Vielleicht Esther als Buch
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Vielleicht Esther

Ausgezeichnet mit dem Ingeborg-Bachmann-Preis 2013, dem Aspekte-Literatur-Preis 2014, dem Ernst-Toll.
Buch (gebunden)
Hieß sie wirklich Esther, die Großmutter des Vaters, die 1941 im besetzten Kiew allein in der Wohnung der geflohenen Familie zurückblieb? Die jiddischen Worte, die sie vertrauensvoll an die deutschen Soldaten auf der Straße richtete - wer hat sie geh … weiterlesen
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Vielleicht Esther als Buch

Produktdetails

Titel: Vielleicht Esther
Autor/en: Katja Petrowskaja

ISBN: 3518424041
EAN: 9783518424049
Ausgezeichnet mit dem Ingeborg-Bachmann-Preis 2013, dem Aspekte-Literatur-Preis 2014, dem Ernst-Toll.
Suhrkamp Verlag AG

10. März 2014 - gebunden - 285 Seiten

Beschreibung

Hieß sie wirklich Esther, die Großmutter des Vaters, die 1941 im besetzten Kiew allein in der Wohnung der geflohenen Familie zurückblieb? Die jiddischen Worte, die sie vertrauensvoll an die deutschen Soldaten auf der Straße richtete - wer hat sie gehört? Und als die Soldaten die Babuschka erschossen, "mit nachlässiger Routine" - wer hat am Fenster gestanden und zugeschaut? Die unabgeschlossene Familiengeschichte, die Katja Petrowskaja in kurzen Kapiteln erzählt, hätte ein tragischer Epochenroman werden können: der Student Judas Stern, ein Großonkel, verübte 1932 ein Attentat auf den deutschen Botschaftsrat in Moskau. Sterns Bruder, ein Revolutionär aus Odessa, gab sich den Untergrundnamen Petrowski. Ein Urgroßvater gründete in Warschau ein Waisenhaus für taubstumme jüdische Kinder. Wenn aber schon der Name nicht mehr gewiß ist, was kann man dann überhaupt wissen? Statt ihren gewaltigen Stoff episch auszubreiten, schreibt die Autorin von ihren Reisen zu den Schauplätzen, reflektiert über ein zersplittertes, traumatisiertes Jahrhundert und rückt Figuren ins Bild, deren Gesichter nicht mehr erkennbar sind. Ungläubigkeit, Skrupel und ein Sinn für Komik wirken in jedem Satz dieses eindringlichen Buches.

Portrait

Geboren 1970 in Kiew, studierte Katja Petrowskaja Literaturwissenschaften in Tartu (Estland) und promovierte 1998 in Moskau. Seit 1999 lebt sie in Berlin. 2014 erschien ihr preisgekröntes Debüt Vielleicht Esther.

Pressestimmen

"Katja Petrowskaja, Siegerin von Klagenfurt, Geschenk für eine Literatur, die versteht, wie viel Kraft in einer fremden Sprache steckt."
Volker Weidermann, Frankfurter Allgemeine Zeitung 14.07.2013

Rezensionen

Frankfurter Allgemeine Zeitung - RezensionBesprechung vom 08.03.2014

Als der Krieg nicht zu Ende war

Wenn man nicht alle zu Hause hat: Katja Petrowskajas jüdische Familiengeschichte "Vielleicht Esther" sucht eine Sprache für den Schrecken.

Von Jan Wiele

Es gibt Erzählungen, in denen rettet das Erzählen Leben. Der berühmteste Fall sind wohl die Geschichten aus "Tausendundeiner Nacht": Scheherazade gelingt es kraft ihrer Erzählkunst, den Furor eines frauenmordenden Königs zu bremsen, sie rettet damit zahlreiche Leben und schließlich auch das eigene.

Die Erzählerin in Katja Petrowskajas Buch "Vielleicht Esther" scheint auch an die lebensrettende Kraft ihrer Profession zu glauben: In der Kerngeschichte, mit der die Autorin vergangenen Sommer den Bachmannpreis gewann, gibt es eine Stelle, die zunächst darauf hindeutet. Es ist das Jahr 1941 in Kiew, die deutschen Besatzer haben überall Plakate mit der Bekanntgabe aufgehängt, dass sich "sämtliche Juden der Stadt Kiew und Umgebung" am 29. September um acht Uhr zu versammeln haben - wie man heute weiß, war es die als "Evakuierungsaktion" verbrämte Aufforderung zu einem Zwangsmarsch an die Schlucht Babij Jar, wo dann innerhalb von zwei Tagen nahezu 34 000 Menschen und später noch viele mehr ermordet wurden.

In der Zeit zwischen dem Einmarsch der deutschen Wehrmacht im August und diesem Massaker sucht die Erzählerin, eine Nachgeborene, die Spuren ihrer eigenen Vorfahren in Kiew: die ihres Vaters Miron, der damals ein neunjähriger Junge war, seines Bruders und seiner Eltern, und die seiner Großmutter, deren Namen man nicht kennt und die womöglich nur eingebildet ist. Diese Urgroßmutter der Erzählerin wird darum "Vielleicht Esther" genannt und gibt dem Buch den Titel.

"Wer konnte, floh aus Kiew", heißt es da, und es folgt dann eine kuriose Episode, nach der es der Familie nur gelingt zu entkommen, weil ihnen im letzten Moment noch ein Platz auf einem Lastwagen freigemacht wird, an dem zuvor eine Pflanze stand: "Diesem Fikus verdanke ich mein Leben", folgert die Erzählerin, weil ihr Vater ohne ihn womöglich nicht überlebt und es sie somit nie gegeben hätte. Dann aber wird es kompliziert: In der Schreibgegenwart der Erzählerin erinnert sich der Vater gar nicht mehr an das Bäumchen, und plötzlich schwindet ihr die Grundlage ihrer Lebensgeschichte. Doch der Vater tröstet sie: Manchmal sei es gerade die Prise Dichtung, die Erinnerung wahrheitsgetreu mache. Und so lernt die Erzählerin, den "Fikus" wenn nicht als historisches Faktum, so doch als Vehikel zu verstehen, um sich auf ihre eigene Herkunft überhaupt einen Reim zu machen: "Es hat sich also herausgestellt", resümiert sie, "dass wir unser Leben einer Fiktion verdanken."

Das wäre dann also der Scheherazade-Effekt der Literatur - aber es ist nur die halbe Wahrheit über Katja Petrowskajas Buch. Denn in derselben Geschichte gibt es noch einen anderen Erzählversuch, der im krassen Gegensatz dazu steht. Er kommt von der besagten Urgroßmutter, die nicht aus Kiew geflohen ist, und die sich an einen deutschen Offizier wendet, in der grotesken Vorstellung, dieser werde ihr helfen. Vertrauensvoll hebt sie auf Jiddisch an: "Ikh kann nyscht loyfn azoy schnell." Unmittelbar danach heißt es in schlichtem Berichtsstil: "Sie wurde auf der Stelle erschossen, mit nachlässiger Routine, ohne dass das Gespräch unterbrochen wurde."

Es ist die denkbar kälteste Absage an ein rettendes Erzählen, dieses Erzählen richtet überhaupt nichts aus. Ein Mensch wird beiläufig ausgelöscht, ein Mensch, der für Millionen andere steht. Diese Kälte steht in krassem Gegensatz zu dem Ton, den man beim Bachmann-Wettbewerb als "wunderbar leicht" bezeichnet hat. Aber wunderbar leicht ist er eben nicht durchgängig, der plötzliche Abgrund gehört zu ihm wie die bittere Ironie. Seine Paradoxie lautet: Wir müssen erzählen, fiktionalisieren, um überhaupt existieren zu können, aber andererseits kann keine Fiktion den Schrecken von Kiew 1941, den Schrecken des Holocausts wirklich einholen. Diese Paradoxie durchzieht das ganze Buch, das der Versuch einer Sprachfindung für das Inkommensurable ist.

Was an der Fikus-Geschichte exemplarisch deutlich wird, das weitet Katja Petrowskaja in sechs Kapiteln meisterhaft zu einem erzählerischen Strukturprinzip aus, mit dem sie den Verästelungen ihres Familienstammbaums durch das gesamte zwanzigste Jahrhundert folgt. Die Erzählerin darf man wohl gleichsetzen mit der Autorin, die 1970 in Kiew geboren wurde und seit 1999 in Deutschland lebt. Sie verfügt über die doppelte Erfahrung mit der Erinnerungskultur der Sowjetunion und der deutschen nach dem Mauerfall, und sie hat gerade als Nicht-Muttersprachlerin ein Sensorium für die deutsche Sprache, das die Lektüre zu einer sehr besonderen, berührenden und verstörenden macht.

Die Motivation ihres Schreibens erhellt sich aus einer einleitenden Sprachbeobachtung des Russischen, in dem die Frage, ob jemand nicht alle Tassen im Schrank habe, laute: "Hast du nicht alle zu Hause?" Die Feststellung, dass etwas fehlt in der Familiengeschichte oder sogar einige fehlen, setzt eine Suche in Gang, die von Berlin nach Polen und in die Ukraine führt, zurück in das Kiew der Kindheit, an den Unfassbarkeitsort Babij Jar, wo alle Erinnerung buchstäblich verschüttet ist, aber auch in die Gedenkstätte des Konzentrationslagers Mauthausen.

Jede einzelne Erinnerung an diese historischen Personen ist erschütternd und voller schwarzer Löcher, die sich wiederum nur durch bewusstes erzählerisches Gedankenspiel füllen lassen. Besonders die des Großonkels Judas Stern, der 1932 in Moskau ein Attentat auf den deutschen Botschafter verübte. Die Erzählerin spürt ihr in Archiven nach, aber viele der Hintergründe werden sich wohl nie mehr klären lassen, die Akten sind porös: "Deutschland zerbröselt in meinen Händen, wird immer unfassbarer."

Petrowskajas Buch bildet Fotos und Dokumente ab wie ein Sachbuch - aber oft nur, um zu zeigen, dass auch sie nichts erklären können. Ihr sarkastischer Sprachwitz ist dafür umso berückender. Im verminten Gelände des Deutschen lauert ihr überall der Krieg auf, so wie auf einer großen Werbetafel von "Bombardier" am Berliner Hauptbahnhof, die sie als ein "gnadenloses Willkommen" empfindet. Wie ernst diese Beobachtung ist, versteht man im Kontext eines anderen Satzes aus der Lebensgeschichte der gebürtigen Ukrainerin, der zudem eine bedrückende Aktualität gewinnt: "Wir schöpften aus der nie versiegenden Quelle des Krieges."

Die Aussage, dass sie ihr Schreiben ausdrücklich nicht als Literatur versteht - "Geschichten" lautet der Untertitel des Buches -, ändert nichts daran, dass sie damit eine ganz eigene Art der Erzählkunst geschaffen hat, eine autobiographische Metafiktion, angereichert mit Mythologie, ein postmodernes Dokumentarspiel, welches die sprachliche Bedingtheit unserer Wirklichkeit aufs Neue deutlich macht und zudem mit einem Streich fast alle jüngst an die Gegenwartsliteratur gerichteten Vorwürfe widerlegt.

Katja Petrowskaja: "Vielleicht Esther".

Geschichten.

Suhrkamp Verlag, Berlin 2014. 285 S., geb.

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