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Briefwechsel

2. Auflage. Lesebändchen.
Buch (gebunden)
Vor 10 Jahren starben zwei Große der Schweizer Literatur des 20. Jahrhunderts: Max Frisch und Friedrich Dürrenmatt. Ihr schmaler Briefwechsel ist ein gewichtiges Dokument ihrer schwierigen Freundschaft, einer kritischen, respektvollen, unter dem Druc … weiterlesen
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Produktdetails

Titel: Briefwechsel
Autor/en: Max Frisch, Friedrich Dürrenmatt

ISBN: 3257061749
EAN: 9783257061741
2. Auflage.
Lesebändchen.
Herausgegeben von Peter Rüedi
Diogenes Verlag AG

1. Oktober 1998 - gebunden - 239 Seiten

Beschreibung

Vor 10 Jahren starben zwei Große der Schweizer Literatur des 20. Jahrhunderts: Max Frisch und Friedrich Dürrenmatt. Ihr schmaler Briefwechsel ist ein gewichtiges Dokument ihrer schwierigen Freundschaft, einer kritischen, respektvollen, unter dem Druck des zunehmenden Ruhms der beiden zunächst ironisch-neckischen, dann ernsthaft gefährdeten, ja gescheiterten Freundschaft. Der Essay von Peter Rüedi stellt den Briefwechsel in Zusammenhang von Leben, Werk und Zeitgeschichte.

Pressestimmen

"Ein interessantes Buch, das außer den Briefen einen kenntnis- und geistreichen Essay des Herausgebers Peter Rüedi unter dem Titel Fast eine Freundschaft enthält, verständnisvermittelnde Anmerkungen, eine parallele Lebens-Chronologie, Fotos und Faksimiles." (Südwest Presse)

"Das Faszinierende an der Korrespondenz ist die Einsicht in die Unmöglichkeit einer Freundschaft zwischen beiden, die lediglich Alter und Tod einander wieder näherbrachten." (Süddeutsche Zeitung)

"Die Edition ist sorgfältiger nicht denkbar. Peter Rüedi ist aber nicht nur für die editorische Arbeit zu loben, sondern vor allem wegen seiner Einführung, die mit vielen Fakten und noch mehr Verständnis und Hintergrundwissen die Umstände der schwierigen Freundschaft durch all die Jahre darstellt." (Salzburger Nachrichten)

Rezensionen

Frankfurter Allgemeine Zeitung - RezensionBesprechung vom 10.10.1998

Die Zweikampffreunde
Max Frisch und Friedrich Dürrenmatt: Ein Werkstattgespräch in Briefen · Von Jochen Hieber

Gemeinsam mit ihren Ehefrauen reisen Max Frisch und Friedrich Dürrenmatt im Oktober 1967 nach Venedig. Am Tag, an dem die Stockholmer Akademie den Nobelpreisträger für Literatur verkündet hat, schleichen die beiden von ihrem Hotel auf getrennten Wegen zu verschiedenen Kiosken, um sich die neuesten Zeitungen zu besorgen: Wieder, so müssen sie feststellen, sind sie übergangen worden, dieses Mal zugunsten des guatemaltekischen Dichters Miguel Angel Asturias.

Die Anekdote, von Marianne Frisch überliefert, ist fast zu schön, um wirklich wahr zu sein. Im höheren Sinne wahr ist sie auf jeden Fall: Die beiden großen Schweizer haben im Lauf der Nachkriegsjahrzehnte immer mal wieder ihre Gemeinsamkeit beschworen und sich gelegentlich gerne als "Doppelgestirn" am deutschsprachigen Literaturhimmel verstanden. Sie sind aber meist ganz verschiedene Bahnen gegangen, haben sich oft jahrelang gemieden oder nur über Dritte miteinander verkehrt. Losgeworden sind sie sich nie, die Freundschaft war auch in feindseligen Zeiten eisern, den Zeitungskiosk, an dem der endgültige, zumindest äußere Triumph des einen über den anderen zu kaufen gewesen wäre, hat keiner je gefunden. Ihr Verhältnis war eminent sportlicher, ja kämpferischer Natur - es ging, beim Pingpong wie am Schreibtisch, immer ums Gewinnen. So trieben sie sich noch in der Entzweiung voran.

1986, vier Jahre vor seinem Tod, hat Dürrenmatt all dies in wenigen wunderbaren Briefzeilen auf den Nenner gebracht. "Als einer, der so entschlossen wie Du seinen Fall zur Welt macht", schreibt er an Frisch, "bist Du mir, der ebenso hartnäckig die Welt zu seinem Fall macht, stets als Korrektur meines Schreibens vorgekommen." Nun war diese Entgegensetzung - hier der Subjektivist Frisch, dort der Objektivist Dürrenmatt - nicht neu. So dicht, so blendend formuliert aber hatte er sie noch nie. Sehr genau und deshalb sehr anrührend das Bekenntnis: "Wie es auch sei, wir haben uns wacker auseinander befreundet. Ich habe Dich in Vielem bewundert, Du hast mich in Vielem verwundert und verwundet haben wir uns auch gegenseitig." Für die Arbeiten anderer zeitgenössischer Autoren, so Dürrenmatt, habe er sich kaum interessiert, "du bist . . . einer der wenigen gewesen, die mich beschäftigt haben - ernsthaft beschäftigt wohl der Einzige." Das ließ sich nicht übertreffen, das war ein letztes Wort. Frisch hat denn auch nicht mehr geantwortet.

Einen Briefwechsel im eigentlichen Sinn, einen auch nur einigermaßen kontinuierlichen Austausch von Ansichten, Meinungen und Gemeinheiten haben die beiden nur am Anfang ihrer Bekanntschaft geführt. Dreizehn Episteln hin und her zwischen 1947 und 1951: selbst wenn man Telefonate und manches persönliche Treffen in Rechnung stellt, ist dies nicht eben opulent. Auf ganze zwanzig, fast immer ganz kurze Billetts bringen sie es in den vierzig Jahren, die ihnen danach noch blieben. Dürrenmatt schrieb Unmengen, aber ungern Briefe - und er hatte wenig Lust, sonderlich viel aus Frischs Leben zu erfahren: "Alles ist immer so privat. Was interessieren mich Eheprobleme?" hat er in einem Interview geäußert.

Frauengeschichten und andere Erotika, Klatsch und Tratsch, Indiskretionen und Denunziationen: Fehlanzeige fast auf der ganzen Linie. Dürrenmatts erster Verleger Peter Schifferli ist die rare Ausnahme: Frisch mag ihn nicht. Dürrenmatts Frau Lotti muß sich einer Operation unterziehen, die Kinder haben Masern: Frisch bedauert entschuldigend, daß er sich nicht näher nach dem Befinden erkundigt habe, und wünscht alles Gute. Ganz beiläufig erwähnt er seine neue Adresse, kein Wort über die Trennung von seiner ersten Frau, kein Wort auch über Ingeborg Bachmann, mit der Frisch zu Anfang der sechziger Jahre zusammenlebt. Berühmter Kollegen wird nicht gedacht, Franz Kafka, Thomas Mann oder Gottfried Benn kommen nicht vor, in seinem zweiten Brief, geschrieben am 27. März 1949, führt Frisch einmal Bertolt Brecht ins Feld - um Dürrenmatts Talent vergleichend zu messen.

So muß sich die Neugier bescheiden mit einem Briefpamphlet vom Oktober 1969, in dem Art und Weise von Dürrenmatts Rücktritt aus der Basler Theaterdirektion gegeißelt werden. "Du machst es nicht gut", ruft Frisch da zunächst noch verhalten aus dem Tessin, um dann in Rage zu geraten - "Du brauchst Leute, die dir blindlings ergeben sind" - und schließlich ein herbes Charakterporträt hinzuwerfen: "wer dich über Jahrzehnte kennt, weiss dazu, wie leicht Du deine Freunde verrätst." Allem Anschein nach wurde der Brief nie abgeschickt, dennoch führte die Basler Affäre zu langer Verstimmung. Erst neun Jahre später gibt ein Max Frisch in Sack und Asche dann das nächste briefliche Zeichen. Eine kleine Runde hatte sich nach der Vernissage von Dürrenmatts Bildern und Zeichnungen noch in einem Zürcher Nobellokal zusammengefunden, der Gefeierte, gut gelaunt, "Meinem alten Kumpan Max" ein Büchlein gewidmet, das dieser mit der Bemerkung, er sei kein Verbrecher, auf den Tisch knallte. "Und: wenn du's kannst, verzeih", heißt es am Tag danach, "Das ist nicht nur Cognac! . . . Das ist krank."

Haben wir es also mit einer eher leichtgewichtigen Edition zu tun, die den längst veröffentlichten Bekundungen übereinander kaum Neues hinzufügt, zudem nur durch die sorgfältigen Anmerkungen und ein ebenso kundiges wie breites Vorwort des Herausgebers Peter Rüedi auf passables Buchformat kommt? Ja, das auch. Für etwas fortgeschrittene Leser aber ist der Band aufregend genug, zeigt er doch, wie hochgemut beide Autoren ihr schriftstellerisches Bündnis zu Beginn planten und woran es alsbald scheitern mußte.

" . . . ich möchte Sie nur wissen lassen, wie begeistert ich bin": Der damals 36 Jahre alte Max Frisch, durch einige Prosabücher und drei Theaterstücke ein gestandener, jenseits der Schweiz aber ebenfalls noch kaum bekannter Dichter, ermutigt den um eine Dekade Jüngeren nach der Lektüre des Debütdramas "Es steht geschrieben". Der antwortet artig - und schickt "Romulus der Große", sein nächstes Stück, seine erste Komödie. Nun wird Frisch ausführlich, entwickelt eine handwerkliche Expertise, lobt sehr, tadelt ein wenig. Postwendend kommt mit der Replik ein erster Verdacht. Er habe das Gefühl, schreibt Dürrenmatt Ende März 1949, "dass Sie mit ihren Pfeilen ein anderes Ziel suchen als das von mir gewählte."

Das ist es, was sie trotz allen guten Willens zur "Arbeitskameradschaft" von jetzt an tun: Sie schicken einander in Lob verpackte Giftpfeile. Und sie schreiben mit "Die Ehen des Herrn Mississippi" und "Graf Öderland" parallel zwei Parabeln für die Bühne, die beide nicht zu ihren stärksten Werken gehören, zu denen sie aber jahrzehntelang, stets verändernd und umarbeitend, zurückkehren sollten: Man habe Kinder besonders lieb, hat Frisch, seinen "Öderland" betreffend, eingestanden, "die der Umwelt als Fehlgeburt erscheinen". Als Fehlgeburt hat ihn Dürrenmatt sofort erkannt: "Das Stück scheint mir sehr gross gedacht aber sehr wenig realisiert". Als er diese Diagnose in einer Zürcher Wochenzeitung auch öffentlich stellt, zugleich Frischs Frau am Telefon zu beschwichtigen sucht, bekommt er zu hören: "Meine Frau sagte mir, dass du mit dem Artikel in der Weltwoche nicht ganz zufrieden seist, und ich will Dir diesbezüglich nicht widersprechen." Natürlich erkennt Frisch andererseits sofort auch die Schwächen des "Mississippi". "Das Immer-Zugespitzte", die "Überzogenheiten", "die Menschen werden zu Puppen": Das sind nur einige Stichworte aus einer ganzen Palette des Unbehagens, das ihm allein die ersten Akte bereiten.

Damit ist, im Jahr 1951, das intime Werkstattgespräch beendet. Dessen wechselseitiger Gründlichkeit wollte sich keiner der beiden mehr aussetzen: Sie waren als Kritiker des anderen einfach zu gut, um sich in dieser Rolle länger ertragen zu können. Dafür wurden sie nun rasch berühmt, ihre Konkurrenz diente nicht zuletzt als Triebfeder dabei. Frischs "Tagebuch 1946 -1949" erschien 1950, die Kurzgeschichte "Der Tunnel" von 1952 ist Dürrenmatts erstes wirkliches Meisterwerk. Auf Frischs großen Roman "Stiller" von 1954 folgt im Jahr darauf Dürrenmatts Welterfolg "Der Besuch der alten Dame", seine Kritik am "Stiller" jedoch, die er immer wieder in Aussicht stellt, wird er nie zu Ende bringen.

So werden sie sich fortan übereinander äußern, nicht mehr zueinander. Buchstäblich hinter des Autors Rücken stichelt Dürrenmatt 1961 bei der Premierenfeier über die Mängel von "Andorra", Frischs einst überaus erfolgreichen Versuch über den Antisemitismus. Sie spielen in Erzählungen und Interviews aufeinander an und werden, hierin für immer ein "Doppelgestirn", zum Inbegriff der Nachkriegsliteratur in deutscher Sprache. Wir haben ihresgleichen längst nicht mehr.

Max Frisch, Friedrich Dürrenmatt: "Briefwechsel". Hrsg. und mit einem Essay von Peter Rüedi. Diogenes Verlag, Zürich 1998. 240 S., geb.

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