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Der unmögliche Tausch

'Internationaler Merve Diskurs / Perspektiven der Technokultur'.
Buch (kartoniert)
Ausgehend von der Abwesenheit jeglichen Äquivalents (selbst das Denken kann sich weder gegen die Wahrheit noch gegen die Realität austauschen) diagnostiziert Baudrillard die ,radikale Ungewißheit' der Welt. Die Notwendigkeit, künstliche Äquivalenzen … weiterlesen
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Der unmögliche Tausch als Buch

Produktdetails

Titel: Der unmögliche Tausch
Autor/en: Jean Baudrillard

ISBN: 3883961612
EAN: 9783883961613
'Internationaler Merve Diskurs / Perspektiven der Technokultur'.
Übersetzt von Markus Sedlaczek
Merve Verlag GmbH

1. September 2000 - kartoniert - 208 Seiten

Beschreibung

Ausgehend von der Abwesenheit jeglichen Äquivalents (selbst das Denken kann sich weder gegen die Wahrheit noch gegen die Realität austauschen) diagnostiziert Baudrillard die ,radikale Ungewißheit' der Welt. Die Notwendigkeit, künstliche Äquivalenzen zu schaffen, führt nur zu Figuren des Hyper, zu Prothesen, etc.

Portrait

Jean Baudrillard, geboren 1929 in Reims, war von 1968 bis 1987 Professor für Soziologie an der Universität Paris-Nanterre. Auszeichnung: 1995 mit dem Siemens-Medienkunstpreis. Er war Inhaber des Lehrstuhls für Philosophie der Kultur- und Medienkritik an der European Graduate School in Saas Fee. Buchveröffentlichungen. Jean Baudrillard verstarb 2007.


Rezensionen

Frankfurter Allgemeine Zeitung - RezensionBesprechung vom 12.12.2000

Ich bin gewissermaßen Kolumbus
Und ihr seid gezwungenermaßen entdeckt: Baudrillard macht abhängig / Von Andreas Platthaus

Dieses Buch liest man am besten rückwärts. Denn erst auf der letzten Seite nennt Jean Baudrillard die drei Theoreme, die seiner Philosophie zugrunde liegen. Das erste lautet: "Die Welt ist uns als rätselhaft und unerkennbar gegeben; es ist Aufgabe des Denkens, sie, wenn möglich, noch rätselhafter und unerkennbarer wiederzugeben." Wenn möglich? Durchaus, durchaus, wie "Der unmögliche Tausch", das neue Buch des einundsiebzigjährigen Soziologen, beweist. Wobei der enigmatische und verbergende Charakter sich nicht dem bekannt assoziativen Argumentationsstil Baudrillards verdankt - daran hat man sich nach einem Dutzend Büchern gewöhnt und schätzt es -, sondern der Verstörung, die das Buch auslöst, wenn es vor dem Hintergrund der klassischen Philosophie gelesen wird. Freiheit? Führt ins Unglück. Menschenrechte? Eine diktatorische Privilegierung unserer Art. Evolution? Alles war vom Urknall an da. Kritik? Relikt einer früheren Geschichte. Neu denken heißt nichts denken. Allerdings "nichts" in Anführungszeichen. "Man kann auch sagen", heißt es auf der vorletzten Seite, "daß der Welt tatsächlich ,nichts' fehlt und daß das Denken der Schatten ist, der von diesem Nichts auf die Oberfläche der realen Welt fällt."

Nun kann man sich mit dem zweiten der drei grundlegenden Theoreme beruhigen: "Da sich die Welt auf einen Zustand des Deliriums hin entwickelt, muß man ihr gegenüber einen delirierenden Standpunkt einnehmen." Doch das Delirium entlastet den Philosophen nicht vom Zwang zur Konsequenz. Dieses zweite Theorem beschwört die Situationisten herauf, natürlich auch Nietzsche, und deutet damit die wichtigsten Gewährsleute Baudrillards an. Seine Philosophie ist kein Liebesdienst, wie es die Etymologie der Disziplin verlangt. Doch wie stets ist es eine Philosophie der Liebe, der Liebe zum Anderen, hier vor allem zu dem, was Georges Bataille, ein weiterer Ahnherr, den "verfemten Teil" genannt hat. Bei Baudrillard ist dieser Teil das, worüber man nicht verfügen kann. Darauf gründet er seine Hoffnung, und dazu zählt selbstverständlich das Nichts. Das Nichts, das alte Problem der Metaphysik, ist in der Welt, doch es wird verfemt. Es muß in der Welt sein, denn außerhalb der Welt ist - nichts? Nein, das wäre ein Widerspruch. "Es gibt kein Äquivalent zur Welt."

Dieser Satz steht auf der ersten Seite. Und er bedingt zweihundert Seiten später das dritte Theorem, das letzte Wort Baudrillards: "Der Spieler darf nie größer sein als das Spiel selbst; genausowenig darf der Theoretiker größer sein als die Theorie oder die Theorie größer als die Welt selbst." Die Welt ist die obere Schranke des Denkens, über sie kann niemand hinaus. Da sie kein Äquivalent hat, kann sie nicht ausgetauscht und nicht repräsentiert werden. Das klingt harmlos. Aber es ist die Lunte der lebenden Bombe Baudrillard.

Denn erst einmal legt diese Feststellung die Basis für die erste Hälfte des Buches, seine stärkste, überschrieben wie das gesamte Werk mit "Der unmögliche Tausch". Wenn der größte Tausch, der der Welt, mißlingen muß, dann ist unser ganzes ökonomisches Prinzip zum Scheitern verurteilt. Es ermangelt ihm an Stabilität, und dieses Schicksal teilt es mit den restlichen gesellschaftlichen Sphären. Das ist eine andere, eine grundlegendere Verabschiedung des Austauschprinzips als die, die Jeremy Rifkin (der Baudrillard gern zitiert) in seinem letzten Buch "Access" formuliert hat, mit dem man Baudrillard zusammen lesen sollte, um den Unterschied zwischen delirierender Philosophie und dem Delirium eines Trendforschers zu erfassen. Baudrillard stellt in Frage, wo Rifkin lauter Antworten parat hat.

Doch wer alles ein-, aus- und vorhersieht, ist noch kein Hellseher. Das aber ist Baudrillard - in übertragenem Sinne, weil er den Schatten zum Hoffnungsträger macht. Denn der apokalyptischen Analyse folgt die Verheißung. Aus der Erkenntnis der Unaustauschbarkeit und Unmöglichkeit der Repräsentation resultiert Widerstand der von Politik, Recht, Philosophie und Ökonomie Unterjochten. Baudrillard gebraucht hier die Metapher des Schwarzmarktes, der als Korrektiv zum "Kontroll- und Verbotssystem" fungiert.

Was wird dort gehandelt? Das ist nicht die Frage, weil es nicht auf Tausch ankommt, sondern auf Präsenz. Der Schwarzmarkt ist der Ort des Denkens. Seine Dunkelheit setzt die grundlegende Opposition wieder in Kraft, die Baudrillard überall am Werk sieht: "Ein Symmetriebruch eröffnet die Existenz der sichtbaren Welt." Der Tausch wird nun weg vom ökonomischen, hin zum dialektischen Prinzip geführt: zum Austausch. Die Dinge dürfen sich nicht ineinander verwandeln, das Andere muß zu seinem Recht kommen. Das ist Hegel, aber ohne Herr und Knecht. Das ist Kant, aber ohne Freiheit. Baudrillard setzt auf gegenseitige Abhängigkeit.

Das ist aber auch nicht ganz so originell, wie er glaubt. Der Verweis auf das Andere, so führt er aus, setzt die traditionelle Wissenschaft ins Unrecht: "Im Grunde genommen hat die Wissenschaft unablässig ein beruhigendes Szenario geschaffen, dessen Voraussetzung die Entzifferung der Welt durch das Fortschreiten der Vernunft bildete. Und im Rahmen dieser Hypothese haben wir dann die Welt, die Atome, Moleküle, Teilchen, Viren usw. ,entdeckt'. Niemals aber wurde die Hypothese aufgestellt, daß die Dinge, während wir sie entdecken, gleichzeitig uns entdecken, und daß es sich bei der Entdeckung um eine duale Beziehung handelt." Niemals? Es genügt der Verweis auf die Wissenschaftstheorie eines Landsmanns (F.A.Z. vom 14. November): Nie etwas von Bruno Latour gehört, der Gute! Wenn man Baudrillard etwas vorwerfen kann, dann das Kochen im eigenen Sud.

Aber dabei zuzusehen, wie Philosophie verkehrt wird, wie ein philosophisches System in seine Bestandteile zerlegt wird, hat durchaus Erkenntniswert. Gegen alle Bemühungen einer endgültigen Theorie setzt Baudrillard seine Forderung nach Dualität. Ihm ist etwa das Klonen ein Graus, weil in der identischen Reproduktion die Überwindung des Todes angelegt ist - und damit wäre die Sicherheit für das Andere, entstehen zu können, dahin. Alles braucht sein Anderes, auch das Leben.

So liefert Baudrillard einen anregenden Zwischenruf, besonders zu den entscheidenden Debatten dieses Jahres, die er 1999, als das Buch in Frankreich erschien, geradezu prophetisch erahnt hat. Ja, er ist ein Hellseher, war es schon immer, mit allen Unwägbarkeiten, die für Wahrsager typisch sind. Wie Kolumbus sucht er die unpopulären Wege zum Ziel, und bisweilen macht er Entdeckungen, die er sich selbst wohl kaum erträumt hätte. Nur müßte er noch von einigen Lesern mehr entdeckt werden als bislang.

Jean Baudrillard: "Der unmögliche Tausch". Aus dem Französischen von Markus Sedlaczek. Merve Verlag, Berlin 2000. 205 S., br.

© Alle Rechte vorbehalten. Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH, Frankfurt.

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