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Tristan da Cunha oder Die Hälfte der Erde als Buch
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Tristan da Cunha oder Die Hälfte der Erde

Roman. 6. Auflage. 3 schwarz-weiße Zeichnungen.
Buch (gebunden)
Eine winzige Insel im Ozean als Brennpunkt der Sehnsucht von vier Menschen: drei Männer und eine Frau, deren Leben und Liebesgeschichten bestimmt werden von dem entlegensten Ort der Welt. Noomi Morholt, südafrikanische Wissenschaftlerin, Ed… weiterlesen
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Tristan da Cunha oder Die Hälfte der Erde als Buch

Produktdetails

Titel: Tristan da Cunha oder Die Hälfte der Erde
Autor/en: Raoul Schrott

ISBN: 3446203559
EAN: 9783446203556
Roman.
6. Auflage.
3 schwarz-weiße Zeichnungen.
Hanser, Carl GmbH + Co.

25. August 2003 - gebunden - 720 Seiten

Beschreibung

Eine winzige Insel im Ozean als Brennpunkt der Sehnsucht von vier Menschen: drei Männer und eine Frau, deren Leben und Liebesgeschichten bestimmt werden von dem entlegensten Ort der Welt. Noomi Morholt, südafrikanische Wissenschaftlerin, Edwin Heron Dodgson, Priester und Bruder des berühmten Lewis Carroll; Christian Reval, Kartograph, und Mark Thompson, Briefmarkensammler: ein großer, vieldimensionaler Roman, eine zeitlose Geschichte unstillbarer Passionen und Obsessionen. Der Roman der Sehnsucht.

Portrait

Raoul Schrott, geboren 1964, erhielt zahlreiche Auszeichnungen, u.a. den Peter-Huchel- und den Joseph-Breitbach-Preis. Bei Hanser erschienen zuletzt u.a. Homers Heimat (2008) und seine Übertragung der Ilias (2008), Gehirn und Gedicht (2011, gemeinsam mit dem Hirnforscher Arthur Jacobs), die Erzählung Das schweigende Kind (2012), die Übersetzung von Hesiods Theogonie (2014), der Gedichtband Die Kunst an nichts zu glauben (2015) sowie Erste Erde (Epos, 2016). Erste Erde wurde über mehrere Jahre hinweg von der Kulturstiftung des Bundes gefördert.

Leseprobe

E-BASE: vier Wohneinheiten auf einem Stahlgerüst, durch einen schmalen Plankengang verbunden, Funkraum, Küche, Schlafraum, die Hütte für die Duschen und den Generator. Die Emergency-Base, die hauptsächlich zur Ein- und Ausschiffung dient, wurde 1985 errichtet, nachdem der alte Unterschlupf vom Schnee zu tief unter die Oberfläche gedrückt worden war (und jetzt hundert Fuß unter ihr liegt, verformt und zerpreßt vom Gewicht des Eises; es schneit etwa drei Fuß pro Jahr).
Das Klo besteht aus einem Brett mit einem Loch in der Mitte, unter dem ein Plastiksack hängt; er wird verknotet und draußen in eine Tonne geworfen, wo die Scheiße binnen Minuten gefriert. Ekel stellt sich so lange nicht ein, wie etwas notwendig erscheint; was mich anwidert, ist nur das verpisste Brett.

Das Eis knirscht trocken, als ginge man über Zuckerkristalle. Eine scheinbar unermeßliche Weite; man selbst wie eine Ameise auf einem Tischtuch.

Die Begegnung mit der auf unserem Schiff zurückkehrenden Mannschaft ist kurz und merkwürdig gespannt, als würden wir in ein Territorium eindringen, das sie uns nicht überlassen wollen, trotz all den Monaten der Dunkelheit, die sie hinter sich haben.
Einer von ihnen spricht es offen aus; ich habe irgendwie Angst zurückzukehren, meint er, als wüßte ich nach der Zeit hier mit meinem Leben nichts mehr anzufangen. Die anderen sehen ihn an und sagen nichts.
Nachdem wir eine detaillierte Liste von Anweisungen durchgegangen sind, bringt sie der Hubschrauber auf die R.S.A., die eine halbe Stunde später schon wieder Kurs nach Simonstown nimmt.
Wir bleiben: vier Wissenschaftler, Fanus, der Anführer der Expedition, Conrad, der sich um die Magnetosphäre kümmert, Frank, der mit den Amerikanern beim AMANDA-Projekt zusammenarbeitet, ich; und die fünf Techniker, die sich um den Betrieb der Station kümmern,
Karel um die Kommunikation, Mike um die Elektrik, Ryan um alles Mechanische, James und Andre als Dieselmechaniker; und Edward, unser Doktor. Zwei Schwarze, acht Weiße; neun Männer und eine Frau.
Auf dem Schiff sind wir uns nicht aus dem Weg gegangen, haben aber jeden näheren Kontakt vermieden, im Bewußtsein, daß wir die nächsten zwölf Monate nur uns und unsere Geschichten haben werden. Bis nächste Woche werden wir damit beschäftigt sein, die Kisten und Container auf die Raupen zu verladen, mit der sie der Reihe nach in unsere Station weiter südlich transportiert werden.

Fortwährend Wind; selbst wenn er lau ist, kühlt er alles um zwanzig weitere Grade herab. Alles ist ungewohnt, dadurch kaum beschwerlich; daß ich mir am Handrücken eine Erfrierung zugezogen habe, merkte ich erst, als es bereits zu spät war. Er pocht und brennt; eine Brandblase.

Das Kliff der Bukta arbeitet; Klüfte brechen auf, Schnee löst sich von der Stirnwand und rauscht ins Meer.
Unten an der Wasserlinie grummelt das Treibeis, zertrümmerte Brocken klickern in den Wellen, und Schollen schieben sich krachend übereinander; manchmal ein vibrierendes Dröhnen wie das eines Gongs, eines Kanonenschusses, oder wie von den Böllern der Feiertagsprozession in unserem Dorf, als ich acht Jahre alt war. Der Streifen offene See so grell, daß man den Horizont nur mit zusammengekniffenen Augen erkennt.
Hinter mir im Süden aber kommt über den Gletscher ein anfangs noch leises Pfeifen, das stärker wird, oszillierend höher, die Obertöne des Eises im Wind.

Weiter westlich läuft die Bukta nach zwei Meilen aus, ohne daß es einen einzigen Felsen oder so etwas wie eine Landzunge gibt. Ein penetranter Schwefelgeruch liegt in der Luft; am Meer sieht man den Brutplatz der Kaiserpinguine, eine wirr drängende Masse von Tieren. Sie werden
hier überwintern, wo es wärmer ist als oben auf dem Gletscher, und im Dunkeln stehen wie Statuen, jeder sein Ei auf Füßen balancierend, um es vor der Kälte zu schützen.
Jetzt aber sitzen sie, gehen, torkeln manchmal, schlittern auf ihren prall gefüllten Bäuchen an Eisschollen hinab und füttern die Jungtiere. Das Eis braun von ihrem Guano; eine betrunkene Parlamentsversammlung. Aber alle Vergleiche bleiben hilflos, zeigen nur, wie illusorisch jede Vorstellung von Zivilisation bereits geworden ist.

Alles Leben ist parasitär hier. Fanus lehrt mich die Namen einer Mikroflora von Bakterien, Hefen, Algen und Pilzen, aber auch die von Milben, Läusen, Flöhen und Schneewürmern (winzig schwarzen Fadenwürmer, die sich auf dem Kontinent so weit verbreiten konnten, weil sie Eier legen, die voller Frostschutzflüssigkeit sind). Das Latein für sie lerne ich von ihm zusammen mit dem Slang, den alle Wissenschafter der zweihundert antarktischen Forschungsstationen benützen.
Seine Art hat etwas Einschüchterndes; ich weiß nicht, ob es daran liegt, daß ich eine Frau bin. Aber er braucht mich; ich bin die einzige, außer ihm, die mit einem Atemkreisgerät vertraut ist.

Über uns Skuas, die es auf unsere Köpfe abgesehen haben, und Seidenschnäbler, so weiß, daß sie sich erst im letzten Moment vom Schnee abheben. Da ist ihr Krächzen zwischen dem Schrillen der kreisenden Raubmöwen und dem Murmeln der Pinguinkolonie. Doch was ich daraus instinktiv heraushören will, ist etwas symbolisch Menschliches, und weiß doch, daß es nur Geräusche sind, bedeutungslos für uns. Schneestaub, kristallen in der Luft und beißend auf der Haut: das ist unser Absolutum.

Heute morgen sind wir die Steilwand der Bukta hinabgetaucht, Kuhlen und Rundungen weich changierenden Blaus entlang, die Versuchung, imme
r tiefer zu gehen, eine Sucht, der man standhalten mußte - Ganglien von geripptem Eis, ihr Blau übergehend in das Große Blau des Meeres, als wäre der Himmel zu Wasser geworden. In diesem unwirklich klaren Meer schien die Oberfläche, zu der die Luftblasen aufstiegen, so unveränderlich nah, daß ich unsere Tauchtiefe am Tiefenmesser ablesen mußte. Wir hatten keine maximale Tiefe ausgemacht; doch an dem Punkt, wo wir nicht mehr genug Luft haben würden, um schwimmend aufzusteigen, falls das Gerät in der Kälte versagte, drehte Fanus sich nicht einmal zu mir um, sondern ließ sich bis auf hundertsechzig Fuß unters Eis hinab, wo das Licht immer grauer und grauer wird, so grau wie das Eis. Erst im Schein der Handlampen begann Leben in allen Farben zu wuchern, handgroße scharlachrote Klappenasseln, die kleinen Wedel der Röhrenwürmer, Seegurken; ein riesiger schuppenloser Grundfisch reglos im Schlamm, seine Schnauze abgeflacht und knorpelig, die Augen so randlos weiß, daß ich narkotisiert vor ihm im Wasser schwebte.
Nichts als Tiefenrausch, der Stickstoff in meinem Blut; und es wurde schlimmer, als wir am nächsten Eck des Kliffs in eine starke Strömung gerieten. Mit den Fingerspitzen versuchte ich, Halt zu finden, an das Eis gedrückt, mühsam mich voranarbeitend; aber obwohl ich von vielen Tauchgängen wußte, daß ich ruhig Blut bewahren mußte, weil Panik tötet, atmete ich unwillkürlich immer schneller, ohne daß ich etwas dagegen hätte tun können. Es war eine Beklemmung, die mir jetzt noch körperliche Übelkeit verursacht, ein Gefühl vollständigen Verlorenseins inmitten des unermeßlichen Ozeans.

Pressestimmen

Vor knapp 500 Jahren wurde die Insel Tristan da Cunha im südlichen Pazifik entdeckt. Sie ist "Die unzugänglichste Insel der Welt; jener Ort, der am weitesten von allen anderen bewohnten Orten entfernt ist, weiter abliegend als Pitcairn oder Thule in Grönland." (S.571)
Solche Orte üben auf manchen Schriftsteller einen gewissen Reiz aus, und Raoul Schrott ist diesem hoffnungslos erlegen. "Weil der Weg dorthin weiter ist, als die Insel selber; länger. Daß selbst wer auf diese Insel gelangt noch nichts erreicht hat. Und das ist auch die Geschichte (dieser) Bögen." (S.447).
"Und eine Insel ist eben von vornherein allegorisch - letztlich für alles, für die Glückseligkeit und den Tod: ein Symbol für das Wasser, das sie umgibt, die Luft, indem sie den Winden ausgesetzt ist, dem Feuer der Sonne, die ihre Zeit bestimmt, die Erde, die sie ist."(S. 573)
Er lässt nämlich einen der vielen Gestalten sagen, und es klingt, als spräche er als Autor selber:
"Ich fülle Bogen um Bogen eines Romans, der "Tristan da Cunha" heißen sollte, doch der Name klingt nach einem historischen Schinken, außerdem will ich nicht einen Fliegendreck auf der Landkarte zum Mittelpunkt meiner Welt-Allegorie machen; Tristan allein dagegen nach Wagner und einer Romanze, die kein Happy-End verspricht, und so ein Titel wie "Die einsamste Insel der Welt" ist nur etwas für das amerikanische Publikum." (S.343)
Die Insel wurde vor knapp 500 Jahren entdeckt, und Raoul Schrott erzählt die Geschichten derer, die auf ihr gelebt haben, stellvertretend anhand vierer Handlungsstränge, die ohne sich zu berühren, doch stets miteinander zu tun haben.
"Tristan da Cunha. ... Als wäre alles miteinander verbunden, ohne jede Zufälligkeit, eine Frage von Mittelpunkten nur, den Knoten eines sich weit knüpfenden Netzes, ob ich nun im Internet nach weniger als einem Dutzend Klicks das gefunden habe, was ich suche, ..." (S. 344)
Gelingt sein gewaltiges, immerhin auf 720 dichtbedruckte Seiten gebrachtes Vorhaben? Ja, es gelingt bravourös. Hier erzählt einer nicht nur ein paar Geschichten, hier weiß auch einer ungeheuer viel, aber wie er dieses Wissen weitergibt, geschieht so elegant und unaufdringlich, dass von sich aus anfängt, in einem Wörterbuch nachzuschlagen, was die vielen fremden Wörter aus dem Gebiet der Seefahrt bedeuten. Man muss das nicht tun, denn die Geschichten funktionieren auch ohne dieses Wissen. "Die Sprache der Seefahrt hat etwas Berückendes, nicht wahr, sie sagt mehr, als wir es in unserem Unvermögen vermöchten, unsereins kennt ja nur diese Namen, ohne zu wissen, was sie bedeuten, eine Ahnung von Wörtern, die nicht bloß Wörter sind, weil sich des Meeres Wellen in die der Liebe übersetzen lassen ... (S.117)
Sein eigentliches Thema aber, und es ist schön, dass er es nie aus den Augen verliert, das ist die Sehnsucht. Er gibt ihr Bilder und Stimmen, wie sie sie im deutschen Sprachraum lange nicht gehabt hat. Untrennbar verbunden ist diese Sehnsucht mit der immer gleichen Frau namens Marah, die in allen vier Episoden vorkommt und - so unterschiedlich gebrochen sie auch erscheint, immer nur dieses eine verkörpert: die Sehnsucht, wie sie noch Jugendliche haben mögen, bevor sie in die weite Welt gehen.
"Jugendträume, ... sie glaubte ich mit Tristan da Cunha, dieser einsamsten aller Inseln, gefunden zu haben, einem Ort, wo sich das Gute im Menschen verwirklichen kann. ... Als wäre die Ferne von den Menschen schon Nähe zu Gott." (S.474)
Wer sich auf dieses Buch einlässt, wird lange von ihm begleitet. Ich werde demnächst in einem Reisebüro meines Vertrauens nachfragen, wann der nächste Flieger Richtung Tristan da Cunha geht.

© Andreas Reikowski

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