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Thomas Mann als Buch
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Thomas Mann

Eine Biographie. 2. Auflage. Dünndruck.
Buch (gebunden)
«Thomas Mann war eine Institution, war es in geduldiger, hartnäckiger und herrischer Arbeit an seiner Würde geworden. Staatsmänner sprachen zu ihm wie Gleiche zu einem Gleichen. Die Schergen, die über die Heimat herrschten, hassten ihn, als verüge er … weiterlesen
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Produktdetails

Titel: Thomas Mann
Autor/en: Klaus Harpprecht

ISBN: 3498028731
EAN: 9783498028732
Eine Biographie.
2. Auflage.
Dünndruck.
Rowohlt Verlag GmbH

21. April 1995 - gebunden - 2256 Seiten

Beschreibung

«Thomas Mann war eine Institution, war es in geduldiger, hartnäckiger und herrischer Arbeit an seiner Würde geworden. Staatsmänner sprachen zu ihm wie Gleiche zu einem Gleichen. Die Schergen, die über die Heimat herrschten, hassten ihn, als verüge er über reale Macht. Millionen Deutsche verehrten ihn wie einen Hohepriester der Dichtung. Er war, er ist der einzige deutsche Schriftsteller unseres Jahrhunderts, dem dieser Rang zufiel, ist es in seiner Meisterschaft, aber auch in seiner Schwäche un in seiner mitunter fatalen Nähe zum Ungeist der Epoche.»

Portrait

Klaus Harpprecht, geb. 1927, hat als Journalist unter anderem für RIAS, SFB und ZDF gearbeitet. Von 1966 bis 1969 war er Leiter des S. Fischer Verlags und von 1972 bis 1974 Chef der Schreibstube und Berater von Willy Brandt. Lebte zuletzt als freier Schriftsteller in Frankreich. Er starb am 21. September 2016. Publikationen u.a.: «Georg Forster oder Die Liebe zur Welt» (1990), «Thomas Mann. Eine Biographie» (1995), «Im Kanzleramt. Tagebuch der Jahre mit Willy Brandt» (2000), «Harald Poelchau - Ein Leben im Widerstand» (2004).

Rezensionen

Frankfurter Allgemeine Zeitung - RezensionBesprechung vom 03.06.1995

Von jeher gerade hindurchgekommen
Thomas Mann und das gute Gewissen der Nachgeborenen: Zwei schreibfreudige Biographen suchen eine Moral · Von Eckhard Heftrich

Populäre Biographien richten sich an eine breite Leserschicht. Sie werden daher geschrieben, wenn das Interesse dafür als gesichert gelten darf. Da selbst Autoren flinker Feder für das Sammeln des Materials und für die Niederschrift Zeit benötigen, darf das Erscheinen zweier neuer Biographien als Indiz für die anhaltende Thomas-Mann-Konjunktur gelten. Obwohl man also bezweifeln mag, daß diese beiden Bücher geschrieben worden wären, wenn wir uns in einer Rezession befänden, an deren Ende gar die vollkommene Entwertung stetig sinkender T.-M.-Aktien drohte: Man täte den Autoren doch unrecht, sähe man in ihnen nur geschickte Makler.

Natürlich benutzen sie dieselben Quellen, und sie gehen ähnlich damit um. Prater: "Nach Einsicht in den größten Teil des Materials. habe ich jede Aussage in meiner Darstellung auf derartige, mehr oder weniger authentische Belege gestützt." In diesem "mehr oder weniger" steckt eine der Fragwürdigkeiten der Biographien. Harpprecht bedankt sich bei einer Helferin mit den entlarvenden Sätzen: "Sie hat die annähernd zehntausend Zitate dieses Buches verifiziert. Oft brauchte sie einen detektivischen Scharfsinn, um die Quellen, die der Autor nicht notiert hatte, am Ende doch aufzuspüren." Die Rezensenten wissen nun, warum bei den Druckfahnen, die ihnen lange vor Auslieferung des Bandes zugingen, die Quellenangaben fehlten. Wer rasch reagieren wollte, mußte seine Kritik ohne die laufende Nachprüfung schreiben. Harpprechts Erklärung für seine Nonchalance lautet schlicht, er habe sein Buch "als eine literarische Biographie geplant", und so habe er sie geschrieben.

Daß ihm dabei das Leben Thomas Manns zur Bühne wurde, auf der er selber stets präsent ist, trägt zum Reiz des Buches bei - im Doppelsinn von Anreiz und Aufreizung verstanden. "Statt eines Vorworts" stoßen wir sogleich auf eine Art Feuilleton mit Erinnerungen an frühe Thomas-Mann-Lektüre. Das mischt sich mit der leichthändigen Kurzfassung des ganzen, dann auf 2250 Seiten durchgespielten Themenensembles. Nicht ohne Sorge fragt man sich, wie bei der spürbaren Egozentrik des Biographen seine angekündigte kritische Haltung mit der erhofften Objektivität ins Gleichgewicht kommen werde.

Während man sich bei Harpprecht so schon an den ersten Seiten zu reiben beginnt, stolpert man bei Prater bereits über den ersten Satz: "Um Viertel nach zehn Uhr am Morgen des 6. Juni 1875, einem Sonntag, wurde dem Thomas Heinrich Mann. in dem von ihm und seiner Frau Julia drei Jahre zuvor erworbenen Patrizierhaus Breite Straße 36 ein zweiter Sohn geboren: Paul Thomas." Man hat es anders im Ohr, und das Gedächtnis wird noch wacher, wenn man ferner liest: "Der Planetenstand war (wie bei Goethe) günstig, schrieb Thomas viele Jahre später. Aus seinem Horoskop lasen die Astrologen "ein langes und glückliches Leben sowie einen sanften Tod'." Die Anmerkung verweist auf den Lebenslauf von 1936, dort ist freilich von "mittags zwölf Uhr" die Rede, und natürlich hat Thomas Mann nicht nach Oberlehrerart "wie bei Goethe" hinzugesetzt, wohl aber, daß der Planetenstand günstig war, "wie Adepten der Astrologie mir später oft versicherten".

Hat Prater also gleich falsch zitiert? Das auf jeden Fall. Vielleicht wollte er Thomas Mann nur korrigieren; doch so verliert der Hinweis auf Goethe seinen Sinn. Des Rätsels Lösung findet sich bei jenem früheren Biographen, von dem Prater so vieles bezieht: Bei Peter de Mendelssohn also ist nachzulesen, es könne nur vermutet werden, daß in der Breiten Straße 36 der zweite Sohn zur Welt gekommen sei, "allerdings nicht ,mittags zwölf Uhr', wie er selber erzählt hat, sondern ,vormittags zehn einviertel Uhr'". Warum nur verschweigt Prater hier den ansonsten so oft als Zitatspender und Anreger bemühten Verfasser der fragmentarischen Monumentalbiographie aus dem Jahr 1975? Doch warum darüber rätseln, wo doch die Hauptsache ist, daß wir es nun genau wissen! Aber ach, was steht im jüngst erschienenen Prachtband "Ein Leben in Bildern" von Wysling/Schmidlin neben dem Bild der Breiten Straße 38 - notabene 38, nicht 36!? - zu lesen? Daß der Dichter "in einem Sommerhaus vor dem Burgtor" zur Welt gekommen sei.

Wer über Thomas Mann schreibe, der stehe in Mendelssohns Schuld. So Harpprecht. Wir möchten hinzufügen: mehr oder weniger, und im Falle der neuen Biographen gilt das "mehr". Freilich übertrifft Prater seinen Konkurrenten in der Abhängigkeit, der Anlehnung und häufig genug verschleierten Ausbeutung. Bezieht er doch bereits einen Großteil seiner Thomas-Mann-Zitate bis zum Jahr 1918 direkt aus Mendelssohns fragmentarisch gebliebener, mit dem Ersten Weltkrieg endender Biographie, der leider auch schon die Stellennachweise fehlen. Wer so zitiert, verzichtet darauf, im Original den Zusammenhang und Hintergrund, also den Kontext, zu prüfen. Diesen nicht zu beachten zählt aber zu den schweren Sünden wider den Geist aller Historie. Auch Harpprecht begeht oft diese Sünde. Prater benützt Mendelssohn jedoch nicht nur als Quelle für Quellen, sondern schmilzt ungehemmt auch Deutungen und Beschreibungen des älteren Biographen in seinen Text ein.

Populärbiographen paraphrasieren seit je, und man darf es ihnen nicht allzu stark ankreiden, da auch ihre Kollegen von der strengeren Observanz häufig genug sich diese Kommodität nicht versagen. Aber in unserem Fall ist der Anteil an Paraphrasen doch deutlich zu hoch, sogar im Verhältnis zu den ohnehin nicht eben sparsam eingebrachten Zitatmengen. Während Harpprecht beim Abschreiben von Originaltexten offenbar nie die Sorge beschlich, es könne zuviel werden, tat sich Prater bei ihrem Umschreiben keinerlei Zwang an. Der Brite vom Jahrgang 1918 hat das Schreiben von Biographien zum Metier seines Ruhestandes gemacht. Nachdem er mit der ersten, Stefan Zweig gewidmeten, großen Erfolg hatte, folgte 1986 eine über Rilke. Schon damals fiel der exzessive Gebrauch von aufgelösten Briefzitaten auf (vergleiche F.A.Z. vom 19. Juli 1986).

Prater und Harpprecht stand eine fast unerschöpfliche Masse bereits gedruckter Materialien zur Verfügung. Da beide auch noch unbedenklich von den Interviews sowie den Tagebuch- und Briefzeugnissen der Familie Mann und ihren Memoiren samt jenen der Weggefährten und Zeitgenossen Gebrauch machen, summiert sich das zu Hunderten von Seiten, auf denen ein Nimbus von Authentizität ruht. Aber oft handelt es sich um die fragwürdige Kombination mehrerer Quellenbruchstücke zu einer Aussage. Die Zusammenstellung von Notaten und Briefstellen unterschiedlichen Datums, Mixturen aus Tagebüchern und Briefen, das Übereinanderschieben von chronologisch weit auseinanderliegenden Aussagen - das alles kommt bei beiden vor.

Erstaunlich auch, wie häufig nicht bemerkt wird, daß eine einseitig zuungunsten Thomas Manns ausgelegte Tagebuchnotiz einer anderen, davor oder danach zitierten, widerspricht. So wird immer wieder bewundernd festgestellt, daß er neben der ungeheuren Belastung der Emigrationsjahre die kontinuierliche Disziplin zum Werk aufbrachte; und es wird auch nicht verschwiegen, wieviel er für die von Hitler Verjagten und Gejagten getan hat. Aber dann wird keine Gelegenheit versäumt, ihm Kälte, Teilnahmslosigkeit, Egoismus, ja selbst Geiz vorzuhalten oder anzudichten. Und Harpprecht wird nicht müde, dem Dichter als moralisches Kardinaldefizit den Mangel an Takt vorzuwerfen. Takt aber zählt weder zu Harpprechts noch zu Praters herausragenden Tugenden.

Die Liste der zweifelhaften oder gar nachweisbar fehlerhaften Interpretationen von Fakten ist bei beiden lang. Von entschuldbarer Flüchtigkeit kann man aber nicht mehr sprechen, wenn es so dick kommt wie im folgenden Beispiel von Prater. Seine Paraphrase eines ihm ohnehin nur als Paraphrase in der fünfbändigen Regestensammlung zugänglichen Briefes von 1954 lautet: Thomas Manns "persönlicher Zwiespalt dauerte an: Zwischen der außerordentlich positiven Aufnahme seines Werkes in Ostdeutschland, Beweis - natürlich - für den ,riesigen Respekt vor der Kultur' in der DDR, und dem zuweilen fast kriminellen Regime in Adenauers Bundesrepublik wisse man nicht, was man denken solle". In den Regesten steht aber: "Äußert sich über die Sowjetzone: Obwohl er es dort sowenig aushielte wie St. (der Adressat), könne er ihr nicht böse sein, weil alle seine Bücher dort, wenn auch mit ,etwas wunderlichen Klappentexten', herausgebracht werden. Auf der einen Seite Terror und Verbrechen, wie St. sage, und auf der andern riesiger Respekt vor der Kultur - man wisse nicht, was man denken soll."

Anstatt die in ihrem Aussagewert ohnehin höchst unterschiedlich zu gewichtenden "Quellen" in das Koordinatensystem der Situationsbedingtheit, der Personen und ihrer wechselseitigen Beziehungen, der allgemeinen Zeitlage und dergleichen mehr zu stellen und dann zu prüfen, nehmen Prater wie Harpprecht umstandslos, wo sie finden, was sie für die Entlarvung von Thomas Manns Charakter oder seiner politischen Blindheit gebrauchen können.

Da die Tagebücher, von jenen aus der Zeit von 1918 bis 1921 abgesehen, nur seit 1933 erhalten sind, von da an aber fast eine Chronik von Tag zu Tag darstellen, bieten sie sich als Leitseil an. Beide Biographen halten sich daran fest. Harpprecht gleitet, je mehr er sich dem Ende nähert, desto rascher daran entlang, spürbar färbt der Überdruß seinen Willen, endlich fertig zu werden. Wenigstens sorgt der immer wieder durchbrechende Furor seiner Auseinandersetzung mit dem überlebensgroßen Mann dafür, daß nicht jene Langeweile entsteht, die sich bei Prater ausbreitet, wenn er endlos die Besucher, Dinners, Autofahrten, Vortragsreisen, familiären, gesellschaftlichen und politischen Alltagsereignisse aufzählt.

Was den lässigen Umgang mit Fakten angeht, steht Harpprecht nicht hinter Prater zurück. Den Lübeckern ein Staatstheater zu vermachen, blieb zwar dem englischen Kollegen vorbehalten, aber fast gleichlautend heißt es bei beiden, das Buddenbrook-Haus habe den Bombenkrieg überstanden. Dabei blickt noch auf der bekannten Fotografie von 1953, die Thomas und Katia vor der leeren Fassade zeigt, der Himmel durch die öden Fensterhöhlen.

Wie bei den Quellen gibt es auch bei der Beurteilung der Person verräterische Ähnlichkeiten, mögen sich die Portraitisten nach Temperament, Herkunft und Lebenslauf so unähnlich wie möglich sein, und trotz Harpprechts insgesamt höherem Niveau. Die Hypochondrie, als Konstituante der Thomas Mannschen Psyche festgestellt, wird ihm zwar nicht direkt als Schuld angerechnet, wohl aber alles, was sich aus dieser Erbsünde seines Wesens herleitet. In der trockenen Manier Praters wirkt die Repetition des Sündenregisters noch unbarmherziger als bei Harpprecht. Schon früh verrate sich der Egoismus als "hervorstechendster Charakterzug", "die Sucht, auf sich aufmerksam zu machen", das Bedürfnis, sich unentwegt vorzuführen und zu erklären, all dies ist noch nicht einmal das Schlimmste. So richtig entrüstet sich Prater erst, wenn er daran geht, die "Gefühllosigkeit" des vom "Panzer der Selbstzufriedenheit" Geschützten vorzuführen.

Wieder ließen sich Seiten füllen mit Beispielen für entlarvendes "Verlesen", wie man in Analogie zum Freudschen Versprechen im Hinblick auf Praters Umgang mit den Tagebüchern sagen könnte. Daß auch fast alle Stellen "überlesen" werden, wo der menschenfreundliche Mann sich zeigt, überrascht danach nicht. Auch Harpprecht verweigert Thomas Mann oft die Gerechtigkeit, um sie desto reicher dessen Kontrahenten zukommen zu lassen. Das gilt vor allem für seine Darstellung des Bruderverhältnisses und der prekären Beziehung zur Mäzenatin Agnes E. Meyer. Und nicht nur dort, wo es ums Private geht, verstellt Harpprecht sich immer wieder den Zugang zu den sensiblen Zonen jener Existenz, die Thomas Mann selbst 1949 einmal auf die Formel gebracht hat: "Mein Leben, wahrhaftig La vie difficile, durch das von jeher gerade Hindurchkommen. Und das stellt sich als ,Weltruhm' dar."

Die Tendenz, sich beim Entziffern der Zeugnisse der Vie difficile zu "verlesen", wird bei Harpprecht noch verstärkt durch seine Neigung, sich mit den Opfern zu identifizieren, und nicht nur mit denen, die er als Opfer Thomas Manns auszumachen meint. Diese postume Einfühlung ist die unausgesprochene Selbstlegitimation für die moralische Wertung. Im Gegenzug glaubt Harpprecht als besonders krasse Ausprägung von Thomas Manns Egomanie dessen Gefühlskälte immer dann feststellen zu können, wenn vom Tod die Rede ist, sei es im Leben oder im Werk: "Er konnte, er wollte der schecklichen Realität des Letzten nicht ins Auge sehen." In der Literatur reichte es bei ihm daher immer nur zu "Freund Hein", zur "Verklärung des Schrecklichen". Das aber sei "neunzehntes Jahrhundert". Damit ist Thomas Mann mit einem seiner Grundthemen dorthin verbannt, wohin er auch nach Praters Meinung gehört. Die fixe Idee vom verdrängten Tod führt bei Harpprecht nicht nur zu eklatanten Fehldeutungen des Werkes und dessen so zahlreichen Sterbeszenen, sondern auch zur verzerrten Auslegung vieler Lebenszeugnisse.

Sosehr man die Wiederkehr einer Vielzahl alter, ja ältester Klischees in beiden Biographien bedauern muß, bleibt doch begrüßenswert, daß nicht unbesehen vom neuesten Generalschlüssel Gebrauch gemacht wird, mit dem sich angeblich außer den Geheimtüren des Lebens auch noch die des Werkes öffnen lassen, also von der These der unterdrückten, nicht gelebten und eben deshalb um so mächtigeren Homosexualität. Doch trübt sich die Freude an der Resistenz gegenüber der Mode, weil weder Prater noch Harpprecht auf effektvolle Spekulationen verzichten.

Als "Leben ohne Werk" war schon die Rilke-Biographie von Prater zu charakterisieren gewesen. Dabei sah er in Rilke "das vielleicht größte dichterische Genie" des zwanzigsten Jahrhunderts. Man kann sich daher ausmalen, wie es um sein Verständnis für die Romane des "literarischen Geschäftsmannes" steht, die nur "das Ende der Tradition des neunzehnten Jahrhunderts" bedeuten. Am "Zauberberg" interessiert ihn vor allem der alte Ladenhüter: Gerhart Hauptmann als Pepperkorn. Damit verfehlt man, wie auch bei Harpprecht zu beobachten, am sichersten die Bedeutung und Funktion der grandiosen mythischen Parodie. Folgerichtig ist, daß für Prater zahlreiche Kapitel des ihn langweilenden "Joseph" ihre Entstehung der Absicht verdankten, "als Auszüge und Vorabdrucke geschäftlich" genutzt zu werden.

Liest man gar, was Prater zu Wagner und Nietzsche und überhaupt zum geistigen Hintergrund zu sagen weiß, überrascht es nicht, daß Namen wie Bachofen oder Baeumler gar nicht vorkommen und Mereschkowski als "Übersetzer" Dostojewskis erscheint. Den "Gipfel des Berges von Sekundärliteratur" habe er unmöglich erklimmen können, aber was davon "tatsächlich benutzt wurde, ist in der Auswahlbibliographie aufgeführt". Nun lassen sich zwar die wirklich wichtigen Bücher der letzten zwanzig Jahre an einer Hand aufzählen; aber gerade sie fehlen.

Prater bezweifelt, daß den Lesern des einundzwanzigsten Jahrhunderts Thomas Manns klassische Werke noch viel zu sagen haben. Mit Bestimmtheit aber werde die historische Gestalt von großem Interesse bleiben, vor allem wegen der "persönlichen Auffassung des ,deutschen Problems'". "Er war ein Deutscher durch und durch" - das könnte als Fazit bei Harpprecht stehen, stammt aber von Prater. Was es mit diesem Deutschtum auf sich hat, entnimmt Harpprecht den "Betrachtungen eines Unpolitischen": "Sie waren und sind das Weiß- oder Schwarzbuch der Ressentiments, die die Seele so vieler Deutschen zerfraßen." Solange man von diesem fast achtzig Jahre alten schwierigen Buch nur zur Kenntnis nimmt, was Harpprecht allein darin zu entdecken vermochte, muß das Anathema fast überzeugend wirken, gilt doch der Bannfluch dem Bekenntnis "des konservativen Protestes, der die Seele des deutsch-nationalen Bürgertums noch lange besetzte". Doch nur, wenn man alles, was die "Betrachtungen" auch noch enthalten, auf "brillant formulierte Passagen" reduziert, kann man sie pauschal zur "Ankündigung des Aufstands der Irrationalität" erklären. Zwar wird anerkannt, daß Thomas Mann, wenn auch spät genug, "sich völlig von den Bildern des Hasses und der Feindschaft löste" und schon vor 1933 öffentlich den Kampf gegen die drohende NS-Barbarei aufnahm. Dennoch hält Harpprecht die "Betrachtungen" für die nie gesühnte tiefe Schuld. Darum blieben auch dem Emigranten die westlichen Demokratien "im Grunde seiner Seele so fremd, wie sie es in der Epoche der "Betrachtungen' waren".

Diese Sicht ist auch bestimmend für Harpprechts Zweifel an den Romanen der reifen Zeit. So führt er den Erfolg des "Zauberbergs" darauf zurück, daß die Leser sich "bei der Lektüre der garstigen Zeit, die sie umgab, enthoben fühlen" durften. Trotz aller "Schwächen" gilt ihm der "Zauberberg" noch als Meisterwerk. Wir wagen freilich die Behauptung, daß dessen vermeintliche Schwächen darauf zurückzuführen sind, daß Harpprecht den Roman nachweisbar flüchtig gelesen und von den Entdeckungen der Interpreten kaum Notiz genommen hat. Schwerer wiegt, daß er sich der Josephstetralogie fast gänzlich versagt. Längst ist aber nicht mehr die Frage, ob dieses Hauptwerk der Kritik standhält, sondern ob ein Kritiker sich ihm gewachsen zeigt.

Am heftigsten flammt Harpprechts Leidenschaft beim "Doktor Faustus" auf. Doch auch hier verraten Lesefehler die Flüchtigkeit seiner Lektüre, zu schweigen davon, daß er sich bei seiner Deutung von subtileren Auslegungen nicht im geringsten hat irritieren lassen. Der Roman dient ihm vor allem dazu, ein weiteres Mal zu demonstrieren, daß dessen Autor ein Kind des Wilhelminischen Zeitalters nicht nur war, sondern stets geblieben ist; mit allen verhängnisvollen Konsequenzen bis zu den "nie ganz gezähmten antisemitischen Ressentiments".

So ist der letzte Akt des Dramas, die restlichen acht Lebensjahre umfassend, gut vorbereitet. Da wird die Bühne ganz zum Tribunal, und Harpprecht tritt dem unbußfertigen, auf dem linken Auge zuletzt ganz blinden alten Mann nicht nur als Ankläger und Richter, sondern auch als Zeitzeuge und psychologischer Gutachter gegenüber. Dabei kann er sich das unangekränkelt gute Gewissen des Nachgeborenen erhalten, weil er vom eigenen guten Willen überzeugt ist, nicht gegen die schwierige Person oder ihre Lebensleistung angeschrieben zu haben, sondern gegen jenes "Monument", als das sich Thomas Mann "der Welt präsentierte". Hier trifft er sich wieder mit seinem englischen Kollegen. Spätestens über den Tagebüchern hätte beiden freilich aufgehen können, daß andere dieses Monument errichtet haben: solche, die es zur eigenen Erhöhung brauchten, und solche, die daran die Hohlheit angemaßter Größe vorführen wollten.

"Größe ist, was wir nicht sind", so mahnt die leise Stimme Jakob Burckhardts aus jenem Jahrhundert herüber, das Thomas Mann leidend und groß genannt hat. Es ist aber auch das Jahrhundert des Künstlerkultes. Die beiden Biographien sind Zeugnisse eines Rückschlages. Vor allem Harpprechts monumentale Reaktion spricht für ein nahes Ende des Kultes, das sich in dieser Auflehnung gegen ihn ankündigt. "Das Leben des letzten deutschen Dichterfürsten" soll da, laut Verlagsprospekt, beschrieben sein. Wir dürfen uns danach wohl wieder ganz dem Werk zuwenden. Und was das Leben seines Autors betrifft, wollen wir uns fortan an die Mahnung Jakob Burckhardts halten und seine unaufgeregte Frage bedenken, "wie weit die großen Dichter und Künstler von der persönlichen Größe dispensiert seien. - Jedenfalls bedürfen sie jener Konzentration des Willens, ohne welche überhaupt keine Größe denkbar ist, und deren magische Nachwirkung uns als zwingende Kraft berührt."

Donald A. Prater: "Thomas Mann - Deutscher und Weltbürger". Eine Biographie. Aus dem Englischen übersetzt von Fred Wagner. Hanser Verlag, München 1995. 777 S., geb., 68,- DM.

Klaus Harpprecht: "Thomas Mann". Eine Biographie. Rowohlt Verlag, Reinbek 1995. 2253 S., geb.

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