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»Ich besaß einen Garten in Schöneiche bei Berlin«

Das verwaltete Verschwinden jüdischer Nachbarn und ihre schwierige Rückkehr. 100 Abbildungen.
Buch (kartoniert)
Die Enteignung jüdischer Nachbarn und die deutsche Bürokratie Schöneiche ist ein ruhiger, grüner Ort im Speckgürtel von Berlin. 1933 waren 170 der 5000 Einwohner jüdisch - ein paar Jahre später waren die jüdischen Nachbarn verschwunden, in ihren Häu … weiterlesen
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Produktdetails

Titel: »Ich besaß einen Garten in Schöneiche bei Berlin«
Autor/en: Jani Pietsch

ISBN: 3593380277
EAN: 9783593380278
Das verwaltete Verschwinden jüdischer Nachbarn und ihre schwierige Rückkehr.
100 Abbildungen.
Campus Verlag GmbH

März 2006 - kartoniert - 280 Seiten

Beschreibung

Aus zum Teil heimlich zugesteckten Hinweisen älterer Bewohner und Unmengen von Archivmaterial rekonstruiert Jani Pietsch die Schicksale der jüdischen Schöneicher und das Verhalten ihrer Nachbarn. Das bürokratische Handlungsgeflecht der Enteignung, das sie enthüllt, reichte vom Bürgermeister über den Landrat und die Kreisverwaltung bis zum Regierungspräsidenten, von der Gebrauchtwarenhändlerin über den Transportunternehmer bis zum Käufer und Nachmieter. Die Geschichte endet freilich nicht 1945. Schöneiche gehörte zur DDR, und für die Überlebenden und ihre Kinder und Enkel taten sich endlose bürokratische Hindernisse auf,die eine Rückgabe und Entschädigung verzögerten - auch noch nach dem Fall der Mauer. Jani Pietsch erzählt vor allem von den Menschen und vermittelt dabei das Psychogramm eines ganz normalen Ortes ebenso wie das Räderwerk einer seelenlosen Bürokratie.

Inhaltsverzeichnis

I.Inmitten der Peripherie - Eine Einführung
II.Geflüchtet
Daten und Fakten zur Emigration
Wir vier sind G'tt sei Dank gesund
Briefe in die Emigration
Betty und Hermann Baranski, Edith und
Bruno Neumann, Ruth Neumann
Keine Kunst in Großbritannien
Max und Margarete Levy
Friedhof Shanghai
Eugen Wolffheim
Mit Lenin und Stalin nach Prag, Paris und London
Ilse Kroner
III. Deportiert
Daten zu Deportationen und Mord
Nach Osten
Lilly und Ernst Baum
Wir müssen verreisen
Bertha und Samuel Breslauer
Der Tod vor der Deportation
Fritz Soberski
IV.Untergetaucht
Daten zur Flucht in die Illegalität
Mit 67 Jahren in den Untergrund
Cecilie Rudnik
Beim Maurermeister
Sally Simoni
Zivilcourage in Uniform
Max Dittrich
V.Geschützt?
Daten zu jüdisch-nichtjüdischen Familien
Karriere geht vor
Susanne Ritscher
Zu Juden gemacht
Wolfgang Kolsen
Ein Glück
Hermann Doeblin
Katholische Witwe mit sieben Kindern
Martha Fleischer
VI.Verwaltet und entschädigt
Daten zur Entschädigung in Ost und West
Stadtschularzt will seinen Arbeitsplatz zurück
Julius Goldstein
Anerkennung als rassisch Verfolgter verweigert
Rudolf Osten
Haus gegen Leben
Kurt Louis und Martha Ellon, Heinz Ellon
Chronologie eines Gartens
Sophie und David Engländer
VII. Die Namen der jüdischen Schöneicher
VIII. Anhang
1. Anmerkungen
2. Archive
3. Nicht veröffentlichte Quellen
4. Interviews
5. Veröffentlichte Quellen
6. Literatur
7. Abbildungsnachweis
8. Abkürzungen
Dank

Portrait

Jani Pietsch, Politikwissenschaftlerin und Historikerin, lebt als freie Autorin und Sachbuchlektorin in Schöneiche bei Berlin. Sie organisierte 2001 eine Ausstellung zum Thema, die im Brandenburgischen Landtag, der Staatskanzlei Potsdam und in der Kleinen Synagoge in Erfurt zu sehen war.

Leseprobe

Beim Maurermeister
Sally Simoni und Franz Künkel sind seit Ende der 30er Jahre beruflich miteinander bekannt.1 Franz Künkel ist Maurerpolier und lebt seit 1920 in einem Ortsteil von Schöneiche, der Villenkolonie genannt wird. Künkels Haus ist jedoch keine Villa. Franz und seine Frau Emma haben selbst gebaut, Verwandte haben mitgeholfen. Wie ein Spielzeugwürfel mit angebauter Veranda liegt ihr graues Steinhäuschen in der Lindenstraße.
Der am 10. Mai 1905 geborene Sally Simoni ist Schneider und könnte vom Alter her fast der Sohn von Künkels sein. Der Junggeselle wohnt mit den Eltern in einer winzigen Schneiderwerkstatt in der Landsberger Allee 10 am Berliner Friedrichshain. Im vorderen Raum wird zugeschnitten, genäht und gebügelt, in den hinteren Zimmern wohnt die Familie. Im Jahr 1939 ist ihre Schneiderei einer von 5.800 jüdischen Handwerksbetrieben im Deutschen Reich, die unter Zwang geschlossen werden.2 Irgendwann in dieser Zeit sagt Franz zu Sally, Wenn mal was ist, kannst du dich melden. Sally Simoni ist Jude. Franz Künkel nicht. Wir helfen dir, soweit möglich. Als Sozialdemokrat hat er in etwa eine Vorstellung davon, was Verfolgung heißt.
Im Frühjahr 1943 ist es soweit. Am 27. Februar wird Sally Simoni an seiner Arbeitsstelle, den Märkischen Kabelwerken in der Berliner Jungfernheide, verhaftet. Die Massenverhaftung der über 10.000 noch in Berlin verbliebenen Juden, die mit einem arischen Ehepartner verheiratet sind, einer solchen Ehe entstammen oder in einem kriegswichtigen Betrieb arbeiten, wird gefolgt von der Deportation von mehr als 6.000 Juden zwischen dem 1. und 4. März 1943.3 Hertha Bock, eine der beiden Schwestern von Sally, und ihr Mann Kurt gehören zu den Deportierten.4 Auch in Breslau, Dresden und in anderen Städten werden Juden verhaftet, die - wie Sally - in der Rüstungsproduktion Zwangsarbeit leisten.
Die mit Hilfe der Waffen-SS überfallartig durchgeführte Razzia der Gestapo steht unter dem Motto Berlin wird judenfrei. Auf Lastwagen
werden die jüdischen Zwangsarbeiter morgens um acht Uhr von ihren Arbeitsplätzen in den Hof der ehemaligen Synagoge in der Charlottenburger Levetzowstraße geschafft. Im ersten Durcheinander gelingt es Sally Simoni, sich unbemerkt unter einen der Lastwagen zu werfen. Stundenlang harrt er dort aus, ohne sich zu bewegen. Es ist bereits Nacht, als die Türen des Fahrerhauses aufgerissen werden und der Motor anspringt. Der 38-jährige Sally Simoni klammert sich an dem öligen Gestänge unter dem Lastwagen fest und schafft es, sich daran festzuhalten, während der LKW das Tor passiert und in die Straße einbiegt. An der nächsten Ecke lässt Sally los. Noch im Aufschlagen auf dem Pflaster sieht er die rot leuchtenden Schlusslichter, der Wagen rumpelt weiter. Sally Simoni verliert keine Zeit. Bereits im Gehen reißt er den Stern von der Jacke ab, dann erst klopft er den Straßenstaub von seinen Sachen. Auf direktem Weg läuft er den weiten Weg quer durch die Stadt bis zur Landsberger Allee. Er weiß, dass seine Eltern noch zu Hause und ebenfalls in Gefahr sind, deportiert zu werden. Er lässt ihnen kaum Zeit, eine Strickjacke oder Wäsche zum Wechseln in eine Tasche zu packen, bevor sie die vertraute Umgebung hinter sich lassen.

Pressestimmen

Die Ausgräberin "Jani Pietsch hat Geschichten aus einem kleinen Ort gesammelt. Doch sie hat sie so aufgeschrieben, dass sie ein allgemein gültiges Schlaglicht auf den Umgang der Deutschen mit ihren verfolgten Nachbarn werfen." (Die Märkische, 08.04.2006)
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