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Der König verneigt sich und tötet

4. Auflage.
Buch (gebunden)
Das eindrucksvolle Bild einer Lebenserfahrung unter absoluter Herrschaft: Herta Müller, die bedeutende und sprachmächtige Autorin, wuchs auf im Rumänien unter der Diktatur Ceausescus. Hier erfuhr sie Sprache als Instrument der Unterdrückung, aber auc … weiterlesen
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Der König verneigt sich und tötet als Buch

Produktdetails

Titel: Der König verneigt sich und tötet
Autor/en: Herta Müller

ISBN: 3446203532
EAN: 9783446203532
4. Auflage.
Hanser, Carl GmbH + Co.

25. August 2003 - gebunden - 208 Seiten

Beschreibung

Das eindrucksvolle Bild einer Lebenserfahrung unter absoluter Herrschaft: Herta Müller, die bedeutende und sprachmächtige Autorin, wuchs auf im Rumänien unter der Diktatur Ceausescus. Hier erfuhr sie Sprache als Instrument der Unterdrückung, aber auch als Möglichkeit des Widerstands und der Selbstbehauptung gegenüber der totalitären Macht. Und dieses Sprachbewusstsein stellt sie neben Erinnerungen an die Kindheit in den Mittelpunkt ihrer poetischen und politischen Selbstbefragung.

Portrait

Herta Müller, geboren 1953 im deutschsprachigen Nitzkydorf/Rumänien, studierte 1973 - 76 deutsche und rumänische Philologie in Temeswar. Nach dem Studium arbeitete sie als Übersetzerin in einer Maschinenfabrik. Sie wurde entlassen, weil sie sich weigerte für den rumänischen Geheimdienst "Securitate" zu arbeiten. Ihr erstes Buch "Niederungen" lag danach 4 Jahre beim Verlag und wurde 1982 nur zensiert veröffentlicht. 1984 erschien es in der Originalfassung in Deutschland. Herta Müller konnte danach in Rumänien nicht mehr veröffentlichen und war immer wieder Verhören, Hausdurchsuchungen und Bedrohungen durch die Securitate ausgesetzt. 1987 Übersiedlung nach Deutschland. 1989 - 2001 Gastprofessuren an Universitäten in England, Amerika, Schweiz und Deutschland. Seit 1995 Mitglied der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung, Darmstadt. Herta Müller wurde mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet. So erhielt sie 2006 den Würth-Preis für Europäische Literatur für ihr literarisches Gesamtwerk, den Walther-Hasenclever-Werkpreis sowie die Ehrengabe der Heine-Gesellschaft. 2009 erhielt Herta Müller den Nobelpreis für Literatur und den Franz-Werfel-Menschenrechtspreis. 2010 wurde ihr der Hoffmann-von-Fallersleben-Preis für zeitkritische Literatur verliehen, 2012 erhielt sie die Ehrendoktorwürde der Universität Paderborn, 2014 wurde sie mit dem Hannelore-Greve-Literaturpreis ausgezeichnet, 2015 mit dem Heinrich-Böll-Preis der Stadt Köln sowie dem Friedrich Hölderlin Preis der Universität Tübingen. Die Autorin lebt in Berlin.

Leseprobe

In jeder Sprache sitzen andere Augen

In der Dorfsprache - so schien es mir als Kind - lagen bei allen Leuten um mich herum die Worte direkt auf den Dingen, die sie bezeichneten. Die Dinge hießen genauso, wie sie waren, und sie waren genauso, wie sie hießen. Ein für immer geschlossenes Einverständnis. Es gab für die meisten Leute keine Lücken, durch die man zwischen Wort und Gegenstand hindurch schauen und ins Nichts starren mußte, als rutsche man aus seiner Haut ins Leere. Die alltäglichen Handgriffe waren instinktiv, wortlos eingeübte Arbeit, der Kopf ging den Weg der Handgriffe nicht mit und hatte auch nicht seine eigenen, abweichenden Wege. Der Kopf war da, um die Augen und Ohren zu tragen, die man beim Arbeiten brauchte. Die Redewendung: »Der hat seinen Kopf auf den Schultern, damit es ihm nicht in den Hals regnet,« dieser Spruch konnte auf den Alltag aller angewendet werden. Oder doch nicht? Warum riet meine Großmutter meiner Mutter, wenn es Winter und draußen nichts zu tun, wenn mein Vater ohne Unterlaß Tage hintereinander sturzbesoffen war: »Wenn du meinst, daß du nicht durchhältst, dann räum den Schrank auf.« Den Kopf still stellen durchs Hin- und Herräumen von Wäsche. Die Mutter sollte ihre Blusen und seine Hemden, ihre Strümpfe und seine Socken, ihre Röcke und seine Hosen neu falten und stapeln oder nebeneinander hängen. Frisch beieinander sollten die Kleider der Beiden verhindern, daß er sich aus dieser Ehe heraus säuft.
Wörter begleiteten die Arbeit nur dann, wenn mehrere zusammen etwas taten, und einer auf den Handgriff des anderen angewiesen war. Aber auch da nicht immer. Schwerstarbeit wie Säcketragen, Umgraben, Hacken, mit der Sense mähen war eine Schule des Schweigens. Der Körper war zu beansprucht, um sich im Reden zu verausgaben. Es konnten zwanzig, dreißig Leute stund
enlang schweigen. Manchmal dachte ich, beim Zusehen, ich sehe jetzt zu, wie das geht, wenn Leute das Sprechen verlernen. Sie werden alle Wörter vergessen haben, wenn sie aus diesem Schuften wieder draußen sind.
Was man tut, muß nicht im Wort verdoppelt werden. Worte halten die Handgriffe auf, sie stehen dem Körper regelrecht im Weg - das kannte ich. Aber die Nichtübereinstimmung zwischen draußen bei den Händen und drinnen im Kopf, das Wissen: jetzt denkst du etwas, was dir nicht zusteht und dir niemand zutraut, das war etwas anderes. Das kam nur dann, wenn die Angst kam. Ich war nicht ängstlicher als andere, hatte nur wie sie wahrscheinlich auch die vielen grundlosen Gründe Angst zu haben - im Kopf gebaute, ausgedachte Gründe. Aber diese ausgedachte Angst ist keine bloß eingebildete, sie ist gültig, wenn man sich mit ihr herumschlagen muß, da sie so wirklich ist wie die von außen begründete Angst. Man könnte sie, gerade weil sie im Kopf gebaut ist, auch kopflose Angst nennen. Kopflos, weil sie keine genaue Ursache und keine Abhilfe kennt. Emil M. Cioran sagte, die Augenblicke der grundlosen Angst kämen der Existenz am nächsten. Plötzliche Sinnsuche, das nervliche Fieber, das Frösteln des Gemüts bei der Frage: Was ist mein Leben wert. Diese Frage machte sich herrisch über das Gewöhnliche her, blinkte aus den ganz »normalen« Augenblicken. Ich mußte weder Hunger leiden noch barfuß laufen, lag abends in frischbezogenem, knirschend gebügeltem Bettzeug zum Einschlafen. Man hatte mir noch das Lied: »Bevor ich mich zu Ruh begeb/ zu dir oh Gott mein Herz ich heb« gesungen, bevor das Licht ausgeknipst wurde. Dann aber wurde der Kachelofen neben dem Bett ein Wasserturm, der vom Dorfrand mit dem wilden Wein. Das schöne Gedicht von Helga M. Novak »Der Wilde Wein um den Wasserturm verfärbt sich ganz,
wenn er verblüht ist wie die Unterlippen der Soldaten« kannte ich damals noch nicht. Das Gebet, das beruhigen und mich direkt in den Schlaf ziehen sollte, wirkte umgekehrt, es wühlte den Kopf auf. Ich habe es darum auch später und bis heute nie verstanden, wie der Glaube die Angst der Menschen beruhigen kann, wie er anderen das Gleichgewicht bringt und sich eignet fürs Stillhalten der Gedanken im Schädel. Denn jedes auch noch so oft hergeleierte Gebet wurde ein Paradigma. Es verlangte nach der Interpretation meines eigenen Zustands. Der Platz der Füße ist auf dem Boden, etwas höher sind der Bauch, die Rippen, der Kopf. Am höchsten das Haar. Und wie hebt man das Herz durchs Haar über eine dicke Zimmerdecke zu Gott. Weshalb singt eine Großmutter mir diese Worte, wenn sie das, was sie verlangen, selber nicht tun kann.



Pressestimmen

"Ein sprachanalytisches Kunstwerk, das in eine Welt hinter den Wörtern führt." Sibylle Cramer, Frankfurter Rundschau, 20.09.03 "Herta Müllers Bücher entfachen einen poetischen Sturmlauf hinter der Stirn des Lesers. ... Herta Müllers Sprache ist aus einem anderen Holz geschnitzt als das verwöhnte Zierpflänzchen weiter Teile der deutschen Gegenwartsliteratur. Sie ist, wie die titelgebende Schachfigur ihrer jüngsten Essays, aus dem Stoff der zugleich feinsten und gröbsten Zweideutigkeit, Zug um Gegenzug der König, der sich verneigt und tötet." Aus der Laudatio zum Joseph-Breitbachpreis. Andrea Köhler, Neue Zürcher Zeitung, 27.09.03 "Das Bestürzende ihrer Essays liegt im Geheimnis ihrer schönen Sprache. Jedes ihrer Wörter ist ernst, das heißt, sie wiegen schwerer als das ganze Buch." Michael Naumann, Die Zeit, 05.02.04 "Dass Müller die Leser auf fantastische, oft beängstigende Pfade mitnimmt, ist ein wunderbares Geschenk: Wann kann man schon Sprache so genießen, wie gerade erschaffen, und zugleich klug darüber nachdenken." Simone Dattenberger, Münchner Merkur, 16.12.03 "Diese Essays ergänzen einerseits das Romanwerk der Autorin in intensiver Auseinandersetzung mit dem psychologischen und sprachlichen Auswirkungen politischer Repression. Aber vor allem sind es stilistisch eigenwillige und selbständige kleine Kunstwerke, die Lesevergnügen bewirken [...]." Ruth Klüger, Literaturen, 05/04
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