Werke 2. Jenseits von Schuld und Sühne. Unmeisterliche Wanderjahre. Örtlichkeiten als Buch
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Werke 2. Jenseits von Schuld und Sühne. Unmeisterliche Wanderjahre. Örtlichkeiten

'Werke. Die Ausgabe wird unterstützt von der Hamburger zur Förderung der Wissenschaft und Kultur'. 2. , Aufl.…
Buch (gebunden)
Die bahnbrechenden Essays von einem der bedeutendsten europäischen Schriftsteller und Intellektuellen.
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Werke 2. Jenseits von Schuld und Sühne. Unmeisterliche Wanderjahre. Örtlichkeiten als Buch

Produktdetails

Titel: Werke 2. Jenseits von Schuld und Sühne. Unmeisterliche Wanderjahre. Örtlichkeiten
Autor/en: Jean Amery

ISBN: 3608935622
EAN: 9783608935622
'Werke. Die Ausgabe wird unterstützt von der Hamburger zur Förderung der Wissenschaft und Kultur'.
2. , Aufl.
Lesebändchen.
Herausgegeben von Gerhard Scheit, Irene Heidelberger-Leonard
Klett-Cotta Verlag

1. November 2002 - gebunden - 852 Seiten

Beschreibung

Jean Améry zählt zu den bedeutendsten europäischen Schriftstellern und Intellektuellen. Seine bahnbrechenden Essays sind in ihrer Bedeutung wohl nur mit den Schriften Hannah Ahrendts und Theodor W. Adornos zu vergleichen. Améry hat wie kein anderer die deutsche Öffentlichkeit mit französischen Dichtern und Denkern wie Proust und Flaubert, Sartre und Simone de Beauvoir bekannt gemacht; bereits Mitte der sechziger Jahre setzte er sich mit dem französischen Strukturalismus auseinander. Als Romancier allerdings ist Améry zu Lebzeiten noch kaum wahrgenommen worden - seine Romane und Romanfragmente sind erst noch zu entdecken. Zum ersten Mal hat man einen Gesamtüberblick über die Vieseitigkeit dieses europäischen Denkers. Die auf neun Bände angelegte Ausgabe stellt den Kulturkritiker wie den Romancier vor, zum Teil mit noch nie erschienenen Texten. Jeder Band enthält einen Dokumentationsteil und ein eingehendes Nachwort zur Entstehung und Rezeption der jeweiligen Texte.
Der Eröffnungsband enthält "Jenseits von Schuld und Sühne", mit dem der Autor 1966 schlagartig berühmt wurde. Im Anhang zu dieser Neuausgabe sind frühe, in Auschwitz-Monowitz begonnene Aufzeichnungen abgedruckt - Urtexte zu Amérys Denken über Tortur, Auschwitz und die "Psychologie des deutschen Volkes". Weiterhin enthalten sind die Sammlungen "Unmeisterliche Wanderjahre" und "Örtlichkeiten".

Portrait

Jean Améry, im Oktober 1912 als Hans Mayer in Wien geboren, zählt zu den bedeutendsten europäischen Intellektuellen der sechziger und siebziger Jahre. Seine bahnbrechenden Essays sind in ihrer Bedeutung vielleicht nur mit den Schriften Hannah Arendts und Theodor W. Adornos zu vergleichen. Als Reflexion über die Existenz im Vernichtungslager stehen sie vermutlich Primo Levis Büchern am nächsten. Zugleich jedoch hat Améry wie kaum ein anderer Intellektueller die deutsche Öffentlichkeit mit französischen Denkern und Schriftstellern bekannt gemacht und konfrontiert. Jean Améry starb im Oktober 1978 durch eigene Hand.

Leseprobe

Irene Heidelberger-Leonard: Über Améry und Band 2 der Neuen Ausgabe Jean Améry zählt zu den bedeutendsten europäischen Intellektuellen der sechziger und siebziger Jahre. Seine Essays waren geradezu bahnbrechend, was den Diskurs über Auschwitz und die deutsche Vergangenheit betrifft. Sie sind in ihrer intellektuellen Bedeutung vielleicht nur mit den zeitgenössischen Schriften Hannah Arendts, Theodor W. Adornos oder Alexander Mitscherlichs zu vergleichen. Als Reflexion über die Existenz im Vernichtungslager stehen sie vermutlich Primo Levis Büchern am nächsten. Zugleich jedoch hat Améry wie kaum ein anderer Intellektueller die deutsche Öffentlichkeit mit französischen Denkern und Schriftstellern ebenso bekanntgemacht wie konfrontiert. Die lebenslange, in sich widersprüchliche Affinität zur Philosophie Sartres und die früh einsetzende, scharfe Kritik an den Positionen Foucaults zeigen ihn als geistigen Vermittler, dem das Vermittelte zur sinnlichen Erfahrung wurde. Mit seinen Arbeiten über deutsche, österreichische und französische Autoren und Autorinnen der Vergangenheit und Gegenwart (von Thomas Mann bis zu Ingeborg Bachmann und Thomas Bernhard) gehört er zu den einfühlsamsten und kenntnisreichsten Literaturkriti-kern seiner Zeit. Er selbst blieb als Romancier zeitlebens mißverstanden seine Romanfragmente, Romane und Roman-Essays sind erst noch zu entdecken oder in ihrer Bedeutung neu zu bewerten. Die neue große Ausgabe der Werke Jean Amérys bringt nun zum ersten Mal in geschlossener Form alle wichtigen Werke und Schriften, darunter auch das bisher unpuzblizierte, frühe Romanfragment »Die Schiffbrüchigen«. Hinzu kommen eigene Bände mit Briefwechsel und Rezeptionszeugnissen. Die Ausgabe ermöglicht damit die vielfältigen, bisher fast immer nur getrennt wahrgenommenen Arbeiten im Zusammenhang zu sehen und damit auf neue Weise zu verstehen. Durch Abdruck bisher unveröffentlichter oder in Vergessenheit geratener früher Texte kann die Entwicklung von Amérys Denken und Schreiben nachvollzogen werden. Ein umfangreiches Nachwort soll jeden einzelnen Text erläutern und die Entstehung und Rezeption kommentieren. Die HerausgeberInnen, die mit vielfältigen Arbeiten über Jean Améry bereits hervorgetreten sind, wollen dabei nicht nur den neuesten Forschungsstand vermitteln, sondern seine Werke über eine bloß akademische Auseinandersetzung hinaus vergegenwärtigen und im Zusammenhang heutiger Debatten reflektieren. Jenseits von Schuld und Sühne; Unmeisterliche Wanderjahre; Örtlichkeiten Der 2. Band der neuen großen Jean Améry-Ausgabe enthält jenes Werk, mit dem der Autor 1966 im deutschsprachigen Raum und bald auch darüber hinaus bekannt geworden ist: »Jenseits von Schuld und Sühne«. Diese Essays sind ohne Zweifel die gedankliche Grundlage jeder heutigen Diskussion über Auschwitz. Sie sind in ihrer paradigmatischen Bedeutung einzig mit Primo Levis frühem »Ist das ein Mensch?« zu vergleichen. Tatsächlich sind die Erkenntnisse und Gedanken von »Jenseits von Schuld und Sühne« in den gegenwärigen Debatten über die Erinnerungskultur präsent, oft fällt dabei auch der Name Amérys, aber es fehlt seit langem eine intensive Auseinandersetzung mit den Texten selbst. Dafür schafft die vorliegende Ausgabe nun ganz neue Voraussetzungen. Erstmals werden in der Neuausgabe dieses Buches frühe, bisher völlig unbekannte Aufzeichnungen Amérys aus dem Jahr 1945 publiziert. Manche dieser Aufzeichnungen wie Zur Psychologie des deutschen Volkes und Arbeit macht unfrei nehmen ihren Anfang zum Teil schon 1945 in den Schreibstuben der Buna-Werke von Auschwitz-Monowitz. In jeder Hinsicht frappierend, können sie (spätere Erkenntnisse von Hannah Arendt und Alexander Mitscherlich vorwegnehmend) nicht nur die Sicht und geradezu erschlagende Voraussicht eines Überlebenden von 1945 vergegenwärtigen, sondern sie eröffnen auch völlig neue Blickwinkel auf die Entwicklung von Amérys Denken. Sie sind vor allem auch als Grundlage bzw. Vorarbeit des ersten und dritten Essays (»An den Grenzen des Geistes«, »Ressentiments«) zu betrachten. Hinzu kommen einzelne Abschnitte aus bislang weitgehend unbeachtet gebliebenen, frühen Büchern Amérys z.B. das Deutschland-Kapitel aus Geburt der Gegenwart, in dem der Autor ganz ähnlich wie Hannah Arendt in dem berühmten Text »Besuch in Deutschland« seine Reise nach Deutschland im Jahre 1952 darstellt. Aus der Zusammenstellung dieser Ur-Texte läßt sich über einen Zeitabschnitt von 20 Jahren die Genese von Amérys wichtigsten Essays nachvollziehen. Was der Autor über den Intellektuellen in Auschwitz, die Tortur, die Ressentiments, die Heimat und das Judentum nach Auschwitz niederschrieb, kann als Resultat eines langen, in sich widersprüchlichen Prozesses der Desillusionierung begriffen werden. Das Nachwort bringt nicht nur eine genaue Dokumentation der Zusammenarbeit mit Helmut Heißenbüttel, in dessen Rundfunkprogramm die Essays ursprünglich gesendet worden sind; es klärt auch über bisher übersehene oder unbekannte Faktoren der Entstehung und Rezeptionsgeschichte auf: Warum ist der ursprünglich unter dem Titel »Ressentiments« angekündigte Band schließlich als »Jenseits von Schuld und Sühne« erschienen? Die verschiedenen Äußerungen des Autors über seinen Text werden hier dokumentiert und kommentiert. Neben der Entstehung wird im Nachwort auch die Rezeption untersucht: Zum erstenmal wird den Spuren nachgegangen, die Amérys Essays über die Tortur in Adornos Vorlesungen zur Metaphysik und dadurch vermittelt in der Negativen Dialektik hinterlassen hat. Zugleich werden die verschieden gelagerten Auseinandersetzungen in den Werken von Bachmann und Andersch, in den Essays von Heißenbüttel, Kesting, Baier bis Todorov, Reemtsma und Finkielkraut rekonstruiert. Im Band 2 erscheinen auch die beiden späteren Essayreihen »Unmeisterliche Wanderjahre« und »Örtlichkeiten«, in denen Amery auf verschiedene Weise intellektuelle und topographische »Stationen« seiner Biographie vor und nach seiner Zeit in den Vernichtungslagern darstellt, wobei das Ausgesparte ständig präsent bleibt. Darum sind beide Essayreihen auch im engen Zusammenhang mit »Jenseits von Schuld und Sühne« zu lesen. In der Neuausgabe der »Untermeisterlichen Wanderjahre« und der »Örtlichkeiten« werden ebenso Voraussetzungen und Entstehung durch früher entstandene Arbeiten und bisher unveröffentlichte Entwürfe dokumentiert; hinzu kommen Ausschnitte aus der Korrespondenz des Autors, die im Zusammenhang mit beiden Essayreihen stehen oder in denen die Stellung des Autors zu ihnen zum Ausdruck kommt. Das Nachwort der jeweiligen Schriften analysiert die wechselvollen Beziehungen Amérys zur deutschen und der französischen Studentenbewegung von 1968, die Konflikte mit Adorno und der Frankfurter Schule auf der einen, den französischen Strukturalisten auf der anderen Seite, Zusammenhänge, die für die Perspektive der beiden Essaybände von entscheidender Bedeutung sind. Und es präsentiert und analysiert die wichtigsten Stimmen über die Bücher von Alfred Andersch und Günter Kunert bis zu Hans Mayer und Ernst Fischer. Mit diesen drei in einem Band erscheinenden Essayreihen und der Dokumentation ihrer Vorarbeiten ist in gewisser Weise schon der Bogen um das ganze Werk gespannt: von den frühen Aufzeichnungen von 1945 bis zu den, nach dem Selbstmordversuch von 1974 geschriebenen und nach dem Freitod von 1978 publizierten Örtlichkeiten.

Pressestimmen

»... die drei grundlegenden autobiografischen Schriften.«
Karl-Markus Gauss, Neue Zürcher Zeitung, 10.07.2004
»... Dieser von Gerhard Scheit herausgegebene Band enthält auch eine Menge unbekannter Vorläufertexte, deren erste Notizen wohl noch im Lager entstanden sind. Übersichtlich wird die Arbeit an frühen Fassungen, der Prozess der Überarbeitung von 20 Jahren, der dem deutschen Essayisten Jean Améry vorausging. ...«
Wilfried F. Schoeller, Die Zeit, 15.1.2004
»... Deshalb sei hier lediglich festgehalten, dass diese verdienstvolle Edition, die bis 2006 abgeschlossen sein soll, für wesentliche Kapitel der neueren politischen Geschichte, der Literaturgeschichte und Rezeptionsästhetik und sozusagen der intellektuellen Mentalitätsgeschichte des 20. Jahrhunderts sich als ungewöhnliche Fundgrube erweist. ...«
Heinz Robert Schlette, Die Furche, Wien, 10.4.2003
»... Der Verlag Klett-Cotta würdigt Améry mit einer von Irene Hedelberger-Leonhard überaus gewissenhaft betreuten neunbändigen Gesamtausgabe, die sein Schaffen als Kulturkritiker und Romancier gleichrangig nebeneinander stellt. ... Alle drei Texte (von Band 2) machen deutlich, daß Amérys wegweisende Untersuchungen zur NS-Diktatur vom Gewicht der Arbeiten Hannah Arendts, Peter Weiss' oder Theodor W. Adornos sind. Anders als diese sperren sie sich jedoch gegen jeden Vesuch einer Rationalisierung durch eine vorgegebene Theorie oder wissenschaftliche Methode, sei es Marxismus oder Totalitarismustheorie, Psychologie oder Geschichtswissenschaften. ...«
Jonathan Scheiner, Jüdische Allgemeine, 21.11.2002

Rezensionen

Frankfurter Allgemeine Zeitung - RezensionBesprechung vom 02.12.2003

Im Blickfeld des Ressentiments
Expeditionen ins Denkreich: Die beiden ersten Bände der Werkausgabe Jean Amérys / Von Henning Ritter

In den späten sechziger und in den siebziger Jahren gehörte Jean Améry zu den wenigen Schriftstellern in Deutschland, die eine unangefochtene persönliche Autorität besaßen. Er hatte sein Schicksal nicht moralisierend beschworen, sondern in "Jenseits von Schuld und Sühne" in einem kurzen Kapitel - "Die Tortur" - in einer ungeheuer eindringlichen Weise beschrieben. Die Erfahrung der Folter, das ergab sich aus diesen wenigen Seiten, war für Jean Améry zur Erfahrung schlechthin geworden. Die Folter war, indem sie alles Bewußtsein in den Körper auflöste, eine Auskunft über die Existenz. Diese Seiten teilten über den Autor kaum mehr mit, als daß sein Leben durch diese Erfahrung absolut bestimmt sei. Er nahm nichts weiter für sich in Anspruch als die Authentizität seines Berichts über die Folter und den Weg nach Auschwitz, Buchenwald und Bergen-Belsen, wo er im April 1945 befreit worden war.

Der zunächst unter dem Titel "Ressentiments. Bewältigungsversuche eines Überwältigten" angekündigte Essayband "Jenseits von Schuld und Sühne", der 1966 erschien, war das erste Werk des vierundfünfzigjährigen Autors, der im übrigen ein vielbeschäftigter Verfasser von Rundfunksendungen und Buchbesprechungen war. Seit 1965 publizierte er in Hans Paeschkes "Merkur", es wurden, bis zu seinem Selbstmord 1978, rund sechzig Essays, Glossen, Rezensionen. Auftritte in Werner Höfers "Internationalem Frühschoppen", in Akademien und bei Diskussionen kamen hinzu.

Jean Améry beeindruckte durch seine lakonische Sprache, vor allem aber dadurch, daß er mit keiner der gängigen intellektuellen Moden paktierte. Sartre, dem er sich aus der Distanz wie einem Lehrer verbunden fühlte, war damals schon nicht mehr die allgegenwärtige Gestalt, die er in den ersten Nachkriegsjahren gewesen war. Dem Leser seiner Essays konnte nicht verborgen bleiben, daß die sehr entschiedenen Ansichten ihres Verfassers sich nicht der Kommunikation verdankten.

Das Moralisieren war Amérys Sache nicht, er appellierte nicht, sondern er stellte fest. Ihm fehlte durchaus die Beziehung zu dem, was gewöhnlich als Moral bezeichnet wird. Sein Billigen wie sein Verurteilen hatten Gründe, die außerhalb der Zuständigkeit des Gedankenaustauschs lagen. Sie hingen letztlich mit der Erfahrung zusammen, die er in dem erwähnten Kapitel geschildert hat: Er war dem Bösen begegnet und war sich dessen gewiß, es jederzeit erkennen und bezeichnen zu können. Die Eindeutigkeit seiner Erfahrung war nicht zu erschüttern oder zu überbieten.

Mit dieser Gewißheit der Bundesrepublik sich zu nähern mußte zu Schwierigkeiten führen - zunächst zu eigenen Schwierigkeiten, dann aber auch im Sichhineindenken in ein Land, das sich, anders als Jean Améry, von den Schrecken der Vergangenheit in einem beispiellosen Tempo zu lösen schien. In seinem 1971 erschienenen schmalen Buch mit dem wunderschönen Titel "Unmeisterliche Wanderjahre" hat Jean Améry nicht nur die ersten Schocks seiner Begegnung mit Deutschland, sondern die anhaltenden Verwirrungen geschildert, in die es ihn stürzte und die auch der studentische Aufbruch der sechziger Jahre und die neue Linke bei ihm nicht zu beschwichtigen vermochten. Von dem, was sich nun theoriegestützt als Antifaschismus gerierte, war Jean Améry nicht zu beeindrucken, geschweige denn zu integrieren. Er blieb der Außenseiter auch der Theorien, die eben das Grauen zu denken versuchten, das er erfahren hatte.

Jean Améry hat die Schilderung seiner Expedition in die neue linke Welt mit Zügen eines Schelmenromans versehen, dessen Held aus dem Staunen nicht herauskommt und sich am Ende zurückzieht - "so lernte er bei den Expeditionen neben dem Gruseln auch die Bescheidenheit. Am besten war es, sich stille zu verhalten, nicht aufzufallen." Mit diesem Fazit endet ein Abschnitt über den erstaunlichen Erfolg Adornos bei der heranwachsenden Generation: "Die realen Greuel", schreibt Améry, "bei denen sich niemand aufzuhalten brauchte, wenn in angestrengter Begriffssprache doziert wurde, bekamen etwas Märchenhaftes, Greuelmärchen. Die abstrakte Reflexion nahm ihnen ihre Schrecken . . . In den Seminaren wurde der Schrecken transsubstantialisiert." Adorno warf er vor, "den heraufrückenden Generationen Intellektueller nebst dem schneidenden Vokabular auch das fleckenreine linke Gewissen" zu verschaffen.

An Äußerungen wie diesen wird deutlich, was Ressentiment vermag. Améry hielt unerbittlich an seiner Erfahrung des Bösen fest, so entschieden, daß er jedes Bündnis mit der Reflexion sich untersagte. Die Philosophie war ihm im Lager vergangen. Es blieb ein Positivismus des Leidens. Dieser unerbittliche Tatbestand ging in seine Beschreibungen des Landes ein, in das er nur noch berufliche Expeditionen machte. Amérys Ressentiment war um so leichter zu erkennen, als er sich zu ihm als Medium seiner Wahrnehmung bekannte. Der Purismus der Erfahrung macht stumm, aber das Ressentiment belebt. Eines Tages wird man die Beobachtungen, die Jean Améry über die Bundesrepublik machte, als ein Kapitel aus dem "Candide" unserer Zeit lesen, die Schilderung eines Landes, in dem die Menschen aufgehört hatten, das Böse wahrzunehmen.

Wie wenige sonst hat Jean Améry das Schicksal des Überlebenden sichtbar gemacht: "Für mich heißt Jude sein die Tragödie von gestern in sich lasten spüren." Als junger Mann war er sich seines Judentums erst bewußt geworden durch die Feinderklärung der Nationalsozialisten, und an dieser Identität hat er auch danach unerbittlich festgehalten. Mit dem Judentum verband ihn darüber hinaus wenig, sein Gefühl der Zugehörigkeit kam aus der gemeinsamen Verfolgung, wie er mit brutaler Offenheit ausgesprochen hat: "Ich trage auf meinem linken Unterarm die Auschwitz-Nummer; die liest sich kürzer als der Pentateuch oder der Talmud und gibt doch gründlicher Auskunft." Dies war eine unangreifbare Position, aber sie bedeutete auch, daß Jean Améry als Teil eines kollektiven Gedenkens nicht taugte. Unter den namhaften Zeugen des Holocaust dürfte er einer der einsamsten sein. Seine Berichte über die Folter und die Lager, denen er knapp entronnen war, sind erschütternd auch durch die radikale Verweigerung jeden Trostes. Vielleicht liegt hier auch die Erklärung dafür, daß es um Jean Améry vergleichsweise still geworden ist.

Daß sein Verlag nun begonnen hat, eine Werkausgabe auf den Weg zu bringen, ist verdienstvoll. Die beiden bisher erschienenen Bände (von neun geplanten) enthalten die wichtigsten essayistischen Schriften Jean Amérys - "Jenseits von Schuld und Sühne", "Unmeisterliche Wanderjahre", "Örtlichkeiten" - und Buchbesprechungen und Filmkritiken. Im Lauf der Jahre wurde er ein vielbeschäftigter und angesehener Rezensent und Essayist. Ein Teil seiner Produktion wurde nur im Radio gesendet und ist nie gesammelt worden. All dies nachzulesen hat gewiß seinen Wert. Ob man daraus allerdings einen Gegenstand eingehenden Studiums machen sollte, ist zu fragen. Der zweite Band der Werkausgabe enthält einen Anhang von 360 Seiten mit Dokumenten und Interpretation, beim fünften Band sind es siebzig Seiten. In beiden Fällen gilt die editorische Anstrengung dem Versuch, die "Rezeption" Amérys nachzuzeichnen.

So enthält der zweite Band auch den Erstdruck eines Manuskriptes "Zur Psychologie des deutschen Volkes", das als Zeugnis der ersten Gedanken, die sich Jean Améry über die in seinen Augen wünschenswerte Zukunft machte, aufschlußreich ist. Aber schwieriger ist es, den Text überhaupt richtig einzuschätzen, es sei denn als Vorstufe zu "Jenseits von Schuld und Sühne". Er ist nur aus der Situation einer anderen Stunde Null zu verstehen. So fordert er nicht nur die "integrale physische Extermination von sämtlichen führenden Parteipersönlichkeiten", sondern sieht es auch als unbedenklich an, wenn dieses "generelle Vorgehen" auch Leute betreffen würde, denen individuell keine Verbrechen nachzuweisen wären, "denn es handelt sich auch bei ihnen um Menschen, deren Erziehung jederlei Abwegigkeiten erwarten läßt". Aus ähnlichem Furor entsprang auch seine Idee, Nietzsche, Klages, Spengler "nicht nur in Deutschland, sondern in allen Ländern" verbieten zu lassen.

Wer sich die äußeren und inneren Schwierigkeiten vergegenwärtigt, die Jean Améry überwinden mußte, um als freier Journalist sein Auskommen zu finden und sich darüber hinaus von seinen Brotarbeiten zu befreien und Schriftsteller zu werden, wird mit Bedauern bemerken, wie ein Werk, dessen schmaler Umfang seine Physiognomie ausmacht, mit Dokumenten, Beilagen und Deutungen überladen wird. Die Vorstellung, in einen Seminardiskurs, gegen den er eine so deutliche Antipathie bekundet hat, integriert zu werden, hätte diesem Autor gewiß nicht behagt.

Zu dem komplizierten Verhältnis Adornos zu Améry stellt Gerhard Scheit in seinem Nachwort fest, daß die Spuren von dessen Auseinandersetzung mit dem Tortur-Essay in der abschließenden Fassung der "Negativen Dialektik" sich verloren hätten - für den Preis des vollen Bewußtseins, "daß die extreme Spannung zwischen dem Subjektiven und dem Allgemeinen sich nicht nach einer Seite hin auflösen läßt". Eben darin, so das Fazit, wäre "die Kritik der metaphysischen Philosophie zu formulieren". Nichts lag Jean Améry ferner als ein solches Vorhaben.

Jean Améry: "Aufsätze zur Literatur und zum Film". Werke. Band 5. Herausgegeben von Hans Höller. 640 S., geb., 34,- [Euro].

Jean Améry: "Jenseits von Schuld und Sühne. Unmeisterliche Wanderjahre. Örtlichkeiten". Werke. Band 2. Herausgegeben von Irene Heidelberger-Leonard und Gerhard Scheit. Verlag Klett-Cotta, Stuttgart 2003. 852 S., geb.

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