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1793

Roman. Originaltitel: 1793. 4. Auflage.
Buch (kartoniert)
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"Ein Meisterwerk. Ein wilder und ungewöhnlicher Mix, der das ganze Krimigenre revolutioniert." Arne Dahl
Stockholm im Jahr 1793: Ein verstümmeltes Bündel treibt in der schlammigen Stadtkloake. Es sind die Überreste eines Menschen, fast bis zur Unkennt … weiterlesen
Buch

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Produktdetails

Titel: 1793
Autor/en: Niklas Natt och Dag

ISBN: 3492061311
EAN: 9783492061315
Roman.
Originaltitel: 1793.
4. Auflage.
Übersetzt von Leena Flegler
Piper Verlag GmbH

1. März 2019 - kartoniert - 496 Seiten

Beschreibung

"Ein Meisterwerk. Ein wilder und ungewöhnlicher Mix, der das ganze Krimigenre revolutioniert." Arne Dahl
Stockholm im Jahr 1793: Ein verstümmeltes Bündel treibt in der schlammigen Stadtkloake. Es sind die Überreste eines Menschen, fast bis zur Unkenntlichkeit entstellt. Der Ruf nach Gerechtigkeit spornt zwei Ermittler an, diesen grausamen Fund aufzuklären: den Juristen Cecil Winge, genialer als Sherlock Holmes und bei der Stockholmer Polizei für "besondere Verbrechen" zuständig, und Jean Michael Cardell, einen traumatisierten Veteranen mit einem Holzarm. Schon bald finden sie heraus, dass das Opfer mit chirurgischer Präzision gefoltert wurde, doch das ist nur einer von vielen Abgründen, die auf sie warten ...

Der Nummer-1-Bestseller aus Schweden

"Stellen Sie sich 'The Alienist - Die Einkreisung' im Stockholm des 18. Jahrhunderts vor: wuchtig, blutig, vielschichtig, herzzerreißend spannend. '1793' ist der beste historische Krimi, den ich in zwanzig Jahren gelesen habe!" A. J. Finn (#1-New-York-Times-Bestseller-Autor von "The Woman in the Window")

Trailer

Portrait

Niklas Natt och Dag, geboren 1979, arbeitet als freier Journalist in Stockholm. Der Spiegel-Bestsellerautor entstammt der ältesten Adelsfamilie Schwedens. Nicht zuletzt deshalb hat er eine besondere Verbindung zur schwedischen Geschichte. Sein historischer Kriminalroman »1793« wurde vielfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem Schwedischen Krimipreis für das beste Spannungsdebüt. Wenn er nicht schreibt oder liest, spielt er Gitarre, Mandoline, Geige oder die japanische Bambuslängsflöte Shakuhachi.

Leseprobe

Mickel Cardell treibt in kaltem Wasser. Mit der freien rechten Hand packt er den Kragen von seinem Kameraden Johan Hjelm, der reglos mit rotem Schaum in den Mundwinkeln neben ihm herdriftet und dessen Waffenrock von Blut und Brackwasser verschmiert ist. Als eine Welle Cardell anhebt und ihm den Stoff aus den Fingern reißt, will er am liebsten schreien, doch aus seiner Kehle dringt lediglich ein Winseln. Neben ihm verschwindet Hjelm wie ein Stein in der Tiefe. Cardell taucht mit dem Kopf unter und blickt für einen Moment dem hinabsinkenden Körper nach. Ein Stück weiter unten, an der Grenze dessen, was er erkennen kann, glaubt er noch etwas anderes zu sehen: Zu Tausenden sinken dort verstümmelte Matrosen bis vor das Höllentor. Des Todesengels Schwingen legen sich um ihre Leiber, und obenauf thront ein blanker Schädel. In der Strömung öffnet sich der Unterkiefer zu einem stummen, höhnischen Lachen.1.»Häscher Mickel! Wachen Sie auf!«Als Stadtknecht Jean Michael Cardell unter den unermüdlichen Stößen langsam zu sich kommt, verspürt er für einen Moment Schmerzen im linken Unterarm, der nicht mehr da ist. Anstelle der abgetrennten Gliedmaße sitzt dort nur mehr eine geschnitzte Hand aus Buchenholz. Der Stumpf selbst ruht in einer Vertiefung an seiner Seite, während das Holz mit Lederriemen an seinem Ellbogen befestigt ist. Die Riemen schneiden ihm ins Fleisch. Mittlerweile müsste er es besser wissen und sie aufknoten, sobald er einzunicken droht.Widerwillig schlägt er die Augen auf und sieht als Erstes die fleckige Landschaft einer Tischplatte vor sich. Sowie er versucht, den Kopf zu heben, spürt er, dass seine Wange am Holz festklebt. Als er sich schließlich aufrichtet, zieht ihm der klebrige Dreck die Perücke vom Kopf. Er flucht und schiebt sie sich zerstreut unter die Jacke, nachdem er sich damit den Schweiß aus dem Gesicht gewischt hat. Sein Hut ist zu Boden gefallen, die Krone eingedellt. Er schlägt die Delle heraus und setzt ihn wieder auf.Langsam kehrt die Erinnerung zurück. Er befindet sich noch immer im Hamburger Keller. Offenbar hat er sich an seinem Tisch bewusstlos gesoffen. Ein Blick über die Schulter da sind noch andere, denen es ähnlich ergangen sein muss. Eine Handvoll Betrunkener, die der Wirt offenbar für hinreichend betucht gehalten hat, um sie nicht hinaus in den Rinnstein zu befördern, liegt auf Bänken und unter den Tischen und wartet auf den Morgen, um sich endlich nach Hause zu schleppen und die Standpauke der daheim Wartenden über sich ergehen zu lassen. Bei Cardell ist das anders. Als Krüppel lebt er allein, und nur er selbst bestimmt über seine Zeit.»Mickel, Sie müssen kommen! Da liegt ein Toter im Fatburen!«Zwei Straßenkinder haben ihn geweckt. Ihre Gesichter kommen ihm vage bekannt vor; an die Namen kann er sich nicht mehr erinnern. Hinter den beiden steht Bagge, der fette Liebhaber und Handlanger der Wirtin. Sein Gesicht ist stark gerötet, auch er scheint eben erst aufgewacht zu sein. Er hat sich zwischen die beiden Kinder und den Stolz des Kellers geschoben, der hinter Schloss und Riegel in einem blauen Schrank verwahrt wird: eine Sammlung geritzter Gläser.Hier im Hamburger Keller machen die Todgeweihten halt, bevor sie auf dem Karren hinauf zum Galgenberg am Skanstull gebracht werden. Hier bekommen sie einen letzten Schluck zu trinken. Dann werden ihre Gläser eingesammelt, mit ihren Namen versehen und der Sammlung hinzugefügt.Wer immer später daraus trinken will, wird streng beaufsichtigt und muss einen Preis entrichten, der sich an der Berühmtheit des Toten bemisst und das soll Glück bringen. Cardell hat nie richtig verstanden, warum.Er wischt sich den Schlaf aus den Augen. Natürlich ist er immer noch alkoholisiert. Als er die Stimme hebt, klingt sie breiig.»Was zur Hölle ist hier los?«Das Mädchen das ältere der beiden Kinder antwortet. Der Junge, nach der Ähnlichkeit zu urteilen womöglich der Bruder, hat eine Hasenscharte und rümpft die Nase, als er Cardells Atem riecht. Er geht hinter seiner Schwester in Deckung.»Im Wasser liegt ein Toter, direkt am Ufer.«In ihrer Stimme liegt eine Mischung aus Schrecken und Erregung. Die Adern um Cardells Stirn fühlen sich an, als könnten sie jeden Moment zerplatzen, und sein Puls droht die wattigen Gedanken zu übertönen, zu denen er schon wieder in der Lage ist.»Und was hab ich damit zu tun?«»Bitte, Mickel, es ist sonst niemand da, und wir wussten, dass Sie hier sein würden.«In der vergeblichen Hoffnung auf ein wenig Linderung reibt er sich die Schläfen.Über Södermalm beginnt es gerade erst zu dämmern. Die nächtliche Finsternis hängt noch immer in der Luft, die Sonne hat sich noch nicht hinter der Sicklaön und dem Danviken heraufgeschoben. Cardell stolpert über die Treppe des Hamburger Kellers nach draußen und dann hinter den zwei Kindern her die leere Borgmästaregatan entlang. Mit halbem Ohr hört er zu, wie sie von einem durstigen Zugochsen erzählen, der am Ufersaum des Fatburen mit einem Mal zurückschreckte und dann in Richtung Tanto flüchtete.»Er hat mit seinem Maul die Leiche berührt, und die hat sich dann einmal um die eigene Achse gedreht.«Am See, wo der Weg nicht mehr gepflastert ist, wird der Boden lehmig. Hier unten am Fatburen war Cardell schon lange nicht mehr, aber es hat sich nichts verändert. Angeblich sollte das Ufer für neue Anlegestellen und Brücken geräumt werden, aber nichts dergleichen ist passiert. Kein Wunder, da Stadt- und Staatskasse leer sind das weiß er genauso gut wie jeder andere, der seinen mickrigen Lohn mit allerhand zusätzlichen Einkünften aufbessern muss. Sämtliche Güter am Ufer wurden zu Manufakturen umgebaut, und die Werkstätten leiten ihren Dreck ungefiltert in den See. Der für Ausscheidungen vorgesehene Holzverschlag ist überschwemmt, wird von den meisten aber ohnehin gemieden. Cardell stößt einen saftigen Fluch aus, als sein Stiefelabsatz durch den Lehm furcht und er den gesunden Arm nach hinten reißen muss, um das Gleichgewicht zu halten.»Euer Rindvieh hat sich erschreckt, weil es die Überreste eines alten Kameraden gewittert hat. Hier kippen Schlachter ihre Abfälle ins Wasser. Ihr habt mich wegen ein paar Ochsenrippen oder dem Rückgrat eines Schweins geweckt!«»Wir haben ein Gesicht im Wasser gesehen, das Gesicht eines Menschen!«Wasser plätschert und spült fahlgelben Schaum ans Ufer. Die Kinder haben insofern recht, als ein paar Meter in den See hinein etwas Verrottetes im Wasser treibt, ein dunkles Bündel. Als Erstes schießt Cardell durch den Kopf, dass es zu klein ist. Das kann kein Mensch sein.»Das sind Schlachtabfälle, genau wie ich vermutet habe. Irgendein Tierkadaver.«Doch das Mädchen bleibt stur, und der Junge nickt nachdrücklich. Cardell schnaubt resigniert.»Ich bin betrunken. Verstanden? Besoffen. Nicht bei Sinnen. Merkt euch das, falls irgendwer euch fragt, wie ihr einen Stadtknecht dazu gebracht habt, im Fatburen baden zu gehen, und er euch anschließend verdroschen hat, als er tropfnass und stinksauer wieder aus dem Wasser kam.«Nur unter Mühen, wie es jedem Einarmigen gegangen wäre, schält er sich aus seiner Jacke. Die Wollperücke, die er schon wieder ganz vergessen hat, fällt auf den Lehmboden. Auch egal, er hat das Ding für eine Handvoll Zwölftelschillinge gekauft, es ist inzwischen ohnehin längst aus der Mode, und er trägt es nur noch, weil mit einem ordentlichen Auftreten seine Chancen als Kriegsveteran steigen, den einen oder anderen Schluck spendiert zu kriegen. Cardell legt den Kopf in den Nacken. Hoch über dem Årstafjärden funkeln immer noch die Sterne wie auf einer Perlenschnur. Er schließt die Augen, um die Schönheit dieses Anblicks in seinem Innern zu verschließen, und setzt erst dann den rechten Stiefel in den See.Der durchweichte Ufersaum kann sein Gewicht nicht tragen. Er sinkt bis zum Knie ein und spürt, wie das Wasser in den Schaft des Stiefels strömt, der prompt im Schlamm stecken bleibt, als er das Bein nachziehen muss, um nicht zu stolpern. In einer Mischung aus Waten und Schwimmzügen arbeitet er sich voran.Das Wasser fühlt sich zwischen seinen Fingern zäh und dickflüssig an. Um ihn herum treibt all das, was man nicht einmal in den Elendsvierteln Södermalms für aufhebenswert hält.Der Alkohol beeinträchtigt sein Urteilsvermögen. Er empfindet Panik, sobald er keinen Boden mehr unter den Füßen hat. Dieser Tümpel ist tatsächlich tiefer, als er vermutet hat, und mit einem Mal fühlt er sich in den Svensksund zurückversetzt drei Jahre zuvor, inmitten der Schrecken eines Malstroms, der den schwedischen Verband zu verschlingen drohte.Er schiebt sich mit Beinschlägen vorwärts und streckt sich nach dem Kadaver. Erst glaubt er, dass er recht gehabt hat: Es ist kein menschliches Wesen. Es ist ein totes Tier, das aus der Schlachtschwemme gespült wurde und jetzt an die Wasseroberfläche getrieben ist, weil Faulgase sich in den Eingeweiden ausbreiten. Doch dann dreht sich das Bündel, und er sieht sich ihm von Angesicht zu Angesicht gegenüber.Verrottet ist es nicht, trotzdem starren ihn leere Augenhöhlen an. Hinter den zerfetzten Lippen kein einziger Zahn. Nur das Haar scheint noch zu schimmern, auch wenn die Nacht und der Fatburenschlamm ihr Bestes tun, um die Farbe zu verschleiern. Doch der Schopf ist ohne Zweifel blond. Cardell schnappt hektisch nach Luft und schluckt Wasser.Als er endlich aufhört zu husten, lässt er sich kurz neben der Leiche im Wasser treiben. Er sieht ihr ins zerstörte Gesicht. Von den Kindern am Ufer hört er keinen Mucks mehr. Stumm warten sie darauf, dass er wiederkommt. Er macht kehrt und stößt sich mit dem nackten Fuß ab in Richtung Ufer.Dort, wo das Wasser ihrer beider Gewicht nicht mehr trägt, wird die Bergung zusätzlich erschwert. Cardell rollt sich über den Rücken ab, stemmt sich auf die Beine und schleppt seinen Fund mithilfe der Fetzen, in die er gehüllt ist, aus dem Wasser. Die Kinder machen keine Anstalten zu helfen, im Gegenteil, sie weichen erschrocken zurück und halten sich die Nase zu. Cardell hustet Wasser und spuckt auf den Lehmboden.»Lauft zur Schleuse, und holt die Stadtwache!«Und wieder machen die Kinder keine Anstalten. Sie sind ebenso darauf erpicht, sicheren Abstand zu halten, wie einen Blick auf Cardells Fang zu erhaschen. Erst als er die Faust hebt, setzen sie sich in Bewegung.Als er ihre kleinen Füße nicht mehr hören kann, dreht er den Kopf zur Seite und übergibt sich. Am Ufer ist es wieder totenstill, und dort unten allein am Wasser spürt er, wie eine kalte Hand die Luft aus seiner Lunge presst und ihm der Atem stockt. Sein Herz hämmert immer schneller, Blut schießt durch die Adern an seinem Hals, und eine überwältigende Angst ergreift von ihm Besitz. Er weiß nur zu gut, was als Nächstes kommt: Er spürt, wie sich sein nicht länger vorhandener Arm aus dem Dunkel heraus förmlich verdichtet, bis jede Faser seines Leibs ihm zuraunt, dass der Arm wieder da sei, wo er hingehöre. Er spürt, wie sich vom Unterarm ein Schmerz ausbreitet, der so übermächtig ist, dass er die Welt übertönen könnte: ein Schädel mit eisernen Zähnen, die durch Fleisch und Knochen nagen.Panisch reißt er die Lederriemen vom Ellbogen und lässt die Holzhand auf den Lehmboden fallen. Dann packt er mit der Rechten den Stumpf und knetet die vernarbte Haut, um seine Sinne wieder daran zu erinnern, dass jener Unterarm, den sie zu spüren glauben, nicht länger da und die schmerzende Wunde schon seit Jahren verheilt ist.Die Attacke währt nicht länger als eine Minute. Endlich kriegt er wieder Luft, atmet erst ganz flach, dann immer ruhiger und langsamer. Die Angst schwindet, und die Welt nimmt wieder erkennbare Konturen an. Derlei jähe Panikattacken überkommen ihn schon seit drei Jahren seit er mit nur einem Arm und um einen Kameraden ärmer zurück an Land gekrochen ist. Dabei liegt der letzte Anfall schon eine Weile zurück. Er hat eigentlich geglaubt, ein, zwei Mittelchen gefunden zu haben, die den Alb auf Abstand halten: den Branntwein und Schlägereien. Cardell sieht sich trostsuchend um, doch es sind nur er und die Leiche da.Er nimmt nicht einmal zur Kenntnis, wie lange die Stadtwache braucht. Still sitzt er am Ufer und starrt vor sich hin. Seine durchnässte Kleidung ist eiskalt, aber noch hat er genügend Branntwein in den Adern, dass ihm warm ist. Als sie kommen, sind sie zu zweit: zwei Männer in blauen Uniformjacken über weißen Hosen, jeder mit einer bajonettbewehrten Muskete im Arm. Ihrem Gang kann er ansehen, dass auch sie getrunken haben, was zwar strafbar, aber an der Tagesordnung ist. Einen der beiden kennt er sogar namentlich. Viele jener schlecht bezahlten Ordnungskräfte neigen dazu, ihre Sorgen im Branntwein zu ertränken, und die Wirtshäuser sind brechend voll.»Sieh mal einer an: Mickel Cardell auf Badeausflug in der Stadtlatrine. Haben Sie darin etwas von Wert gesucht, was Sie versehentlich vor ein paar Tagen verschluckt und nicht mehr aus der Schüssel haben retten können? Oder haben Sie nach einer verirrten Hure gesucht, die ins Wasser gegangen ist?«»Halten Sie die Klappe, Solberg. Ich mag gerade nach Kloake stinken, aber Sie und Ihr Freund Sie stinken nach Fusel. Gehen Sie besser runter ans Wasser, und gurgeln Sie durch, bevor Sie Ihren Korporal wecken.«Cardell steht auf und streckt den steifen Rücken durch. Dann zeigt er neben sich auf die Leiche.»Da.«Sowie Kalle Solberg sich ihr nähert, zuckt er erst einmal heftig zurück.»Pfui Teufel!«»Genau. Einer von Ihnen bleibt am besten hier, würde ich sagen, während der andere in Richtung Schlossberg läuft und einen Konstabler von der Wache holt.«Cardell wickelt seine Jacke um die Holzhand und klemmt sich das Bündel unter den Stumpf. Gerade will er sich auf den Weg machen, als er sich wieder an den eingebüßten Stiefel erinnert. Er wirft sein Bündel auf den Hang, macht kehrt und watet steifbeinig und doch so würdevoll, wie er nur kann, in seinen eigenen Fußstapfen zurück, bis er den eingesunkenen Stiefel findet. Dann zerrt er das Leder aus dem Schlamm, der wie zur Antwort enttäuscht schmatzt. Solberg hat das Glück auf seiner Seite und darf sich auf den Weg in die Stadt machen. Sein Kamerad steht derweil wortlos da und legt weder Spott noch Hohn an den Tag. Der Schrecken, der einen überkommt, wenn man allein mit einer Leiche zurückbleibt, ist ihm anscheinend nicht fremd. Cardell nickt ihm im Vorbeigehen zu. Er hat einen Cousin, der hier im Viertel wohnt und der einen Brunnen und mit etwas Glück auch eine Kanne Seifenwasser übrig hat, die er bereit ist, mit Cardell zu teilen.2.Auf dem Sekretär liegt ein Bogen Papier mit einem aufgezeichneten Schachbrettmuster. Cecil Winge legt die Taschenuhr vor sich auf die Arbeitsplatte, nimmt die Kette ab und zieht den Leuchter mit dem hellen Wachslicht ein Stück näher heran. Schraubendreher, Pinzette und die eine oder andere Zange liegen aufgereiht vor ihm. Er hält die Hände vor sich ins Kerzenlicht. Nicht das geringste Zittern.Konzentriert macht er sich an die Arbeit. Er öffnet das Gehäuse, zieht die Stifte heraus, auf denen die Zeiger sitzen, und legt sie in den jeweils vorgesehenen Quadranten auf dem Papierbogen. Dann nimmt er das Ziffernblatt, legt das Uhrwerk frei, hebt es ebenfalls aus dem Gehäuse. Er nimmt es auseinander und ölt Zahnrad um Zahnrad. Aus ihrem Gefängnis befreit, lockert sich die flach aufgerollte Feder zu einer zierlichen Spirale. Darunter liegt der Unruhring, dann das Federhaus. Mit Schraubendrehern, die kaum breiter als Nähnadeln sind, zieht er die winzigen Schrauben aus den Gewinden.Ohne funktionsfähige Uhr ist Winge auf den Klang der Kirchenglocken angewiesen, die die fortschreitende Stunde verkünden. Im Ladugårdslandet ist es die große Glocke der Hedvig-Eleonora-Kirche. Vom Saltsjön her kann er das schwache Echo vom Glockenturm der Katarinenkirche hören. Die Zeit verrinnt.Sobald er das Uhrwerk komplett auseinandergenommen hat, macht er sich daran, es in umgekehrter Reihenfolge wieder zusammenzufügen. Indem jeder Teil an seinen angestammten Platz gelegt wird, nimmt es nach und nach wieder Gestalt an. Winges schlanke Finger beginnen sich zu verkrampfen, und er muss mehrmals Pausen einlegen, damit sich Muskeln und Sehnen erholen. Er ballt die Fäuste, spreizt die Finger, reibt sich die Hände, presst die Handgelenke auf die Knie. Die unbequeme Sitzhaltung fordert ihren Tribut, und die Krämpfe in der Hüfte, die er immer häufiger hat, breiten sich über seinen unteren Rücken aus und zwingen ihn, in einem fort die Sitzposition zu ändern.Als die Zeiger wieder an ihrem Platz sitzen, führt er den winzigen Schlüssel ins Loch, dreht ihn herum und spürt den Widerstand der Feder. Sobald er loslässt, kann er das wohlbekannte Ticken hören und hat zum bestimmt hundertsten Mal seit dem vergangenen Sommer ein und denselben Gedanken: Genau so sollte die Welt funktionieren, rational und greifbar jedes Zahnrad an seinem ureigenen Platz, präzise Bahnen, die man anhand des benachbarten Zahnrads exakt berechnen kann.Doch der Trost, den er diesem Gedanken abgewinnt, ist nicht von Dauer. Er ist verflogen, sobald die Ablenkung vorbei ist und die Welt, in der für einen Augenblick die Zeit stillgestanden hat, um ihn herum wieder Gestalt annimmt. Er hängt seinen Gedanken nach, legt einen Finger aufs Handgelenk und zählt die Pulsschläge, während der Sekundenzeiger über das eingelassene Ziffernblatt wandert, auf dem der Name des Uhrmachers steht: Beurling, Stockholm. Einhundertvierzig Schläge pro Minute. Die Schraubendreher und das übrige Werkzeug liegen wieder an ihrem Platz, und er will die ganze Prozedur gerade von Neuem angehen, als er mit einem Mal Essensgeruch wahrnimmt. Dann kratzt das Mädchen an der Kammertür, und eine Stimme ruft zu Tisch.Eine blau gemusterte Suppenterrine wird auf den Tisch gestellt. Der Gastgeber, Reepschläger Olof Roselius, neigt den Kopf zu einem kurzen Tischgebet, ehe er die Hand ausstreckt und den Deckel von der Terrine hebt. Er verbrennt sich am Griff, verkneift sich einen Fluch und schüttelt die Finger aus.Auf seinem Platz zur Rechten des Reepschlägers tut Cecil Winge so, als studierte er die hölzerne Tischplatte, auf der das Kerzenlicht Schattenstreifen erzeugt. Währenddessen eilt die Magd mit einem Handtuch zu Hilfe. Der Duft von Rüben und gegartem Fleisch glättet die Runzeln in der Stirn des Reepschlägers. Mit seinen siebzig Jahren ist jegliche Farbe aus seinem Kopfhaar und dem Bart gewichen. Leicht gekrümmt sitzt er auf seinem Stuhl. Roselius eilt der Ruf eines rechtschaffenen Mannes voraus. Jahrelang hat er sich für die Arbeit des Armenhauses der Hedvig-Eleonora-Kirche eingesetzt und andere großzügig an seinem Vermögen teilhaben lassen, das einst hinreichend war, um den Gutshof des Grafen Spens am Rande des Ladugårdslandet zu erwerben. Doch in den letzten Jahren fordern missglückte Geschäfte mit seinem Nachbarn Ekman, Kämmerer der Verwaltungsbehörde, ihren Tribut. Ein Sägewerk im Västerbottnischen hat sich als Fehlinvestition entpuppt. Winge hat so eine Ahnung, dass Roselius sich für Jahrzehnte der Wohltätigkeitsarbeit ungerecht entlohnt fühlt. Eine gewisse Bitterkeit scheint wie eine Glocke über dem gesamten Besitztum zu hängen.Winge kann als Mieter nicht umhin, sich selbst als eine Mahnung an schlechtere Zeiten zu betrachten. Doch heute Abend macht Roselius einen noch niedergeschlageneren Eindruck als sonst, und er begleitet jeden Löffelvoll mit einem Seufzer. Als er sich schließlich räuspert und die Stille durchbricht, ist sein Teller beinahe leer.»Der Jugend Ratschläge zu erteilen ist bekanntlich mühsam; man kassiert dafür nur Schelte. Trotzdem will ich Klartext reden, Cecil. Seien Sie so gut, und hören Sie mir zu, ich will nämlich Ihr Bestes.«Roselius erlaubt sich einen neuerlichen Seufzer, ehe er ausspricht, was offenbar ausgesprochen werden muss.»Was Sie da tun, ist nicht natürlich. Ein Ehemann muss bei seiner Frau sein. Haben Sie ihr nicht geschworen und sie Ihnen , in guten wie in schlechten Tagen beieinanderzubleiben? Kehren Sie zu ihr zurück.«Blut steigt Winge in das blasse Gesicht, und er ist ob der Vehemenz seiner Gefühle selbst überrascht. Ein derart getrübtes Urteilsvermögen und übermächtiger Zorn stehen einem Mann der Vernunft nicht gut zu Gesicht. Er atmet tief ein, hört das Blut in seinen Ohren rauschen und ringt um Fassung. Währenddessen bleibt er dem Reepschläger die Antwort schuldig. Winge weiß, dass sich die List, die sein Gegenüber einst zum Erfolgreichsten seiner Zunft gemacht hat, über die Jahre nicht gemindert hat. Er kann regelrecht hören, wie hinter dessen Stirnfalten ein argwöhnischer Gedanke den anderen jagt. Die Spannung zwischen ihnen schwillt in der Stille an und verebbt wieder. Roselius seufzt, lehnt sich zurück und hebt die Hände zu einer versöhnlichen Geste.»Wir haben schon oft miteinander gegessen, Sie und ich. Ich kenne Sie. Sie sind belesen und haben einen scharfen Verstand. Ich weiß überdies, dass Sie kein schlechter Mensch sind, ganz im Gegenteil. Aber Sie lassen sich von neuen Ideen blenden, Cecil. Sie glauben, Sie könnten alles kraft des Verstandes lösen kraft Ihres Verstandes. Aber da liegen Sie falsch. Gefühle lassen sich nicht an die Kette des Verstandes legen. Kehren Sie zu Ihrer Frau zurück, um Ihrer beider willen, und wenn Sie ihr etwas angetan haben sollten, bitten Sie sie um Verzeihung.«»Was ich getan habe, war zu ihrem Besten. Ich hatte es mir gut überlegt.«Selbst in seinen eigenen Ohren klingt diese Erwiderung wie die Rechtfertigung eines bockbeinigen Kindes.»Cecil, was immer Sie damit beabsichtigt hatten es ist anders gekommen.«Winge kann seine Hände nicht am Zittern hindern. Er legt den Löffel beiseite, damit es nicht auffällt. Seine Stimme ist zu seinem Verdruss kaum mehr als ein heiseres Flüstern.»Es hätte funktionieren müssen.«Als Roselius antwortet, ist seine Stimme weicher als zuvor.»Ich habe sie heute gesehen, Cecil, ihre Frau beim Fischhändler am Katthavet. Sie erwartet ein Kind. Sie kann ihren Bauch nicht länger verbergen.«Winge rückt seinen Stuhl zurecht und sieht dem Reepschläger jetzt erstmals ins Gesicht.»War sie allein?«Roselius nickt und lehnt sich vor, um die Hand auf Winges Unterarm zu legen, doch der weicht intuitiv aus, und zwar so schnell, dass es ihn selbst verblüfft.Winge schließt die Augen, um sich wieder zu sammeln. Er hat erneut den Eindruck, als stünde die Zeit still, während er in der Bibliothek seiner Gedanken steht, in der um ihn herum die Bücher stumm aufgereiht sind. Er wählt einen Band von Ovid, schlägt das Buch auf einer wahllosen Seite auf. Omnia mutantur, nihil interit. Alles wandelt sich, aber nichts geht komplett zugrunde. Derlei tröstliche Worte braucht er gerade.Als er die Augen wieder aufschlägt, verrät sein Blick nicht das geringste Gefühl. Mit Mühe hält er seine zitternden Hände unter Kontrolle, rückt behutsam den Löffel zurecht, schiebt seinen Stuhl zurück und steht vom Tisch auf.»Ich danke Ihnen für die Suppe und Ihr Mitgefühl, aber rechnen Sie damit, dass ich das Abendessen von nun an in meiner Kammer zu mir nehme.«Die Stimme des Reepschlägers folgt ihm nach draußen.»Wenn der Gedanke das eine, die Wirklichkeit aber das andere sagt, muss doch der Gedanke falsch gewesen sein. Wie kann das ausgerechnet Ihnen mit Ihrer humanistischen Ausbildung nicht einsichtig sein?«Darauf hat Winge keine Antwort, aber indem er davonmarschiert, kann er so tun, als hätte er es nicht gehört.Auf unsicheren Beinen stolpert Cecil Winge hinaus in den Flur und dann die Treppe hoch zur Kammer, die er seit dem Sommer im Haus des Reepschlägers angemietet hat. Er kommt im Moment sehr leicht außer Atem und muss sich vornübergebeugt an den Türrahmen lehnen.Vor seinem Fenster erstreckt sich das stille Gut. Die Sonne ist schon vor einer Weile untergegangen. In der Fensterscheibe sieht Winge sein Spiegelbild. Er ist noch keine dreißig, und sein bleiches Gesicht zeichnet sich scharf gegen sein dunkles Haar ab, das er im Nacken zusammengebunden hat. In der Dunkelheit kann er nicht mehr erkennen, wo der Horizont aufhört und das Himmelszelt ansetzt. Erst ein ganzes Stück weiter oben funkeln die Sterne. So ist wohl die Welt jede Menge Finsternis und nur wenig Licht. Am oberen Rand kann er durch die Scheibe eine Sternschnuppe sehen einen Strich, der blitzschnell über den Himmel schießt. Als er noch ein kleiner Junge war, durften sie sich immer etwas wünschen, wenn sie eine Sternschnuppe entdeckten. Dem Aberglauben kann er schon lange nichts mehr abgewinnen; dennoch formuliert er einen stummen Wunsch.Zwischen den Linden im Hof sieht er ein Licht, obgleich kein Besuch mehr erwartet wird. Dann ruft jemand seinen Namen. Er zieht den Rock über, und als er auf die Stimme zuläuft, entdeckt er zwei Gestalten. Roselius Magd hält die Laterne. Neben ihr steht ein kleiner, vornübergebeugter Kerl, stützt die Hände auf die Knie, ringt um Atem, und von den Lippen trieft der Speichel. Als Winge näher tritt, drückt ihm die Magd ihre Laterne in die Hand.»Besuch für den Herrn. In dem Zustand lass ich den aber gewiss nicht rein.«Sie macht auf dem Absatz kehrt und marschiert breitbeinig zurück ins Hauptgebäude, während sie über die Torheit der Welt den Kopf schüttelt. Der Kerl ist jung, hat immer noch eine helle Stimme, und unter all dem Schmutz sind seine Wangen glatt.»Also?«»Sind Sie Winge? Cecil Winge, der im Inbetoska arbeitet?«»Die Polizeikammer ist im Hause Indebetou untergebracht und nirgends sonst. Nichtsdestoweniger: Ja, der bin ich.«Unter dem schmutzig blonden Haarschopf blinzelt der Junge ihn an. Ohne einen Beweis will er ihm offenbar nicht glauben.»Auf dem Schlossberg heißt es, der Herr zahlt dem Schnellsten ein Trinkgeld.«»Ach ja?«Der Junge kaut auf einer Haarsträhne herum, die aus seiner Kappe gerutscht ist.»Ich war schneller als die anderen. Jetzt hab ich Seitenstechen und schmecke Blut, und heute Nacht muss ich in nassen Kleidern draußen auf der Straße schlafen. Einen Zwölftelschilling will ich dafür schon haben.«Der Junge hält den Atem an, als hätte Winge seine Dreistigkeit mit einem Würgegriff gestraft. Doch der wirft ihm nur einen abschätzigen Blick zu.»Du hast gesagt, es gebe noch andere, die sich auf den Weg hierher gemacht haben. Da muss ich ja nur einen Moment warten, bis die Angebote nur so hereinströmen.«Er kann regelrecht hören, wie der Junge mit den Zähnen knirscht und sich für seinen Lapsus verflucht. Trotzdem zückt Winge seine Geldbörse, nestelt die gewünschte Münze heraus und hält sie zwischen Daumen und Zeigefinger.»Heute Abend hast du Glück. Geduld ist nämlich nicht gerade meine Stärke.«Erleichtert grinst ihn der Junge an. Ihm fehlen zwei Schneidezähne. Blitzschnell schiebt er die Zunge durch die Lücke und leckt sich den Rotz von der Oberlippe.»Der Kammerdirektor will sich mit dem Herrn unterhalten, und zwar jetzt gleich, in der Yxsmedsgränd.«Winge nickt und streckt die Hand mit der Münze aus. Der Junge macht ein paar Schritte nach vorn und schnappt sich seine Belohnung. Dann wirbelt er herum, rennt los und springt mit einem so langen Satz über das Mäuerchen, dass er beinahe die Balance verliert.»Kauf Brot davon«, ruft Winge ihm nach, »und keinen Branntwein!«Der Junge bleibt stehen. Dann zieht er sich die Hose herunter, dreht Winge die Kehrseite zu, klatscht sich mit der flachen Hand deutlich vernehmbar auf beide Gesäßbacken und ruft über die Schulter: »Noch mehr solcher Botengänge, und ich werde so reich, dass ich mir beides leisten kann!«Dann lacht er triumphierend und verschwindet im Laufschritt in Richtung Ladugårdslandet. Im Handumdrehen verschlucken ihn die Schatten. Cecil Winge muss unwillkürlich an die Sternschnuppe denken.Kammerdirektor Johan Gustaf Norlin hat seine Perücke abgelegt, und zwischen Uniformjacke und Hose hängt ein Zipfel seines Nachthemds heraus.»Cecil. Danke, dass du so kurzfristig kommen konntest.«Winge nickt und lässt sich auf Norlins Geste hin auf einen Stuhl nieder, den jener neben den Kachelofen gerückt hat.»Catharina hat schon Kaffee aufgesetzt, und warm wird es auch gleich.«Dann nimmt der Kammerdirektor erschöpft gegenüber seinem Besucher Platz und räuspert sich, bevor er zur Sache kommt.»Im Fatburen auf Södermalm ist ein Mann tot aufgefunden worden. Ein paar Kinder haben einen betrunkenen Häscher überreden können, ihn aus dem Wasser zu ziehen. Der Zustand des Toten allerdings Der Kerl, der mich in Kenntnis gesetzt hat, ist seit knapp zehn Jahren bei der Wache, und in dieser Zeit hat er sicher das Schlimmste gesehen, was ein Mensch einem anderen antun kann. Trotzdem musste er eine Weile zusammengekrümmt und keuchend hier auf meiner Schwelle stehen, um ja sein Abendbrot bei sich zu behalten, während er mir den Zustand der Leiche schilderte.«»Wenn du denselben Mann meinst wie ich, dann mag sich da auch der Branntwein bemerkbar gemacht haben.«Keiner der beiden lacht, und Winge reibt sich die müden Augen.»Johan Gustaf, wir haben uns darauf geeinigt, dass mein jüngster Auftrag für dich auch mein letzter sein sollte. Ich bin der Kammer im vergangenen Jahr gerne behilflich gewesen. Aber es ist höchste Zeit für mich, meine eigenen Angelegenheiten in Ordnung zu bringen.«Norlin steht auf, um den brodelnden Kupferkessel aus dem Nachbarzimmer zu holen, und gießt ihnen zwei Becher Kaffee ein.»Niemand wäre dir für alles, was du getan hast, dankbarer als ich, Cecil. Ich kann mich nicht an eine einzige Gelegenheit erinnern, bei der du meine Erwartungen als Ermittler nicht übertroffen hättest. So wie du seit dem letzten Winter die Zahlen der Kammer verbessert hast, muss es für einen Außenstehenden aussehen, als hättest du mir einen enormen Dienst erwiesen. Korrigiere mich, wenn ich falschliege, Cecil aber habe ich damit nicht auch dir einen Dienst erwiesen?«Norlin versucht über den Becherrand hinweg, Winges Blick aufzufangen vergebens. Er nimmt noch einen Schluck und stellt den Becher beiseite.»Wir waren alle einmal jung, Cecil, hatten das Juridicum gerade hinter uns gelassen und waren begierig darauf, uns im Rechtswesen einen Namen zu machen. Du warst immer der Idealist, hast von uns allen stets am vehementesten für deine Überzeugungen eingestanden und warst willens, dafür jeden Preis zu zahlen. Die wenigsten Fälle, in denen du für mich ermittelt hast, waren deiner Aufmerksamkeit wert! Falschmünzer, die nicht buchstabieren konnten. Ehemänner, die ihre Frauen erschlagen und nicht einmal das Blut vom Hammer gewischt hatten. Gewalttäter und andere Delinquenten, die der Branntwein und der anschließende Kater zur Raserei getrieben hatten. Aber das hier, das ist etwas anderes, das hat keiner von uns beiden je zuvor erlebt. Wenn ich irgendjemand anderen kennen würde, dem ich eine solche Sache anvertrauen könnte, hätte ich nicht lange gefackelt. Aber ich kenne niemand anderen. Und irgendwo dort draußen ist ein Ungeheuer immer noch auf freiem Fuß. Die Leiche ist zur Marienkirche gebracht worden. Tu mir diesen einen Gefallen, und ich werde dich in Zukunft nie wieder um etwas bitten.«3.So sauber, wie er sich am Brunnen seines Vetters waschen konnte, und in einem geliehenen frischen Hemd stapft Cardell den Kvarnberget hinab und spuckt braunen Kautabak in die Gosse. Hinter den weiß gekälkten Gebäuden, die bis hinunter zum Gullfjärden an den Hängen stehen, kann er die Stadt auf ihrer Insel und direkt daneben Riddarholmen erahnen. Zusammen bilden sie einen düsteren Koloss, der sich aus dem Mälarsee erhebt und von vereinzelten Lichtern erhellt wird.Kaum dass er die Gegend hinter sich gelassen hat, bleibt sein Blick an einem Mann mit Pockennarben im Gesicht hängen, der die silberne Erkennungsmarke eines Polizeikonstablers an einer Kette um den Hals trägt.»Verzeihung, aber Sie wissen nicht zufällig, was mit der Leiche aus dem Fatburen passiert ist? Ich heiße Cardell. Ich hab sie vorhin herausgefischt.«»Hab schon gehört. Sie sind Stadtknecht, oder nicht? Die Leiche liegt fürs Erste im Beinhaus der Marienkirche. Grausam, ehrlich wahr, so was Schlimmes hab ich wirklich noch nie gesehen. Wenn man bedenkt, wie Sie über die Sache gestolpert sind, sollte man annehmen, dass Sie damit nicht länger zu tun haben wollen. Aber jetzt wissen Sie ja Bescheid. Ich muss weiter, mein Bericht soll bis Sonnenaufgang im Indebetou sein.«Sie gehen ihrer Wege, und Cardell marschiert weiter durch den taunassen Dreck. Am Fuß des Hügels hat er im Handumdrehen die Kirchenmauer erreicht. Genau wie Cardell selbst ist die Marienkirche ein Krüppel: Im selben Jahr, da er zur Welt gekommen ist, hat sich ein Funke aus einer Backstube zu einer Feuersbrunst ausgewachsen, die zwanzig Straßenzüge tief alles in Schutt und Asche gelegt hat. Der Tessin-Turm stürzte durch das gegipste Deckengewölbe, und bis heute hat er seine Spitze nicht wieder, auch wenn seither gut drei Jahrzehnte vergangen sind.Jenseits eines Törchens liegt der Friedhof. Die Gräber scheinen stumm zu ihm herüberzuspähen. Dann durchbricht ein unheimliches Geräusch die Stille dieses Ortes, und im Zwielicht braucht Cardell einen Moment, ehe er versteht, was er da hört und dass der Ursprung des Geräusches ein Mensch ist. Erst klingt es, als würde ein Hund unter der Erde kläffen, doch dann entdeckt er in der Reihe, an der sowohl die Ställe als auch die Behelfshütten der Totengräber liegen, eine einsame Gestalt im Kies, die in ein Taschentuch hustet.Ratlos bleibt Cardell stehen. Er weiß nicht, wo er sich hinwenden soll, als der Unbekannte wieder Herr über seinen Körper wird, auf den Boden spuckt und sich umdreht. Von den Hütten hinter ihm dringt aus einer Fensterluke der Schein einer Laterne, und während Cardell im Gegenlicht rein gar nichts mehr erkennen kann, hat der andere für einen Moment Zeit, die erhellte Gestalt des Häschers zu mustern.»Sie haben den Toten gefunden. Sie sind Cardell.«Cardell nickt bloß und wartet, was als Nächstes kommt.»Der Polizist war sich nicht mehr ganz sicher, aber Cardell ist bestimmt nicht der vollständige Name?«Cardell zieht den nassen Hut vom Kopf und verbeugt sich steif.»Wenn es nur so wäre Jean Michael Cardell. Beim ersten Blick auf seinen Erstgeborenen wurde mein Vater prätentiös. Aber wie Sie sehen, hat es nichts genutzt. Nennen Sie mich Mickel, wie alle anderen auch.«»Bescheidenheit ist eine Zier. Bedauerlich für Ihren Vater, dass er das nicht wusste.«Der Schatten macht einen Schritt ins Licht.»Mein Name ist Cecil Winge.«Cardell mustert ihn. Er sieht jünger aus, als die kratzige Stimme vermuten ließ. Seine Kleidung macht einen ordentlichen Eindruck, auch wenn sie leicht altmodisch wirkt: schwarzer, eng geschnittener Leibrock mit abgestochenen Schößen und Stehkragen, dezent bestickte Weste, Kniehose aus schwarzem Samt. Das weiße Krawattentuch ist hoch oben am Hals zu einem doppelten Knoten gebunden. Das lange pechschwarze Haar hat er mit einem roten Band im Nacken zusammengezurrt. Seine Haut ist so weiß, dass sie fast leuchtet.Winge ist zartgliedrig und dünn, beinahe unnatürlich dünn. Er könnte Cardell kaum unähnlicher sein, der seinerseits aussieht wie so viele Männer auf Stockholms Straßen Männer, die durch Elend und Krieg ihrer Jugend beraubt wurden und vorzeitig gealtert sind. Seine Schultern sind beinahe doppelt so breit wie Winges, unschön spannt die Jacke über seinem muskulösen Rücken, seine Beine sind kräftig wie zwei Baumstämme, und die rechte Faust ist groß wie ein Schweinebug. Die abstehenden Ohren haben allem Anschein nach schon eine Reihe Schläge abbekommen; entlang der Ränder sind die Ohrmuscheln knotig und verdickt.Cardell hüstelt verlegen, während Winge ihn von Kopf bis Fuß betrachtet, ohne im Geringsten von den Narben auf seinem Gesicht irritiert zu sein. Um seinen größten Makel zu verbergen, dreht Cardell sich instinktiv nach links.Die ungemütliche Stille, die Winge kein bisschen unangenehm zu sein scheint, treibt die Worte über Cardells Lippen.»Ich habe den Konstabler oben am Hügel getroffen. Kommen Sie auch vom Indebetou? Von der Polizeikammer?«»Ja und nein. In der Kammer nehme ich eine Sonderrolle ein. Ich bin Ermittler für besondere Verbrechen. Und selbst, Jean Michael? Was führt Sie zu dieser späten Stunde ins Beinhaus der Marienkirche?«Als ihm dämmert, dass er auf die Frage keine glaubwürdige Antwort hat, spuckt Cardell einen imaginären Tabakkrümel zu Boden, um Zeit zu schinden.»Ich habe meine Geldbörse verloren, als ich den Mann an Land gezogen habe. Womöglich ist sie ja noch bei ihm Nicht dass viel drin gewesen wäre, aber immerhin genug, um einen nächtlichen Spaziergang zu rechtfertigen.«Winge wartet einen Moment, ehe er reagiert.»Ich selbst bin hier, um den Toten in Augenschein zu nehmen. Inzwischen ist die Leiche gewaschen worden. Ich wollte mich gerade mit dem Totengräber unterhalten. Folgen Sie mir, Jean Michael, dann können wir ja sehen, ob wir Ihre Börse finden.«In seiner Baracke an der Friedhofsmauer hört es der Totengräber klopfen. Er ist schon alt, von kleiner Statur und mit krummen Beinen, geht gebeugt und hat die Andeutung eines Buckels über einem Schulterblatt. Ein deutscher Akzent klingt mit, wenn er spricht.»Herr Winge?«»Ja.«»Mein Name ist Dieter Schwalbe. Sie sind hier, um sich den Toten anzusehen? Sie haben bis Sonnenaufgang Zeit, der Pfarrer will ihn bis zur Morgenmesse unter die Erde bringen.«»Weisen Sie uns den Weg.«»Einen Augenblick bitte.«Schwalbe zündet mithilfe eines Spans zwei Leuchten an und wedelt das Hölzchen wieder aus. Auf dem Tisch streicht sich eine wohlgenährte Katze mit der abgeleckten Pfote über den Kopf. Schwalbe drückt Cardell ein Licht in die Hand, zieht die Tür hinter sich zu und übernimmt hinkend die Führung. Am anderen Ende des Friedhofs steht eine gemauerte Halle. Schwalbe hebt die Hand an den Mund und stößt einen leisen Pfiff aus, bevor er die Tür aufschließt.»Wegen der Ratten. Besser, ich erschrecke sie, als dass sie mich erschrecken.«Die Leiche liegt auf einer niedrigen Bahre unter einem Tuch. Es ist kühl hier drinnen, doch unverkennbar hängt der Tod in der Luft.Der Totengräber deutet hinüber zu einem Eisenhaken in der Wand, wo Cardell seine Laterne einhängen kann. Dann starrt er zu Boden und ringt die schwieligen Hände, während er unruhig von einem Fuß auf den anderen tritt. Ihm scheint nicht wohl zu sein in seiner Haut. Winge bedenkt ihn mit einem neugierigen Blick.»Wäre da noch etwas? Wir haben einiges zu tun und nur wenig Zeit.«Schwalbe hält den Blick auf den Boden gerichtet.»Niemand kann hier Gräber ausheben, ohne gewisse Dinge mitzubekommen, die anderen vielleicht entgehen Die Toten mögen ihre Stimme zwar nicht mehr erheben, aber sie haben andere Mittel und Wege, um sich mitzuteilen. Und der dort auf der Bahre ist wütend. So etwas habe ich noch nie erlebt. Es ist fast, als verwitterte unter seinem Zorn der Mörtel in diesem Gemäuer.«Was der Totengräber da sagt, beschert Cardell ein mulmiges Gefühl. Er will schon ein Kreuz schlagen, hält aber inne, als er den skeptischen Blick auffängt, mit dem Winge Schwalbe bedenkt.»Tote zeichnen sich durch die Abwesenheit von Leben aus. Die Seele hat den Körper verlassen. Ich kann Ihnen zwar nicht sagen, wo genau sie sich befindet, aber hoffen wir einfach, dass sie einen besseren Ort gefunden hat als jenen, den sie hinter sich gelassen hat. Was immer aber übrig bleibt, kennt weder Regen noch Sonne, und nichts von dem, was wir hier tun, kann seine Ruhe stören.«Was Schwalbe davon hält, kann man ihm an den missmutigen Stirnfalten ansehen. Er zieht die buschigen Augenbrauen kraus und macht noch immer keine Anstalten zu gehen.»Er sollte nicht namenlos begraben werden. So erschafft man Wiedergänger. Bis Sie seinen tatsächlichen Namen kennen, möchten Sie ihm nicht vielleicht einen anderen geben?«Winge scheint zu überlegen. Cardell kann sich schon denken, dass dessen Antwort dem reinen Kalkül entspringen wird, denn er will den Totengräber offenbar schnellstmöglich loswerden.»Ich nehme an, es wäre auch für uns von Vorteil, wenn wir ihm einen Namen gäben. Irgendwelche Vorschläge, Jean Michael?«Cardell schweigt; er hat nicht damit gerechnet, angesprochen zu werden. Der Totengräber räuspert sich taktvoll.»Nach guter alter Sitte erhalten die Ungetauften den Namen des Königs.«Cardell schüttelt sich regelrecht. Er speit den Namen aus, als schmeckte er schlecht.»Gustav? Ist der Tote nicht schon genug gestraft?«Schwalbe runzelt die Stirn.Winge dreht sich zu Cardell um.»Wie wäre es mit Karl?«Im Angesicht des Todes werden in Cardell alte Erinnerungen wach.»Ja. Karl. Karl Johan.«Schwalbe lächelt die beiden an und entblößt dabei eine Reihe brauner Zähne.»Hervorragend. Und damit gute Nacht selbst wider besseres Wissen , Herr Winge und Herr ?«»Cardell.«Noch auf der Schwelle dreht Schwalbe sich um und sagt über die Schulter: »Und Herr Karl Johan.«Sein Gackern folgt dem Totengräber hinaus zwischen die Gräber, während Winge und Cardell allein im Schein der Laterne zurückbleiben. Winge schlägt das Tuch auf einer Seite um, sodass das Bein entblößt daliegt oder vielmehr der Stumpf. Der Oberschenkel ist vielleicht zwei Handbreit lang. Winge hält einen Augenblick inne und wendet sich dann an Cardell.»Treten Sie näher, und beschreiben Sie mir, was Sie sehen.«Der Anblick des Stumpfs, der kaum als menschlicher Körperteil erkennbar ist, kommt Cardell viel schlimmer vor als die Leiche in ihrer Gesamtheit, so wie er sich an sie erinnert.»Ein Beinstumpf. Viel mehr gibt es dazu nicht zu sagen.«Winge nickt nachdenklich, sagt aber nichts, und in der Stille kommt Cardell sich dumm vor, was ihn irritiert. Ohne den Blick von Cardells Gesicht abzuwenden, zeigt Winge auf dessen linke Körperhälfte.»Sie haben selbst eine Gliedmaße eingebüßt.«Eigentlich weiß Cardell seinen Makel gut zu verbergen. Er hat mehr Stunden mit gewissen Übungen zugebracht, als er zählen könnte. Aus einiger Entfernung geht das helle Buchenholz leicht als Haut durch, und er hat sich angewöhnt, den Arm immer halb hinter dem Rücken zu verschränken. Wenn er nicht gerade ausladende Gesten macht, entgeht sein Gebrechen den meisten, die ihm nicht sonderlich nahestehen, erst recht bei Nacht. Doch diesmal hat er keine andere Wahl, als widerwillig zu nicken.»Das tut mir leid.«Cardell schnaubt vernehmlich.»Ich bin hergekommen, um meine Börse wiederzufinden, nicht, um bemitleidet zu werden.«»Im Hinblick auf Ihr Missfallen, das sich beim Namen unseres seligen Königs Gustav geäußert hat, nehme ich an, dass Sie den Arm im Krieg verloren haben?« Als Cardell mürrisch nickt, fährt Winge fort: »Ich erwähne es bloß, weil Ihre Sachkenntnis, was Amputationen angeht, meine deutlich übertrifft. Möchten Sie mir nicht den Gefallen erweisen und sich den Stumpf noch einmal genau ansehen?«Diesmal nimmt Cardell sich mehr Zeit, um die Gliedmaße in Augenschein zu nehmen. Die Antwort liegt so deutlich vor ihm, dass er es schon auf den allerersten Blick hätte sehen müssen.»Das ist keine frische Wunde. Der Stumpf ist bestens verheilt.«Winge nickt.»Völlig richtig. Wenn wir einen Toten in einem derartigen Zustand vor uns sehen, nehmen wir leicht an, dass die Verstümmelungen selbstredend auch die Todesursache seien. Oder aber ein Täter hat entsprechende Maßnahmen ergriffen, um sein Opfer nach der Tat leichter loswerden zu können. Aber in unserem Fall hier verhält es sich anders, und es würde mich nicht wundern, wenn alle vier Gliedmaßen so aussähen.«Winge bedeutet ihm, sich auf die andere Seite der Bahre zu stellen. Gemeinsam heben sie das Tuch an und legen es Kante auf Kante zusammen. Die Leiche verströmt einen fauligen, einen erdigen Geruch, bei dem sich Winge spontan das Taschentuch vor das Gesicht presst, während Cardell mit seinem Jackenärmel vorliebnimmt.Karl Johan fehlen Arme und Beine. Alle viere sind so nah am Rumpf abgenommen worden, wie Messer und Säge Spielraum hatten. Und auch die Augen fehlen; die Augäpfel sind aus den Höhlen entfernt worden. Was von dem Mann übrig ist, wirkt unterernährt. Die Rippen zeichnen sich unter der Haut ab, und der Unterleib ist zwar von Gasen aufgebläht, die selbst den Nabel hinausdrücken, trotzdem sind die Konturen der Hüftknochen erkennbar. Die Brust ist mager und, dem jungen Alter des Mannes entsprechend, schmal. Sie hat nie die Breite eines erwachsenen Mannes erreicht. Die Wangen sind eingesunken. Das Haupthaar ist noch am besten erhalten. Der hellblonde Schopf wurde von frommen Gemeindemitgliedern gewaschen und über dem Rand der Bahre ausgekämmt.Winge hat inzwischen die Laterne vom Haken genommen, um die Körperteile besser zu beleuchten, die er untersucht, während er langsam um die Bahre herumgeht.»Im Krieg haben Sie sicher mehr Wasserleichen gesehen, als Ihnen lieb war, Jean Michael?«Cardell nickt. Er ist an derlei Situationen nicht gewöhnt, an eine so sachliche, rationale Besichtigung eines toten Leibs, und die Nervosität lockert seine Zunge.»Viele, die wir im Finnischen Meerbusen verloren haben, sind im Herbst zu uns zurückgekommen. Wir haben sie vor den Kaimauern von Sveaborg und unterhalb der Stellungen gefunden. Wer immer das Fieber überlebt hatte, wurde hingeschickt, um sie zu bergen. Dorsche und Krebse hatten sich an ihnen gütlich getan, soweit sie konnten, und manchmal fingen sie an zu zucken das war das Schlimmste! Da drangen Laute aus ihnen heraus Die Leiber waren voller Aale, die sich darin fett gefressen hatten und die widerwillig über den Boden schlingerten, als wir der Völlerei ein Ende setzten.«»Und wie sieht unser Karl Johan im Vergleich dazu aus?«»Ganz anders. Unsere Toten damals waren blass, leicht schrumpelig und natürlich pudelnass Karl Johan hat nicht allzu lang im Fatburen gelegen, wenn Sie mich fragen. Womöglich nur einige Stunden. Er muss ziemlich bald nach Einbruch der Dunkelheit ins Wasser geschafft worden sein.«Winge nickt nachdenklich.»Wie lang hat es gedauert, bis Ihr Arm verheilt war?«Cardell sieht Winge für einen Moment reglos an, ehe er sich einen Ruck gibt.»Gehen wir es ordentlich an. Nur so kommen wir auf einen gemeinsamen Nenner.«Winge hilft ihm, den linken Ärmel hochzukrempeln, bis die Schnallen bloß liegen, die das Holz am Ellbogen fixieren. Routiniert lockert Cardell die Riemen, nimmt den Holzarm ab und drückt ihn Winge in die Hand. Dann streckt er den entblößten Stumpf vor.»Haben Sie schon mal gesehen, wie Menschenfleisch durchschnitten wird?«»Nicht bei einem Lebenden. Aber ich habe einmal eine anatomische Vorlesung besucht, bei der ein Chirurg einen Frauenkörper seziert hat.«»Aus dem Lehrbuch war diese Operation hier nicht gerade Ein zittriger Bootsmann hat mir mit seinem Messer den Unterarm unter dem Ellbogen gekappt. Später musste der Feldscher dann noch ein Stück mehr abnehmen, weil mir der Wundbrand drohte. Der Patient wird mit lederumwickelten Ketten auf dem Bett fixiert, damit er dem Arzt nicht mit Tritten oder Krämpfen in die Quere kommt. Das Weichgewebe wird mit einem Messer entfernt, der Knochen mittels einer Säge. Mit ein bisschen Glück wird einem so viel Branntwein eingeflößt, dass man bewusstlos ist, allerdings wurde mir in der gebotenen Eile ein nüchternes Erlebnis zuteil. Die großen Adern müssen sofort abgeschnürt werden. Wenn aber alles gut geht, wird die Haut über den Stumpf gezogen, und dann wird sie mit Nadel und Faden über dem rohen Fleisch vernäht. Sehen Sie? Die Naht verläuft hier halbmondförmig, man kann sogar noch die Einstichstellen der Nadel erkennen. Sofern der Arm nicht anfängt zu faulen, braucht man nur noch zu warten, bis er wieder nachwächst.«Er grinst Winge schief an, der aufmerksam gelauscht hat.»Sie haben den Heilungsprozess besser im Blick gehabt, als man es sich wünschen könnte. Würden Sie bitte versuchen, Karl Johans Amputationen für mich zu datieren?«»Reichen Sie mir das Licht.«Diesmal zieht Cardell einen Kreis um den Toten. An jeder Ecke der Bahre beugt er sich stirnrunzelnd nach unten und sieht sich einen Stumpf nach dem anderen an. Mit der Laterne in der gesunden Hand kann er sich nun nicht mehr die Nase zuhalten. Er atmet die faulige Luft flach durch den Mund ein und stoßweise wieder aus.»Soweit ich es sehe, ist der rechte Arm zuerst dran gewesen. Dann das linke Bein, anschließend der linke Arm, zuletzt das rechte Bein. Schätzungsweise wurde der rechte Arm vor drei Monaten amputiert, vorausgesetzt, dass Karl Johans Wundheilung in etwa so schnell verlief wie bei mir. Das rechte Bein vielleicht vor einem Monat? Es muss gerade erst vollständig ausgeheilt gewesen sein, als er sich auf seine letzte Schwimmrunde begeben hat.«»Dann sind dem Mann also schön ordentlich nacheinander die Arme und Beine amputiert worden. Die erste Wunde wurde versorgt, ist verheilt, dann war die nächste Gliedmaße dran. Und auch die Augen fehlen. Außerdem sämtliche Zähne und die Zunge. Nach den Narben zu urteilen, muss es mit seiner Verwandlung zu dem Wesen, das wir heute vor uns sehen, im Sommer angefangen haben, und vor wenigen Wochen war es abgeschlossen. Der Tod ist vor nicht einmal vierundzwanzig Stunden eingetreten.«Bei dem, was Winge da andeutet, stellen sich Cardell die Nackenhaare auf. Winge klopft mit seinem Daumennagel nachdenklich an seine Schneidezähne, ehe er noch einmal das Wort ergreift.»Ich nehme an, dass zu dem Zeitpunkt der Tod durchaus willkommen war.«Er will das Tuch schon wieder über dem Leichnam ausbreiten, hält dann aber noch einen Augenblick inne und reibt nachdenklich den Stoff zwischen Daumen und Zeigefinger.»Ich danke Ihnen für Ihre Hilfe, Jean Michael. Trotz allem scheinen Sie mir die Fähigkeiten unseres Toten als Taschendieb zu überschätzen. Ihre Börse steckt noch immer in Ihrer Tasche. Sie zeichnet sich deutlich unter Ihrer Jacke ab, und überdies habe ich sie sehen können, als Sie sich im Licht vorgebeugt haben. Aber das wissen Sie genauso gut wie ich. Sie haben sich gestern zwar einen ordentlichen Rausch genehmigt, aber allzu viel ist davon nicht mehr übrig.«Cardell schreckt sichtlich zusammen, und er ärgert sich darüber, dass seine spontane Reaktion die Lüge auch noch entlarvt. Jetzt, da der Rausch in einen Kater umgeschlagen ist, nimmt der Zorn überhand. Außerdem stört ihn Winges nüchterne Haltung gegenüber der Leiche; dabei hat doch er selbst mehr Tote gesehen, als man seinem ärgsten Feind wünscht. Als wäre er abergläubisch, spuckt er über die Schulter.»Teufel auch, was für ein unangenehmer Mensch Sie sind, Cecil Winge. Kein Wunder, dass Sie sich in der Gesellschaft von Toten so wohlfühlen. Aber lassen Sie mich Ihre scharfsinnige Beobachtung auf die gleiche Art vergelten: Sie essen zu wenig. Wenn ich Sie wäre, würde ich mehr Zeit am Esstisch verbringen und weniger auf dem Abort.«Winge geht auf die Tirade nicht ein.»Sie sind aus einem anderen Grund gekommen. Aber darauf müssen wir hier nicht weiter eingehen. Möchten Sie zu Ende bringen, was Sie angefangen haben? Wollen Sie, dass dieser Seele Gerechtigkeit widerfährt? Die Kammer hat mir gewisse Kompetenzen übertragen. Ich wäre Ihnen dankbar für Ihre Hilfe und bin bereit, dafür zu zahlen.«Winge legt eine kurze Pause ein und blickt Cardell aus großen Augen an. Irgendetwas hat sich darin entzündet, was zuvor nicht zu sehen gewesen war und was Cardell zugleich verängstigt und verwirrt. Aber er spürt auch die Erschöpfung, die ihn von Kopf bis Fuß beschwert, und steht einfach nur ratlos da.»Es gibt allerdings ein paar Dinge, die Sie wissen sollten. Ich habe mit Kammerdirektor Norlin eine Absprache getroffen: In seinem Auftrag suche ich Karl Johans Mörder. Wie Sie sehen, haben wir es mit einem äußerst eigentümlichen Verbrechen zu tun. Der Täter war kein kleiner Gauner. Denn welche Mittel braucht man, um einen Mann über einen längeren Zeitraum gefangen zu halten und ihn derart zu verstümmeln, ohne dass man entdeckt wird? Überlegen Sie nur, welche Willensstärke dafür nötig ist. Welche Zielstrebigkeit. Wenn wir dieser Sache nachgehen wer weiß, worauf wir stoßen? Mit jedem Reichstaler, den Sie verdienen, laufen Sie Gefahr, sich Feinde zu machen, und zwar auf beiden Seiten des Gesetzes. Ich sage dies insbesondere, weil Sie das größere Risiko tragen.«Winge wendet sich kurz ab, blickt in die Ferne.»Ich bin an Tuberkulose erkrankt. Den Winter überlebe ich nicht mehr. Was immer passiert Sie werden allein damit umgehen müssen.«Cardell schlägt die Augen nieder. Er ist Winge gerade erst begegnet, fragt sich aber bereits jetzt, ob bei dem Versuch, die Wunde zu schließen, die Johan Hjelm bei ihm gerissen hat, nicht eine neue Wunde zurückbleiben könnte.Trotzdem hat er sich entschieden. »Dann machen wir doch das Beste aus der Zeit, die uns noch bleibt.«

Pressestimmen

"Dieser packende historische Thriller kündigt ein großartiges neues europäisches Talent an. Plastisch beschrieben und fesselnd erzählt.", The Observer
Empfehlungen Ihres Buchhändlers
Samira B.
von Samira B. - Hugendubel Buchhandlung Wiesbaden Kirchgasse - 16.05.2019
Wer Fan von spannenden und schonungslosen Histothrillern ist, der muss dieses Buch lesen. Aus einem Mix aus "Sherlock Holmes" und "The Alienist - Die Einkreisung" ist dieses Buch ein Meisterwerk in seinem Bereich. Absolut nichts für zartbesaitete Menschen. Für mich ist es eines meiner Lieblingsbücher geworden.
Stefanie H.
von Stefanie H. - Hugendubel Buchhandlung Erfurt Nordhäuser Straße - 16.05.2019
Das Böse zieht durch Stockholms Straßen! Dank der verschiedenen Handlungsstränge verliert das Buch niemals an Spannung und zieht den Leser trotz (oder gerade wegen) seinen blutigen und grauenhaften Details immer weiter in seinen Bann. Auch die historische Genauigkeit der Lebensumstände und Gesellschaft lässt es einem kalt den Rücken runterlaufen.
Volker S.
von Volker S. - Hugendubel Buchhandlung Wismar Hinter dem Rathaus - 16.05.2019
Brillanter historischer Krimi mit klasse Milieuschilderungen, super Dialogen und einige Überraschungen! "1793" ist der beste historische Krimi, den ich bisher gelesen habe!
Hedda Freier, Buchhandlung Hugendubel Flensburg
Grausam. blutig, spannend
von Hedda Freier, Buchhandlung Hugendubel Flensburg - Hugendubel Buchhandlung Flensburg Holm - 02.03.2019
Im Fatburen in Södermalm finden Kinder eine grausam zugerichtete zerstückelte Leiche. Cecil Winge, er ist bei der Polizei für besondere Verbrechen zuständig und der Veteran Michael Cardell machen sich auf der Suche nach der Identität der Leiche. Dabei stoßen sie auf menschliche Abgründe, die kaum vorstellbar sind. Ein spannender historischer Krimi. Eine Handlung oftmals grausam und blutig. Wie konnte es zu diesem grausamen Verbrechen kommen. Manchmal hätte ich das Buch gerne zur Seite gelegt, um den Grausamkeiten zu entgehen. Aber dann hat mich die Spannung nicht mehr losgelassen.
Bewertungen unserer Kunden
Zeitreise pur
von Leseratte - 21.05.2019
Stockholm im jahre 1793. Eine grausam verstümmelte Leiche führt dazu, dass der Häscher Jean Michael Cardell, ein einarmiger Kriegsveteran, und Cecil Winge, Sonderemittler der Stockholmer Polizei, an Turbekulose erkrankt, zusammen auf Mördersuche gehen. Im weiteren Verlauf des Buchs werden noch weitere Personen (unter anderm der Täter und der Auftraggeber ) in den Handlungsstrang eingebunden und deren Lebensgeschichten geschickt miteinander verflochten. Die Auflösung des Falles ist interessant und auch spannend bis zum Ende, aber hauptsächlich wird in diesem Buch mit Krimi als Rahmenhandlung ein sehr sorgfältig recherchiertes und äußerst detailreiches Bild der damaligen Zeit vermittelt. Angefangen von den Lebens- und Arbeitsbedingungen über Korruption in den Behörden, über die Stimmung in der Bevölkerung gegenüber der Monarchie zur Zeit der französichen Revolution, über die Gerichtsverfahren um nur einge Beispiel zu nennen wird hier eine Zeitreise gestartet, die einen über das komplette Buch in ihren Bann zieht. Die Charaktere sind vielschichtig und sehr gut entwickelt und authentisch. Die Beschreibungen sind sehr realistisch und detailgetreu, was manchmal allerdings sehr drastisch ausfällt. Es herrscht keine Hochspannung. Der Erzählstil ist er ruhig und sehr präzise. Insgesamt ein sehr lesenswertes Buch, welches ich uneingeschränkt empfehlen kann, sofern man mit den teils drastischen Schilderungen kein Problem hat.
Im Moloch des Wahnsinns
von herr_opunkt_bepunkt - 11.05.2019
Inhalt/ Klappentext: Stockholm im Jahr 1793: Ein verstümmeltes Bündel treibt in der schlammigen Stadtkloake. Es sind die Überreste eines Menschen, fast bis zur Unkenntlichkeit entstellt. Der Ruf nach Gerechtigkeit spornt zwei Ermittler an, diesen grausamen Fund aufzuklären: den Juristen Cecil Winge, genialer als Sherlock Holmes und bei der Stockholmer Polizei für »besondere Verbrechen« zuständig, und Jean Michael Cardell, einen traumatisierten Veteranen mit einem Holzarm. Schon bald finden sie heraus, dass das Opfer mit chirurgischer Präzision gefoltert wurde, doch das ist nur einer von vielen Abgründen, die auf sie warten. Persönliche Meinung: Wer sich nicht in eine fremde Zeit entführten lassen möchte, in der er glaubt selbst anwesend zu sein, den Unrat sieht, die Gerüche riecht und die Schreie hört, der sollte besser die Finger von diesem Buch lassen. Dieses Buch hat Sog, es schockt mit Bildern und verführt mit schönen Sätzen und Wörtern, um dann wieder abstoßend und grausam zu sein. Ein Buch, wie geschaffen für den Film.- den Film im Kopf, in einer Zeit, in der ich nicht gelebt haben wollte, aber mit diesem Buch einen Abstecher vom heimischen Sofa starten kann, ohne verletzt, verstümmelt oder andersweitig der Hygiene oder Willkür zum Opfer zu fallen. Ich bin sprachlos, großes Kino, 5 Sterne ohne auch nur einmal zu überlegen. Wer Gewalt nicht kann, wirklich nicht das Richtige- kein Historienschmöker mit Schmachtfaktor- harte Kost!
Im Moloch des Wahnsinns
von herr_opunkt_bepunkt - 11.05.2019
Inhalt/ Klappentext: Stockholm im Jahr 1793: Ein verstümmeltes Bündel treibt in der schlammigen Stadtkloake. Es sind die Überreste eines Menschen, fast bis zur Unkenntlichkeit entstellt. Der Ruf nach Gerechtigkeit spornt zwei Ermittler an, diesen grausamen Fund aufzuklären: den Juristen Cecil Winge, genialer als Sherlock Holmes und bei der Stockholmer Polizei für »besondere Verbrechen« zuständig, und Jean Michael Cardell, einen traumatisierten Veteranen mit einem Holzarm. Schon bald finden sie heraus, dass das Opfer mit chirurgischer Präzision gefoltert wurde, doch das ist nur einer von vielen Abgründen, die auf sie warten. Persönliche Meinung: Wer sich nicht in eine fremde Zeit entführten lassen möchte, in der er glaubt selbst anwesend zu sein, den Unrat sieht, die Gerüche riecht und die Schreie hört, der sollte besser die Finger von diesem Buch lassen. Dieses Buch hat Sog, es schockt mit Bildern und verführt mit schönen Sätzen und Wörtern, um dann wieder abstoßend und grausam zu sein. Ein Buch, wie geschaffen für den Film.- den Film im Kopf, in einer Zeit, in der ich nicht gelebt haben wollte, aber mit diesem Buch einen Abstecher vom heimischen Sofa starten kann, ohne verletzt, verstümmelt oder andersweitig der Hygiene oder Willkür zum Opfer zu fallen. Ich bin sprachlos, großes Kino, 5 Sterne ohne auch nur einmal zu überlegen. Wer Gewalt nicht kann, wirklich nicht das Richtige- kein Historienschmöker mit Schmachtfaktor- harte Kost!
Eine grausame Welt, erwartet dich in diesem Schweden Krimi
von Andrea Karminrot - 10.05.2019
Lasst uns mal ein wenig in der Zeit zurückblättert. Es ist 1793 und wir sind in Stockholm. Der letzte Krieg liegt schon etwas länger zurück, den Menschen geht es einigermaßen gut. Schwedische Könige sind einen Kopf kürzer, oder sonst wie ermordet worden. (Ich bin in der schwedischen Geschichte nicht so bewandert) Ein einarmiger Häscher, namens Jean Michael Cardell, zieht eine verstümmelte Leiche aus einem stinkenden Auffangbecken. Der Tote muss mal recht hübsch gewesen sein. Inzwischen ist aber nicht mehr viel von dem jungen Mann übrig. Cardell soll gemeinsam mit dem schwerkranken Juristen Winge, den Mörder aufspüren. Sie haben nicht viel Zeit, denn der Auftraggeber wird demnächst seinen Posten verlassen und danach wird sich keiner mehr für den Toten interessieren. Es entwickelt sich eine spannende Geschichte, die uns in eine grausame und doch interessante Welt in der Vergangenheit mitnimmt. Es ist ein Debütroman, der es in sich hat. Der Autor schrieb selber am Ende des Buches, dass er Respekt vor seiner Idee hatte, einen Roman mit der vergangenen Wirklichkeit zu verschmelzen. Das ist ihm aber außerordentlich gut gelungen und am Ende war Niklas Natt och Dag erstaunt, was für ein Meisterwerk er geschrieben haben mag. Der Autor entführt uns in ein Schweden, das man so bestimmt noch nicht kannte. Die Welt ist im Umbruch, die französische Revolution verwirrt die Gemüter und es ist der eisigste Winter in Stockholm, den man sich vorstellen kann. Die Menschen leben in schlechten Verhältnissen. Neid und Missgunst, sind natürlich auch wieder ein Thema. Seltsame, misshandelte und entstellte Menschen begegnen dem Leser auf den über 400 Seiten des Romans. Spannende Momente versetzen uns in die Vergangenheit. Grausame Situationen lassen uns gruselnd zurück. Natürlich! Ohne, wäre ein Thriller kein Thriller! Mich haben einige Seiten schockiert. Anblicke, die ich nicht in der Wirklichkeit sehen möchte (Achtung Kopfkino!). Aber auch, unter welchen Bedingungen die Menschen gelebt haben und wie fies manchen Menschen auf "Niedrigere" hinabgeblickt haben. Frauen, hatten so gut wie gar keinen Stand in der Gesellschaft. Mit dem kleinsten Vergehen, landeten sie im Spinnhaus und arbeiteten sich zu Tode. (Und das musste lediglich einer bezeugen, damit war ein Urteil schon gesprochen) Natt och Dag hat es fertig gebracht, die echte Vergangenheit mit seinen teilweise fiktiven Figuren zu verschmelzen, so das eine sehr gut lesbare Story entstanden ist. Von diesem Autor, hoffe ich auf mehr!
ungewöhnlicher Plot
von brauchnix - 06.05.2019
An "1793" ist so einiges ungewöhnlich. Es ist kein normaler historischer Krimi sondern in weiten Teilen ein Sittengemälde der damaligen Zeit und das sicherlich nicht nur im schwedischen Stockholm. Überraschend sind erst mal die zwei Hauptdarsteller, die beide auf den ersten Blick eher gebrochene Existenzen zu sein scheinen. Cecil Winge, der Staatsanwalt, der mit einem Bein bereits im Grab steht, da er unheilbar an Tuberkulose trifft auf Jean Michael Cardell, einen versoffenen Häscher, der im Krieg einen Arm verloren hat. Aber beide besitzen eine ganz eigene Art von Gerechtigkeitsempfinden und der verstümmelte Mann, der sie beide zusammenbringt, ist einer grauenvollen Folter zum Opfer gefallen. Ungewöhnlich ist auch, dass die Geschichte teilweise rückwärts und mit verschiedenen Protagonisten erzählt wird und dennoch ein homogener und logisch erzählter Plot bleibt. Eine Leistung, die man dem Autor hoch anrechnen muss. Ebenso wie die gründliche Recherche und die genauen, wenn auch oft drastisch ehrlichen Beschreibungen. Natt och Dag ist definitiv ein neuer Autor, den man sich merken muss. Nacht und Tag lässt er in seinem historischen Roman lebhaft aufleben und man riecht den Gestank und fühlt den Schmutz unter den Fingern. Eine unangenehme Zeit. Man ist froh, nicht dort gelebt zu haben. Aber man liest atemlos und begeistert.
Ein fulminantes Meisterwerk !
von cabotcove - 05.05.2019
Ein fulminantes Meisterwerk ! Historische Romane liegen nicht unbedingt oft auf meinem Tisch, doch "1793" hat mich bereits im Vorfeld so neugierig gemacht, dass ich es lesen musste - und das war eine der besten Ideen der letzten Monate ! Der Autor "treibt" einen dermaßen durch das Buch, das man den Alltag getrost vergessen kann, denn man kann einfach nicht mehr mit dem Lesen aufhören. Also nehmt euch besser Zeit, wenn ihr das Buch beginnt..! Einige Rezensionen, die ich erst nach Lektüre des Buches gelesen habe (ich wollte mir ja ein eigenes Bild machen und auch keine "Spoiler" vorher lesen...), beinhalteten, dass das Buch "Längen" aufweist und das empfand ich ähnlich, aber hier hat mich das nicht gestört bzw. war das nur so minimal, dass ich das "ausgeblendet" habe, weil mich der Rest des Buches einfach so fulminant von sich überzeugt hat. Die Spannungskurve war konstant und ich bin gerne "am Ball geblieben", wollte immer wissen, wie es weitergeht und konnte das Buch kaum aus den Händen legen. Ich kann dieses Buch nur wärmstens empfehlen, auch Lesern, die eigentlich nichts Historisches mögen - für mich war es eines der Lese-HIghlights des Jahres 2019 !
Trotz eigenwilliger Struktur ein sehr solider Roman
von LadyNinily - 23.04.2019
Der Einstieg in die Geschichte fiel mir persönlich etwas schwer. Die einzelnen Charaktere starten von unterschiedlichen Punkten aus, was normalerweise kein Problem ist. Mich hat es allerdings etwas gestört, dass diese Erzählstränge nicht parallel "erlebt" werden, sondern man immer erst einen Erzählstrang bis zum Punkt Z zu Ende geht, bevor man den nächsten Charakter wieder vom Anfang bis zu diesem Punkt Z begleitet. Zu diesem Zeitpunkt ist die Geschichte dann zwar schon recht spannend, der Weg dorthin aber einfach nur sehr mühselig. Hier hätte ich mir eher kleinere Kapitel und dafür einen geringeren Charakterfortschritt gewünscht. Außerdem ist das Buch in einzelne Teile gegliedert, in denen jedes Mal ein neuer - zuvor unbekannter Charakter - die Hauptrolle spielt. Diese Abschnitte sind zwar keineswegs uninteressant, reißen den Leser aber vollkommen aus der eigentlichen Geschichte und es dauert viel zu lange, bis man versteht, wie sich diese Einzelgeschichten ins große Ganze fügen. Während mich die Struktur zum Teil nicht wirklich begeistern konnte, gefiel mir der Schreibstil umso besser. Dieser wechselt je nach Charakter und Situation mal von "einfach" zu intelligent und die Erzählweise ist dabei eher "theatralisch". Dadurch wird man als Leser am Anfang der meisten Kapitel mit ausführlichen Beschreibungen des Ortes, seiner Umgebung und eventuellen Charakteren in die Szene eingeführt, die schließlich in mal mehr, mal weniger viel Dialog endet. Außerdem ist das Buch so gekonnt geschrieben, dass so etwas wie eine Hinrichtung - die aus der Feder so mancher anderer Autoren wohl so banal wie ein Schnitt im Finger durch ein Blatt Papier wirkt - mich doch deutlich zum Schlucken gebracht hat. Auch wenn meine Rezension eher kritisch klingt, überzeugen mich der Schreibstil und die Struktur des Buches am Ende doch. Außerdem erlebt man im Verlauf der Geschichte doch die ein oder andere unvorhersehbare Wendung, durch die mir das Buch noch länger im Kopf bleiben wird. Fazit Man sollte bedenken, dass dieses Buch ein Roman ist - kein Thriller oder Krimi - und damit gar nicht den Anspruch an sich selbst stellt, den Leser von einer spannungsgeladenen Szene in die nächste zu befördern. Wer sich darauf einlassen kann, darf sich über eine spannende Geschichte voller schicksalhafter Verstrickungen und böser Überraschungen freuen.
Ein Mix aus Historie und Krimi
von Miss Marple - 22.04.2019
Nichts für schwache Nerven ist das Auffinden und die spätere Leichenschau eines menschlichen Torsos im schwedischen Stockholm im Jahre 1793. So zieht der Autor seinen Leser gleich in den Bann einer unheimlichen Geschichte, bei der der Jurist Cecil Winge und sein neuer Ermittler Jean Michael Cardell, ein versehrter Veteran mit einem Holzarm, einem Mörder auf der Spur sind, der sein Opfer mit chirurgischer Präzision vor dessen Tod folterte. Als sich beide auf die Suche nach dem Mörder machen, kommen sie den Mächtigen der Zeit schnell zu nahe. Der Autor belässt es aber in seinem Roman nicht bei einem Krimi, sondern präsentiert dem Leser ein grausiges Sittengemälde des späten 18. Jahrhunderts in Schweden, die Machtkämpfe eines schwächer werdenden Königshauses, Intrigen und Standesdünkel, aber auch das furchtbare Leben der armen Stadt-und Landbevölkerung, sodass die Ermittlungen zum eigentlichen Fall etwas in den Hintergrund geraten und mehr und mehr die gut recherchierten geschichtlichen Fakten das Buch bestimmen. Dadurch verliert es jedoch nach und nach an Spannung. Weniger wäre hier mehr gewesen.
Düstere Szenarien
von booklooker - 18.04.2019
Jean Michael Cardell birgt eine nicht verrottete Leiche, die ihn aus leeren Augen anzustarren scheint, aus dem zähen und dickflüssigen Wasser der Stadtkloake Stockholms. Man schreibt das Jahr 1793 und das Opfer wurde mit Präzision über einen längeren Zeitraum brutal verstümmelt. Arme und Beine wurden abgetrennt, Augen und Zunge entfernt. Der Stadthäscher Mickel und der schwerkranke Jurist Cecil Winge bilden ein ungewöhnliches Ermittlerduo, das den mysteriösen Todesfall aufklären soll. Die Zeit drängt. Cecil wird nicht mehr lange leben und an der Aufklärung scheint nicht allen gelegen zu sein. Die Sprache, in der Autor Niklas Natt och Dag seinen Historienkrimi geschrieben hat, ist bisweilen recht anspruchsvoll. Es empfiehlt sich aufmerksames Lesen. Die Bilder, die der Autor mit dieser Sprache erzeugt, lässt den Leser live dabei sein - was einem, wegen der Düsterness, der Gerüche, etc. - nicht immer recht ist, und ein großes Können erfordert. Für mich hatte der Roman einige Längen und richtig spannend war es im ersten Drittel nicht. Daher zwei Punkte Abzug.
Gelungene Geschichte aus der Vergangenheit
von M.S. - 15.04.2019
Dieses Buch ist ein absolutes Highlight in meinem bisherigen Lesejahr gewesen. Spannend, brutal, düster, der Spannungsbogen bleibt, bis auf einige kleinere Längen, durchgehend erhalten und hält den Leser bei der Stange. Dem Autor ist es gut gelungen sich in die damalige Zeit zu versetzen und den Leser mit auf eine Reise in vergangene Zeiten zu nehmen. Die Ermittlungsarbeit hat mir auch sehr gut gefallen, die beiden Hauptprotagonisten sind interessante Persönlichkeiten, die sich im Laufe des Buches dem Leser immer mehr öffnen und mehr von sich preisgeben. Von mir gibt es eine abolute Leseempfehlung für alle, die es gerne etwas härter mögen und nicht so zart besaitet sind, da einige Dinge doch sehr detailgetreu beschrieben sind und sicher nicht für jedes Gemüt geeignet sind.
Krimihighlight
von moehawk - 14.04.2019
Dieser historische Krimi ist eine wilde Achterbahnfahrt. Der Vergleich von "1793" mit "Der Einkreisung" von Caleb Carr ist naheliegend. Ähnlich düster und wenn auch nicht in Amerika, sondern mitten im schwedischen Stockholm wird ein dreckiger, stinkender Stündenpfuhl offenbart in welchem die Menschen jede nur erdenkliche gotteslästerliche Todsünde begehen und Armut und Hunger ebenso wie Völlerei und Hurerei den Alltag bestimmen. Ein verstümmelter Torso wird angespült und sorgt dafür, dass zwei ungleiche Männer sich zusammentun, um einen Mörder zu fangen. Hervorragend und wahnsinnig intensiv werden hier die Charaktere beschrieben und das Herz geht dem Krimileser auf, während er dem einarmigen Stadtknecht und dem todkranken Juristen durch die dunklen, schlammigen Straßen des alten Stockholms folgt auf der Suche nach der Wahrheit. Ein süffiges und ungemein spannendes Buch. Voller historischer Details, voller Blut und Gestank, nichts für zarte Gemüter aber für mich ein Krimihighlight der ganz besonderen Art.
Fesselnd, blutig, gut recherchiert.
von Binga - 13.04.2019
Das ist ein Krimi der Meisterklasse: das Buch trieft vor Blut, man ist dabei so gefesselt und gespannt wie es weiter geht, dass man es auch nachts um 2 noch nicht aus der Hand legen mag! Sehr lehrreich ist auch die detaillierte Beschreibung der Umgebung und der Lebensverhältnisse Ende des 18. Jahrhunderts in Schweden: man fühlt sich direkt mittendrin und kann die Situationen förmlich nachfühlen! Wir freuen uns schon auf die nächsten Werke dieses neuen, vielversprechenden Sterns am Krimiautorenhimmel.
Düstere Reise in die Vergangenheit
von Martin Schult - 06.04.2019
(6) Im Jahre 1793 wird eine Leiche in der Kloake Stockholms gefunden. Das Opfer ist schrecklich entstellt und zwei Männer begeben sich an die Ermittlungen in diesem schockierenden Fall. Der eine ist der Jurist Cecil Winge, der gesundheitlich schwer angeschlagen, aber für seinen Spürsinn bekannt ist, und der andere ist der Veteran Jean Michael Cardell, der nach einer traumatischen Erfahrung seinen Arm verloren hat und seit dem für seine Alkoholsucht und Gewalttätigkeit bekannt ist. Die beiden beginnen mit den Recherchen und stoßen in der rauen Welt der damaligen Zeit auf einen seelischen Abgrund nach dem anderen... 1793 war als das Krimigenre revolutionierender Roman ange-kündigt, so weit will ich zwar nicht gehen, aber das Buch hat mir ausgesprochen gut gefallen. Der Autor Niklas Natt och Dag erzählt die Geschichte in einem bildgewaltigen und sehr ansprechenden Schreibstil, der mir die damalige Zeit lebendig vor Augen führte. Er stützt sich bei der sehr komplexen Geschichte auf wahre Begeben-heiten und reichert diese mit seiner Fiktion zu einer sehr gekonnten Mischung an. Das raue und für unsere Zeit unvorstellbar harte Leben der Protagonisten wird sehr authentisch beschrieben und die äußerst interessant charakterisierten Ermittler verleihen dem Buch einen ganz besonderen Charme. Für mich stand hier weniger die Ermittlung in dem grausamen Mordfall im Vordergrund, sondern mehr die Beschreibung der damaligen Zeit und Menschen. Sehr gut gefallen hat mir auch der außergewöhnlich Aufbau des Buches. So wird die zeitliche Reihenfolge nicht linear eingehalten, sondern in eingeschobenen Kapiteln werden die Ursprünge einiger Szenen rückblickend erzählt. Ein Umstand der anfangs ein wenig ungewöhnlich erschien, aber das Buch zu etwas Besonderen macht. Die historischen Hintergründe werden von Niklas Natt och Dag sehr gut aufgearbeitet und wirken bestens recherchiert. Wer einen schonungslosen Trip in die rohe und gewaltträchtige Zeit des späten 18. Jahrhunderts nicht scheut, sollte dieses Buch unbe-dingt lesen. Auch wenn die Sprache manchmal ein wenig grober erscheint, passt sie ungemein gut in den zeitlichen Rahmen der Handlung. Ein tolles Buch, welches ich gerne weiterempfehle und mit den vollen fünf von fünf Sternen bewerte
Detailreiche Milieustudien aus Stockholm
von Hennie - 05.04.2019
"1793" ist eine Geschichte aus dem Schweden Ende des 18. Jahrhunderts, die Historie und Krimi in einem ganz außergewöhnlichen Maße verbindet. Besonders auffallend ist das wunderschön gestaltete Cover. Es verführt sofort dazu, das Buch in die Hand zu nehmen. Doch die Schönheit täuscht! Hinter der Fassade verbergen sich unbeschreibliche Armut der Bevölkerung, Krankheiten, unhygienische Zustände, rohe Gewalt, aber auch Reichtum, Völlerei, entsetzliche, menschenverachtende Orgien. Stockholms knallharte, rücksichtslose Realität im Machtvakuum des Jahres 1793! Nun zu der düsteren Story: Der einarmige Stadtknecht Jean Michael Cardell zieht die Überreste eines menschlichen Wesens aus dem übel stinkenden Wasser im Stadtteil Södermalm. Der Leiche fehlen Augen, Zähne, Zunge, Arme und Beine. Sie wurden nacheinander sorgfältig amputiert. Hier war ein perverser Mörder am Werk. Das ist der Ausgangspunkt für die Handlung. Der kriegsversehrte, trink- und schlagfeste Cardell und der juristisch gebildete Cecil Winge bilden ein ungewöhnliches Ermittlerduo. Sie haben trotz ihrer Gegensätzlichkeit den unbändigen Ehrgeiz das brutale Verbrechen aufzuklären. Allerdings ist Winge todkrank, im Endstadium der Schwindsucht. Es beginnt ein Wettlauf gegen die Gleichgültigkeit der Gesetzeshüter und gegen den Tod. Wird es den beiden Männern gegen alle Widrigkeiten gelingen den Mörder zu finden? Der Roman ist ungewöhnlich in seinem Aufbau. In vier Teilen wird der Leser unchronologisch durch das Geschehen des Jahres 1793 geführt. Dabei beginnt der Autor mit dem Herbst (Teil 1), dann führt er uns in den Sommer (Teil 2), danach in den Frühling (Teil 3) und endet mit dem Winter (Teil 4). Jeder Teil hat nochmals eine eigene Überschrift, die Bezug nimmt auf den Inhalt. Weiterhin werden Text- und Gedichtauszüge (1793) von schwedischen Dichtern aus der Zeit der Aufklärung vorangestellt (Carl Gustaf af Leopold, Anna Maria Lenngren, Johan Henric Kellgren und Carl Michael Bellman). Jeder Teil hat einen anderen Aufbau und führt neue Protagonisten ein, die im Zusammenhang mit dem Geschehen stehen. Das war für mich neu und ungewohnt. Doch zum Ende hin fügt sich alles zusammen. Der rote Faden bleibt immer erhalten. Die fortschrittlichste Figur, auch in seinem Privatleben, war für mich Cecil Winge. Er vertrat die Ansichten eines neuen Zeitalters, das Zeitalter der Aufklärung. Das erklärte sich u. a. für mich aus seinem Bekenntnis, dass jeder Angeklagte vor Gericht angehört werden muss. Für ihn galt der Weg der Vernunft. Genial ist seine Lösung für die Bestrafung des Mörders, natürlich im Kontext der Zeit zu sehen. Ich kann mich nicht erinnern, dass ich schon einmal einen historischen Roman mit solch detailreichen Milieustudien gelesen habe. Grandios! Sehr bemerkenswert! Es bleibt lange im Gedächtnis. Kopfkino hatte ich sowieso. Mir hat dieser Roman (so wird er bezeichnet, nicht Krimi!) in seiner düsteren, zumeist brutalen Atmosphäre ausnehmend gut gefallen. Niklas Natt och Dag gelang ein hervorragendes Debüt. Die Auszeichnung mit dem Schwedischen Krimipreis finde ich gerechtfertigt. Er legte sich allerdings die Meßlatte hoch für sein nächstes Werk. Die Szenarien und die Charaktere sind so realistisch, so greifbar. Der Autor machte sich viel Mühe mit seiner Recherche. Nur ein Beispiel: Bis 1861 besaß Stockholm keine Kanalisation und wurde als schmutzigste Stadt in Europa bezeichnet. Das vermittelt der Roman sehr anschaulich! Zartbesaitete, sehr empfindliche Menschen warne ich vor der Lektüre! Ich vergebe sehr gern meine Lese- und Kaufempfehlung und bewerte mit fünf von fünf Sternen!
Stockholm im Jahre 1793
von books4ever - 03.04.2019
Als Schauplatz für seinen Debütroman hat Niklas Natt och Dag die Stadt Stockholm im Jahr 1793 gewählt. Der Kriegsveteran Jean Michael (Mickel) Cardell birgt ein verrottetes Bündel aus dem Fatburen, der Stadtkloake Södermalms. Es handelt sich um die brutal verstümmelten Überreste eines Menschen, dem sämtliche Gliedmaßen sowie die Augen, die Zähne und die Zunge entfernt wurden. Cardell lässt dieser grausige Fund nicht mehr los und so schließt er sich dem Juristen Cecil Winge an, welcher für die Stockholmer Polizeikammer "besondere Verbrechen" untersucht, um ihn bei der Aufklärung des Verbrechens zu unterstützen. Doch je mehr die beiden Ermittler über die Identität des Toten herausfinden, desto grausiger sind die menschlichen Abgründe, in die sie hierbei blicken. Mit "1793" ist Niklas Natt och Dag ein außergewöhnliches Debüt gelungen, welches mich von der ersten bis zur letzten Seite fasziniert und gefesselt hat. Aufgrund der bildhaften Sprache, welche zudem an die damalige Zeit angepasst ist, konnte ich mich wirklich gut in das düstere und dreckige Stockholm des 18. Jahrhunderts hineinversetzen. Besonders die Lebensumstände der Bevölkerung, insbesondere auch in den Armenvierteln der Stadt, wurden sehr authentisch dargestellt und man merkt, wie viel Recherche der Autor in seinen Roman gesteckt hat. Herausgekommen ist ein spannender Mix aus historischen Fakten und fiktiven Ereignissen und Charakteren, eine gelungene Genremischung aus einem Historienroman und einem Krimi. Die Handlung selbst ist in vier Abschnitte unterteilt: Alles beginnt mit dem Fund des namenlosen Leichnams im Fatburen, welchen Cardell und Winge auf den Namen Karl Johan taufen, im Herbst 1793. Um die Hintergründe dieses grausamen Verbrechens zu beschreiben springt der Autor zunächst in den Sommer und den Frühling desselben Jahres zurück, um anschließend die verschiedenen Handlungsstränge im Winter 1793 zu einem dramatischen Finale zusammenzuführen. Gekonnt verwebt der Autor die verschiedene Charaktere und ihre Hintergrundgeschichten zu einem großen Ganzen, sodass am Ende die Hintergründe des grausigen Schicksals Karl Johans schonungslos offenbart werden. Besonders gut gefallen haben mir, neben dem tollen Cover, welches perfekt auf die Handlung des Buches abgestimmt wurde und ein echter Hingucker ist, auch die beiden Hauptcharaktere Cecil Winge und Mickel Cardell. Winge ist Jurist und ein Vertreter der Aufklärung, welcher unheilbar an Tuberkulose erkrankt ist, während Cardell ein traumarisierter Veteran und eher ein Mann fürs Grobe ist. Obwohl die beiden unterschiedlicher nicht sein könnten, so eint sie doch das Verlangen nach Gerechtigkeit. Der Aufbau, die Spannung und die Intensität von "1793" haben mich wirklich beeindruckt, sodass es von mir eine klare Leseempfehlung gibt!
Schonungslos, brutal und eindringlich
von CoraM - 31.03.2019
Historischer Krimi "1793" von Niklas Natt och Dag erschienen am 01.03.2019 im Piper Verlag, geb. Ausgabe 496 Seiten Der Klappentext klingt recht beschaulich, doch der Autor wartet im Laufe der Geschichte mit zahlreichen Grausamkeiten auf, die in der damaligen Zeit kein Einzelfall waren. Ein sehr unterschiedliches Ermittlerduo begibt sich auf Mördersuche. Zum einen der sehr reservierte und mit einem scharfen Verstand gesegnete Jurist Cecil Winge. Sowie der Veteran Jean Michael Cardell, der in Trunkenheit und Schlägereien das Vergessen seiner Kriegserlebnisse sucht. Der Mordfall schweißt das Ermittlerduo immer mehr zusammen, so dass eine außergewöhnliche Freundschaft entsteht. Vor allem Cardell hat mir wegen seiner eigenwilligen Art sehr gut gefallen. Das Buch ist in vier Teile gegliedert, in denen jeweils unterschiedliche Protagonisten die Hauptrolle spielen. Das lockert den Plot auf und steigert die Spannung, die in einer überraschenden Lösung endet, welche sich etwas hinzieht. Im Jahr 1793 herrschen Elend, Gestank, Trunkenheit, Prostitution und Henkersvollstreckungen vor. Diese werden im Plot hinlänglich verarbeitet. Der Autor versteht es, dem Leser mit seinem Schreibstil den Gestank und die Gräueltaten unmissverständlich nahezubringen. Leser mit viel Fantasie brauchen starke Nerven. Fazit: Mein erster historischer Krimi war für mich eine neue Herausforderung. Dies ist kein Buch, was man mal eben "nebenbei" liest. Man muss sich wirklich die Zeit und Muße nehmen, um das Gelesene in Ruhe zu verarbeiten. Dafür wird man mit viel geschichtlichem Hintergrund und einem nicht alltäglichen Mordfall bzw. Ermittlerduo belohnt. Auf jeden Fall lesenswert, wenn man auf anspruchsvollere Lektüre Wert legt. Mein ganz herzlicher Dank geht an den Piper Verlag und Lovelybooks für die Zurverfügungstellung des Rezensionsexemplars.
Phantastisch !
von AKRD - 31.03.2019
Phantastisch ! Dieses Buch wurde bei uns im Freundes- und Familienkreis herumgereicht und das absolut zu recht, denn es ist phantastisch ! Stockholm im Jahr 1793: Ein verstümmeltes Bündel treibt in der schlammigen Stadtkloake. Es sind die Überreste eines Menschen, fast bis zur Unkenntlichkeit entstellt. Der Ruf nach Gerechtigkeit spornt zwei Ermittler an, diesen grausamen Fund aufzuklären: den Juristen Cecil Winge, genialer als Sherlock Holmes und bei der Stockholmer Polizei für »besondere Verbrechen« zuständig, und Jean Michael Cardell, einen traumatisierten Veteranen mit einem Holzarm. Schon bald finden sie heraus, dass das Opfer mit chirurgischer Präzision gefoltert wurde, doch das ist nur einer von vielen Abgründen, die auf sie warten ¿ Historische Romane sind in der Regel nicht wirklich mein bevorzugtes Genre, doch hier - vermischt mit der Krimikomponente - wurde ich dann doch neugierig. Das Buch wurde ja im Vorfeld schon relativ "gehypt" und beworben, daran kam man ja irgendwie gar nicht mehr vorbei. Aber ich muss auch sagen, auch wenn mich das oft nervt bei anderen Büchern, ist das hier "gerechtfertigt" gewesen, denn "1793" zählt für mich zu den absoluten Lesehighlights in diesem Jahr und ich glaube auch nicht, dass es noch getoppt werden kann. Hier stimmt einfach alles: die Atmosphäre, so dass man das Gefühl hat, man ist direkt vor Ort und agiert mit den Protagonisten. Die Spannung - man wird von der Geschichte so sehr gefesselt, dass man gar nicht mehr mit dem Lesen aufhören kann; und das will bei 496 Seiten schon was heißen, zumindestens in meinem Fall. Die Figuren - alle sehr authentisch und glaubwürdig. Ein sehr vielschichtiges, geschickt erzähltes Buch mit einer sehr guten Geschichte und jeder Menge Spannung, was will man mehr ? 5 Sterne !!
Fulminant!
von badwoman - 27.03.2019
1793 in Stockholm: Die Stadt ist eine stinkende und dreckige Metropole. Der Alkohol fließt in Strömen, überall sitzen die Messer ebenso locker wie die Fäuste. Verbrechen, Willkür und Unterdrückung sind an der Tagesordnung. Wer Geld hat, kann sich einfach alles kaufen. Wer keins hat, kämpft täglich ums Überleben. Eines Tages wird in der stinkenden Stadtkloake der grausam verstümmelte Leichnam eines Menschen entdeckt. Cecil Winge, schwerkranker Mitarbeiter der Stockholmer Polizei und Mickel Cardell, versehrter Kriegsveteran, setzen alles daran, den Mörder zu finden - und stoßen in unvorstellbar menschenverachtende Kreise vor. Der schwedische Autor Niklas Natt och Dag (schwieriger Name, aber unbedingt merken!) hat mit seinem historischen Krimi "1793" ein tolles, bildgewaltiges Werk geschaffen. Von Beginn an ist der Leser in dieser Geschichte drin, man hat genaue Vorstellungen davon, wie es damals in dieser Stadt ausgesehen - und gerochen hat. Die Sprache ist der Zeit angepasst und tut ihr Übriges, den Leser in die Vergangenheit zu entführen. Trotzdem lässt sich das Buch sehr flüssig lesen, was wiederum der Spannung zu Gute kommt. Die zieht sich durch das Buch, so dass der Leser es nicht zur Seite legen möchte. Unterteilt ist das Buch in vier Teile, die nicht chronologisch geordnet sind, was aber durchaus Sinn macht. Die einzelnen Kapitel sind nicht zu lang, so hat man auch immer das Gefühl, dass es schnell vorangeht. Manche Szenen sind unsäglich grausam, was mir als eingefleischter Thrillerleserin nichts ausmacht, wenn man jedoch kein Blut sehen kann (ja, in diesem Buch SIEHT man es förmlich vor sich), sollte man zu einer anderen Lektüre greifen. Das auffällige Cover hatte mich auf dieses Buch aufmerksam gemacht, einfach toll gemacht. Der kurze und knappe Titel passt! Dieses Buch bekommt von mir fünf hochverdiente Sterne!
Extrem starkes Debüt
von calimero8169 - 24.03.2019
Inhalt Stockholm im Jahr 1793: Ein verstümmeltes Bündel treibt in der schlammigen Stadtkloake. Es sind die Überreste eines Menschen, fast bis zur Unkenntlichkeit entstellt. Der Ruf nach Gerechtigkeit spornt zwei Ermittler an, diesen grausigen Fund aufzuklären: den Juristen Cecil Winge, genialer als Sherlock Holmes und bei der Stockholmer Polizei für besondere Verbrechen zuständig, und Jean Michael Cardell, einen traumatisierten Veteranen mit einem Holzarm. Schon bald finden sie heraus, dass das Opfer mit chirurgischer Präzision gefoltert wurde, doch das ist nur einer von vielen Abgründen, die auf sie warten... Eindruck WOW - was für ein Debüt. Ein historischer Krimi in 4 Teilen und mal so ganz anders. Einmal nicht England als Schauplatz für düstere, grausame und blutige Verbrechen, trotzdem genauso gut. Nichts ist vorhersehbar, niemand ist durchschaubau, Spannung bis zum Schluß. Ungwöhnlich, man erfährt im ersten und zweiten Teil das WAS, WIE und WER und man könnte meinen, damit wäre die Spannung dahin. Doch weit gefehlt, denn das WARUM zieht sich an straffen Fäden bis zum Schluß. 1793 ist dicht, dunkel, blutig und hart aber durch eine sehr schöne Ausdrucksweise, den ungewöhnlichen Aufbau mit eine sehr intelligent durchdachten Handlung nicht reißerisch sondern ein Genuß. Niklas Natt och Dag hat mit Cecil Winge und Mickel Cardell zwei Ermittler geschaffen, die sehr speziell sind und lange in der Erinnerung bleiben werden. Stockholm 1793... wie gut, dass ich zu der Zeit nicht an diesem Ort geboren wurde, denn auch hier hat der Autor es hervorragend verstanden Atmosphäre zu schaffen die mir Gänsehaut gemacht und die ein oder andere Träne vor Fassungslosigkeit über die Brutalität an Frauen aus dem Auge drückte. Fazit Für mich wird dieses Buch ein Highlight 2019 sein, ein sehr starkes Debüt und ich hoffe es wird noch mehr von Niklas Natt och Dag kommen. Bis dahin werde ich sein 1793 allerdings noch da eine oder andere weitere Mal gelesen haben.
Nichts für schwache Nerven
von Anonym - 23.03.2019
Was für ein Debüt! Mir hat es sehr gefallen, aber ich schreibe es am besten gleich am Anfang: Dieses Buch ist nichts für Zartbesaitete. 1793 - man mag es kaum glauben - ist das Jahr, in dem dieses Buch spielt. Und Niklas Natt och Dag beschönigt nichts. Menschen, die einer romantischen Vorstellung des Lebens im 18. Jahrhundert in Schweden im Speziellen und Europa im Allgemeinen frönen, werden enttäuscht werden und in die harte Realität der damaligen Zeit geworfen: Stockholm ist nämlich dreckig, es stinkt, die Menschen sind hart, das Leben noch härter, unfassbare Armut trifft auf unfassbaren Reichtum, es gibt keine Hemmungen, keine Moral. In diesem Stockholm, von dem man annehmen sollte, dass die Menschen dort so abgehärtet sind, dass sie so leicht nichts aus der Fassung bringt, wird eine Leiche gefunden, die selbst den Hartgesottenen den Magen umdreht. Der tote Mann wurde vor seinem Tod nach und nach dermaßen verstümmelt, dass man sich fragt, wer zu so etwas fähig ist. Zwei Männer - Cecil Winge und Jean Michael Cardell, die der Leichnam zusammenführt - machen sich auf, den Täter zu finden. Das Herausragende des Buches ist die Fähigkeit Natt och Dags diese vergangene Zeit realitätsnah und vor allem plastisch wiederaufleben zu lassen. Wer historische Romane mag, macht hier zunächst nichts falsch. Mir jedenfalls hat das Buch allein schon deshalb sehr gefallen, weil hier nichts beschönigt wird. Das Leben war hart. Dass Natt och Dag es nun schafft, in diese Welt, in der ein Leben wenig zählt, ein grausames Verbrechen zu transportieren, sagt schon einiges über die Gewalt, die der Leiche angetan wurde. Und ganz ehrlich: Die Leiche ist wirklich nicht schön, der Mensch, dem die Verstümmelungen am lebendigen Leib zugefügt wurden, muss unfassbare Qualen erlitten haben. Aber nicht nur die Schmerzen, die ihm zugefügt wurden, sind unfassbar. Die Grausamkeit der Tat wird am Ende des ersten Abschnitts, der im Herbst 1793 stattfindet, noch einmal multipliziert. Was dem armen Mann vor seinem Tod angetan wurde, ist von so unfassbarer Grausamkeit, dass ich schockiert war. Dabei hält Natt och Dag aber immer die Waage. Ich hatte nie das Gefühl, eine Art Torture Porn zu lesen. Die Gewalt im Buch ist kein Selbstzweck. Nein, es macht keinen Spaß im herkömmlichen Sinn, 1793 zu lesen. Mir jedenfalls nicht. Aber die dargestellte Gewalt - zumindest die in den ersten zwei Abschnitten - ergibt jederzeit Sinn, ist kurz und knapp beschrieben, ohne dass sich der Autor darin suhlt, sondern dient immer der Geschichte. Und genau das macht einige Passagen umso grausamer. Denn das Dargestellte ist nicht witzig, es ist bierernst. Der dritte und letzte Abschnitt sind einfacher zu bewältigen. Das Kopfkino wird immer noch bedient, aber es findet in einem Rahmen statt, der besser zu ertragen ist. Es wird nach wie vor die alltägliche Gewalt und Hoffnungslosigkeit dargestellt, aber monströse Tat selbst ist abgeschlossen, es gilt, die Fäden zusammenzuführen, den Täter zu präsentieren, einen Abschluss zu finden. Ich habe das fast als beruhigend empfunden. Ich will ehrlich sein: Das Buch ist brutal, es ist sehr gut, aber das Ende, ach, das Ende! Es ist nicht schlecht, aber gemessen am Anfang ist es meiner Meinung nach banal und wird dem vorher Erzählten nicht ganz gerecht. Natt och Dag hat sich so viel Mühe gegeben, dem Jahr 1793 gerecht zu werden, hat es geschafft, Zeitsprünge innerhalb dieses Jahres einzubauen, die ich so nicht erwartet hatte, und dann fällt ihm kein besseres Ende, keine bessere Erklärung ein. Das ist ein bisschen schade. Das Ende ist kein glatter Reinfall, keineswegs, aber das Buch, das so furios begonnen hat, wird zum Ende hin immer schwächer (nicht zwingend schwach) und das ist natürlich schade. Noch eine abschließende Anmerkung: In der Inhaltsangabe zum Buches wird auf Sherlock Holmes verwiesen. Dieser Verweis ist Quatsch. Winge hat absolut nichts mit Sherlock Holmes zu tun und er ist auch nicht - wie behauptet wird - genialer als Sherlock Holmes . Ich habe selten eine so unsinnige Behauptung gelesen. Manchmal frage ich mich wirklich, was die Verlage treibt, so einen Unsinn zu verbreiten. (Jaja, schon klar, Interesse schüren, Kaufreize bieten etc. pp, nur kann das eben auch zu Enttäuschung führen, wenn jemand diesem Quatsch Glauben schenkt und dann das Buch liest. Zumal das Buch gut genug ist, dass so ein Schwachfug nicht nötig ist.)
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