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Gesammelte Werke 05. Der Erzählungen erster Teil

Universalgeschichte der Niedertracht. Fiktionen. Das Aleph. Originaltitel: . Neuauflage, Nachdruck.
Buch (gebunden)
Fantastisch und historisch, barock, bizarr, jedoch von einer unerhörten Genauigkeit der Beobachtung und der Sprache: Borges' Erzählungen gehören zu den Hauptwerken der Weltliteratur.
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Produktdetails

Titel: Gesammelte Werke 05. Der Erzählungen erster Teil
Autor/en: Jorge Luis Borges

ISBN: 3446198784
EAN: 9783446198784
Universalgeschichte der Niedertracht. Fiktionen. Das Aleph.
Originaltitel: .
Neuauflage, Nachdruck.
Herausgegeben von Gisbert Haefs, Fritz Arnold
Übersetzt von Karl August Horst, Wolfgang Luchting, Wolfgang Luchting
Hanser, Carl GmbH + Co.

19. September 2000 - gebunden - 426 Seiten

Beschreibung

Inhalt: Universalgeschichte der Niedertracht; Fiktionen; Das Aleph. Phantastisch und historisch, barock, bizarr, jedoch von einer unerhörten Genauigkeit der Beobachtung und der Sprache: Borges' Erzählungen gehören zu den Hauptwerken der Weltliteratur.

Inhaltsverzeichnis

Aus dem Inhalt:
Universalgeschichte der Niedertracht; Fiktionen; Das Aleph.

Rezensionen

Frankfurter Allgemeine Zeitung - RezensionBesprechung vom 21.06.2001

Bücher, die man am besten im Dunkeln lesen kann
Bibliothek der unsichtbaren Werke: Von Rabelais bis Rowling, von Dickens bis zur DNA bevölkern imaginäre Schriften Gutenbergs Galaxis / Von Elmar Schenkel

Zu Beginn des 18. Jahrhunderts grassierten Spekulationen über die riesige Bibliothek, die einst unser Urvater Adam besessen haben muß. Es wurde vermutet, daß er nicht nur ein hohes Alter erreicht hatte, sondern auch der erste und größte Universalgelehrte war. Mindestens zwölf Bücher hat er selbst geschrieben, darunter die Studie über den Stein der Weisen und Untersuchungen zum eigenen Stammbaum. Nach dem Sündenfall ging es weiter mit der Gelehrtheit. Während Abel eine Pflanzenkunde verfaßte, trat Noah mit Traktaten mathematischer Natur hervor, wie J. Fr. Reimmann in seinem "Versuch einer Einleitung in die Historiam Literariam Antediluvianam" (1703) stringent nachgewiesen hat.

Seit die Menschheit das Schreiben gelernt hat, schreibt sie über Dinge, die es nicht gibt: nicht mehr, noch nicht oder nie geben kann. Das Schreiben eröffnet neue, virtuelle Räume, Phantomwelten. Die Menschen scheinen ein unausrottbares Bedürfnis zu haben, das Wirkliche durch das Unwirkliche zu ergänzen. Neben den realen Bibliotheken tun sich daher seit der Antike immer wieder irreale Buchhäuser auf, denen endlose Serien von erfundenen Büchern, gefälschten Werken und abstrusen Titeln entströmen. Betrug, frommer Wunsch oder Machenschaft mögen einst Gründe für dieses Phänomen gewesen sein. In Zeiten extremer Informationsflut, wie etwa heute oder zur Zeit der Renaissance, scheint in der Produktion imaginärer Titel eine Art Therapie zu liegen: die der Verspottung nämlich, mit der man sich vom Druck der nicht mehr zu bewältigenden Fülle befreit. Was immer auch gedruckt wird, wir werden es niemals lesen können, also wollen wir uns lieber darüber lustig machen. Je weniger gelesen wird, desto mehr wachsen im übrigen die Bestände der imaginären Bibliothek. Im Zeitalter der Verblödung durch Spezialistentum sind die Aussichten dafür bestens.

Schon Rabelais hatte die gelehrte Spezialisierung aufs Korn genommen, als er seinen Pantagruel (Buch 2, Kap. 7) in die Bibliothek von St. Viktor schickte. Dort findet unser erstaunter Held Dutzende von Büchern vor mit Titeln wie: "Über das Reinigen von Öfen", "Wie man Schinken schlingt" (3 Bände), "Über die Ehrsame Kunst des Furzens in Gesellschaft" oder "Volkstänze für Häretiker". Von Rabelais bis Terry Pratchett, Douglas Adams und J. K. Rowling zieht sich ein roter Faden der Gelehrtheit, die nur in Titeln überdauert und deren Substanz der Leser sich erträumen muß. Zahllos wie die Namen der Ameisen - ein Problem, über das Pratchett einen Traktat gesehen haben will - sind die ungeschriebenen Bücher, die ungefüllten Leerstellen der Phantasie. Manchmal jedoch erreicht das nur in einer Fußnote erwähnte Werk die Wirklichkeit. So geschah es zuletzt mit zwei Titeln, die in den Harry-Potter-Büchern auftauchten und die Leser neugierig machten. Inzwischen sind Kennilworth Whisps Standardwerk zum "Quidditch im Wandel der Zeiten" sowie Newt Scamanders "Phantastische Tierwesen" erschienen und dienen zudem noch einem guten Zweck, der Hilfsorganisation Comic Relief. Die Bücher sind, ähnlich den künstlichen Ruinen des 18. Jahrhunderts, gleich als gebraucht gedruckt, tragen sie doch die Spuren des jungen Zauberers inklusive seiner Randnotizen ("Stinkbomben an die Macht"). Wie ein Spiegel im Spiegel tun sich in diesen Büchern weitere Titel auf, die ja eines Tages vielleicht auch noch erscheinen werden, zum Beispiel Mordicus Eggs faszinierende Studie "Warum die Muggel es lieber nicht wissen wollen". Die Buchtitel sind so erlesen wie der ukrainische Eisenbauch oder der ungarische Hornschwanz, die den Tierkatalog Scamanders füllen.

Dieses Bestiarium hat allerdings ein Vorbild: Jorge Luis Borges. Im Vorwort zu seinem Buch der imaginären Wesen (1967, dt. "Einhorn, Sphinx und Salamander") weist der argentinische Autor darauf hin, daß der Titel des Buches die Aufnahme des Prinzen Hamlet, des Punktes, des Hyperspace und vielleicht jeden einzelnen von uns und auch der Gottheit rechtfertigen würde. Da dieses hieße, fast das ganze Universum dem Imaginären zuzuschlagen, beschränkt Borges sich auf Dämonen und Fabelwesen, die von der menschlichen Phantasie gezeugt wurden. Er fordert die möglichen Leser in Paraguay und Kolumbien auf, "uns die Namen, die genauen Beschreibungen und die auffälligsten Gewohnheiten der örtlichen Ungeheuer" mitzuteilen. In Borges' "Fiktionen" (1944) sind zahlreiche Autoren damit beschäftigt, fiktive Werke zu erschaffen. Pierre Menard schreibt den "Don Quijote", exakt noch einmal, ohne daß es sich dabei um eine Kopie von Cervantes handelt. Der chinesische Gouverneur Ts'ui Pen verfaßt ein Werk, das zugleich ein Labyrinth ist und alle möglichen Verzweigungen der Realität enthält, so daß die Aussichten des Lesers, darin umzukommen, nicht schlecht sind.

Das fiktive Hauptwerk Borges' ist sicherlich die Enzyklopädie von Tlön, die aus vierzig Bänden besteht und Nachrichten von den Sitten und Weltbildern eines nicht existierenden Planeten geben. Spätestens hier erweist sich Borges als Humorist. Er hat mit seinen gelehrten Parodien ein Faß geöffnet, aus dem die Postmoderne von Eco, Calvino bis hin zu Douglas Adams immer wieder trinken sollte. So wundert es auch nicht, daß ein Zitat von Borges über dem Portal der unsichtbaren Bibliothek im Internet, einem umfassenden Katalog imaginärer Bücher, steht: "Ein mühseliger und strapazierender Unsinn ist es, dicke Bücher zu verfassen; auf fünfhundert Seiten einen Gedanken auszuwalzen, dessen vollkommen ausreichende Darlegung wenige Minuten beansprucht. Besser ist es, so zu tun, als gäbe es diese Bücher bereits." Borges' "Bibliothek von Babel" ist ein Universum, das alle Bücher, die geschriebenen wie die ungeschriebenen, die gefälschten wie die authentischen enthält. Von Borges, der das Prinzip des Imaginären ad absurdum getrieben hat, wäre daher am ehesten zu erfahren, aus welchen Gründen Autoren diese Verschachtelungen betrieben haben. Denn was er Kafka in seinem Essay über "Kafkas Vorläufer" bescheinigt hat, durch sein Werk rückwirkend eine Kafka-Tradition in der Literatur erschaffen zu haben, gilt auch für Borges.

Ein wichtiges Motiv ist die Mystifikation. Nicht gelesene Bücher enthalten ein Geheimnis, das durch die Lektüre schnell enttäuscht werden kann: die Ausrede für alle, denen vor ihren übervollen Bücherregalen die penetrante Frage gestellt wird, wieviel sie denn davon eigentlich gelesen hätten. Bücher, die jedoch ihrer Natur nach nie gelesen werden können, erhalten ihr Mysterium für alle Zeiten und fordern den Rätselsinn und die Einbildungskraft heraus. Sie deuten Abgründe an, wie jenes Werk "Mad Trist" von Sir Launcelot Canning, das im Hause Usher von E. A. Poe steht, oder das "Nekronomikon" des wahnsinnigen Arabers Abdul Alhazred, das der Meister des Horrors, H. P. Lovecraft, des öfteren erwähnt. Das imaginäre Buch Lovecrafts hat inzwischen allerdings einen solchen Kultstatus, daß es immer wirklicher wird. Die Versionen von zwei Autoren, die gedruckt vorliegen, werden von Fans zu magischen Zwecken mißbraucht (und mußten daher beispielsweise im Giftschrank der Phantastischen Bibliothek von Wetzlar eingeschlossen werden).

Imaginäre Bücher stellen weiterhin Gegenwelten innerhalb der Bücher dar, die selbst als Gegenwelten zur Realität konstruiert sind. Hier kommt es zu abgründigen Spiegelungen wie in C. S. Lewis' Narnia-Welt, die durch einen Kleiderschrank zu betreten ist. Die dort lebenden Faune und Fabelwesen zählen zu ihren Standardwerken Schriften wie "Ist der Mensch ein Mythos?". So wird denn gerade in Alternativgeschichten, die nach dem Muster "Was wäre wenn?" gestrickt sind, mit imaginären Titeln experimentiert. In Philip K. Dicks Klassiker dieser SF-Variante "The Man in the High Castle" (1963; dt. Das Orakel vom Berg) ist der Zweite Weltkrieg von Japan und Deutschland gewonnen worden, und große Teile der Vereinigten Staaten werden von den faschistischen Mächten beherrscht. Doch ein amerikanischer Autor erträumt sich in einem Roman eine Gegenwelt - unsere Geschichte nämlich, oder beinahe. Bei Dick geht es auch um die Aura des Wirklichen und deren künstliche Imitate: Wie wirklich kann ein Gegenstand innerhalb einer Fiktion eigentlich sein, und wie unterscheidet er sich von einem fiktiven Gegenstand in einer Fiktion? So wie das alternative Geschichtsbild nur dann einen Reiz hat, wenn die Abweichungen erkennbar, mithin die Unterschiede zur realen Geschichte nicht zu groß geworden sind, so tragen auch die imaginären Buchtitel ihre Verwandtschaft zur Schau.

Das Spiel der Abweichungen ist endlos und deutet auf die parodistischen Möglichkeiten imaginärer Druckwerke hin. Mit dem Witz haben erfundene Titel ja gemeinsam, daß sie auf etwas Abwesendes anspielen, das den Hörern oder Lesern bekannt ist. So sind die monströsen Titel in Rabelais' Bibliothek als Parodien aufgeblähter Gelehrsamkeit zu verstehen, auch indem sie diese wörtlich als Blähung vermelden. Swift zitierte in seinen Satiren ebenfalls gern erfundene Titel, um die Dummheit der Menschen aufs Korn zu nehmen, ihre Leichtgläubigkeit und Angeberei. Die Lust zur Parodie hat auch Stanislaw Lems Rezensionen nicht existenter Bücher angetrieben. In seiner "Vollkommenen Leere" haben Autoren wie Titel von ferne her Bezug zur realen Kulturgeschichte, ob es nun Gian Carlo Spallanzanis "Der Idiot" ist, Joachim Fersengelds "Perycalpsis" oder Wilhelm Kloppers "Die Kultur als Fehler". Vergessen wir nicht das "Gigamesh" von P. Hannahan. Bei Lem ist noch das Vorwort fingiert, in dem dem Autor unterstellt wird, er habe Einfälle gehabt, die er in seinen eigenen Schriften nicht im vollen Umfang habe realisieren können. Jedes Buch sei ein Grab zahlloser anderer, die es verdrängt habe.

Während die großen Denker und Gründer wie Pythagoras, Buddha oder Christus gar nicht erst Bücher schrieben, können die etwas kleineren mythischen Gestalten nicht ganz ohne die Schriftstellerei existieren. So ist es kein Wunder, daß der größte Detektiv aller Zeiten nicht ganz das Schreiben lassen konnte. Wir wissen, daß Sherlock Holmes ein Handbuch zur Bienenzucht verfaßte sowie Studien über das Verhältnis der Schreibmaschine zum Verbrechen, über Tätowierungen, den Nutzen von Hunden für Detektive sowie über die verschiedenen Arten der Tabaksasche. Dr. Watson konterte immerhin mit einer Untersuchung über die Riesenratte von Sumatra. Und auch Holmes' krimineller Gegenspieler Professor Moriarty blieb nicht untätig. Seiner Feder verdanken wir das Werk über die "Dynamik von Asteroiden".

Ob Verzweigung oder Parodie, das zugrundeliegende Prinzip ist eines der Simulation. Die Fiktion erzeugte neue Fiktionen, die andere Fiktionen nachahmen. Neben dem Jux, den man als gesteuerte, gezähmte Lüge bezeichnen könnte, kann die Erfindung auch der reinen Lust an der Fälschung entspringen. Harmlos sind dabei noch die Buchattrappen, mit denen Charles Dickens seine Wände in Gad's Hill schmückte, sozusagen einer Notlüge, um die mißliebigen Balken im Haus zu verbergen. Immerhin gab dies seiner Phantasie die Möglichkeit, "Hansards Ratgeber zur Erlangung eines erquickenden Schlafes" in 19 Bänden zu erschaffen oder die "Moderne Kriegsführung" von General Tom Thumb (Daumesdick).

Andere Motivationen hatten die Fälscher, die seit der Antike Schriftstücke unter wundersamen Umständen oder an geheimnisvollen Orten aufzufinden pflegten. Mit imaginären Texten wollten sie Genealogien untermauern, Gebiets- und Legitimationsansprüche erheben oder Konkurrenten überflügeln. Gerade in der alexandrinischen Welt, die von rivalisierenden Offenbarungen geprägt war, finden sich solche Fälschungen und Falschzuschreibungen zuhauf. Etwa die Hälfte aller juristischen Dokumente der merowingischen Zeit sei gefälscht, schreibt Anthony Grafton. Das Mittelalter und die Renaissance ließen sich von nicht existenten Schriften wie die "Drei Betrüger" ebenso narren wie von Geschichten um den legendären Priesterkönig Johannes. Das 19. und 20. Jahrhundert haben trotz aller Textkritik eine Anfälligkeit für den imaginären Text bewahrt, der sich oft katastrophal in der Wirklichkeit austobt - man denke an die nicht existenten "Protokolle der Weisen von Zion".

Wenn man die historische Fälschung als die Kehrseite des Spaßes an der Fiktion, die nicht selten etwas Pennälerhaftes hat, bezeichnen kann, so müssen sich Autoren auch immer mit einer Art Selbst-Fälschung auseinandersetzen. Bevor ein Werk, ein Roman beispielsweise, seine wahre Form findet, durchläuft es eine Serie von Zuständen, die immerfort korrigiert werden müssen. Der Autor, die Autorin fühlt, daß etwas doch nicht stimmt, daß das Feld der Möglichkeiten noch unbestimmt und zu verwirrend ist. Zwischen Ausführung und Endzustand liegen eine Reihe von "gefälschten" Momenten, von Verzweigungen, die es zu eliminieren gilt. So wie das Buch des Lebens viele imaginäre, ungelebte Seiten enthält, so auch das geschriebene Produkt.

Am meisten darunter zu leiden hatten die Setzer, insbesondere die Balzacs. Stefan Zweig erinnert an die Revolten der Setzer, die die immer wieder neu überschriebenen, kaum leserlichen Fahnen des Autors Balzac erhielten und nur gegen Zuschlag noch willens waren, sie einzuarbeiten. Zweig spricht von den "unterirdischen Büchern Balzacs": Sie stellen die "merkwürdigsten Amphibien zwischen Buch und Manuskript, zwischen Schrift und Druck dar, die man auszudenken vermag, sie sind das Lebendigste, was man vielleicht je an dichterischer und künstlerischer Arbeit in sinnlicher Form sehen kann." Balzac sammelte diese Buchlarven und hatte für so manchen vollendeten Roman bis zu zwölf sorgfältig gebundene voluminöse Bände dieser schillernden Zwischenwesen auf dem Regal stehen. Balzac verhält sich eben wie die Natur. Auch sie wirft nicht einfach alles weg. Ein großer Teil des Genoms soll, wie uns die Biologen verraten, aus junk bestehen. Jedenfalls weiß man noch nicht, wozu es dient. Nicht ausgeschlossen also, daß auch im Buch des Lebens, falls es denn eins ist, in der DNA, eine imaginäre Bibliothek großen Ausmaßes angelegt ist.

Imaginäre Bücher entstehen aber auch aus dem künstlerischen Selbstzweifel. Manchmal läßt sich ein Buch, das man nicht schreiben zu können glaubt, eben doch schreiben, indem man so tut, als gäbe es das Buch bereits. Dann reicht für den Autor die Rolle des Herausgebers, Kritikers oder Wissenschaftlers: ein Trick, sich selbst zu überlisten wie ein ungehorsames Kind. Borges' Exkursionen in das Imaginäre mögen hier, in dieser Angst, nicht schreiben zu können, einen ihrer Ursprünge haben. Vielleicht wollte sich auch Thomas Carlyle von viktorianischen Blockaden befreien, als er in "Sartor Resartus" (1833) den deutschen Professor Teufelsdröckh von der Universität Weißnichtwo ein Buch über die Philosophie der Kleidung schreiben läßt: "Die Kleider, ihr Werden und Wirken", erschienen im Verlag Stillschweigen und Co. Dieses Buch aber dient Carlyle zum Gegenstand und Vorwurf für sein eigenes.

Wenn das Schreiben, wie es in Platons "Phaidros" heißt, eine Form des Vergessens ist, so öffnet sich in der schriftlichen Kultur eine Art Phantomwelt, die immer wieder aufs neue besiedelt wird. Während sich nach Platon das mündliche Wort direkt in die Wachstafel der Seele schreibt, läßt das geschriebene eine Distanz und damit Raum entstehen für Phantasmen. Die Aufführung von imaginären Werken in der Literatur ist somit auch immer eine Reflexion auf das Phantom, das Literatur, ob realistisch oder nicht, immer schon ist. Aus dem schwarzweißen Schnee der Buchseiten entstehen in unserem Gehirn Vorstellungswelten, die wir mit eigenen Erfahrungen verknüpfen. Wir durchleben im Lesen die Mechanismen der Wahrnehmung.

Wenn Literatur ein Phantomglied des Geistes ist, so dürfte die neurologische Phantomforschung uns auch etwas über die Literatur verraten. Vielleicht sind die imaginären Bücher so etwas wie die Phantomärmchen und -beine, die in den realen Büchern ausgestreckt sind - Relikte eines Gesamtbildes, das eben nur über die Fiktionen zu erahnen ist. Das Gehirn entwirft fortwährend neue Kartographien und paßt sie den vorhandenen an. Phantomglieder verspüren nicht nur Schmerzen und bedürfen manchmal selbst noch einer Phantomamputation, wie Vilaynur Ramachandran in seinem faszinierenden Buch "Die blinde Frau, die sehen kann", mitteilt. Phantomglieder werden auch auf unterschiedliche Teile des realen Körpers projiziert. Es scheint, daß wir ständig halluzinieren und Wahrnehmung darin besteht, die Halluzinationen an den sinnlichen Impulsen zu überprüfen und zu korrigieren. Nicht anders die Literatur, die immer wieder imaginäre Bücher in imaginierten Büchern entwirft und damit unsere Wahrnehmung selbst parodiert, prüft oder einfach nur leimen will. Ramachandran berichtet von Patienten, die große Ausfälle im Sehfeld haben. In diesen blinden Flecken werden jedoch oft imaginäre Wesen eingeblendet, Comicfiguren oder Szenarien, ohne daß man die Patienten verrückt nennen könnte.

Literatur ist ein neuronales Spiel, das jedoch noch eine weitere physische Seite hat. Die ungeschriebenen Bücher haben nämlich einen Vorteil, wie H. G. Wells einmal bemerkte. Man kann sie problemlos halten ohne Nackenbeschwerden, man kann sie im Dunkeln lesen. Und sie haben noch einen Vorteil gegenüber den realen Büchern. Das reale Buch leidet an einer alten Schwäche, die jetzt sichtbar wird. Flaubert hat uns in seinem "Wörterbuch der Gemeinplätze" darauf aufmerksam gemacht. Unter dem Stichwort Buch findet sich der Eintrag: "Wie auch immer, stets zu lang."

Elmar Schenkel ist Professor für Anglistik an der Universität Leipzig und Autor. Zuletzt veröffentlichte er den Roman "Der westfälische Bogenschütze" und das indische Reisetagebuch "Ein Lächeln und zwei Fragezeichen".

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