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Unterleuten

von Juli Zeh
Roman. Nominiert für die Shortlist zum 'Lieblingsbuch des unabhängigen Buchhandels' 2016. Originalausgabe.
Buch (gebunden)
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Der große Gesellschaftsroman von Juli Zeh

Manchmal kann die Idylle auch die Hölle sein. Wie das Dorf "Unterleuten" irgendwo in Brandenburg. Wer nur einen flüchtigen Blick auf das Dorf wirft, ist bezaubert von den altertümlichen Namen der Nachbargemeinden, von den schrulligen Originalen, die den Ort nach der Wende prägen, von der unberührten Natur mit den seltenen Vogelarten, von den kleinen Häusern, die sich Stadtflüchtlinge aus Berlin gerne kaufen, um sich den Traum von einem unschuldigen und unverdorbenen Leben außerhalb der Hauptstadthektik zu erfüllen. Doch als eine Investmentfirma einen Windpark in unmittelbarer Nähe der Ortschaft errichten will, brechen Streitigkeiten wieder auf, die lange Zeit unterdrückt wurden. Denn da ist nicht nur der Gegensatz zwischen den neu zugezogenen Berliner Aussteigern, die mit großstädtischer Selbstgerechtigkeit und Arroganz und wenig Sensibilität in sämtliche Fettnäpfchen der Provinz treten. Da ist auch der nach wie vor untergründig schwelende Konflikt zwischen Wendegewinnern und Wendeverlierern. Kein Wunder, dass im Dorf schon bald die Hölle los ist ...

Mit "Unterleuten" hat Juli Zeh einen großen Gesellschaftsroman über die wichtigen Fragen unserer Zeit geschrieben, der sich hochspannend wie ein Thriller liest. Gibt es im 21. Jahrhundert noch eine Moral jenseits des Eigeninteresses? Woran glauben wir? Und wie kommt es, dass immer alle nur das Beste wollen, und am Ende trotzdem Schreckliches passiert?

»Ist das schon das Buch des Jahres? Juli Zeh legt bei ihrem neuen Verlag Luchterhand einen großen Gesellschaftsroman vor.«
Jörn Meyer, BuchMarkt, Januar 2015

»Juli Zehs furchtlos vor jedem Klischee ins Herz der bundesrepublikanischen Wirklichkeit zielender Gesellschaftsroman ist ein literarischer Triumph.«
Denis Scheck, Der Tagesspiegel, Juli 2016

»Juli Zeh hat mit "Unterleuten" den Roman der Stunde geschrieben: über die große Gereiztheit, über Politikverachtung und Resignation.«
Volker Weidermann, Der Spiegel, Juli 2016
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Produktdetails

Titel: Unterleuten
Autor/en: Juli Zeh

ISBN: 3630874878
EAN: 9783630874876
Roman. Nominiert für die Shortlist zum 'Lieblingsbuch des unabhängigen Buchhandels' 2016.
Originalausgabe.
Luchterhand Literaturvlg.

8. März 2016 - gebunden - 639 Seiten

Beschreibung

Der große Gesellschaftsroman von Juli Zeh

Manchmal kann die Idylle auch die Hölle sein. Wie das Dorf "Unterleuten" irgendwo in Brandenburg. Wer nur einen flüchtigen Blick auf das Dorf wirft, ist bezaubert von den altertümlichen Namen der Nachbargemeinden, von den schrulligen Originalen, die den Ort nach der Wende prägen, von der unberührten Natur mit den seltenen Vogelarten, von den kleinen Häusern, die sich Stadtflüchtlinge aus Berlin gerne kaufen, um sich den Traum von einem unschuldigen und unverdorbenen Leben außerhalb der Hauptstadthektik zu erfüllen. Doch als eine Investmentfirma einen Windpark in unmittelbarer Nähe der Ortschaft errichten will, brechen Streitigkeiten wieder auf, die lange Zeit unterdrückt wurden. Denn da ist nicht nur der Gegensatz zwischen den neu zugezogenen Berliner Aussteigern, die mit großstädtischer Selbstgerechtigkeit und Arroganz und wenig Sensibilität in sämtliche Fettnäpfchen der Provinz treten. Da ist auch der nach wie vor untergründig schwelende Konflikt zwischen Wendegewinnern und Wendeverlierern. Kein Wunder, dass im Dorf schon bald die Hölle los ist ...

Mit "Unterleuten" hat Juli Zeh einen großen Gesellschaftsroman über die wichtigen Fragen unserer Zeit geschrieben, der sich hochspannend wie ein Thriller liest. Gibt es im 21. Jahrhundert noch eine Moral jenseits des Eigeninteresses? Woran glauben wir? Und wie kommt es, dass immer alle nur das Beste wollen, und am Ende trotzdem Schreckliches passiert?

»Ist das schon das Buch des Jahres? Juli Zeh legt bei ihrem neuen Verlag Luchterhand einen großen Gesellschaftsroman vor.«
Jörn Meyer, BuchMarkt, Januar 2015

»Juli Zehs furchtlos vor jedem Klischee ins Herz der bundesrepublikanischen Wirklichkeit zielender Gesellschaftsroman ist ein literarischer Triumph.«
Denis Scheck, Der Tagesspiegel, Juli 2016

»Juli Zeh hat mit "Unterleuten" den Roman der Stunde geschrieben: über die große Gereiztheit, über Politikverachtung und Resignation.«
Volker Weidermann, Der Spiegel, Juli 2016

Trailer

Portrait

Juli Zeh, 1974 in Bonn geboren, studierte Jura in Passau und Leipzig. Schon ihr Debütroman "Adler und Engel" (2001) wurde zu einem Welterfolg, inzwischen sind ihre Romane in 35 Sprachen übersetzt. Ihr Gesellschaftsroman "Unterleuten" (2016) stand über ein Jahr auf der SPIEGEL-Bestsellerliste. Juli Zeh wurde für ihr Werk vielfach ausgezeichnet, u. a. mit dem Rauriser Literaturpreis (2002), dem Hölderlin-Förderpreis (2003), dem Ernst-Toller-Preis (2003), dem Carl-Amery-Literaturpreis (2009), dem Thomas-Mann-Preis (2013), dem Hildegard-von-Bingen-Preis (2015) und dem Bruno-Kreisky-Preis (2017) sowie dem Bundesverdienstkreuz (2018). 2018 wurde sie zur ehrenamtlichen Richterin am Verfassungsgericht des Landes Brandenburg gewählt.

Pressestimmen

"Juli Zehs furchtlos vor jedem Klischee ins Herz der bundesrepublikanischen Wirklichkeit zielender Gesellschaftsroman ist ein literarischer Triumph." Denis Scheck / Der Tagesspiegel

Rezensionen

Frankfurter Allgemeine Zeitung - RezensionBesprechung vom 12.03.2016

Dann bauen wir eine Mauer

Landflucht, Generationenkonflikt, DDR-Vergangenheit: Juli Zeh packt in ihrem multiperspektivischen Dorfroman "Unterleuten" die ganz großen Themen an. Kann das gutgehen?

Von Sandra Kegel

Eigentlich ist es eine bestechende Idee, einen Gesellschaftsroman in der brandenburgischen Tiefebene siebzig Kilometer nordwestlich von Berlin anzusiedeln. Schon vor Jahren hat der Kabarettist und Spezialist für regionale Befindlichkeiten, Rainald Grebe, in seiner Ode an "Brandenburg" den Dada-Soundtrack dazu vorgelegt. Und erst jüngst ließ nicht nur das Polarlicht das märkische Land leuchten, sondern auch die Literatur von Sasa Stanisic oder Roland Schimmelpfennig.

Nun hat sich auch Juli Zeh darangemacht, das märkische Land in epischer Breite zu vermessen. Unter knorrigen Birnbäumen und in alten Dorfschenken versammelt sie die gegensätzlichsten Typen: Alteingesessene und Neubewohner, jene, die Zuflucht vor der Großstadt suchen, und solche, die am Ort ihrer Jugend gestrandet oder dem Ostprignitzer Sand erst gar nicht entkommen sind. Doch nicht nur mit dem Zuzug ehrgeiziger Pferdefrauen und professoraler Vogelwarte aus der Hauptstadt stirbt das alte Dorf jeden Tag ein bisschen mehr.

Der idyllische Fleck mit dem sprechenden Namen, der vor allem für diejenigen wie Heimat aussieht, die nicht von hier stammen, befindet sich seit Jahren in stummer Feindschaft. Befeuert vom Lauf der Geschichte - von den Bomben des Zweiten Weltkriegs über den Bau der Mauer bis zum anschließenden Fall derselben -, gibt es offene Rechnungen zuhauf unter den Leuten. Brüder haben sich als Neider entpuppt, Freunde als Verräter, Ehefrauen als Stasispitzel. Doch erst, als der Bürgermeister plant, die Gemeinde mit Windrädern vor der Pleite zu retten, brechen die Konflikte aufs Neue auf. Und spätestens, als sich die Dorfgesellschaft im überfüllten Tanzsaal des "Landmanns" zur Gemeinderatssitzung trifft und der Streit über den geplanten Windpark in eine Prügelei ausartet, herrscht Krieg in Unterleuten.

Weil schon die Frage, auf welchem Stück Land die Ungetüme dereinst rotieren werden, ganz neue Sieger und Verlierer hervorbringt. Die Besitzer des einst nutzlosen Grunds stehen plötzlich als Profiteure da, während den anderen nur die unschöne Aussicht auf die von der EU subventionierten Gelddruckmaschinen bleibt. Aber noch ist kein Grundstück gewählt, und weil in diesem wildgewordenen Dorf bald alle Waffen erlaubt sind, werden nicht nur Kinder und Katzen entführt, sondern gibt es am Ende einige Tote zu beklagen.

Die 1974 geborene Juristin Juli Zeh, die sich mit Romanen wie "Adler und Engel", "Schilf" und "Nullzeit" ebenso wie mit Essays zu Fragen von Recht, Moral sowie dem Spannungsverhältnis von Freiheit und Sicherheit einen Namen gemacht hat, packt in diesem Buch die ganz großen Themen an: Landflucht und DDR-Vergangenheit, Generationen- und Geschlechterkonflikte, Energie- und Ehekrisen, Kapitalismuskritik, Immobilienspekulation, Überwachungsstaat, Zersiedelung - das alles und noch viel mehr bündelt sie in ihrem auf mehr als sechshundert Seiten angelegten Gesellschaftspanorama. Interessanterweise lässt der Roman die Generation Hoyerswerda, die auch dort ihre Brandspuren hinterlässt und uns gerade in diesen Tagen beschäftigt, völlig außen vor.

Doch so effektiv es für die kompositorische Anlage auf den ersten Blick ist, den ländlichen Mikrokosmos als Spiegelfläche für zeitdiagnostische Thesen zu wählen, verweht der Plot bald wie märkischer Sand. Auf der Strecke bleibt die literarische Finesse. Nicht etwa, weil Juli Zeh diesen heißen Sommer abwechselnd aus der personalen Perspektive von zwölf verschiedenen Protagonisten schildert. Ulrike Draesner hat mit ihrem multiperspektivischen Roman "Sieben Sprünge vom Rand der Welt" den Reiz dieser Erzählform zuletzt ebenso vorgeführt wie etwa Eva Menasse in "Quasikristalle".

Doch Juli Zeh ufert in der Handlungsfülle aus und geht erzählerisch so sehr in die Breite, dass es ihr bei der Figurenzeichnung schlicht an Tiefe mangelt. Die Zuzügler aus der Stadt wie die Bauern-Patriarchen aus Unterleuten, die hier ein ums andere Mal aufeinandertreffen, umeinander kreisen oder sich verpassen, sie müssen vor allem eines leisten: einen bestimmten Standpunkt, eine bestimmte Haltung transportieren. Da ist der enttäuschte Unidozent, der zum Wutbürger mutiert, die misshandelte Ehefrau, die irgendwann ihre Koffer packt, der hochsensible Schriftsteller, der seine Schreibhemmung mit Rasenmähen zu kurieren versucht. Zusammengenommen sollen sie den vielstimmigen Sound unserer Zeit abbilden. Jede Figur für sich aber bleibt den Aufträgen ihrer Schöpferin verhaftet und also berechenbar. Das ist schade, gerade weil der Roman immer wieder auch mit kuriosen Einfällen und unerwarteten Wendungen aufwartet. Das Unternehmen als Ganzes aber hat etwas Konstruiertes und Angestrengtes, das auf Kosten der Leichtigkeit geht.

Einer der Granden im Dorf ist der Wendegewinnler Gombrowski. Dem Spross ehemaliger Großgrundbesitzer war es mit einiger krimineller Energie gelungen, die Besitztümer seiner Ahnen, zu DDR-Zeiten enteignet, nach dem Fall der Mauer wieder an sich zu reißen. Doch um seinen nun "Ökologica" getauften Betrieb steht es längst nicht mehr gut, weshalb der Alte noch einmal alle Kräfte mobilisiert, um das Rennen um die Windräder für sich zu entscheiden. Auch sein Widersacher, der Altkommunist Kron, spekuliert auf die Anlage, vor allem aber deshalb, weil er mit Hilfe des neuen Rückenwinds seinen ewigen Gegenspieler Gombrowski, der alle Geschicke im Dorf lenkt, endlich zu Fall bringen will.

Was die beiden verbindet, ist zugleich das dunkle Geheimnis von Unterleuten. Denn ein Dritter kam in jenen schicksalhaften Tagen nach der Wende unter einer alten Buche ums Leben, als Gombrowski Verbündete für seine "Ökologica" brauchte und jene Dörfler mit Alternativplänen mit allen Mitteln mundtot machen wollte. Das ging so weit, dass seither im Dorf gemunkelt wird, Gombrowski, der auch seine Frau bisweilen windelweich schlägt, schrecke vor Mord nicht zurück.

Ermittelt aber wurde nie. Die Unterleuter hatten die DDR überlebt und wussten, "wie man sich den Staat vom Leibe hielt", heißt es an einer Stelle im Roman. Sie lösen, soll das heißen, ihre Probleme auch heute auf ihre Weise, nämlich unter sich. Dass diese Erkenntnis vor allem den Neu-Unterleutern verborgen bleibt, trägt nicht unerheblich zu deren Problemen bei. Denn wer auch immer sich aus Berlin, Oldenburg oder Ingolstadt dorthin verirrt, stößt auf gelebte Anarchie. Vergessen von der Welt und also unfreiwillig subversiv, dämmert es dem Soziologen Gerhard Fließ irgendwann, sei das Dorf nichts anderes als ein "gesellschaftspraktisches Paralleluniversum".

Dieser Fließ, der einst über die "Topographie des Aufstands" habilitierte und sich mit Transparenz-Workshops und Gesellschaftsdiagnose-Seminaren an der Humboldt-Universität über Wasser hielt, ehe er im brandenburgischen Paralleluniversum seine Berufung als "Held der Bewahrung" fand, ist wie aus dem Setzbaukasten entworfen. Als Vogelwart und Jungvater hat er zusammen mit seiner ehemaligen Studentin Jule einen ehemaligen Hof in ein warmes Nest umgebaut. Um dann festzustellen, dass ihm nicht nur die Hitze zu schaffen macht, sondern mehr noch die vom Nachbargrundstück herüberwehenden Giftgase. Dort pumpt ein irre gewordener Autoschrauber so viel Dreck in die Luft, dass Gerhard und Jule sich bald mit Mordgedanken tragen und ihr Paradies ausgerechnet mit einem Mauerbau vor dem höllischen Gestank schützen wollen.

Es sind Wendungen dieser Art, so überdeutlich markiert, die gerade bei einer begabten Autorin wie Juli Zeh frustrieren. Jede Kraftanstrengung ist "gewaltig", jedes Lächeln "breit" und Gesichter "frisch renoviert". Der sprachliche Aufwand, die schiefen Bilder, die vielen missglückten Sätze und die klischeehaften Bausteine machen da bisweilen nicht weniger heiße Luft als die Windräder, die im Plot die Atmosphäre im Dorf aufheizen.

Dass Juli Zeh einer ihrer Heldinnen den Namen des amerikanischen Gesellschaftsromanciers Jonathan Franzen verpasst hat, ist bezeichnend für eine Prosa, die sich mit Andeutungen nicht begnügen mag. Deshalb muss die ratgeberhörige Linda Franzen, die als Pferdeflüsterin reüssiert und für ihren Zuchthengst Bergamotte in Unterleuten das entsprechende Ambiente sucht, als Stellervertreterin aller Selbstoptimierer dieser Welt herhalten. Natürlich ist der Freund der Pferdefrau ein blasser Programmierer, dem jede animalische Erotik abgeht, während sie sich als "Moverin" versteht und Eigenkontrolle als Währung ihres Erfolgs ansieht. Im Eigenheim sieht sie ein Mittel, das "beängstigende Möglichkeitslabyrinth der Zukunft in überschaubares Terrain" zu verwandeln: "Inzwischen glaubte Linda, dass das menschliche Schicksal nicht an Gott, sondern am Grundbesitz hing. Transzendentale Obdachlosigkeit war keine Folge des Religionsverlustes, sondern der Inflation von Mietwohnungen." Ja, so denken sie, die Romanfiguren.

In Interviews hat Juli Zeh, die heute selbst in Brandenburg lebt, immer wieder betont, wie gern sie auf dem Land wohne, das sie an ihre Studentenzeit in Wohngemeinschaften erinnere - man teile Alltag und Lebensraum, "ohne eng befreundet sein zu müssen". Vielleicht wurzelt hier das Problem: dass der Roman in Wahrheit selbst gegen Windmühlen kämpft. Das fiktive Dorf - das sich verhielt "wie ein Kind, das von Hautausschlag befallen war. Die Klatschsucht war ein Juckreiz, und das Dorf kratzte sich" - bleibt am Ende ausgedacht. Das Welttheater auf der Dorfbühne findet nicht statt, und was immer tatsächlich dort aufzuspüren wäre, bleibt unentdeckt. Denn wie heißt es im Song von Rainald Grebe? "Es gibt Länder, wo was los ist, / Es gibt Länder, wo richtig was los ist / und es gibt / Brandenburg." Aufregend ist es auch dort, natürlich. Man muss sich nur darauf einlassen.

Juli Zeh: "Unterleuten". Roman.

Luchterhand Literaturverlag, München 2016. 640 S., geb.

© Alle Rechte vorbehalten. Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH, Frankfurt.
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Beate Leinweber
Rezension
von Beate Leinweber - Hugendubel Buchhandlung Leipzig Petersstr. - 10.06.2016
Ich finde: Dieser neueste Roman von Julie Zeh ist einfach großartig und unbedingt lesenswert: Was als Roman, oder auch als eine Art Stück Aufarbeitung deutsch-deutscher Geschichte beginnt, entwickelt sich nach und nach und immer mehr zu einem äußerst klugen, psychologischen Kammerspiel, über menschliche Abgründe. Der Roman zeigt auf (anfangs sehr subtil, später immer deutlicher und drängender), was Neid und Missgunst, jahrelange, unter der Oberfläche brodelnde, unterdrückte Wut und lang gehegte, unausgesprochene Konflikte, gepaart mit einer gut funktionierenden Gerüchteküche im Menschen an sich und in einer kleiner Dorfgemeinschaft, wo die Nachbarn sich ein Leben lang kennen, anrichten können- wenn man nur einen passenden "Aufhänger" findet, der den schon lange Zeit vor sich hin schwelenden Vulkan schließlich zum emotionalen Ausbruch bringt. Und wie erschreckend einfach es ist, eine kleine Gemeinschaft von Leuten so gegeneinander aufzuhetzen und so sich gegenseitig auszuspielen, dass Würde, Freundschaft und Anstand auf der Strecke bleiben- man braucht dazu nur ein paar gezielte Seitenhiebe. "Unterleuten" mag zwar an manchen Textstellen etwas überspitzt wirken, aber im Kern trifft Juli Zeh mit ihrer ganz eigenen Beobachtungsgabe völlig ins Schwarze, meiner Meinung nach; sie legt quasi ihren Finger in die noch immer aktuelle, brisante Wunde, die (stellvertretend dafür) das Dörfchen Unterleuten in verschiedene Lager spaltet: Auf der einen Seite stehen die Menschen, die nach der Wende nie mehr so richtig auf die Beine kamen, dann sind da noch die Menschen, die den "alten Zeiten" nachtrauern, oder die Einwohner, die die "neue Zeit" als Chance sehen und schließlich kommen noch die vermeintlich reichen Zugezogenen aus dem "Westen"- und mittendrin ein Windpark, der neu gebaut werden soll... Und der letztenendes das Fass zum Überlaufen bringt, bzw. die vor sich hin brodelnden Probleme der Dorfgemeinschaft zum Überkochen. (Denn hier zeigt sich ganz deutlich ein weiteres gesellschaftliches Phänomen: Viele Bürger sind für die Abschaffung der Atomkraftwerke und wollen gerne die Energiewende haben- aber "bitte nicht vor der eigenen Haustür".) Beeindruckend finde ich, mit welcher Genauigkeit die Autorin unserer Gesellschaft den Spiegel vorhält: Unwillkürlich musste ich beim Lesen an solche Redewendungen wie "Schuld sind immer die Anderen", oder "Jeder ist jedermanns Feind", oder auch "Jeder ist sich selbst der Nächste" denken, denn solche Sätze werden in diesem großartigen Gesellschaftsroman zur bedrückenden Realität. Toll finde ich den Schreibstil der Autorin: Sie schreibt einfach über gesellschaftliche und persönliche Abgründe, ohne dem Leser ihre eigene, ganz persönliche Meinung aufzudrängen, nein- sie schreibt ganz einfach so, dass man sich beim Lesen in die Protagonisten hineinversetzen kann, ob man dies nun will oder nicht, und Juli Zeh regt mit ihrem Roman "Unterleuten" zum Nachdenken an. Also: Wie oben schon gesagt: Unbedingt lesenswert!!
Bewertungen unserer Kunden
Die Hölle, das sind die Anderen (Sartre)
von Xirxe - 06.12.2016
Wenn in Unterleuten, einem kleinen Dorf in Brandenburg, überwiegend Kopien der eigenen Person leben würden, dann, ja dann wäre das Leben dort vermutlich sehr idyllisch und harmonisch. So aber treffen Menschen aufeinander, von denen sich jede/r im Besitz der alleinglückseligmachenden Wahrheit meint, während der Rest nur Stuß verzapft. Darüberhinaus pflegen praktisch Alle ihre Vermutungen und Erwartungen über die Anderen, die im seltensten Fall positiv sind. Jede/r traut jeder/m das Schlechteste zu und fast wie eine Art selbsterfüllender Prophezeiung geschehen Dinge, die die eigene Meinung noch bestätigen. Statt miteinander wird mehr übereinander geredet und so verbreiten sich Mutmaßungen und Argwohn in Windesweile im Dorf. Stadtbewohner (junge Frau, alter Mann) gegen grobschlächtigen Einheimischen - die Frau nennt diesen nur das Tier. Naturschützer gegen Unternehmen - man schreibt Briefe. Kommunist gegen Kapitalist - eine Feindschaft, die keinerlei sachliche Grundlage hat. Ehemann gegen Ehefrau in unterschiedlichen Konstellationen - Erwartungen und Vermutungen werden nicht ausgesprochen, stattdessen schweigt man bis zum bitteren Ende. Als dann im Dorf ein Streit über die Errichtung eines Windparks beginnt, werden diese Beziehungsgeflechte aufs Äußerste strapaziert, wobei die alten Konflikte mit einer ungeheuren Heftigkeit wieder aufbrechen und die NeubürgerInnen direkt miteinbeziehen. Obwohl das Buch mehr als 600 Seiten hat, lässt es sich weglesen wie ein Unterhaltungsroman. Die Figuren, die erst recht klischeehaft daherkommen, entwickeln sich ziemlich schnell zu eigenständigen Persönlichkeiten, sodass von der ursprünglichen Schablonenhaftigkeit nicht mehr viel bleibt. Gombrowski beispielsweise, der massige, ungeschlachte und auch brutale Wendegewinner hat eine überaus sensible Seite, von der aber nur die Wenigsten wissen - was ihn dennoch nicht von seinem Verhalten Anderen gegenüber freispricht. Schaller, sein ehemaliger Angestellter und Handlanger ist ähnlich ungeschlacht, wenn auch nicht so schlau wie dieser. Sein Schicksal ist derart unvorstellbar, dass ich mehr Mitgefühl als alles andere für ihn empfand. Und so ist es bei fast allen Figuren in diesem Roman, so eindimensional zu Beginn sie auch daherkommen mögen: Jeder/r von ihnen hat eine Geschichte, die sich zu erzählen lohnt. Von Juli Zeh habe ich kürzlich in einem Interview gelesen, dass Jonathan Franzen einer ihrer Lieblingsschriftsteller ist. Mit seinem Roman Freiheit kam ich mir wieder vor wie als Kind, als ich mit der Taschenlampe unter der Decke Seite um Seite verschlungen und alles andere vergessen habe. Es gibt nicht viele, die es beherrschen, so realistisch zu erzählen, ohne dass es dröge wird. Franzen schafft es, die Welt in der wir leben, anschaulich zu machen. Liebe Juli Zeh, Sie schaffen das auch! Danke dafür!
von A.S. - 28.06.2016
Wenn Städter aufs Land ziehen, erwarten sie eine Idylle. Wie eine so scheinbare Dorfidylle zur Hölle wird, erzählt uns Juli Zeh. In diesem Roman wechseln immer wieder die Perspektiven, jedes Kapitel wird von einem der Protagonisten erzählt. Jeder hält sich für den Guten und unterstellt dem Anderen böses. Dieser Wechsel von Außen- und Innenansicht macht den Reiz dieser Geschichte aus, die mitreißend geschrieben, lebendig und spannend ist.
Genial!
von TanyBee - 15.06.2016
"Unterleuten" ist ein kleines Dorf in der brandenburgischen Provinz. Hier sind alle Bewohner und ihre Leben seit Jahrzehnten miteinander verwoben. Doch im Jahr 2010 kommt Unruhe ins Dorf: inzwischen gibt es einige neue Einwohner, die statt des Stress in Berlin die Ruhe des Landlebens suchen. Außerdem will ein Investor Windkraftanlagen auf einem Grundstück direkt neben dem Dorf bauen. Was ist wichtiger? Die Erlöse der Windräder, die auch dem Dorf zu Gute kommen? Der Schutz der Kampfläufer, eine Vogelart, die bedroht ist? Der schöne Ausblick? Die Aufrüstung der erneuerbaren Energien? Oder haben die Bewohner vielleicht einfach noch alte Rechnungen miteinander offen, die beglichen werden müssen? "Unterleuten" hat mich sofort in seinen Bann gezogen. Nach jeden Kapitel wechselt die Perspektive, aus der Überschrift erfährt der Leser, mit wem er es gerade zu tun hat (wer am Anfang verwirrt ist: auf www.unterleuten.de gibt es eine Übersicht über alle Bewohner). So sehen wir die Konflikte und das Dorfleben aus unterschiedlichen Sichtweisen. Nach und nach wird klar, dass es nicht "gute" und "schlechte" Menschen in Unterleuten gibt, sondern dass alle vor allem auf ihren eigenen Vorteil bedacht sind und niemand sich sein ganzes Leben über immer richtig verhält, selbst wenn er sich in den Dienst "der guten Sache" stellt. Die Personen werden so lebendig gezeichnet, dass man fast meinen könnte, man hätte selbst ein Haus in Unterleuten gekauft und würde ihnen jeden Tag auf der Straße begegnen. Juli Zeh schafft es wie keine zweite den Geist unserer heutigen, modernen Welt einzufangen. Mit ganz klaren Worten bringt sie viele Probleme und Eigenheiten unserer heutigen Gesellschaft vor, verpackt in eine spannende Geschichte. Und nicht nur das: dieser Roman steht nicht allein, er ist ein mediales Gesamtkunstwerk. Jule Fliess postet auf Facebook, Frederick stellt Fragen im Reiterforum, ja, man kann sogar den Ratgeber "Dein Erfolg" von Manfred Gortz kaufen, den Linda so verehrt. Und dies alles war schon da, bevor der Roman überhaupt erschienen ist. Hier vermischen sich Fiktion und Realität auf beeindruckende Weise. Mein Fazit: ein geniales Buch! Kaufen und Lesen!
Fesselnd bis zur letzten Seite!
von Katinka H. - 11.04.2016
Aus der Sicht von elf Dorfbewohnern erzählt Zeh spannend und unterhaltsam die Ereignisse vom Juli/ August 2010 des Dorfes Unterleuten. Dabei geht es um die Landflucht der Stadtbewohner, den Umweltschutz, Generationskonflikte, Eheprobleme, die DDR-Vergangenheit und BRD-Gegenwart. Besonderen Wirbel verursacht eine Diskussion über Windräder, die schließlich die Gemüter so sehr erregt, dass sich die Ereignisse überschlagen....
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