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Ein Bräutigam und zwei Bräute

Geschichten. Originaltitel: More Stories from my Father's Court. 2. Auflage.
Buch (gebunden)
Neues vom Nobelpreisträger Isaac Bashevis Singer: 27 Geschichten des großen Erzählers liegen hier erstmals auf Deutsch vor. So erzählt er von einem Handwerker, der eine Prostituierte heiraten will, oder von einem armen Klempner, ... weiterlesen
Buch

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Ein Bräutigam und zwei Bräute als Buch
Produktdetails
Titel: Ein Bräutigam und zwei Bräute
Autor/en: Isaac Bashevis Singer

ISBN: 3446204679
EAN: 9783446204676
Geschichten.
Originaltitel: More Stories from my Father's Court.
2. Auflage.
Übersetzt von Sylvia List
Hanser, Carl GmbH + Co.

15. März 2004 - gebunden - 224 Seiten

Beschreibung

Neues vom Nobelpreisträger Isaac Bashevis Singer: 27 Geschichten des großen Erzählers liegen hier erstmals auf Deutsch vor. So erzählt er von einem Handwerker, der eine Prostituierte heiraten will, oder von einem armen Klempner, der alles dafür gibt, um aus seinem Sohn einen Rabbi zu machen. Ein faszinierendes Bild der untergegangenen Welt des Ostjudentums zu Beginn des 20. Jahrhunderts.

Portrait

Isaac Bashevis Singer, geb. am 14.7.1904 in Radzymin in Polen geboren und wuchs in Warschau auf. Er erhielt eine traditionelle jüdische Erziehung. Mit 22 Jahren begann er, für eine jiddische Zeitung in Warschau Geschichten zu schreiben, zuerst auf hebräisch, dann auf jiddisch. 1935 emigrierte er in die USA und gehörte dort bald zum Redaktionsstab des 'Jewish Daily Forward'. 1978 wurde ihm für sein Gesamtwerk der Nobelpreis für Literatur verliehen. Für Aufsehen sorgten auch die Verfilmungen seiner Werke 'Feinde, die Geschichte einer Liebe' und 'Yentl'. Singer starb am 24.7.1991 in Miami.

Leseprobe

Ein Stück Finsternis
Die Tür ging auf, und eine alte Frau mit Stock trat ein. Sie war nicht weiß, sondern schwarz: Sie trug eine zottelige schwarze Frauenperücke, hatte ein dunkles, runzliges Gesicht, schwarze Augen, ein schwarzes Bärtchen an der Spitze ihres vorstehenden Doppelkinns - und sie trug ein schwarzes Umschlagtuch und ein so langes schwarzes Kleid, daß es den Boden hinter ihr zu fegen schien. Mit hohem Alter verbindet man gewöhnlich Ruhe und Frieden, aber bei dieser Frau hatte es etwas Finsteres, Hexenhaftes. Überall sprossen ihr Barthaare und Warzen. Sie hatte jedoch ein jüdisches Anliegen. Sie sei alt, sagte sie. Sie hatte ein wenig Geld gespart, das sie bei Lebzeiten nicht aufbrauchen würde. Da sie kinderlos war, wollte sie einen achtbaren Mann verpflichten, der eines Tages zu ihrem Andenken Kaddisch sagen würde. Sie schlug vor, mein Vater solle das tun, und war bereit, ihm einen Vorschuß von hundert Rubeln zu geben. Der Rest sollte nach ihrer Beerdigung gezahlt werden. Wir hätten das Geld gut gebrauchen können, aber mein Vater lehnte ab. Er sagte, niemand wisse, was morgen sei. Wie könne er da Geld von ihr annehmen? Niemand habe einen Vertrag mit dem Allmächtigen. Ich spürte, daß Vater noch andere Bedenken hatte. Er wollte nicht vom Tod eines anderen profitieren, selbst wenn es der einer alten Frau war. Die ganze Sache war ihm zuwider.
Doch die alte Frau ließ nicht locker. Wenn der Rabbi ihr nicht helfen könne, wer dann, forderte sie laut und pochte mit dem Stock. Vater überlegte, wer diese Aufgabe übernehmen könnte, und fand rasch den rechten Mann. Im Bethaus gab es einen kleinen Mann mit grauem Bärtchen, frischer Gesichtsfarbe und jungen Augen. Obwohl nicht mehr der Jüngste, hatte er noch immer einen munteren Gang. Er trank oft, dachte sich Geschichten aus und machte seine Späßchen. Ganz offensichtlich war er gesund, Gott sei Dank, und würde noch viele Jahre zu leben haben. Er war ein kleiner Krämer gewesen, doch jetzt unterstützte ihn sein
Schwiegersohn, ein wohlhabender Obstgroßhändler. Vater ließ den Mann holen. Als er ihm die Bitte der Alten vortrug, war der Mann sofort einverstanden. Er rieb sich die geröteten Hände und sagte: Warum nicht? Kaddisch ist Kaddisch.
Die Alte starrte ihn finster an. Ihre schwarzen Augen schienen sich in ihn hineinzubohren, um seine innersten Geheimnisse zu ergründen. Nach einem kurzen Augenblick rief sie: Er soll bei dem Totengebet für mich auch Vorbeter sein.
Warum nicht? Ich mache den Vorbeter.
Ein ganzes Jahr lang! stieß die Alte zornig hervor.Gewiß, das ganze Jahr hindurch.
Und an meinem Todestag soll ein Jahrzeitlicht für mich entzündet werden, und Sie müssen die Mischna studieren.
Die Mischna studiere ich sowieso...
Ich will einen Vertrag und einen Handschlag.
Hier schaltete Vater sich endlich ein: Wir können eine schriftliche Vereinbarung treffen, aber ein Handschlag ist nicht nötig. Wenn ein Jude ein Versprechen abgibt, hält er sein Wort, so Gott will.
Sie, Rabbi, würden Ihr Versprechen halten, aber ihm traue ich nicht! erklärte die Frau mit einer Heftigkeit, die ihr Alter Lügen strafte. Wenn Sie ihm nicht trauen, hat es keinen Sinn, sagte Vater. Bei einer solchen Sache muß man darauf vertrauen, daß der andere Wort hält.
Rabbi, Ihnen vertraue ich.Der grauhaarige Mann stand die ganze Zeit dabei, und seine Miene sagte: Wie immer es läuft, ich kann gut ohne diese Frau auskommen... Er trug einen wattierten grauen Kaftan, eine Plüschkappe, ein rotes Halstuch und Lederstiefel, die unverwüstlich aussahen. Seine von Äderchen überzogenen roten Wangen zeigten deutlich, daß er gerne trank und voller Lebenssaft war. Er holte eine Schnupftabakdose heraus, schüttete sich eine Prise in die Hand und zog sie durch seine behaarten Nasenlöcher tief ein. Er nieste nicht einmal. Wir Chederschüler sagten immer, nicht zu niesen sei ein sicheres Zeichen, daß der Tabak direkt ins Gehirn ging...
Schließlich setzten sie einen Vertrag auf, und der M
ann unterschrieb. Als er vorschlug, den Abschluß mit einem Glas Schnaps zu besiegeln, schickte die Alte mich hinunter, um eine Flasche und Eierküchel zu besorgen. Der Mann schenkte sich ein großes Glas ein, und die Frau selber trank auch eins. Vater trank nicht. Der Mann, der Kaddischbeter, füllte sich das Glas zum zweitenmal und rief: Jetzt haben Sie einen, der für Sie Kaddisch sagt - mögen Sie noch hundertzwanzig Jahre leben! Die Alte schüttelte den Kopf. Wozu ist mein Leben nütze?
Sie hatte vorgehabt, meinem Vater hundert Rubel Vorschuß zu zahlen, doch dem Alten gab sie nur fünfundzwanzig und versprach, der Rest werde nach ihrem Tod beglichen. Der Alte willigte in alles ein und verschwand dann. Die Frau blieb noch; sie kam in die Küche und deutete Mutter an, daß sie mit dem Handel nicht zufrieden war. Sie habe kein Vertrauen zu diesem Menschen. Meine Mutter hörte sie an und sagte: Das beste ist, für sich selbst Kaddisch zu sagen.
Wie soll das denn gehen, meine Liebe?
Man tut gute Werke. Man betet. Man wahrt Jüdischkeit. Man spricht nicht schlecht von anderen. All das ist besser als das beste Kaddisch.
Die Alte sann darüber nach und ging dann. Einige Monate vergingen. Plötzlich öffnete sich die Tür, und die Alte humpelte herein, schwarz wie eine Krähe. Selbst ihre Nase glich einem Krähenschnabel.
Rebbezin, ich bin hereingelegt worden.
Was ist passiert?
Stellen Sie sich vor, dieser dämliche Windbeutel will heiraten.
Offenbar wollte der alte Mann, ihr Kaddischbeter, ein Miststück heiraten, das auf dem Markt faulige Äpfel verkaufte.Im ersten Augenblick war Mutter überrascht, dann fragte sie: Was ist daran so schlimm? Er hat Ihnen versprochen, Kaddisch zu sagen, und wird das auch tun. Seine Frau wird es nicht zulassen.
Warum nicht?
Weil sie ein Biest ist.Die Frau bestand darauf, daß wir ihren Kaddischbeter holten. Ich mußte nicht allzuweit laufen, denn das Ganze spielte sich in unserem Hof ab. Der Mann saß im Bethaus und erzählt
e Geschichten. Er kam sofort mit. Kaum erblickte er die Alte, funkelten seine Augen.
Was will sie diesmal?
Die Alte erklärte, da er heiraten wolle, reue sie der ganze Handel. Reue und Geschäft sind zwei Paar Stiefel, erwiderte der alte Mann. Die Alte wollte ihre fünfundzwanzig Rubel zurück, aber der Mann sagte, er habe sie schon ausgegeben. Er scharrte ungeduldig mit den dickbesohlten Lederstiefeln. So ein Schlamassel! entfuhr es ihm. Es war kein einfacher Rechtsstreit. Der Mann stritt nichts ab. Er hatte das Geld schon verbraucht. Er hatte mit der Alten nicht vereinbart, daß er nicht heiraten dürfe. Für einen Vergleich war kein Raum, weil der Mann nicht willens war, auch nur eine einzige Kopeke zurückzuzahlen. Vater sagte, die Heirat des Mannes sei kein Hindernis, Kaddisch zu sagen. Wie sollte denn das eine mit dem anderen zu tun haben? Aber die Alte war wütend. Ihr Gebrummel und Gemurmel verhieß nichts Gutes. Sie starrte den Mann finster an. Mir kam es vor, als wolle sie ihn mit dem bösen Blick verhexen und ihn vernichten.
Ich werde mir jemand anderes suchen müssen, rief sie.
Warum denn? Ich werde für Sie Kaddisch sagen.
Ich will Ihr Kaddisch nicht.
Dann eben nicht.
Das Geld, das er von mir hat, wird ihm Unglück bringen, prophezeite die Alte düster. Der alte Mann heiratete. Ein paar Wochen nach der Hochzeit kam er ins Bethaus. Seine roten Wangen waren fahl geworden. Er ging gebückt. Die Stiefel schienen ihm jetzt viel zu groß. Die Männer im Bethaus hänselten ihn: Na, wie geht's dem jungen Ehemann?
Der Mann spuckte aus. Nicht gut.
Was ist los?
Eine Hexe, das niederträchtigste Stück, das man sich vorstellen kann.
Was will sie denn?
Was weiß ich? Sie piesackt mich. Sie läßt mich mit ihrem Gekeife nachts nicht schlafen. Sie weckt die Nachbarn. Die Leute kommen und hämmern gegen die Tür. Also, was will sie?
Weiß der Kuckuck. Sie redet wie eine Irre, möge das keinem von uns widerfahren!
Und was willst du nun tun? Z
urückgehen zu deiner Toch

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