wurde in diesem Zusammenhang nachgerade zum soziologischen Volkssport, allerlei "Grenzen des Rational Choice" auszuloten und sich mit der - oft nur mühsam herbei argumentierten - Gewissheit zu beruhigen, dass die da draußen doch machen können, was sie wollen und auch (scheinbar) Erfolg haben: Es geht ja sowieso nicht. Garniert wurden diese Abwehrreaktionen durch - teilweise: sehr - empörte Anklagen, dass der Rational-Choice-Ansatz nicht bloß ein Zeichen des Vordringens der kapitalistischen Ellbogenmentalität, sondern nachgerade ein Teil des Verfalls der Bürger
gesellschaft sei. Und begierig wurden dann alle jene Hinweise aus der empirischen Erforschung der Gesetzmäßigkeiten des realen Verhaltens und Handelns menschlicher Akteure willkommen geheißen, die zeigten, dass die Menschen, wenn überhaupt, den Prinzipien der rationalen Wahl nur unter sehr speziellen und empirisch recht seltenen Umständen folgen und im übrigen eine nur sehr "begrenzte" Vernunft besitzen. Gerne wurde in diesem Zusammenhang freilich auch manche Schwäche der alternativen Theorien übersehen, sowie, ganz speziell, der Sachverhalt, dass es inzwischen mit Axelrods Theorie von der Evolution der Kooperation gelungen war, jenes Grundaxiom des soziologischen Separatismus wenigstens in der Form eines theoretischen Existenzbeweises zu widerlegen, an das man sich immer noch zu klammern pflegt(e): dass es zur Erklärung der sozialen Ordnung "mehr" als bloß der Konvergenz von Interessen bedürfe. Drittens. Diese Erfolge auch in ganz grundlegenden Fragen und - insbesondere - das Fehlen jeder brauchbaren Alternative einer für die Zwecke der Erklärung nutzbaren (soziologischen) Handlungstheorie war für die Vertreter des (orthodoxen) Rational- Choice-Ansatzes dann ein gewichtiger Grund, mit ihrem Konzept, trotz aller z.T. auch offen eingestandenen Schwächen und "Grenzen", weiter zu machen und all die, aus der neoklassisch-ökonomischen Sicht: seltsamen, alten wie neuen, soziologischen Einwände - wie etwa: die soziale Einbettung, die Institutionen, Vertrauen, soziales Kapital, Werte und Moral oder auch die Kultur - in diesem Ansatz zu rekonstruieren, und man kann nicht gerade sagen, dass das gänzlich erfolglos gewesen wäre. Das Modell der soziologischen Erklärung ist freilich einen anderen Weg gegangen - und hat damit nicht zuletzt Anstoß bei den (orthodoxen) Vertretern des Rational-Choice-Ansatzes erregt. Es wurde, im Anschluss an ganz unterschiedliche Traditionen keineswegs nur der Soziologie, versucht, ein Modell einer allgemeinen Theorie des (sozialen) Handelns zu entw
ickeln, das einerseits die formalen Bedingungen einer erklärenden Theorie behält (und damit an die Rational-Choice-Theorie als bis dahin einziger wirklich erklärender Handlungstheorie anknüpft), andererseits aber die empirisch kaum abweisbaren Hinweise auf - mehr oder weniger deutliche - Abweichungen davon aufgreift und deren Vorkommen, wie aber auch das empirisch ebenfalls beobachtbare "Kalkulieren von Folgen", als jeweils situational bestimmbare Spezialfälle enthält. Wie etwa: das Festhalten an auch sehr schlechten Gewohnheiten; die oft unglaubliche "Unbedingtheit", mit der an bestimmten Werten oder Prinzipien, koste es, was es wolle, festgehalten wird; die oft verblüffende Leichtigkeit des Wechsels von kompletten Präferenzordnungen und "Identitäten" von einem Moment zum anderen; oder die Mühelosigkeit der zahllosen Klein-Entscheidungen des Alltags und die Ausblendung der allermeisten Alternativen, darunter auch extrem attraktive, schon aus dem Satz der Denkvorstellungen. Es ist das Modell der Frame- Selektion. Es kombiniert alle drei zentralen Elemente sozialer Situationen: die Interessen, die Institutionen und die (kulturellen) Ideen. Es kann ihr Zusammenspiel erklären. Und es lässt sich mit ihm vorhersagen, wann die Menschen eher von ihrer Vergangenheit und ihrer "Identität" getrieben sind, und wann sie dagegen damit anfangen, ihr Tun an zukünftigen Möglichkeiten intentional, rational und auch strategisch auszurichten. Das Modell der Frame-Selektion scheint dabei besonders anstößig zu sein: Die orthodoxen Rational-Choice-Theoretiker lieben es nicht, weil es (sehr) einfache Lösungen für deren oft extrem komplizierten Modelle, etwa der Entstehung von altruistischem Handeln in strategischen Situationen, bietet, und weil ihnen die Vorstellung, dass Menschen "Vorstellungen" haben, nach denen sie sich oftmals unbedingt und irrational richten, ganz unvorstellbar ist. Und die Soziologen lieben es nicht, weil es keinerlei Ausrede mehr zulässt, dass es wichtige Bereiche
der gesellschaftlichen Wirklichkeit gäbe, wie die institutionellen Regeln oder die mit Symbolen verbundenen "kollektiven Repräsentationen" einer geteilten Kultur, die damit nicht erfasst werden könnten. Manchmal wird das mit dem (unberechtigten) Hinweis getarnt, dass das Modell der Frame-Selektion eigentlich doch nichts weiter als eine etwas komplizierte Variante des Rational-Choice-Ansatzes sei, manchmal werden gewisse Unvollständigkeiten in (formalen) Einzelheiten bemüht, um die grundsätzliche Ungeeignetheit, besonders als nun doch nicht "allgemeine" Theorie des Handelns, nachzuweisen, wobei das so gut wie immer Dinge waren/sind, die leicht behoben werden konnten oder darauf beruhten, dass man die Sache (noch) nicht ganz verstanden hat(te). Einiges war freilich auch auf gewisse Vorläufigkeiten und Unvollständigkeiten zurück zu führen, wie sie bei ungewohnten Ideen und Neuentwicklungen unvermeidlich sind. Inzwischen zeichnet sich, nicht zuletzt auch auf Grund der vielen kritischen Einwendungen, eine komplett und auch formal in ihren Details zufrieden stellende Version ab, und man kann gespannt sein, was es dann noch an Anstößigkeiten erzeugen wird. Viertens. Mit dem Modell der soziologischen Erklärung gibt es keinerlei wissenschaftlichen Grund mehr, auf eine soziologische Theorie zu setzen, die ihre Aussagen allein auf der Makro-Ebene verankert. Wie es aussieht, ist diese, früher als Kollektivismus oder Holismus durchaus verbreitete und auch offensiv vertretene, Vorstellung inzwischen verschwunden, und es gibt auch nachhaltigen Anlass dazu: Bisher gibt es nicht ein soziologisches "Gesetz sui generis" und die Soziologie des sozialen Wandels war das wohl sichtbarste Opfer dieses "Problems der Unvollständigkeit": Es gibt sie nicht mehr. Außerdem ist inzwischen das zentrale Problem, an dem sich alle Postulate von der nicht-reduzierbaren "Emergenz" sozialer Prozesse orientierten, das der Transformation von Mikro-Ereignissen in Makro-Zusammenhänge, methodologisch befried
igend gelöst, und es gibt inzwischen auch eine Vielzahl von gut etablierten "fertigen" Instrumenten zur modellartigen Benutzung bei typischen Problemen der Transformation, speziell für die Fragen der "Transintentionalität" bzw. der unintendierten Folgen des individuellen Handelns; praktisch der gesamte Band 4 aus der "Soziologie. Spezielle Grundlagen" befasst sich damit, darunter auch jene, eigentlich geläufige, aber vielen Soziologen anscheinend unbekannte bekannte Emergenz eines sozialen Systems, das man Markt nennt. Es gibt eigentlich nur noch einen Ansatz, der weiterhin strikt auf der Makro-Ebene und an der Idee von der (allein relevanten) "Konstitution von oben" ansetzt: die Luhmannsche Systemtheorie und ihre Behauptung, dass soziale Systeme sich aus der auf das Handeln von Menschen nichtreduzierbaren Kommunikation von typischem Sinn ergäben. Ein nicht unwichtiger Teil des Modells der soziologischen Erklärung und seiner Entwicklung, einschließlich des Modells der Frame-Selektion, war von der Absicht motiviert, die an sich in der Tat sehr bedenkenswerten Einsichten der Luhmannschen Systemtheorie für eine erklärende Soziologie nicht nur zu "retten", sondern sie in ihrem Potential nutzbar zu machen. Speziell in Band 3 der "Soziologie. Spezielle Grundlagen" ist das geschehen, aber auch schon in Kapitel 27 der "Soziologie. Allgemeine Grundlagen". Dabei zeigte sich, was man auch schon vorher hat vermuten können: Selbst Luhmann kommt nicht daran vorbei, eine gewisse Interaktion von Makro- und Mikroprozessen und sogar "Akteure" und deren Tun zu berücksichtigen, und inzwischen geben sogar sehr eingefleischte Luhmann-Anhänger zu, dass es in seinem Konzept auch Raum für die Erklärung einer "Emergenz von unten" gebe. Es gibt sogar diesen oder jenen unter ihnen, die Luhmann in Verbindung mit dem von Luhmann für vollkommen abwegig angesehenen Methodologischen Individualismus setzen, und zwar noch ehe der (Alois) Hahn dreimal gekräht hat. Genau das aber war auch das Ergebnis
der Rekonstruktion der Luhmannschen Systemtheorie über das Modell der soziologischen Erklärung. Fünftens. Mit der Luhmannschen Systemtheorie teilt das Modell der soziologischen Erklärung den Anspruch einer "Universaltheorie", wenigstens für die Sozialwissenschaften, wie die Soziologie, die Ökonomie, die Geschichtswissenschaften und die Sozialpsychologie. Die Ökonomie könnte die handlungstheoretischen Erweiterungen des Modells der Frame-Selektion gut gebrauchen, angesichts der doch kaum mehr abweisbaren Anomalien der orthodoxen Rational-Choice-Theorie, aber sie brauchte auch ihre Grundlagen nicht aufzugeben, weil es den Fall der rationalen Wahl unter speziellen Umständen natürlich auch weiter gibt, und das gerade dann, wenn "gerechnet" werden muss, um (am Markt) zu überleben. Die Geschichtswissenschaften könnten die verschiedenen Instrumente zur analytischen Erfassung von Situationslogiken gut nutzen, damit die - verbal inzwischen stark soziologisierten - historischen Rekonstruktionen mehr sein können als das erzählende Nachzeichnen nur plausibler Situationslogiken. Und der Sozialpsychologie täten ohne Zweifel schon die Beachtung der vielen Möglichkeiten einer theoretischen Modellierung ihrer diversen Einstellungs- und Identitätstheorien und der damit rekonstruierbaren Interaktions- und Gruppenprozesse wohl auch ganz gut. Nicht nur der Fairness halber sei freilich noch erwähnt, dass sich das Modell der soziologischen Erklärung aus allen diesen Nachbarwissenschaften viele wichtige Einzelheiten geborgt hat und ohne deren Arbeiten und Ergebnisse nicht denkbar wäre. Aber so sollte es eigentlich immer sein, denn es sind nicht die Fächer und ihre Grenzziehungen wichtig, sondern die Leistungsfähigkeit der Konzepte und Instrumente zur Beantwortung der Erklärungsfragen. Und die sind, weiß Gott, nicht bloß auf ein Fach verteilt gewesen, schon gar nicht auf die Soziologie alleine. Sechstens. Der Anspruch einer Universaltheorie bezieht sich selbstredend auch auf die Vorstellung,
dass es nun der etablierten Reviergrenzen der diversen Paradigmen, ähnlich wie für die Fächerabgrenzungen der Sozialwissenschaften insgesamt, wirklich nicht mehr bedarf, wenngleich eine gewisse arbeitsteilige Organisation des soziologischen Arbeitens nach wie vor sinnvoll ist. Alle diese Ansätze hatten und haben wichtige Aspekte zu dem Modell beigesteuert, und das Modell der soziologischen Erklärung ist allein deshalb eben nicht jener oft zu Recht beklagte Versuch, eine Richtung als die allein maßgebende in imperialistischer Manier vorzugeben. Vom normativen Paradigma stammt die Beachtung der Bindungskräfte der normativen Orientierungen; vom interpretativen Paradigma die der steuernden Kraft von Ideen und Symbolen wie die der Fähigkeit der Menschen zu intelligenten Problemlösungen in deren Rahmen; vom strukturtheoretischen Paradigma die Bedeutsamkeit der strukturell gegebenen Opportunitäten und Restriktionen, einschließlich der dadurch erzeugten "objektiven" Situationslogik des sozialen Handelns, etwa bei Konflikten; und vom utilitaristischen Paradigma die Interessen der Menschen und die vielen wichtigen Aggregationsmodelle, etwa von Märkten, strategischen Spielen, Verhandlungen und Tauschsystemen oder der Dynamik sozialer Prozesse. An vielen Stellen mögen die Verbindungen zu den Lieblingsprojekten der verschiedenen Paradigmen nicht gleich überdeutlich sein, aber es gibt, so weit bisher erkennbar geworden ist, keinerlei Anlass, das für grundsätzlich ausgeschlossen zu halten. Dieser Anspruch wird, wie allerdings schon allzu bemerken gewesen ist, als besonders anstößig empfunden, und zwar von allen beschriebenen Partial-Paradigmen, darunter, interessanterweise, auch vom utilitaristischen. Das Modell der soziologischen Erklärung kann leicht erklären, warum das so ist: Mit der Relativierung eines Paradigmas als bedingter Spezialfall des übergreifenden Konzeptes relativiert sich auch der Wert des, so wollen wir es nennen, paradigmenspezifischen Kapitals: die Erträgnisse
der Investitionen etwa in die jahrelange (ausschließliche) Lektüre von Parsons, von Mead, von Marx oder von Coleman. Neuinvestitionen sind teuer und ihr Gewinn ungewiss. Also lässt man sie, und garniert das mit dem rationalisierenden Gerede von den unübersteigbaren "Grenzen" einer solchen Idee. Von der Integration der verschiedenen Paradigmen in ein Konzept ergibt sich auch ganz zwanglos ein weiteres wichtiges Abfallprodukt: die Überwindung der (langweilig) gewordenen Streitigkeiten um das "Verstehen" mit den qualitativen Methoden und das "Erklären" mit den quantitativen. Darum geht es jetzt nicht mehr. Wohl aber darum, dass die theoretischen Hypothesen möglichst explizit gemacht, formal präzisiert, über eine übergreifende Theorie begründet und, wenigstens im Prinzip, einer systematischen empirischen Prüfung zugänglich gemacht werden. Und insoweit das manche Gewohnheit und Möglichkeit in dem einen oder anderen Lager stärker trifft, sind die empfundenen Anstößigkeiten dann letztlich doch nicht ganz gleich verteilt. Siebtens. Das alles trifft, nicht zuletzt, auch für die Luhmannsche Systemtheorie zu. Sie ist auch ein Versuch zur "fachuniversalen" Überwindung der herkömmlichen Paradigmengrenzen. Zunächst erscheint sie, sozusagen, als das makro-soziologische Gegenprogramm zum "mikro-soziologischen" Modell der soziologischen Erklärung. Das ist eine ganz und gar irreführende Vorstellung: Das Modell der soziologischen Erklärung beruht, wie der Methodologische Individualismus insgesamt, auf einer Kombination von Makro- und Mikroprozessen, und das gilt, trotz manchem anderen Bekunden, nicht zuletzt von Luhmann selbst, auch für die Systemtheorie: Das Geschehen ist eines der wechselseitigen Konstitution von sozialen und psychischen Systemen. Diesen Satz könnte man unmittelbar und genau so für das Modell der soziologischen Erklärung schreiben, wenn man das Wort "psychische Systeme" durch das Wort "Akteure" ersetzte. Akteure freilich kennt die Luhmannsche Systemtheorie an theor
etisch relevanter Stelle eigentlich nicht, und soziale Phänomene, die schon begrifflich nicht ohne Akteure definierbar sind, wie die soziale Ungleichheit oder demographische Vorgänge, fallen aus ihrem Aufmerksamkeitshorizont nicht zufälligerweise heraus. Die Priorität des Modells der soziologischen Erklärung gegenüber der Luhmannschen Systemtheorie lässt sich dann über zwei Aspekte begründen: Erstens folgt das Modell der soziologischen Erklärung in allen Einzelheiten den Vorgaben von (angemessenen) Erklärungen (als dem allgemeinsten und dem dann spezifischen Ziel der Wissenschaften insgesamt), worauf die Luhmannsche Systemtheorie schon gleich verzichtet, und daher den (eklatanten) Mangel an Erklärungsgehalt gar nicht als Mangel ansieht. Und zweitens erlaubt das Modell der soziologischen Erklärung, anders als die soziologische Systemtheorie mit ihrer Abdrängung der Akteure als auch theoretisch relevanten Einheiten, im Grundsatz die Analyse aller denkbaren sozialen Prozesse; also etwa nicht nur die der sozialen Differenzierung der Relationen sozialer Systeme, sondern auch die der sozialen Ungleichheit von (Aggregaten von) Akteuren und der damit oft zusammen hängenden Prozesse, wie soziale Bewegungen, Wanderungen oder die Etablierung abweichender Subkulturen ganz außerhalb der Funktionssysteme der modernen Gesellschaften. Achtens. Gleichwohl kann, nunmehr für manchen wohl: erstaunlicherweise, das Modell der soziologischen Erklärung nicht alles. Es ist eine Systematisierung der theoretischen Instrumente für eine an guten Erklärungen interessierte Soziologie bzw. Sozialwissenschaft, und es hat daher in seiner Abstraktheit eine gewisse Nähe zu den methodologischen und methodischen Grundlagen des Fachs. Es ist eher eine Methode der Sozialwissenschaften als bereits eine inhaltliche Analyse. Damit wird aber auch gleich deutlich, was das Modell der soziologischen Erklärung nicht ist, nicht sein kann und auch nicht sein will: Es bietet keine empirische oder theoretische "Gesel
lschaftsanalyse" und auch keinen Vergleich, sagen wir, der Nationalstaaten Europas in ihrer historischen Entwicklung. Sozialphilosophie, "Gesellschaftstheorie", "Wirklichkeitswissenschaft" und "Sozialstrukturanalyse" sind nicht die Aufgabe von Darlegungen der theoretischen Instrumente eines Fachs, so wie eine Einführung in die theoretische Volkswirtschaftslehre ja auch etwas anderes ist als, etwa, ein Buch über die Geschichte der wirtschaftlichen Entwicklung bestimmter Länder und Regionen. Gleichwohl sind die "Grundlagen" des Modells der soziologischen Erklärung gerade für die Analyse realer Gesellschaften, für die Erklärung unterschiedlicher Sozialstrukturen oder für eine Analyse der Eigendynamiken der modernen Gesellschaft und damit für die soziologische Gesellschaftstheorie von hoher Bedeutung: Wer, etwa, verstehen will, warum es eine "Autopoiesis" der Funktionssysteme und das Verschwinden funktionaler Zentren gibt, warum sich die Globalisierung so unwiderstehlich durchzusetzen scheint, warum die Bildungsungleichheit in Schweden geringer ist als in Großbritannien oder warum es in Jugoslawien erst wieder nach Tito und nach der osteuropäischen Transformation zu massiven ethnischen Konflikten gekommen ist, kommt um ein Verständnis, beispielsweise, von Marktprozessen, der Probleme des kollektiven Handelns, des Konzeptes der Erwartungen bei riskanten Entscheidungen oder dem des kulturellen Kapitals bzw. des Positionsgutes nicht herum. Kurz: Eine Soziologie der historischen "Wirklichkeit" und des beschreibenden Vergleichs von konkreten Gesellschaften bieten die "Grundlagen" nicht, wohl aber die methodologischen und theoretischen Instrumente für eine (sinn-)verstehende Erklärung der beobachteten Prozesse und Zusammenhänge. Und manche haben dann auch gemeint, dass es allein deshalb nutzlos oder gar irreführend wäre, weil es die substanzielle Soziologie als "Wirklichkeitswissenschaft" nicht schon sei. Man kann freilich nicht den Eindruck gewinnen, als ob man mit dem Zusta
nd dieser Art von Soziologie wirklich zufrieden sein könnte, und es gibt manchen Anlass zu raten, es doch auch mal mit guten Erklärungen zu versuchen. Anstößigkeiten sind der Soziologie und den Soziologen nicht fremd. Die Soziologie war eigentlich immer ein etwas verqueres Fach, und es gibt viele Gründe, davon auszugehen, dass das sogar eine Folge ihrer Entstehung und eine nahezu zwingende Voraussetzung ihrer Arbeitsweise ist. René König hat das, im Anschluss an Georg Simmel, in seinem Essay über "Die Juden und die Soziologie" einmal eindringlich beschrieben: Nur wer sich zwischen allen Stühlen wiederfindet, hat die Chance zu jener eigentümlichen Kombination von Nähe und Distanz, die die gute soziologische Arbeit so kennzeichnet, gerade dann, wenn man sich vom Alltagsgeschäft und seinen Empfindlichkeiten abgrenzen muss. Bei Alfred Schütz und bei Norbert Elias findet man ähnliche Überlegungen: Wie die Naturwissenschaftler haben auch die Soziologen nur die empirischen Belege und die logische Konsistenz ihrer Theorien zu interessieren und, etwa, politisch nicht korrekte Ergebnisse müssen ebenso mit kühler Distanz berichtet werden (können) wie solche, die dem persönlichen Geschmack oder dem intellektuellen Zeitgeist eher entsprechen. Anders aber als die Naturwissenschaftler müssen sich die Soziologen für das von ihnen untersuchte gesellschaftliche Leben selbst interessieren, alleine schon um es zu "verstehen", und sie müssen daher, wenigstens teil- und zeitweise, an ihm selbst teilnehmen und sich für ihr Problem daher auch durchaus emotional engagieren. In den vielen Spannungen, die das Fach nach wie vor durchziehen, lassen sich diese besondere Art der "doppelten Hermeneutik" und diese Kombination von "Engagement und Distanzierung" ablesen, die sich die Soziologie als einzige unter den diversen Gesellschaftswissenschaften aufgebürdet hat und aufbürden muss, und es ist sicher kein Zufall, dass die Geschichte der Soziologie nicht zuletzt stets auch eine Geschichte des Str
eites um ihre Methoden und der verschiedenen "Ansätze" gewesen ist, wie sie sich aus den beschriebenen unterschiedlichen Gesichtspunkten jeweils mit durchaus guten Gründen ableiten lassen. Nicht ohne Grund also war auch die Entwicklung des Modells der soziologischen Erklärung, ebenso wie die Beiträge und Diskussionen zur Erklärenden Soziologie insgesamt, stets von zahllosen Kontroversen, Einwänden und oft genug sogar empörter Zurückweisung begleitet. In dem hier vorgelegten Band sind einige der wichtigeren Stationen der in den Bänden zu den allgemeinen und den speziellen "Grundlagen" niedergelegten Entwicklung des Modells der soziologischen Erklärung dokumentiert. Es sind teilweise sehr programmatische Beiträge, etwa zur soziologischen Methode angesichts der Schwierigkeiten des klassischen Programms seit dem Niedergang des normativen Paradigmas oder zur Position der Soziologie heute, die anfangs noch recht tastenden Versuche zur Entwicklung des Modell der Frame- Selektion, zum Verhältnis zu anderen Ansätzen und auch einige als exemplarisch angesehene theoretische und/oder empirische Beiträge zu inhaltlichen Problemstellungen. Zu fast jedem der Beiträge gab es - mehr oder weniger heftige und zahlreiche - Repliken und Gegenrepliken, manchmal auch ganze Ketten von weiteren Debatten, ein Zeichen dafür vielleicht, dass mindestens manche Dinge nicht nur Anstoß erregten, sondern auch Anstoß gaben. Ursprünglich war ins Auge gefasst worden, auch diese Debatten und Diskussionen nachzuzeichnen, aber es zeigte sich bald, dass das jeden Rahmen sprengen würde. Einige, ebenfalls als zentral angesehene Beiträge, konnten aus Platzgründen leider nicht mehr aufgenommen werden, wie besonders der über die Figurationssoziologie von Norbert Elias, der 1984 in der Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie erschienen ist. Ein ganz besonderer Beitrag durfte freilich nicht fehlen: jener, der dem Begriff "Anstoß" eine weitere, zunächst ganz a-soziologisch erscheinende, Bedeutung
beizugeben in der Lage gewesen ist, und ohne den die Entwicklung des Modells der soziologischen Erklärung und des Fußballs insgesamt wohl kaum denkbar gewesen

Servicehotline
089 - 70 80 99 47

Mo. - Fr. 8.00 - 20.00 Uhr
Sa. 10.00 - 20.00 Uhr
Filialhotline
089 - 30 75 75 75

Mo. - Sa. 9.00 - 20.00 Uhr
Bleiben Sie in Kontakt:
Sicher & bequem bezahlen:
akzeptierte Zahlungsarten: Überweisung, offene Rechnung,
Visa, Master Card, American Express, Paypal
Zustellung durch:
* Alle Preise verstehen sich inkl. der gesetzlichen MwSt. Informationen über den Versand und anfallende Versandkosten finden Sie hier.
** Deutschsprachige eBooks und Bücher dürfen aufgrund der in Deutschland geltenden Buchpreisbindung und/oder Vorgaben von Verlagen nicht rabattiert werden. Soweit von uns deutschsprachige eBooks und Bücher günstiger angezeigt werden, wurde bei diesen kürzlich von den Verlagen der Preis gesenkt oder die Buchpreisbindung wurde für diese Titel inzwischen aufgehoben. Angaben zu Preisnachlässen beziehen sich auf den dargestellten Vergleichspreis.